Kardiomorphose

Schläft
Etwas
von einem Nanogramm
jahrelang
im Herzgewebe,
klingt es,
aufgeweckt,
im freien Fall wie
Teramillionentonnengestein.

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Contenance, Maman !

Vor einer Woche.
Fassungslos blicke ich meine Mutter an. Hat sie das gerade wirklich gesagt? Ich lächle unsicher.

Im Büro.
Fassungslos blicke ich auf meinen Monitor. Ich lächle unsicher. Habe ich gerade wirklich meinen Kolleginnen erzählt, was meine Mutter gesagt hat?

Gestern Abend.
Fassungslos blicke ich auf meine Fußspitzen. Hat JB gerade wirklich gesagt, meine Mutter hätte absolut recht mit dem, was sie sagte? Ich muss lächeln, ein wenig unsicher.

Also tausche ich meine Fassungslosigkeit gegen den Inbegriff der Contenance, lächle mich unsicher im Spiegel an und sage, nun deutlich gefasster: „Na, wenn ihr alle meint…“

 

„Rattenscharf“, so lautete Mamans Urteil, als ich die neue schicke Brille beim Optiker aufprobierte. Nicht gerade dezent. Aber völlig gefasst.

Ich verschone euch lieber damit, was meine Mutter kürzlich zum Thema One Night Stands sagte …

Fastenlasten

Beschlossen ist’s, ich faste dieses Jahr. Nehme den Aschermittwoch zum Anlass und versuche die nächsten 40 Tage eine Sache sein zu lassen, der ich in den letzten Jahren viel zu häufig gefrönt habe, wie ich finde. Frönen, wie ich lerne, leitet sich ab von Fro, „Herr“, wie in Fron und Frondienst. Frönen meint also jemandem oder einer Sache dienen, sich zum Sklaven derselben machen. Das zwar nur nebenbei, unterstreicht es jedoch dies: Will ich nicht.

Dass es hierbei nicht um Genussmittel gleich welcher Art geht oder Dinge, die das Leben schlichtweg versüßen, ist klar. Vom Leben zu viel habe ich noch lange nicht und werde mich hüten, es in einer Weise zu beschneiden, die mich letztlich nicht von meinen Laste¦r¦n befreien, sondern nur mehr beengen würde. Es geht natürlich um Dinge, die mir das Leben erschweren, und eben diese will ich die nächste Zeit einmal gründlich meiden.

Aber wie soll mir das gelingen? Kann ich die Gedanken, die mich unzufrieden stimmen, einfach so wegsperren wie zum Beispiel Schokolade? Die ich ins hinterste Eck des Schränkchens verbanne oder besser: sie vor Beginn der Fastenzeit effizient vernichte und dann keine mehr einkaufe? Aber Gedanken, die man nicht haben will, sind nicht wie Schokolade. So gar nicht. Vielleicht eher wie Alkohol? Das fiele mir nicht schwer, daheim. Aber erfahrungsgemäß lässt er sich in Gesellschaft (und auch noch in einem großen Weinanbaugebiet) kaum vermeiden. „Gehört doch dazu“, höre ich’s schon tönen, bei Geburtstagen das obligatorische Glas Sekt, ein Fläschchen Wein beim Treffen mit Freunden, das Feierabendbier nach einem langen Tag und der korrekte Cocktail am Wochenende. Nimmt man sich da raus für eine Weile, reagiert das Umfeld oft nicht gerade so, dass es unterstützend wäre. Im Gegenteil. Man muss erklären, rechtfertigen – „Wirst du jetzt gläubig, oder was?“ – „Ach komm, eins geht doch“ – „Bist du etwa…??“. Dreifach donnerndes NEIN.

Es erfordert eine Menge Disziplin und starke Nerven, solch Vorhaben unbeirrt durchzuführen. Wie schwierig ist das erst mit jenen Gedanken, die ich fasten will, wenn sie an jeder Ecke feilgeboten werden? Noch dazu bin ich ein fruchtbarer Nährboden für Zweifel aller Art. Es müsste eine Zweifelimpfung geben, kleine Zweifelantikörper, die mein Immunsystem stärken und die Zweifelviren mit ihren aus Selbstbewusstsein geschmiedeten Schilden und Waffen abwehren. Nimm das, du ungebetener Eindringling!

Nicht möglich. Gerade eben wieder erlebt. Die Kollegin, die sonst immer freundlich grüßt und für einen kurzen Plausch in der Tür stehen bleibt, geht heute mit finsterer Miene an meinem Büro vorbei, zwei Mal, schaut nur kurz mit heruntergezogenen Mundwinkeln rein. Und schon läuft die Zweifelgeneriermaschine an: Wahrscheinlich ist sie sauer, weil das ausstehende Dokument noch nicht da ist, weil ich es hätte für sie anfordern müssen, da sie am Montag nicht da war. Möglich, aber es ist ja da, seit eben, der zuständige Kollege war nämlich auch nicht im Hause am Montag. Oder hat sie heute einfach einen schlechten Tag? Wie ich es hasse, mir ständig fremde Befindlichkeiten überstülpen zu müssen. Wann verstehe ich endlich, dass mir fremde Klamotten weder zu Gesicht stehen noch passen und mich einzwängen und behindern?

Vielleicht sollte ich Menschen fasten. Menschen, die mich herunterziehen, ohne dass ich es auf Anhieb bemerke und mich hinterher frage: Warum fühle ich mich gerade so klein? Aber meiden ist wie weglaufen. Weglaufen ist aufschieben. Aufschieben ist anhäufen von Zweifeln und Gedanken. Sollte ich vielleicht hingehen und fragen, was los ist mit meiner Kollegin? Gespräche helfen, weiß ich aus Erfahrung zu berichten, nicht so gut laufende Dinge aus der Welt zu schaffen. Nicht warten, bis jemand kommt. Das tue ich viel zu oft. Sitze aus. Dabei ist es doch zielführender, Klärung zu suchen, als darauf zu warten. Und schon wieder halte ich eine Fahrkarte für das Gedankenkarussell in der Hand.

Ich mache mir jetzt erst mal eine Tasse Tee, um meine Hände und mein Herz daran zu wärmen. Dann gehe ich zur Kollegin. Damit beginne ich meinen ersten Fastentag: ich werde heute nicht auf dieses Gedankenkarussell aufsteigen.

 

Ach so …

Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, einen kleinen bescheidenen Wunsch frei hätte …

Mal wieder lesen – Zeit und vor allem Lust zum Lesen. Letztes Jahr habe ich nur ein einziges Buch geschafft, viel zu wenig, sehr untypisch für mich, ich habe doch immer gerne und viel gelesen, was ist eigentlich los mit mir, warum habe ich das so vernachlässigt, und geschrieben habe ich auch schon lange nichts mehr richtiges, kann es sein, dass mir langsam alles entgleitet? Sollte ich mir besser etwas anderes wünschen, noch mehr Zeit womöglich? – Unmöglich machbar, und unbescheiden dazu. Bessere Organisation? Deutlichere Prioritäten? Ich werde noch verrückt, nicht mal einen kleinen bescheidenen Wunsch kann ich formulieren!

Stopp.

Vielleicht habe ich letztes Jahr einfach nur mal gelebt, anstatt ständig meinen Erwartungen an mich selbst gerecht zu werden …

Ja, das klingt ganz gut. Klingt nach Wunscherfüllung.

Option Erwachsensein

Als Kind und Halbwüchsige dachte ich immer, Erwachsene sind immer erwachsen, denken erwachsen, handeln erwachsen. Immer. Ich habe auf dieses Stadium gewartet, vergeblich, wie ich heute weiß. Erwachsensein ist kein endgültiger Status, es ist, wie vieles andere, situationsabhängig. Aber wenn man mit dieser Erwartung ans Leben geht, dass alles irgendwann einmal geklärt und gefestigt ist, dann ist diese Erkenntnis zunächst erschütternd.

Gut über dreißig nun, weiß ich endlich diese Situationsabhängigkeit zu schätzen. Und ich freue mich über eine weitere Erkenntnis, dass es erlaubt, ja sogar durchaus erwünscht ist, einmal sämtliche Contenance zu verlieren, kindisch bis zum Abwinken zu sein und einfach den Bauch entscheiden zu lassen. Ich glaube sogar, diese kleinen Ausflüge, wenn mein inneres Kind nackt mit Schleifchen im Haar und völlig enthemmt über die grüne Wiese rennt und Blumen pflückt, helfen in anderen Situationen wieder seriös und erwachsen zu sein. Wie ein gesunder Ausgleich. Möglicherweise bewirkt derart zelebrierter Contenanceverlust im Privaten einen Gewinn an Kontrolle in den erforderlichen Momenten.

Warum ich übers optionale Erwachsensein nachdenke? Weil ich mich kürzlich so richtig wahnsinnig toll erwachsen gefühlt habe:
„Hallo, wie geht’s? Na, das ist ja ’ne Überraschung. Gut siehst du aus. Bist du alleine hier? … Ah, mit zwei Bekannten. … Ich glaube, ihr kennt euch noch nicht? JB, das ist Herr Wäscheberg. Wäscheberg, das ist JB. … Hat mich auch gefreut, dir auch einen schönen Abend! So, wo waren wir? Ach so: Ja, Garten finde ich auch gut.“ – „Das war dein Exmann?“ – „Ja. Problem?“ – „Nicht im geringsten. Gleich mit Sandkasten?“ – „Absolut.“