Wie schön

Sie ist eigentlich gar noch nicht so alt. Dieses Jahr wird sie 56, am 3. Oktober. Wie schön, oder? An einem Feiertag Geburtstag zu haben. Das finden vor allem die gierigen Anverwandten, die den ganzen Tag nichts vor haben und schon zur Mittagszeit wie die Heuschrecken über Braten, Salat und Eierspätzle herfallen. Spätze und Kartoffeln und Erbsen und Karotten. Es gibt bei jeder Feier das gleiche, die Verwandten freuen sich schon darauf, es gibt also kein Entrinnen aus der Küche an ihrem Geburtstag. Oder am Geburtstag ihrer Söhne oder ihres Ehemannes. Der, ob nun sein oder ihr Geburtstag oder der seiner Kinder, immer in gleicher Pose und teilnahmslos im Nebenraum vor dem PC sitzt. Zu viele Menschen. Seit Jahren zu viele Menschen, auch wenn sie keine Gäste haben. Sie gibt ihr Bestes, immerzu, trotzdem ist ihm kein Lob zu entlocken, wofür auch, Pflicht ist Pflicht, und dass ihm ihr Essen nicht schmeckt – noch nie – ist weder seine noch ihre Schuld. Bier füllt den Magen ebenso gut. Und Starkraucher essen sowieso nicht viel. Immerhin spricht er nach dem Schlaganfall vor anderthalb Jahren nicht mehr viel, und sie arrangiert sich damit, dass er das wenige, was er von sich gibt, ja gar nicht so meinen kann.

Am Vortag werden Kuchen gebacken, eine herrliche Fülle von Sahnequark und frischen Früchten, was das Verwandtenherz begehrt. Kaum ist der Mittagstisch abgeräumt, ein kleines Pläuschchen gehalten, während sie in der Küche steht und spült – nein, helfen braucht man ihr nie, sie macht das am liebsten alleine, dann geht es sogar schneller – bringt sie schon das Kaffeegeschirr und zwei Kannen Kaffee, belädt die Teller mit süßen Köstlichkeiten und freut sich, dass Tante Maria ihren Käsekuchen lobt, derweil sich die Neffen und Nichten im Nebenzimmer unter den Rauchschwaden ihres Onkels lautstark um die Playstation streiten. Die Katze hat ein Nierenleiden und erbricht sich still und vorwarnungslos auf ihre Füße. Nicht schlimm, das passiert fast täglich, lächelt sie und wischt das angedaute Katzenfutter fort. Dann lässt sie ihre Gäste kurz allein, der Hund muss noch mal raus, und ihren jüngeren Sohn, dem die verwöhnte Töle eigentlich gehört, will sie nicht wecken, es war spät gestern, sie blieb so lange wach, bis sie den Schlüssel im Schloss und ihn die Treppen hinaufwanken hörte. Und da war es eigentlich schon fast Zeit zum Aufstehen. Sie wollte nämlich noch Bad und Wohnzimmer gästetauglich herrichten.

Es ist ein trüber Tag, aber sie freut sich immer aufs Gassi gehen, egal bei welchem Wetter. Herbie, so heißt der kleine Mischling, Herbie hört ihr zu, wenn sie ihm ihre Gedanken anvertraut. Sie steckt sich, kaum dass sie nach draußen getreten ist, eine Zigarette an. Zigarettenschmal ist ihre Silhouette, auch wenn der Mantel viel zu groß ist. Zigarettendünn ihre Knochen, die sich am ganzen Körper abzeichnen. Ihr Gesicht gleicht einem Totenkopf, sie war schon immer auffallend schlank. Das einzige, was lebendig an ihr wirkt, sind ihre Augen, wenn sie an die Tasse Kaffee denkt, die sie sich gleich gönnen wird. Kaffee und Zigaretten, ja, eigentlich würde sie für sich ja gar nicht kochen brauchen, aber die Kinder müssen etwas essen und die Schwiegermutter auch. Sie wohnen alle unter einem Dach, wie schön, wenn man Familie hat. Seit dem Schlaganfall ihres Mannes und seiner vehementen Weigerung, die Reha geschweigedenn weitere Ärzte zu besuchen, woraufhin er keine Jobangebote mehr erhielt, arbeitet sie noch mehr. Die Gassipausen am Abend und an den Wochenenden sind dann so etwas wie ihre Insel, auf der sie eine kleine Weile abschalten kann. Sie bückt sich, um Herbies Hinterlassenschaften vorbildlich in einer schwarzen Plastiktüte zu verstauen. Schade, dass Herbie ein wenig zu faul ist, um längere Spaziergänge zu machen und daher immer gerne den Acker direkt gegenüber ihres Hauses benutzt. Sie blickt auf und sieht in ihr hell erleuchtetes Wohnzimmer, glaubt Onkel Franzens kahlen Hinterkopf zu erkennen, stellt sich Tante Marias leicht hysterisches Lachen vor – wenn Franz gerade wieder einen seiner obszönen Witze zum besten gibt – und aus dem Nebenzimmer meint sie lautstarken Kinderstreit dringen zu hören. Gleich wird sie wieder den typischen Geruch ihres Zuhauses in der Nase spüren – eingetrocknetes Katzenfutter, Hundehaare und kalter Zigarettenrauch. Wie schön, wenn man weiß, wo man hingehört.

Für I., in meinem Herzen

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38 Gedanken zu “Wie schön

        • Es gibt auch eine Eigenverantwortung ! Meinst du im Ernst, dass man es schön nennen kann, wenn der einzige Lichtblick im Leben eines Menschen das Gassigehen mit dem Hund ist ?

          • Ich habe bereits geschrieben, dass ich längst weg wäre,da mit beantwortet sich die Frage, ob ich es schön nenne, wenn das der einzige Lichtblick ist. Allerdings stellt sich auch die Frage, inwiefern dieses Schicksal selbst ausgesucht ist? Wenn sie sich mit ihrem Schicksal so abfindet, dann ist es doch schön, dass sie für sich Lichtblicke findet. Kann ich ihr denn irgendwie helfen?

          • Ich hätte da vorsichtiger mit meinen Worten sein können, aber ich denke auch nicht immer nach, wie man es missverstehen könnte. Es werden so viele Menschen ausgebeutet und dass diese dennoch ihre Inseln finden, das bewundere ich. Ich weiß nämlich nicht, ob ich das könnte. Ich kenne jene Situation aber in abgeschwächter Form von meiner Mutter und auch jetzt von meiner Mitbewohnerin und bei Letzterer bin ich alltäglich dabei, ihr ein wenig von der Last abzunehmen und ihr mehr solcher Momente der Ruhe zu ermöglichen und zu geben.

          • D’accord mit euch beiden, man hat in der Tat eine Eigenverantwortung. Aber das hat sie nicht begriffen. Sie trägt nämlich die Verantwortung für alle um sie herum, sie greift einerseits danach, weil es ihr vermeintlicher Lebenszweck ist und lässt sie sich andererseits überstülpen. Denn da ist diese Stimme, die ihr sagt: Du bist schuldig, du musst es so machen, das ist dein Schicksal, das du gefälligst zu ertragen hast. Ich gebe das als Anstoß mit, so zumindest sehe ich die Situation. Es ist – oder erscheint zumindest – ohnehin viel zu spät, ein neues Leben zu beginnen, mag sie denken.

          • Vielen Dank für deine erklärenden Worte. Als Leser kann man nie wissen, was die Hintergründe für dieses oder jenes Handeln sind, deswegen müssen wir auch aufpassen, dass wir nicht urteilen. Solange sie keinen Ausweg aus ihrer Situation findet, freut es mich, dass sie ihre Oasen findet. Sie hat weit mehr verdient.

    • Liebe Maja, danke fürs Lesen und Nachempfinden. Dieses Mal wäre ich froh gewesen, hättest du mich um Einverständnis für das Rebloggen gebeten. Es ist – leider – ein sehr persönlicher und realer Text.

      • es ist entfernt nochmal entschuldigung
        du kannst aber den reblogging button herausnehmen oder in die seitenleiste oder als seite kennzeichnen dass du kein reblogging möchtest. der text hat mich betroffen gemacht, bei uns daheim war es ähnlich

        • Gar kein Thema, Maja. Wahrscheinlich hätte ich einer Anfrage sogar zugestimmt. Dieser Text floss mir an jenem Tage aus den Fingern und unterbrach meine Schreibabstinenz – leider wurde er dann so persönlich und schmerzhaft, weil ich, wie du und andere, ein sehr reales Vorbild vor Augen habe, und weil ich mich sorge um diese Person. Natürlich ist dieser Tag, den ich aus ihrem Leben beschrieben habe, ein Zusammenschrieb aus allem, was ich in der letzten Dekade bei ihr erlebt habe, nicht jeder Tag ist so krass – manche Tage aber sind sogar noch krasser. Und ich war einfach nicht sicher, ob ich doch so nah an der Wirklichkeit schreiben darf, ob ich nicht lieber meine Energie darauf verwenden soll, ihr zu helfen (was sie bisher stets ablehnt), anstelle zu versuchen, meine Dämonen, die ein Gutteil aus dieser Situation stammen, mit Schreiben zu bekämpfen. Vertrete aber nun doch eher die Meinung, dass nur heilen kann, wer selbst geheilt ist. Also entschied ich mich im ersten Schritt für das Schreiben.

  1. Boah, dieser Text hat für mich soviele Zwischentöne, dass ich ihn später nochmal lesen werde … Toll geschrieben. Lieben Gruss. Melanie

  2. Schön wäre das Letzte, was ich hier herauslese, Pardon. Er ist furchtbar, dieser Text, ich schwimme in Augenwasser und möchte dieses zigarettendünne Wesen in meine Starkarme nehmen und sie festhalten und in ihr strähniges, nach Küche und Qualm riechendes Haar flüstern: Nein, du mußt nicht so leben. Das sind keine Inseln, verdammt, das sind Ödeilande! Du bist sechsundfünfzig, da ist noch lange nichts vorbei, du hast ein Recht auf knallvollpralles Leben!
    Liebste Mirmeinenahe, bitte nicht falsch verstehen, der Text an sich ist natürlich nicht furchtbar, sondern so famos geschrieben, daß ich solche Empfindungen spüre. Mir bleibt auch meine Freude, von Ihnen zu lesen, ein wenig in den Fingerkuppen stecken nach dem Trauerspiel von Lebensentwurf. Trotzdem herznah, die Ihre.

    • Glauben Sie mir, Liebe, Augenwasser verschleiert meinen Blick, wenn ich meinen eigenen Text nochmals lese. Wie oft wollte ich an papiernen zigarettenschmalen Schultern rütteln! Ich vertage eine würdige Antwort, bis mir Zeit und Mittel zur Verfügung stehen. Hier sind die Dämonen, die mich jagen, sie sind greifbar und haben ein Gesicht. Ein knochenbleiches Gesicht. Auf bald, liebe Käthe!

        • Liebe mir ebenso Herznahe, ich antwortete soeben Maja, und das gleiche möchte ich Ihnen auch antworten, was mich dazu veranlasst hat, meine Finger auf die Tastatur zu legen und diesen Duft von „Zuhause“ in Worte zu fassen. Er ist mir im Gedächtnis, es hat mich dieser Tage noch lange beschäftigt. Aber es scheint auch heilsam zu sein.
          Zeit zum Schreiben bleibt mir momentan immer noch wenig, obwohl alles soweit gut ist., Aber die Prioritäten haben sich definnitiv verschoben, und trotzdem fehlt es mir, dass mir Dinge aus den Händen fließen, wie es mich lange Zeit beglückt hat. Ich überlegte sogar, ob mir weitere in Worte gefasste Bilder aus dem Leben dieser Person helfen könnten, die Nachtschatten aus meinem durchaus sehr hellen Dasein zu verscheuchen, für immer loszuwerden oder zumindest sie irgendwo zu wissen, an einem Ort, den ich aktiv meiden kann.
          Einstweilen danke ich Ihnen, dass die Silberfäden trotz längerem Schweigen noch immer blankpoliert zwischen uns klingen und singen, von Herznähe und Verständnis. Halten Sie sie für mich bitte noch ein wenig in den Starkarmen, wiegen Sie sie, machen Sie sie Geborgenheit fühlen, das fehlt ihr am meisten.
          Ihre dankbare MmeMme

          • Meine liebe MmeMme, warum geht er mir so nahe, dieser Text? Weil ich mal wieder spiegelbildrig lese bei Ihnen, wie schon so oft. Mein zigarettendünnes Wesen trat vor nunmehr dreizehn Jahren in mein Leben und ich vermag nicht mehr aufzuzählen, wie oft ich sie schüttelte, hielt oder anflehte, aus ihrem Unglück aktiv herauszutreten. Sind manche Menschen geboren, um in diesem Leben unglücklich zu sein? Unglücklich mit kleinen Glückseilanden? Ich weiß es nicht. Doch ich weiß, daß kein Mitleid ihnen hilft. Mit ihnen mitzuleiden, es zerrt an uns und unseren Kräften, die wir für die eigenen Stürme brauchen, um uns auf Kurs zu halten. Wie so oft deucht es mich, das Schreiben hilft. Und im möglichen Rahmen für sie dazusein, diese Unglücksmenschen, aber nicht mit ihnen leiden.
            Alles Liebe Ihnen, meine Herzgefährtin, Spiegelschwester, die Sie mir sind, ich grüße herzvoll zugetan, Ihre Frau Knobloch.

  3. Großartig beschrieben, beklemmend wie bei Gerhart Hauptmann. Und dazu dann diese schrecklichen Gemeinplätze „schön wenn man Familie hat und weiß wo man hingehört“. Ich hatte eine Großtante, die auch geradeso gelebt hat……. und wieviele andere Menschen, denen nichts bleibt als hohle Phrasen

    • Danke fürs Lesen! Wenn ich mehr Zeit habe, kommentiere ich mehr. Kann leider etwas dauern – aber ich danke allen, die gelesen und auch kommentiert haben! Mir ist dieses Thema sehr wichtig. Ich spiele mit dem Gedanken mehr über „sie“ zu schreiben.
      Bis bald also, liebe Grüße
      Mme C.

    • Wahr sind mit Sicherheit einige Elemente, zu 100 Prozent hat es sich so natürlich nicht zugetragen. Aber in der Summe meiner Beobachtungen habe ich womöglich sogar ein wenig untertrieben. Ich bin auf jeden Fall jedes mal wieder aufs neue geschockt.

  4. Liebe Mme Contraire, ich habe Ihren Text jetzt noch mehrmals gelesen und mein schauerliches Gefühl beim Lesen wird immer intensiver. Der Einblick, den Sie hier vermitteln, empfinde ich als sehr intim, so dass es mir fast unangenehm ist. Ihre Worte verfehlen Ihre Wirkung nicht. Ich danke Ihnen. Herzlichst. Melanie

  5. Liebe Melanie, ich haderte nach der Veröffentlichung mit mir, ob es in Ordung war, diese intimen Details überhaupt zu schildern (ich denke wenig, versuche wenig zu denken, wenn ich auf den Veröffentlichen-Button drücke, denn es ist das, was aus dem Innersten kommt, und das ist es, was gehört werden muss). Ich fühle mich ein wenig beschämt, dass ich sie so der Öffentlichkeit preisgegeben habe – womöglich sperre ich diesen Beitrag, wieder, wenn es Überhand nimmt mit der Scham. Ich danke Ihnen, liebe Melanie, dass Sie sich die Zeit genommen haben, mehrfach zu lesen und verstehen zu wollen. Auch wenn ich mich für die Intensität entschuldigen möchte. Aber es hilft mir sehr, wenn ich das, was auf mir lastet, teilen kann und womöglich Verständnis oder ähnliche Gedanken dazu entgegengebracht bekomme.
    Herzliche Grüße, Mme Contraire

    • Liebe Mmd Contraire, Ihre Antwort erschien nicht in meiner Kommentarantwortbox (warum auch immer). Ich musste ihn noch mal lesen (Sie sehen, er beschäftigt mich immer noch) und da entdeckte ich Ihre Antwort. Meine intensiven Gefühle auf Ihrem Text beruhen natürlich auf eigenen Erfahrungen und Verknüpfungen. Es tut mir leid und hat mich etwas erschrocken, das meine Worte so bei Ihnen angekommen sind, dass Sie sich schämen und sogar das Gefühl haben, sich entschuldigen zu müssen. Das war ganz und gar nicht meine Absicht und tut nicht not. Ich habe wohl auch nicht weiter nachgedacht, als ich kommentierte. Ich finde Ihren Text wirklich sehr gut und intensiv geschrieben und er berührt mich zutiefst. Eine solche Intimität mit Worten aufkommen zu lassen empfinde ich als ein Geschenk. Außerdem ist auch eine große Wärme zu spüren. Also noch mal: Ich danke Ihnen sehr für das Teilen Ihres Inneren. Herzlichst. Melanie

  6. Sie haben recht, liebe Melanie. Ich muss mich nicht dafür entschuldigen, was das Geschilderte hervorruft. Jeder liest mit seinen eigenen Augen und Erfahrungen. Ich fragte mich, ob es in Ordnung war, aus dem Leben meiner Zigarettenfrau zu berichten, wovon leider nicht viel erfunden war. Es gäbe noch mehr zu berichten, vieles, was mich schon lange beschäftigt. Und da haben wir die Antwort: Ja. Es war in Ordnung, das Leben einer anderen Person zu beschreiben und all meinen Wehmut hineinzulegen, es ist meine Art, mit Dingen umzugehen, Dinge zu verstehen und zu verarbeiten. Und Kommentare wie Ihre, liebe Melanie, helfen mir dabei ebenfalls. Sie hat ihn verdient, diesen intimen Blick auf ihr Dasein. Sie wird davon nie erfahren, aber wenigstens weiß ich, dass die Kritik daran gerechtfertigt ist, notwendig. Und in gewissem Maße vielleicht heilsam. EInmal mehr wird mir dadurch bewusst, dass ich die in der Vergangenheit getroffenen Entscheidungen nie bereut habe, sonst wäre dies womöglich mein Dasein geworden, das ich Ihnen schilderte.
    Herzliche Grüße, Mme C.

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