Fastenlasten

Beschlossen ist’s, ich faste dieses Jahr. Nehme den Aschermittwoch zum Anlass und versuche die nächsten 40 Tage eine Sache sein zu lassen, der ich in den letzten Jahren viel zu häufig gefrönt habe, wie ich finde. Frönen, wie ich lerne, leitet sich ab von Fro, „Herr“, wie in Fron und Frondienst. Frönen meint also jemandem oder einer Sache dienen, sich zum Sklaven derselben machen. Das zwar nur nebenbei, unterstreicht es jedoch dies: Will ich nicht.

Dass es hierbei nicht um Genussmittel gleich welcher Art geht oder Dinge, die das Leben schlichtweg versüßen, ist klar. Vom Leben zu viel habe ich noch lange nicht und werde mich hüten, es in einer Weise zu beschneiden, die mich letztlich nicht von meinen Laste¦r¦n befreien, sondern nur mehr beengen würde. Es geht natürlich um Dinge, die mir das Leben erschweren, und eben diese will ich die nächste Zeit einmal gründlich meiden.

Aber wie soll mir das gelingen? Kann ich die Gedanken, die mich unzufrieden stimmen, einfach so wegsperren wie zum Beispiel Schokolade? Die ich ins hinterste Eck des Schränkchens verbanne oder besser: sie vor Beginn der Fastenzeit effizient vernichte und dann keine mehr einkaufe? Aber Gedanken, die man nicht haben will, sind nicht wie Schokolade. So gar nicht. Vielleicht eher wie Alkohol? Das fiele mir nicht schwer, daheim. Aber erfahrungsgemäß lässt er sich in Gesellschaft (und auch noch in einem großen Weinanbaugebiet) kaum vermeiden. „Gehört doch dazu“, höre ich’s schon tönen, bei Geburtstagen das obligatorische Glas Sekt, ein Fläschchen Wein beim Treffen mit Freunden, das Feierabendbier nach einem langen Tag und der korrekte Cocktail am Wochenende. Nimmt man sich da raus für eine Weile, reagiert das Umfeld oft nicht gerade so, dass es unterstützend wäre. Im Gegenteil. Man muss erklären, rechtfertigen – „Wirst du jetzt gläubig, oder was?“ – „Ach komm, eins geht doch“ – „Bist du etwa…??“. Dreifach donnerndes NEIN.

Es erfordert eine Menge Disziplin und starke Nerven, solch Vorhaben unbeirrt durchzuführen. Wie schwierig ist das erst mit jenen Gedanken, die ich fasten will, wenn sie an jeder Ecke feilgeboten werden? Noch dazu bin ich ein fruchtbarer Nährboden für Zweifel aller Art. Es müsste eine Zweifelimpfung geben, kleine Zweifelantikörper, die mein Immunsystem stärken und die Zweifelviren mit ihren aus Selbstbewusstsein geschmiedeten Schilden und Waffen abwehren. Nimm das, du ungebetener Eindringling!

Nicht möglich. Gerade eben wieder erlebt. Die Kollegin, die sonst immer freundlich grüßt und für einen kurzen Plausch in der Tür stehen bleibt, geht heute mit finsterer Miene an meinem Büro vorbei, zwei Mal, schaut nur kurz mit heruntergezogenen Mundwinkeln rein. Und schon läuft die Zweifelgeneriermaschine an: Wahrscheinlich ist sie sauer, weil das ausstehende Dokument noch nicht da ist, weil ich es hätte für sie anfordern müssen, da sie am Montag nicht da war. Möglich, aber es ist ja da, seit eben, der zuständige Kollege war nämlich auch nicht im Hause am Montag. Oder hat sie heute einfach einen schlechten Tag? Wie ich es hasse, mir ständig fremde Befindlichkeiten überstülpen zu müssen. Wann verstehe ich endlich, dass mir fremde Klamotten weder zu Gesicht stehen noch passen und mich einzwängen und behindern?

Vielleicht sollte ich Menschen fasten. Menschen, die mich herunterziehen, ohne dass ich es auf Anhieb bemerke und mich hinterher frage: Warum fühle ich mich gerade so klein? Aber meiden ist wie weglaufen. Weglaufen ist aufschieben. Aufschieben ist anhäufen von Zweifeln und Gedanken. Sollte ich vielleicht hingehen und fragen, was los ist mit meiner Kollegin? Gespräche helfen, weiß ich aus Erfahrung zu berichten, nicht so gut laufende Dinge aus der Welt zu schaffen. Nicht warten, bis jemand kommt. Das tue ich viel zu oft. Sitze aus. Dabei ist es doch zielführender, Klärung zu suchen, als darauf zu warten. Und schon wieder halte ich eine Fahrkarte für das Gedankenkarussell in der Hand.

Ich mache mir jetzt erst mal eine Tasse Tee, um meine Hände und mein Herz daran zu wärmen. Dann gehe ich zur Kollegin. Damit beginne ich meinen ersten Fastentag: ich werde heute nicht auf dieses Gedankenkarussell aufsteigen.

 

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22 Gedanken zu “Fastenlasten

  1. Ooooh, das kann ich so gut verstehen. „Der hat komisch geguckt, is der sauer?“ – „Die hat mir seit gestern nich auf meine Mail geantwortet, sie muss mich hassen.“ „Der war so kurz angebunden im Whatsapp, is was los?“ Solche Gedanken hab ich auch ständig und immer im Kopf. Sehr anstrengend, das.

    Ich wünsch dir viel Erfolg beim Fasten!

    • Danke dir!
      Und dann die Erkenntnis, die man immer und immer wieder verdrängt: Eigentlich war ja nix! Und wenn, was hatte ich tatsächlich damit zu tun? Ich verweigere heute die Annahme jeglicher Freifahrtscheine, so!

  2. Ich habe seit dem Wochenende angefangen, richtig viel zu futtern. In dieser Form werde ich weiterfasten. Nüsse, Schoki und Gummibärchen. Brot und zwei warme Mahlzeiten…und was sich sonst noch so findet. Irgendwer muss ja die Reste beseitigen, die die Faster liegen lassen :-D

  3. Theoretisch könnte ich hier den eben eingetragenen Achsokommentar reinkopieren, würde durchaus auch passen. Praktisch erstelle ich lieber einen neuen, indem ich das Menschenfasten lauthals bejubele: Einfach mal einen unangenehmen, zudringlichen Menschen links liegen lassen, das wird meine Fastenvornahme werden. Danke für diese Steilvorlage, liebe MmeMme. Äh, schrub ich Ihnen schon, wie sehr ich zuget… Ja? Wurscht, ich tue noch ’ne Schippe Scheißherzchen dazu, so, die Ihre.

    • Huii, Scheißherzchenregen auf mein erblühendes Wortgärtchen! Eine Extraportion Dünger, juchei!
      Nicht immer, das muss ich zugeben, nicht immer gelingt das, aber schon jetzt spüre ich etwas mehr Gelassenheit. Den ersten unangenehmzudringlichen fastenwerten Menschen habe ich heute morgen schon gemieden. Fühlte sich gut an. Ein Erfolgsstrichlein auf meiner virtuellen Fastentafel.
      Ebenso zugetan undsoweiterundsofort und überhaupt sowasvondankbar mit freundlichen Scheißrosarotenherzchengrüßen – Ihre Mme C.

  4. Gute Idee, aber doch nicht nur in der Fastenzeit ;) und wie bei allen Dingen, die nicht gleich und immer „klappen“ jedes Mal, wenn es gelingt, ist es ein Erfolg, jeder davon ändert etwas und mehrere Erfolge können auch ein „unerwünschtes Muster“ ändern – beste Wünsche für’s Fasten…

    • Liebe Ariane, vielen Dank für deine Gedanken! Natürlich nicht nur in der Fastenzeit soll man sich überlegen, was gut für Körper und Seele ist – nicht Verzicht üben oder sich selbst kasteien, ich denke diese Zeiten sind vorbei, und die Fastenzeit ist eher ein Bewusstmachen, worauf man verzichten sollte. Und das über die vierzig Tage hinaus. Ja, genau so ist es, lass es uns als gute Übung für das Leben sehen. Erfolge, wenn auch zunächst nur kleine, kann ich bereits verbuchen.
      Herzlichen Gruß von Mme Contraire

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