Wortstrom: Daliesque

Endlich gehe ich einen Schritt der Zukunft entgegen – nun weicht sie vor mir zurück. Verrückte Welt. Frau Zuviel streitet sich seit jeher mit Herrn Zuwenig, und im unpassendsten Moment ist immer einer der beiden zugegen, der nicht in die Szenerie gehört. Zweifel gedieh schon immer prächtig auf meiner Herzwiese, wie Schlingpflanzen, wurzellos, doch großflächig. Wo sind sie geblieben, die Herzblumen? Ganz da hinten am Horizont erblicke ich noch welche, gehe schrittchenweise auf sie zu – schon schießt ein meterhoher Pfeiler unmittelbar vor mir aus dem Boden und begräbt mich in seinem Schatten. Da stehe ich, mit steifem Nacken, das Auge aufgerichtet, hilflos geblendet mit rudernden Armen. Ein weiteres Hindernis, an dessen hölzernen Füßen die Zeit zwar nagt wie ein Biber, aber nicht schnell genug. Lieber heute als morgen sähe ich seinen Fall, denn an meinen Holzbeinen nagt die Zeit bereits ebenso langsam wie stetig. Herrgott, wo ist das Meer, wenn man es braucht! Dass sowas stets zur Ebbezeit passieren muss, wenn alle Elefanten das Land verlassen haben.

Ich schließe die Tür hinter mir, kehre ein wenig Sand von den roten Stufen. Mir ist nach weiß, ich hülle die steinernen Wände in Leinen und die Bettstatt in silberne Kissen, drapiere den Baldachin, den wir einst gewoben aus unseren Schiffstauen, und einsame mich mit offenen Augen durch die textile Erinnerung. Teeblüten kontrastieren zur seidigen Kühle meines Lagers, ich nehme eine große Tasse aufgebrühter Gemeinsamkeiten und setze mich hinein. Am Boden finde ich glänzende Münzen und lasse die kleinen und großen Wünsche über meine Fingerknöchel wandern, lege sie wieder an ihren Platz. Ich wünsche mir weiße Lilien herbei, ihr Flüstern erfüllt fast augenblicklich den Linnenraum, hüllt mich in knisternde Vergessenheit. Nichts ist so strahlend und weiß wie das Rauschen des Meeres, das ich herbeiträume. Im Sternennachthemd, mit wachen Traumaugen, aus denen das lilienblättrig verhüllte Warten rinnt, Vergebung formend.

Nach¦trag¦ik

Ursache und Wirkung, manchmal ist es so einfach, dass man es glatt übersieht. Vor einiger Zeit nahm ich die Laufschuhe zu Hilfe, um mich zu befreien von zu viel seelischem Ballast. Laufen und schreiben. Weder das eine noch das andere konnte ich der letzten Zeit verfolgen, heute also schreibe ich, und ab morgen sind auch die Laufschuhe wieder an der Reihe. Was ist eigentlich aus meinen drei herznahen Menschen geworden, fragt man sich vielleicht, deren Schicksale mich an den Rand meines Weltver¦besser¦wisser¦tums brachten? Ich möchte einen Nachtrag wagen, denn nicht immer muss alles, was in manchen Momenten schlimm aussieht, tatsächlich den Bach runter gehen.

Meine liebe Nahestehende hat gekämpft. Hat nicht locker gelassen, hat geredet, sich umfassend informiert und ist nun an einem Punkt angelangt, der nicht mehr „Scheidung“ heißt, sondern „Zusammenbleibenwollen“. Weil sie ihn immer noch liebt. Und er sie. Deshalb kämpfen sie jetzt gemeinsam gegen die Schatten der Vergangenheit. Es sieht gut aus.

Meine liebe gute Freundin hat es angepackt. Ihre neue Wohnung eingerichtet, ganz nach ihren Vorstellungen, den letzten Kontakt zum Ex gekappt und ist trotz Heimweh und schlaflosen Nächten da geblieben, wo sie letztlich gefunden hat, was sie suchte: Unabhängigkeit, Eigenständigkeit. Mittlerweile hat sie die Vorzüge des Singledaseins erkannt. Und auf der Arbeit läuft es jetzt besser, seit sie ein neues Arbeitsgebiet bekommen hat und richtig Spaß daran findet – weg von der Kollegin und damit aus der Schusslinie des Chefs. Der sie nun kleinlaut lobt, anstatt ihre Zweifel lautstark zu schüren.

Und meine Dritte im Bunde, sie hat auch gekämpft und nicht aufgegeben. Mit der richtigen Unterstützung hat sie ihre Krebserkrankung in den Griff bekommen, und das hat sie so sehr bestärkt, dass sie nun auch andere Dinge in Angriff genommen hat, die seit langem im Argen lagen. Bei unserem letzten Treffen war sie quietschvergnügt, fiel mir um den Hals und sprach mir eine Einladung zu ihrer Hochzeit aus – in drei Jahren, wenn alles in trockenen Tüchern sei. Ich habe gerne zugesagt.

Und selbst wenn sich viele Dinge scheinbar von alleine lösen – ich werde nicht aufhören, mich um meine Lieben zu sorgen und für sie da zu sein. Ich bin so. Ich will es so.

Und es wird sich nicht¦s ändern.

10:21 Uhr: „Die Ärzte haben bei Jen einen Tumor festgestellt. Er hat es uns gerade geschrieben. Ich habe alle Termine abgesagt und fahre nachher hin. JB.“

… Es wird sich nicht¦s ändern …

Wenn, dann heftig

Nun ist es passiert. Wovor man mich vor nicht allzu langer Zeit warnte – Frau Knobloch tat’s, und ahnte – und doch warf ich meine gesamte Kondition hinein in den Strudel von Taten, Drang und Arbeitskraft, allein um Dinge zu bewegen, gut zu machen, der Gemeinschaft zu dienen. Erwartet habe ich nichts, bekommen habe ich unverdienterweise all den Tadel, der an anderen abperlt wie Regen an der imprägnierten Speckschwarte. Nur leider fällt dieser Tadelregen bei mir stets auf allzu fruchtbaren Boden und treibt die furchtbarsten Blüten. Die Folge: Nicht einmal mehr Zeit und Muße, all die wundervollen Beiträge hier zu lesen und zu kommentieren, geschweigedenn wieder das Schönschreiben zu üben. Zwischen dem Alltag und der Nacht versuchte ich mich zu erholen, was leider gründlich daneben ging, bis nun also eines der letzten verbliebenen Nervenfädchen riss. Und schmiss. Und zwar das mir so teure Smartphone, meine Standleitung in die Welt, mein Wecker und Wachhalter, Terminverwalter, WordPresserleichterer, Herzensneffenbilderspeicher und so manches mehr. Exitus. Finito.

Und mit einem Mal ebbt das Rauschen in meinem Kopf ab. Ich existiere virtuell nicht mehr, bin gleichzeitig nicht mehr nervbar zu jeder Tages- und Nachtzeit, kann/muss nicht mehr umgehend reagieren. Und lebe trotzdem noch. Ich habe keine To-Do-Listen mehr vor Augen, keine Termine und keine unbeantworteten Nachrichten. Wie sich das auf die Dauer mit dem Alltag vereinbaren lässt, wird sich zeigen. Nur – jetzt im Moment ist es, als hätte ich diese meine grüne Wiese wiedergefunden, auf der ich doch so gern flanierte, sorglos und – glücklich. Wenn das so ist … dann lasse ich mir am besten mit der Reparatur dieses, wie ich glaubte, lebenserhaltenden Geräts noch eine Weile Zeit. Oder länger. Meine Liebsten wissen, wie sie mich erreichten, und, oh Wunder, Kommunikation kann man auch mündlich betreiben! So viel persönlicher und direkter, es ist mir fast schon ein Fest. Und was ich ebenfalls feststellen konnte: die Welt dreht sich weiter, ohne dass Madame „existiert“. Auf den Tadel kann ich ohnehin sehr gut verzichten, möge sich einstweilen ein anderer Sündenbock finden, Madame macht jetzt erst einmal Urlaub.

Und langsam, langsam lebe ich wieder. Was ist wohl befriedigender, sich jeden Abend vor dem Schlafengehen den kleinen Herzensneffen auf dem kleinen Display zu betrachten, oder mit verknutschter Wange, dem Halstuch voll Sabber und anderer babytypischer Erzeugnisse und dem Herzen voller Kinderlachen nach Hause zu kommen? Dem Herzliebsten in die Augen zu sehen oder sich elektronisch-summende Herzküsschen hin und her zu schicken? „Was meinst du? Stehen wir das noch eine Weile durch, ohne Handy?“ – „Klar. Ziehen wir halt zusammen, wollten wir doch eh…“ Nein, das war ein ganz und gar fiktiver Dialog, aber es muss ja nicht heißen, dass Unausgesprochenes weniger wahr und bedeutsam ist.

Es wird Zeit, sich neue Herausforderungen zu suchen. Die erste lautet: zur Ruhe kommen. Sich frei machen von all dem Ballast, den ich noch immer mit mir herumschleppe.  Und sich dann wieder in den Trubel stürzen. Aber in den richtige Trubel dieses Mal. Nicht wieder dieses Sackgassentadelding, sondern etwas mit Zukunft. Kann man ja auch mal verlangen: Leistung gegen Entlohnung. Und die hätte ich endlich mal gerne. Aber ich sehe schon: ich werde sie mir am besten selbst auszahlen.