Zeichen der Zeit

Gestern ereignete er sich, der Moment, den ich schon lange gefürchtet hatte. Als sei ich derzeit nicht schon gebeutelt genug mit einem überlaufenden Hormonhaushalt (mein kleiner Neffe rührt gewaltig darin herum), einer Nacht in der Notaufnahme und der darauffolgenden fünftägigen Zwangspause, und dann ist da noch ein bevorstehendes Ereignis namens Weihnachten, entdeckte ich es: das graue Haar. Vorwitzig schoss es aus dem Scheitel, gerade an einer Stelle, die ich nicht übersehen konnte. Und das auch noch im Spiegel auf der Firmentoilette. Ich konnte mich nicht einmal zurückziehen und still darüber weinen. Ich musste mit einem Höchstaufgebot an Contenance an meinen Arbeitsplatz zurückkehren.

In einer ruhigen Minute sprach ich mein Leben darauf an: „Warum?“ Es sah mich an, wissend, und schwieg. Ich blickte zurück, musterte es eine Weile und verbesserte mich: „Warum jetzt?“ Es lächelte. Schwieg immer noch. Es wusste ganz genau, weshalb ich so sehr mit diesem Anzeichen des Alters haderte. Wir schwiegen uns also an, schauten uns in die Augen, ich zog in Gedanken durch die Jahre, eines nach dem anderen. Eine ganze Weile verging, in der ich es nachwachsen zu spüren glaubte, dieses graue Haar, das ich natürlich ausgerissen, es ungläubig beäugt und gegen das Licht gehalten hatte, in der Hoffnung, es sei eine optische Täuschung. Es war nicht zu leugnen.

Die Jahre zerfielen vor meinen Augen zu Staub, grau war er, was sonst. Ich durchwanderte die Zeiten, rückwärts. „Ich sehe nichts“, holte mich JBs Stimme schließlich aus meiner Zeitreise zurück, den Blick auf meinen Scheitel gerichtet. „Da ist nichts. Du hast wunderschönes Haar.“ Ich wusste, zumindest der erste Teil musste eine charmante Lüge sein.

Ich schloss die Augen und saß wieder meinem Leben gegenüber. Es hatte sich in der Zwischenzeit eine Tasse Kaffee gemacht und schob mir den Teller mit den Plätzchen zu. Ich betrachtete es noch einmal. Von vorn. Bis hin zu diesem Moment. Da wusste ich auf einmal, wie die Frage lauten musste. „Warum erst jetzt?“ Und mein Leben, es grinste über beide Ohren, verschluckte sich dabei fast am Kaffee und meinte: „Genau so.“

 

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25 Gedanken zu “Zeichen der Zeit

  1. Ich fühle mit dir. Egal wie häufig alle sagen, es wäre egal. MIR auch nicht. Ob der alte Aberglaube zählt, dass noch mehr erscheinen, würdest du es zupfen? Vielleicht vorsichtig einfärben, oder einflechten mit nebenan wachsendem Haare? Werte Madame, da ist guter Rat so teuer. Ich hoffe, das der eine oder andere Geistesblitz dazu heute noch von wunderbaren Mitbloggern verfasst wird.
    Weißt du wie es dann ist, wenn du nach Jahren mal wieder Lidschatten nutzt, und verwundert feststellst, das die Haut artig mit dem Pinsel sich nach außen bewegt? Und nicht, wie noch vor kurzem an der Stelle straff und stramm verharrt? Schlimm sag ich dir. Ganz schlimm. ! :)

    Aber Scherz beiseite… Notaufnahme? Hormonhaushalt? Neffe? Gute Besserung, ich hoffe nichts allzuschlimmes, zu Punkt eins…

    Beste Grüße aus dem ahnungslosen Norden

    • Liebe, eine Lösung wird sich finden, da bin ich mir sicher. Es geht auch nicht so unbedingt darum, sie unsichtbar zu machen – es geht darum, dass sie nun DA sind. Sichtbar oder nicht. Da kann JB noch so viele davon wegflunkern. Aber es ist ein gutes Gefühl, verstanden zu werden. Wollen wir mal nicht von anderen Stellen sprechen, an denen die Zeit bereits sichtbar genagt hat … Wahrscheinlich liegt aber die umfassende Lösung in der Akzeptanz der Dinge … wahrscheinlich … es hätte auch schon viel früher passieren können. Oder schlimmer. Oder mehr … wie auch immer. Das erste ist immer das schlimmste.

      Alles (wieder) in Ordnung, soweit. DIe Pause tat gut. Der Neffe ist nun etwas über 2 Wochen alt, und in diesem kleinen Bündel Mensch scheint sich einfach das ganze Glück dieser Welt zu konzentrieren, er hält unsere Herzen in seinen noch etwas ungeschickten Händchen. Und wieder nagt die Zeit, von meinem unsensiblen Kollegen auf den Punkt gebracht: „Hä, wieso kriegst du nicht zuerst eins, deine Schwester ist doch viel jünger als du?“ Schweigen strafte schlimmer als jedes erdenkliche Schimpfwort in dem Moment.

      Liebe Grüße in den, wie ich finde, gar nicht so ahnungslosen Norden vom verregneten Rhein!

      • Ja, mir geht das auch so. Manchmal reicht es schon zu wissen, das man mit diesen Gedanken, vielleicht auch Ängsten nicht alleine steht. :)
        Was diese unsensiblen Anspielungen, bzw Sätze angeht, was soll ich dir sagen. Du hast sie immer. Die die lieber sprechen und dann denken. Die, die sich keine Gedanken darüber machen, ob das auch wirklich angebracht ist, oder nicht jedem selber überlassen sein sollte. Meist meinen sie es ja nie böse. Ganz im Gegenteil ^^ .

        Liebe Grüße zurück aus Wind und Regen, mit, ab und an Ahnung dann :D

    • Den Besserungswünschen schließe ich mich an, deine Situation vergaß ich schon durch die schönen Worte übers graue Haar und übers Leben. Ich habe meine Haare ja momentan auch blondiert und frage mich, ob darunter nicht auch schon graue Strähnchen warten.

      • Danke für deine Wünsche, lieber Ben, und für die „schönen Worte“. Sollte dem so sein, dass unter der Farbe die Farblosigkeit wartet – dann lass uns lieber auf die Natürlichkeit pfeifen :) Der Plan war zwar ein anderer, aber egal.

          • Das hebe ich mir für die Zeit jenseits der 60 (oder 65) auf … ;) Aber man sagt euch Männern ja eine noch gesteigerte Attraktivität mit diesen Anzeichen des Alters – Pardong! – der Reife nach.

          • Na dann nur her damit ;-) ne, ich möchte eigentlich noch keine grauen Haare finden, hab ich aber schon in den Augenbrauen und im Bart, insofern liegt es nahe, dass auch der Scheitel nicht mehr ganz von dunkelblonden Haaren bedeckt ist.

  2. Liebste, mußte es wirklich erst soweit kommen; das wollte ich zuerst schreiben. Tat es auch und gebe gleich selbst die Antwort: Ja, leider muß es manchmal erst soweit kommen. Weil wir manche Lektion nur auf die harte Tour lernen. Bitte nehmen Sie das Gelernte auf Ihrem weiterem Wege mit…
    Nun zu Ihrem Zeichenderzeitzündstoff: Nein, auch mir behagt so manches Zeichen der rinnenden Zeit nicht. Doch erwarte ich sehnsüchtig jedes Silberhaar. Würde ich derzeit nicht wie ein buntscheckiger Hund rumlaufen ohne Färberey, ach, könnte mein Kopf doch schon verschimmersilbert sein! Ausreißen? Sie sehen mich angemessen entsetzt. All‘ Ihr Kummer, all‘ Ihr Gekämpfe hat dieses Haar veredelt und Sie reißen es heraus. Also bitte…
    Genug gehadert, an mein Herz, Verehrteste! Wie schön, von Ihnen und einem treuen, zuverlässigen und flunkernden Begleiter zu lesen. Ergebenst, immer die Ihre.

    • Ja, meine Liebe, es musste. Sage ich jetzt, da ich mehr Positives als Negatives daraus ziehe. Diffuses formt sich nun zu klaren Ansichten, ich habe dem Wandel die Tür geöffnet und lasse ihn nicht mehr draußen vor dem Fenster meiner harren – er kommt ja doch herein, früher oder später.
      DasJahresende, ich wollte nie so recht dran glauben, es ist ja kein Ende, sondern es geht immer weiter, kein Kreis, sondern eine Gerade. Trotzdem will ich versuchen, Dinge besser zu machen und andere Dinge in diesem Jahr zu belassen und sie nicht mehr anrühren. Vielleicht muss ich sie symbolisch vergraben und eine Flasche Schaumwein darüber leeren – in mich, natürlich, alles andere wäre Verschwendung. Es wird nicht leicht, und deshalb werde ich um Unterstützung bitten – beim Schaumwein und beim Nichtmehranrühren von Dingen. Habe ich schon. Habe ich. Aber was schweife ich ab, es geht ja um die Silberfäden, es geht immer um Silberfäden. Die einen rühre ich gerne nach wie vor an, um sie zum Klingen zu bringen, vom Herz zum Herzen; die anderen versuche ich zu akzeptieren, sie sollen aber mich nicht anrühren. Das große Ganze heißt: Geduld, mit mir selbst, meinem Leben und meinem Umfeld. Genug Kummer und Gekämpfe, ab jetzt nur noch (sinnvolle) Reflexion in Vorwärtsrichtung und sportliche Herausforderung. Und ich denke, ich bin da in bonfortionösester Gesellschaft.
      Dankend ob all Ihrer Sorge und Anteilnahme, stets in Silberfädensilbenklang verbunden
      Mme C.

      • Ich verstehe, fühle gar jedes einzelne Wort, meine Liebe. Sie klingen in mir weiter und wecken Erinnerungen, die gleichzeitig neue Pforten aufstoßen. Ihre Gerade, sie wird ab und zu noch lämmerschwänzig ausscheren wollen, doch Ihr Blick soll nach vorne gerichtet bleiben. Dann fügt sich auch die Gerade wieder gradlinig ein. Ich will es ebenso tun.
        Alles Liebe und herzvolle Grüße, die Ihre, silbersilbenrührend.

  3. Ich habe lieber graue Haare anstatt gar keine Haare. Ich achte seit einiger Zeit darauf und ich komme mit viel gutem Willen auf max 10 Frauen, die ich kenne, die zu ihren grauen Haaren stehen. Alle anderen färben. Entsprechend erschreckt Frau über graue Haare

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