Weltver¦besser¦wisser

(von der Seele ab¦geschrieben)

Vor einiger Zeit habe ich gelernt, dass man sich nicht die Emotionen anderer Menschen überstülpen (lassen) muss. Man kann zuhören, ohne dass man sich am Ende schlechter fühlt als derjenige, der sein Herz ausschüttet. Ich sehe es aber so, dass dazu ein gewisses Maß an Stärke vorhanden sein muss. Ich kann von Glück sprechen, dass ich mich im Moment tatsächlich stark fühle. Und wenn das mal nicht der Fall ist, habe ich ein gutes Mittel, das mir hilft, den Kopf freizuhalten: Reden. Und Laufen. Es fallen zwischen JB und mir oft so viele Worte, dass wir nicht zum Schlafen kommen, weil alles erzählt sein will. Und falls Reden einmal nicht hilft, dann eben Laufen. In der Frühlingssonne, bis einem die Puste ausgeht. Und dann ist die Welt wieder schön.

Weniger schön ist die Welt momentan für andere Menschen. Wenn eine sehr nahestehende Person mir sagt, sie brauche Rat, wie ist das denn mit Trennung und Haus und … dann denke ich: Prima. Scheidungsexpertin, die ich bin, da habe ich es echt weit gebracht. Aber bei nahestehenden Menschen geht es nicht rein um Fakten, Zahlen, Vorgehensweisen. Ich spüre, wie es ihr im Herzen brennt, wie enttäuscht sie ist, und dass sie eigentlich gar keine Trennung will. Aber das Maß ist fast voll. Und ich verstehe beide Seiten. Nicht Betrug, nicht körperliche Gewalt, sondern eine Krankheit, die schleichend Besitz ergriffen hat von ihrem Mann, aus der er sich nicht allein befreien kann. Ratschläge, und seien sie noch so gut, sind und bleiben Schläge, vor denen er sich zurückzieht. Es tut so weh.

Einer anderen lieben Person, mit der ich schon so vieles geteilt habe, geht es auch nicht gut. Nach dem Jobwechsel und der Trennung von einem Partner, der ihr nicht gut tat, wird sie zum ersten Mal auf eigenen Füßen stehen. Aber die Zweifel sind übermächtig. Das allein genügt eigentlich schon, um einen aus der Bahn zu werfen. Die vielen Gedanken, wie es weitergehen wird, was die Zukunft bringt – und dazu noch eine Situation, die sich nun schon zum zweiten Mal wiederholt. Vor einem Jahr hat sie die Firma gewechselt, weil ihr Chef immer zudringlicher wurde und Gerüchte streute, dass zwischen ihnen etwas liefe. Natürlich ein gefundenes Fressen für die Kolleginnen. Und nun, im neuen Betrieb, hat sie genau so einen Chef, der versucht, sie und ihre direkte Kollegin gegeneinander auszuspielen – und immer zudringlicher wird. Sie weiß nicht weiter, und ich spüre in mir, wie sehr sie der Zweifel an sich selbst und an der Welt schmerzt.

Ich versuche also, das bisschen Zeit, das neben Job, Zuhause und JB bleibt, mit diesen beiden Menschen zu verbringen, die ich einfach nur in den Arm nehmen und trösten möchte. Ich kann nichts ändern, nichts gut machen. Aber vielleicht hilft es einfach, da zu sein, zu reden. Und zu laufen. Den Schmerz runterlaufen, ihn nach draußen reden. Alles andere erledigt die Zeit.

Ein dritter, unglaublich lieber Mensch schleppt sich seit einiger Zeit durchs Leben, die familiäre Situation ist kompliziert, ihre Arbeit im Hospiz fordert sie oft mehr, als sie zugeben will. Aber sie ist immer fröhlich, wenn wir uns treffen. Sie ist etwas jünger als ich, hat schon zwei tolle Kinder im Teeniealter, hat viele Hobbies und einige Tiere, die sie versorgt. Gestern war sie plötzlich in meinen Gedanken. Für mich ist das oft ein Zeichen, das man nicht ignorieren darf. Ich textete: „Hallo, wie geht es dir?“ und sie fragte zurück: „Warum??“ Alles in Ordnung? Was ist denn los?

Es gibt Dinge, die lassen sich nicht wegreden. Nicht weg- und runterlaufen. Jetzt bin ich am Ende mit meinen fragwürdigen Ratschlägen, an die ich mich selbst kaum halte, am Ende mit dem offenen Ohr, und die Laufschuhe in der Ecke kommen mir vor wie Materie gewordener Spott. Es gibt Sätze, die einen betäuben und kampfunfähig machen. „Ich habe Krebs. Ich habe  gerade erfahren, dass die Chemo nicht angeschlagen hat. Ich darf erst eine weitere machen, wenn ich psychologischen Beistand habe. In 8 bis 12 Monaten bekäme ich einen Platz. Und bis dahin bin ich tot.“ Seitdem rauscht es in meinen Ohren und ich spüre – nicht einmal mehr Schmerz. Die Welt ist hässlich. Und stärker als ich.

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Die lieben Kleinen

Eigentlich sind Katzen einzig das, was wir aus ihnen machen. Sicher, sie mögen ihren eigenen Kopf haben. Aber ist es nicht allein unsere Entscheidung, sie zu umsorgen, sie zu verwöhnen und ihnen die Pflege angedeihen zu lassen, die wir – und nur wir – für gut und richtig erachten? Gutes Futter, ein Muss für ein gesundes Erscheinungsbild. Ausgeglichenheit schätzen wir natürlich mehr als Nervosität oder tiefe Kratzer und Schäden von scharfer Kralle an unserem Mobiliar. Und sauber sollen sie sein, unsere Pfleglinge. Manche präferieren je nach persönlichem Gusto eher zurückhaltende Zeitgenossen, andere ergötzen sich an Lebhaftigkeit und Charakterstärke. Dichten ihnen Persönlichkeit an. Wir investieren in unser Haustier, emotional allemal, finanziell, wollen wir ihr Leben verlängern. Fachmännisch befasst sich der Tierarzt unseres Vertrauens mit der Gesundheit unserer  Ersatzkinder, während wir nägelkauend im Wartezimmer sitzen und uns die Impfung mehr körperliche Schmerzen zufügt als unseren Kleinen. Wir brauchen viel Zeit und Hingabe, um ihnen die nötige Aufmerksamkeit entgegen zu bringen, sonst fordern sie dies ein, quälen uns mit Blicken, liegen uns in den Ohren. Schlimmstenfalls wenden sie sich enttäuscht von uns ab, werden apathisch, resignieren.

Man sagt ja: Artgerechte Haltung. Irgendwann lassen wir nach qualvollem Abwägen des Für und Wider unsere Lieblinge schweren Herzens nach draußen, die Bedenken stehen uns zu Beginn auf die Stirn geschrieben, wenn wir anfangs ständig nach ihnen sehen, sie unter Beobachtung stellen, wenn sie ihr neues Revier erkunden und weiter, immer weiter sich vom heimischen Grundstück entfernen. Hinaus in die weite Welt. Wir blicken ihnen heimlich nach, wenn sie in Nachbars Garten spielen. Freuen uns diebisch über Komplimente von außen über Aussehen und Verhalten, nehmen später, wenn wir der Meinung sind, langsam zum Haustierexperten avanciert zu sein, so manche Kritik nicht mehr so ernst und sehen bald über kleine und größere Missgeschicke großzügig hinweg. Und so wachsen und gedeihen sie, mit Fell und Fängen, werden dick und füllen unsere Herzen. Wir lieben sie, diese kleinen Kreaturen.

Kleine Kreaturen, die wir lieben, ein paar Buchstaben, wenige Wörter. Zuweilen wachsen und gedeihen sie, füllen Zeile um Zeile, gar Seiten, ganze Bücher. Über größere und kleinere Missgeschicke sehen wir bald großzügig hinweg, wenn wir der Meinung sind, langsam zum Schreibexperten avanciert zu sein, und nehmen so manche Kritik längst nicht mehr so ernst. Freuen uns dennoch diebisch über Komplimente von außen über Form und Inhalt. Hinaus in die weite Welt. Anfangs blicken wir ihnen heimlich nach, als sie noch neu auf der Spielwiese sind. Stellen sie unter Beobachtung, wenn sie anfangen, ihr neues Revier zu erkunden und sich weiter, immer weiter vom heimischen Hafen entfernen. Was standen uns die Bedenken auf die Stirn geschrieben, sie nach draußen zu lassen, schweren Herzens entschieden wir uns irgendwann nach qualvollem Abwägen des Für und Wider dazu. Man könnte sagen: um der artgerechten Haltung willen.

Resignation, Apathie zuweilen sind nicht selten, wenden wir uns enttäuscht von ihnen ab, wenn wir nicht mehr genügend Zeit und Hingabe haben, um ihnen die nötige Aufmerksamkeit entgegen zu bringen, denn sie fordern dies ständig ein, quälen uns beim bloßen Anblick und liegen uns im Magen. Fachmännische Hilfe kann möglicherweise Gesundung herbeiführen, und während sich der Experte unseres Vertrauens mit unseren Kindern befasst, sitzen wir nägelkauend in der Warteschleife, und jeder Schnitt und jede Änderung fügt uns mehr körperliche Schmerzen zu, als mit bloßem Verstand zu begreifen ist. Wir investieren in unsere Lieblinge, emotional allemal, finanziell, wollen wir ihnen zum Erfolg verhelfen. Präferieren je nach persönlichem Stil  Zeitgenössisches, zurückhaltende bis sachliche Beschreibungen, oder verschreiben uns unserer lebhaften Fantasie oder dem starken Ausdruck. Dichten ihnen Persönlichkeit an. Und sauber sollen sie sein, unsere Pfleglinge. Ausgeglichenheit schätzen die meisten mehr als nervöse Zeilensprünge und tiefe Kratzer und Schäden von stumpfer Feder an unserem Ästhetikbegriff. Hirnschmalz und Ausdauer, ein Muss für ein augenschmeichelndes Erscheinungsbild. Aber ist es nicht allein unsere Entscheidung, sie zu umsorgen, sie zu verwöhnen und ihnen die Pflege angedeihen zu lassen, die wir – und nur wir – für gut und richtig erachten? Sicher, sie mögen ihre eigene Dynamik haben. Aber eigentlich sind Texte einzig das, was wir aus ihnen machen.