Erntezeit: Gelassenheit

Die Herbstsonne strahlt. Ich fühle mich dieser Tage herrlich entschleunigt, schon seit einiger Zeit habe ich etwas neues für mich entdeckt, das mir das Leben ganz offensichtlich erleichtert wie noch nie. Das Wundermittel nennt sich Gelassenheit. Diese Erkenntnis fühlt sich ganz ähnlich wie ein reifer Apfel an – ich habe bereits vor zwei Jahren einmal die angenehme Bekanntschaft mit selbigem Obst gemacht – der sich nun anschickt, reif und erntebereit zu sein.

Wie oft hat man es schon gesagt bekommen: Nicht zu viel denken! Nicht alles zerdenken! Ganz ehrlich, als hätte ich es nie ausprobiert! Ein wichtiger Faktor fehlte mir bisher, nämlich Vertrauen. Richtiges, echtes Vertrauen, nicht das mal so Dahergefühlte und dann doch nicht so Gespürte. Vertrauen bildet sich dann, wenn ich selbst mit Vertrauen bedacht werde. In vielen langen Gesprächen entwickelt es sich, je mehr ich bekomme, desto mehr bin ich bereit zu geben. Gebe es ganz von allein. Es ist ein Unterschied, ob man einer Person an einem Abend sein ganzes Leben erzählt oder ob man ihr sein ganzes Leben im Laufe von Monaten, Jahren, vielleicht (und hoffentlich) im Laufe seines restlichen Lebens in kleinen Häppchen serviert und dabei stets vollkommen ehrlich zu sich selbst ist.

Ich habe vor längerem schon gelernt, dass eine Beziehung – nennen wir sie einmal: „gut“ und nicht „funktionierend“, darin steckt mir zu wenig Emotion -, dass eine gute Beziehung nicht davon lebt, sich gegenseitig zu „brauchen“. Ich möchte mit jemandem zusammen sein, den ich mag, den ich schätze. Und nicht absolut dringend und lebensnotwendig brauche. „Ich brauche aber einen Partner!“ – „Ich brauche endlich jemanden, der mich versteht, der mich erdet, der …“ BLAH. Nein. Wenn ich überlege, mit welchen Ansprüchen ich aus meiner langjährigen Beziehung ausgebrochen war und was ich von meinem weiteren Leben erwartet habe, dann eigentlich nur dies: glücklich sein, und zwar ungebunden an einen anderen Menschen. Klar, auf eine gewisse Art und Weise wollte ich einen Partner „brauchen“, braucht man halt, wenn man eine Familie möchte. Allerdings habe ich mir nie „Samenspender gesucht!“ auf die Stirn tätowiert – dieses Projekt, Kind(er) und so, wollte und will ich nämlich auch nicht komplett alleine verfolgen. Was also habe ich gesucht? Einen Partner mit ähnlichen Interessen. Abstriche machen, Kompromisse eingehen und auch mit der einen oder anderen Enttäuschung leben, das konnte ich, war sozusagen geübt darin. Also rein ins Vergnügen.

Jetzt komme ich aber völlig ab von dem, was ich eigentlich erzählen wollte. Warum ich mich so entspannt fühle, als ob der ganze Druck, den ich mein Leben lang und vor allem noch im Sommer verspürt habe, plötzlich von mir genommen wurde. Als ob sich Dinge, über die ich eine gefühlte Ewigkeit gegrübelt habe, urplötzlich ohne mein Zutun von selbst erledigen oder gar eine Form annehmen, die ich im positivsten Sinne nie erahnt habe. Der Grund ist, dass ich verstanden habe: Ich muss nicht mutterseelenallein versuchen, meinen Weg zu gehen und meine Ziele zu erreichen. Ich darf durchaus den Partner mit ins Boot holen, der ja schließlich die gleichen oder ähnliche Wege und Ziele vor sich hat. Der auch mal das Ruder in die Hand nehmen darf und sich daran beteiligen kann, dass wir zusammen voran kommen. Denn wenn nur einer wie wild auf seiner Seite paddelt, dreht sich das Boot im Kreis, kein Vorankommen, höchstens ein genervter Mitinsasse, dem das Seewasser vom Gesicht tropft.

Gemeinsam also. Und immer im Vertrauen, dass jeder seine Ruderportion beisteuert – man muss das im Übrigen auch nicht nachkontrollieren oder immer wieder darauf hinweisen. Einfach vertrauen genügt. Und das lässt mich zur Zeit eine überaus bequeme Position auf meinem, auf unserem kleinen Boot einnehmen, ein paar Kissen im Rücken, eine Porzellantasse Kaffee in der Hand, auf dem Gesicht die Sonne, und selbst mit geschlossenen Augen spüre ich, dass das eine höchst komfortable Art ist, gelassen und doch zielgerichet in die Zukunft zu schippern.

Heute glaube ich, die beste Reise, die ich je unternommen habe, war die zu mir selbst. Mein großes Ziel, und mein neuer Ausgangspunkt. Für einen Neustart in ein neues, noch größeres Abenteuer. Natürlich mit JB – bei dem weder Abstriche noch Kompromisse nötig sind. Aber das hab ich ja vorher nicht wissen können.

Madame und der vierbeinige Mond

Nicht, dass ich mich wieder, wie so oft, in meinem Schmerz ergangen habe, wie die kleine Konversation zwischen mir und mir selbst vermuten lassen könnte. So viel ist da gar nicht mehr. Die Retrospektive habe ich zum größten Teil abschaffen können, auch das Zu-weit-in-die-Zukunft-blicken-wollen. Anterospektive, lehrt mich ein Internetartikel, heißt der Begriff. Natürlich nicht ohne ein wenig Weitblick zu behalten – wobei, den überlasse ich derzeit JB. Eine Frage des Vertrauens, eine neue Lektion in Sachen Liebe und so. Und der Restschmerz verblasst dann auch ganz schnell.

Introspektiv allerdings bin ich nach wie vor tätig – und mit Erreichen kleinerer und größerer Meilensteine, die ich auf meinem Weg durch das Leben quasi en passant erreiche, ist immer mal wieder Zeit, sich das aktuelle Entwicklungsstadium zu vergegenwärtigen. Wo stehe ich jetzt?

Nach einem fulminanten Jahresstart – anders kann ich es nicht bezeichnen – ereilte mich im Hochsommer sowohl ein fieser Infekt (40 °C Außentemperatur, 40 °C Madametemperatur) als auch ein kleines, ebenso fieses Tief, gegraben und geflutet von vielen netten und weniger nett gemeinten Ratschlägen von außen, woher sonst. Es ist mir nach wie vor ein Rätsel, warum ich so viel darauf gebe und mir mein Leben dadurch mies machen lasse. Wieder stelle ich fest, dass sich jeder seine eigene Welt so schön oder schlecht redet, wie er will. Anderen Menschen wird darin die passende Rolle auf den Leib geschrie¦b¦en, um so lauter, je deutlicher der Nebendarsteller Protest anmeldet, weil er lieber etwas anderes spielen möchte. Beispielsweise die Hauptrolle in seinem eigenen Lebensfilm (wie vermessen!). Es wird gebogen und manipuliert, dass das Nervenkonstrukt ächzt. Vielleicht hatte es der Infekt deshalb so leicht, sich hinter die fleddrigen Kulissen zu mogeln. Aber ich will nicht hadern. Immerhin hat mir diese kleine Auszeit von insgesamt fünf Wochen (zwei Wochen darniederliegend, zwei Wochen Urlaub, eine weitere halbe Woche halbdarniederliegend) auch diverse selbsternannte Lebensregisseure vom Leib gehalten.

Hatte ich mich davor noch über das mir aufgeschwatzte Drehbuch geärgert, mir an dessen Szenen und Regieanweisungen Herz und Kopf zerbrochen und von selbstgefälligen Hauptdarstellern erzählen lassen, was genau ich beim Schau¦spielen falsch machte und wie ich gefälligst zu agieren habe, lasse ich mich mittlerweile auf keine Diskussionen in puncto Schauspielkönnen mehr ein. Ich bin es nämlich leid, Kameraeinstellungen korrigieren zu wollen, wenn ich der Meinung bin, dass die Perspektive da eventuell etwas verschoben sein könnte. Ich bin es leid, Handlungsabläufe erklären zu müssen, nur um ein Fetzelchen Verständnis für meine Situation zu erheischen. Lohnt sich nicht, ist alles bereits festgeschrieben im unabänderlichen Drehbuch aus der Feder jener Lebensregisseure, die keine weitere Revision desselben gestatten.

Künftige Regieanweisungen? Ich freu mich schon drauf:

– „!!!“
– „Der Mond hat vier Beine, sagst du? In Ordnung, der Mond hat vier Beine. Nein, wenn du dir da sicher bist, hat der Mond eben vier Beine. Doch, tatsächlich. Ein vierbeiniger Mond. Der Mond hat vier Beine? Der Mond hat vier Beine! Absolut.“
– „???“

Man glaubt es kaum, aber seit dieser Erkenntnis, dass es völlig egal ist, was man ebensolchen Personen entgegensetzt, dass man sich am besten keine weiteren Gedanken darüber macht und damit Hauptdarsteller seines eigenen Lebens bleibt, geht es mir erheblich besser. Der Infekt abgeklungen, das kleine Tief durchwandert, Madame schwimmt wieder obenauf und genießt das Leben wie selten. Das alles beflügelt mich so sehr, dass ich zwei neue Projekte begonnen habe, langgehegten Ideen für Haus und Hof Taten folgen lasse und mich vor allem weder mit Zukunft noch Vergangenheit streite. Erstere kommt sowieso. Letztere war schon da und ist bereits abgereist. Ich spüre die Bretter, die die Welt bedeuten, unter meinen Füßen vibrieren und genieße es, der gefeierte Star in meinem eigenen kleinen Theater zu sein. Und es ist mir ganz schön scheißegal, ob der Mond nun vier Beine hat oder acht oder gar keine. Ihm wahrscheinlich auch.