2. Einladung 2015 – 10 Wörter: Am Fahrbahnrand

Eine neue Herausforderung von der lieben Frau Ahnungslos, und endlich kann ich mich aufraffen, wieder mitzumachen. Die 10 Wörter stammen dieses Mal von Arabella:

1. Kalender
2. Rückfahrkarte
3. Schnittlauch
4. Chromosomen
5. Schneckengift
6. Radkappe
7. Gefahr
8. Zärtlichkeit
9. Elend
10.Gewinn

Es zählte nicht. Nichts zählte, keines seiner Argumente. Weshalb er nicht zurück wollte. Er habe seinen Kalender verloren, den papiernen, den er jahraus, jahrein in seiner Tasche trug, da habe er die Rückfahrkarte hineingesteckt, und die sei nun auch weg. Aber er hatte immer noch seine Kreditkarte, und sein Bankkonto würde auch eine neuerliche Abbuchung der Deutschen Bahn verkraften. Es wäre zu offensichtlich, dass er einfach nicht zurück wollte. Gerade fühlte er sich wie eine abgesprungene Radkappe, die am Straßenrand in der Abendsonne lag, zwischen all dem Fahrbahndreck, den die Fahrzeuge täglich von der Straße fegten. Zwischen Löwenzahn, der durch die Asphaltdecke brach, in steter Gefahr, der nächste LKW könnte ihn erwischen und ihn in tausend Teile bersten lassen. Und sie, die sich hineinsteigern konnte in die Tatsache, dass der Schnittlauch im Garten von Schnecken befallen war, gerade ihr Biogarten, und ausgerechnet an ihrem Bioschnittlauch! Er wollte nicht einmal diskutieren, aber irgendwie war ihm doch das Wort „Schneckengift“ entschlüpft, und er wusste, er hatte dieses immer wiederkehrende Elend einer Grundsatzdiskussion selbst gewählt. Ob es am generellen Unterschied der Chromosomen von Männern und Frauen lag, oder ob sie einfach nicht merkte, wie er darunter litt, dass sie ihrem Bioschnittlauch mit der Zeit mehr Zärtlichkeit entgegenbrachte als ihm – er konnte es nicht sagen.

Der Zug rollte an. Er atmete einmal tief ein und wieder aus. Dann stieg er ein. Er wollte keine liegengebliebene Radkappe sein. Er wollte auch wieder vorwärts rollen. Er würde sich nicht in Konkurrenz zu einem Kräutergarten setzen lassen. Wie auch immer die nächste Begegnung ausfiel, er würde einen Gewinn daraus machen: Entweder verschwand der Schnittlauch vom Tapet, oder er.

 

Anmerkung:
Allzu leicht kam mir dieses Mal keine Geschichte in den Sinn, das liegt wohl am Rost, der sich in den letzten Wochen, Monaten auf meiner Schreibfeder mangels Einsatz abgesetzt hat. Knappe 20 Minuten, kein Feinschliff.

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Wortstrom: Ph¦r¦asenverschiebung

Regen im Kopf

Alles, was sich regt,
sind die Wellen auf dem Herzsee,
wenn tausende kleine Tränentropfensteine
in seine Oberfläche fallen.

Rauschen im Kopf

Alles, was rauscht,
ist die Zeit, der Treibsand im Glas,
so stark, dass das Dagegenlaufen
sturmzeitlupenlangsam scheint.

Schreien im Kopf

Alles, was schreit,
sind stumme Münder,
so rot und geschunden,
Stummmünderschreie vom und ins Dunkel.

Schweigen im Kopf

Alles, was schweigt,
muss doch schreien, rauschen, sich regen,
den Wellen, der Zeit und den Stummmündern entgegen.
Doch schweigt’s. Es. Schweigt.

Los¦lass¦moment

Dieses Lied. Es lief fast das ganze Jahr über im Radio, und ich mochte es. Es war lebhaft. Es war laut. Es schien perfekt in diese Zeit zu passen, klang mir nach Freiheit, und frei war ich, wie noch nie. Ich konnte es bald mitsingen, war oft froh, dabei immer im schallgeschützten Innenraum meines Autos zu sitzen. Wann immer es lief, drang sein Beat in meinen Kopf und durch meinen Körper, riss mich mit wie eine Welle. Es würde sich die Gelegenheit bieten, diese eine im Jahr, bei der ich mich gehen lassen und darauf abtanzen würde. Wie sehr ich das wollte! Es wäre völlig egal, jeder würde das tun in diesem Moment. Ich würde ihn ganz genau zu meinem Moment machen, und ich würde ihn feiern.

Und dann kam die Gelegenheit. Während wir da standen, mitten in der lauten Menge. Während wir uns unterhielten, in die Augen des anderen hineinlauschten, während alles andere wie abgedunkelt und gedämpft um uns herum erschien, als ragten unsere Körper weit über eine laute, wogende Masse hinaus, nach oben, ins Licht. Da spielten sie es, dieses Lied, das ich zum Inbegriff meiner Freiheit gemacht hatte. Ich hielt kurz inne. Es gab nicht einmal den Anflug von Bedauern, sich eben nicht, wie so lange geplant, gehen zu lassen und abzutanzen. Ich wollte es nicht. Denn jetzt war nur eines wirklich wichtig. Die Eingebung, dass dieser Moment für mich, für uns eine Bedeutung haben sollte, war goldrichtig. Verharren in deiner Gegenwart, anstatt sich von der Welle erfassen zu lassen. Ich habe damit meine Freiheit nicht verloren, im Gegenteil. Ich habe mir die Freiheit genommen, diesen Moment ganz genau zu unserem zu machen und ihn zu feiern. Jeden Tag. Jeden Augen¦blick.