Starkschwach

Gestern habe ich eine Trauerkarte geschrieben. Das Bedürfnis, den Menschen, die jemanden verloren haben, mein Mitgefühl auszudrücken, ist oft sehr groß und ich gebe dem einfach nach. „Macht man so“, steht dabei weniger im Vordergrund als „Ich möchte, dass du weißt: ich bin auch sehr traurig über deinen Verlust und in Gedanken bei dir“. Als ich die Karte schrieb, fiel mir auf, dass ich meinen Vorrat an Kondolenzkarten wieder einmal aufstocken müsste.

Hingegen der Stapel mit Glückwunschkarten hatte in der letzten Zeit nicht wesentlich abgenommen. Wie das so ist mit Glückwünschen, meist fällt es einem am selben Tag erst ein, dass ein Wiegenfest oder ähnlich Freudiges ansteht. Dann eben schnell per Kurznachricht gratulieren. Meist fallen meine Sätze dabei unkreativ und mit einem Beigeschmack von Wieschontausendmalgesagt aus. Ich frage mich, weshalb ich beim Kondolieren so viel emotionaler und persönlicher bin als beim Beglückwünschen. Gleichzeitig überlege ich, was wohl eher im Herzen einer Person ankommt, der ich eine Karte schreibe.

Trost ist eine wunderbare Sache, auch wenn ich schon viele sagen gehört habe: Das brauche ich nicht, will ich nicht, kann ich nix mit anfangen. Einer sagte sogar: Damit fühle ich mich schwach. Trauer gibt uns ein Gefühl von Schwäche, ein unendlich tiefes Verletztsein, Insichkehren und Sichselbstumarmenwollen. Und da erscheint mir das Herz tatsächlich empfänglicher für Worte von außen.

Ich persönlich habe große Schwierigkeiten damit, die richtigen Worte zu finden, wenn ich eine trauernde Person auf der Straße treffe. Ein stummer Blick, eine stille Umarmung. Worte wirken für mich nur auf Papier. Was sagt man aber auch zu dem jungen Paar, das seine ungeborenen Zwillinge verloren hat? Ohnehin ein Thema, das man bisher immer noch erfolgreich totzuschweigen beliebt. Was hat man überhaupt davon, Anteilnahme auszudrücken? Ich sage, die Gewissheit, einem trauernden Herzen ein warmes Deckchen aus Trostworten angeboten zu haben, auch wenn es nur ein winzigkleines ist: „Ich bin in Gedanken bei euch“.

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4 Gedanken zu “Starkschwach

  1. Es ist glaube ich so, dass es jede trauernde Person anders empfindet. Es ist nicht vorhersehbar, ob Trost und Beistand gewünscht wird oder angenommen werden kann. Bei mir ist es auch sehr unterschiedlich, wie und ob ich um jemanden trauere. Manche Tode gehen mir (unvorhersehbar)sehr nah, andere (auch von Nahestenden) nicht so sehr. Daher glaube ich, dass es immer gut ist, zu kondolieren und/oder zu schreiben.

    • Vielen Dank für deine Sicht. Ich glaube, man tröstet sich vor allem selbst ein wenig, wenn man kondoliert. Meist ist der Tod ja eine Sache, die für uns einfach unfassbar ist, unabhängig davon, wie oft er einem im Leben begegnet.

  2. Ich finde Trauerkarten viel wertvoller. Das Glück hat man sowieso und es ist mehr als ausreichend. Da braucht man keine Karten, auch wenn man sich freut. Die Trauer macht einen einsam und da hilft jede Karte. Der Trauernde kann sie lesen wann und wie oft er will. Es gibt etwas Halt.
    Wenn Kinder vor ihren Eltern sterben ist es immer schlimm. Im Falle von ungeborenen Kindern versuche ich immer auf die relativ hohe Zahl hinzuweisen und wie wenig darüber gesprochen wird, bis man selbst betroffen ist. Uns hat es damals sehr geholfen als gefühlt jeder zweite Bekannte eine eigene Erfahrung hatte. Das macht das Kind nicht wieder lebendig aber es hilft den Schicksalsschlag besser einzuordnen. Damit einhergehend helfen dann auch die Beispiele von Menschen, die nach so einem Schlag trotzdem Eltern wurden. Oder die vielen Fälle wo man erst Monate nach der Geburt mit über 40 erfährt, dass es nicht die Lust zu Reisen, Arbeiten, etc war, sondern eine Horrorstory von Fehlgeburten. Und dann sieht man gesunde Baby und kann sich umso mehr mit den Eltern freuen. Mit und ohne Karte.

    • Lieber Sir, ich danke Ihnen für Ihre Worte und Ihre Sicht der Dinge. Glück macht stark und unverwundbar, zumindest für eine Weile. Und Sie haben recht, Fehlgeburten werden immer noch abgetan und die Trauer darüber verdrängt. Dass die Eltern manchmal nie darüber hinweg kommen, wird verschwiegen. Zum Glück, zumindest glaube ich das, öffnet sich so langsam auch eine Tür für diese Schicksalsschläge, wenn Betroffene beginnen, öffentlich über ihre „Sternenkinder“ zu sprechen. Der Verlust eines Kindes, egal welchen Alters, ist wohl das schlimmste, was jemandem widerfahren kann. Ich wuchs in einer solchen trauernden Umgebung auf, die älteste Tochter meiner Großeltern starb, als ich drei Jahre alt war. Meine Eltern hatten vor mir ihr ungeborenes Wunschkind verloren. Man musste stets behutsam sein mit bestimmten Themen, selbst erfreuliche Ereignisse standen oft im Schatten der Trauer. Bei meinen Großeltern bis zu deren Lebensende. Vielleicht macht das sensibel und empfänglich für trauernde Menschen. Ich kann Ihnen sagen, ich habe bei der Nachricht über den Tod der beiden so sehr ersehnten Kinder weinen müssen, auch wenn ich selbst noch nie betroffen war und die Eltern auch nur flüchtig kenne. Ich wünsche ihnen so sehr, dass sie nach der Zeit der Trauer wieder zuversichtlich sein können.

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