Wirkl¦ich¦welten – Stufe II

dachte ich. Das ist das Kreuz mit liegengelassenen Gedanken, wenn einem andere Dinge erst einmal wichtiger erscheinen. Was ist wohl besser? Hinterher, nach einiger Zeit, wiederlesen und denken „Hach ja, so habe ich mir das mal gedacht, wie süß?“ Diesen Zeitpunkt habe ich offensichtlich verpasst. Oder ruhen lassen, nachdenken, abändern, anpassen und am Ende nicht veröffentlichen, weil danach einfach gar nichts mehr passt? Oder alles so lassen und einen Nachtrag verfassen? Scheint mir jetzt gerade alles irgendwie blöd. Trotzdem entscheide ich mich für den Nachtrag. Gedanken vollends zu Grabe tragen liegt mir nicht.

Was, wenn diese gefühlten vielen Ichs und Michs nichts anderes sind, als die ausgefransten Enden eines Ganzen? Wie Leinenstoff, wenn man ihn nicht umsäumt und gleichzeitg strapaziert, keinen Abschluss anbringt. Ende, fertig, Schluss mit Fransen! Ausläufer eines nicht gesäumten Ganzen sind diese Ich-bin-Viele-Gedanken, der alles beendenden Nähmaschine entwischt. Fantasie, Vorstellungskraft lässt sich nicht begrenzen, das ist gut so, aber eine klare Trennung zwischen ihr und der Realität ist womöglich nicht das Schlechteste. Noch wehrt sich etwas in mir, das letzte Stück meines Linnen-Ichs unter der Maschine zu platzieren. Sie steht bevor, notgestoppt. Denn es fehlt an Sicherheit, das Fußpedal zu betätigen und den Saum anzubringen. Kein Weltuntergang. Und umgekehrt: Kein Saum ist für immer, ich habe schon mal einen wieder aufgetrennt, weil es am Ende nicht mehr passte. Nun habe ich gerade die letzten Fadenfetzen abgepflückt, die Stiche begutachtet und die Naht sauber wieder abgesteckt. Auf Probe, reversibel, es sind nur Stecknadeln, die ein Etwas zusammenhalten.

Ist es letztlich wirklich meine alleinige Entscheidung, wann die Nähmaschine erneut losfährt und einen Abschluss setzt? Neunähte sind haltbarer, habe ich gehört, spüre es auch. Man nimmt automatisch einen stärkeren Faden; Erfahrung macht klug. Ich versuche mich gerade selbst zu verstehen, was soll das nun alles mit Fransen und Nähmaschinen und Kettfäden und Stecknadeln? Begrenze ich mich gerade selbst? Oder ist es der Wunsch nach einem Ende aller Ausläufer und Franseleien, die bisher immer im Nirvana verschwanden? Dabei ist mir klar, dass eines endlich ein Ende haben soll: Der Blick zurück und der Versuch, brüchige Nähte wieder gerade zu rücken und neu zu versäumen. Unsinn. Einmal versäumt ist versäumt. Selbst wenn die Vergangenheit sich unregelmäßig anfühlt, die Ereignisse sich verknotet haben. Ein Abschluss begrenzt doch all ihre Ausläufer. Und vor mir liegt noch genug Stoff, der in Bahnen geschnitten werden will und mit Nadel und Faden eine Form erhalten soll. Wieder meldet sich die Erfahrung, die Arbeitsteilung mit der Waschfrau hat so gut geklappt, dass ich mich dazu entscheide, das Neunähprojekt mit ein wenig Hilfe anzugehen. Ein tapferes Schneiderlein – es ist wirklich sehr tapfer, denn es hält mich und meine holprige Vergangenheit aus, trägt und erträgt mich – bietet mir schon einen neuen Reihfaden an, stark und rot wie die Liebe. Bevor ich die Maschine anwerfe, hefte ich mit Stecknadeln unser beider Stoffbahn aneinander, zur Ansicht. In zwei Tagen weiß ich mehr, in welche Richtung die Maschine laufen wird.

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19 Gedanken zu “Wirkl¦ich¦welten – Stufe II

    • Ich weiß es nicht. Weil das das erste Bild war, das mir in den Sinn kam. Würde ich jetzt noch über Handnähte nachdenken, hätte dieses ganze Gebilde womöglich nicht gewünschte Ausmaße angenommen. Noch läuft die Maschine nicht, noch werden erste (Zwischen-)Schritte von Hand erledigt. Maschinennähte sind erfahrungsgemäß haltbarer als Handnähte, ich mag mich aber irren und ziehe besondere Sorgfalt und starkes Garn gerne in Betracht.

      • Manchmal sind die Dinge einfacher, als wir glauben. Auch Nähte, die halten sollen. Merke: Auf krummen Wegen kommt der Wanderer auch ans Ziel. Aber der gerade Weg, ist kürzer.

        Philosophische Grüße ;-)

        • Danke, meine Liebe! Ich merke, dass meine Gedanken nicht ganz ausgereift sind, aber die Situation ist es auch nicht, insofern … ich schaue, was sich ergibt, welchen Schritt und welches Material als nächstes kommt. Was ich auf jeden Fall sagen kann: Was immer sich ergibt, ich will es dankbar annehmen. (Ha! Wir werden sehen …)

  1. Meine Liebe, ich habe es jetzt mehrfach gelesen und mein Verstand schlägt Purzelbäume. Besonders bei dem ersten Teil. Beim zwoten grätscht mir die innere Ackerdame dawischen, mit lauten Nurvonhandistgutgenähtrufen. Antwortet die innere Kaffeehausbesuchsdame mit spitzer Stimme: „Aber da sticht man sich doch die Finger wund!“ Daraufhin brummelt das Wildweib in mir: „Na und, Arbeit schändet nicht, kann doch jeder sehen!“ Garbagegirl Liz haut mit der Faust auf den Tisch und zürnt, es muß doch getackert viel besser halten! Das Vergnüglichkeitsbeenebaumelgör schaut sich das ganze aus’m Apfelbaume heraus an und kichert sich eins. Dongt mir einen Schrumpelapfel an den Schwarzkopf und giggelt: „Mensch Käthen, jetzt haste auch Teil I verstanden…“

    • Ach, es gibt so viele Möglichkeiten … Halten soll es, wie ist wahrscheinlich eher zweitrangig. Und Ihr Vergnüglichkeitsbeenebaumelgör ist mir selbst mit Schrumpelapfel weit voraus. Ich gehe selbst noch mal nachlesen …

      • Vielleicht fügen sich die Stofflichkeiten ja kwasi wie von allein und es ist nur die falsche Pflege in der Nachfolgezeit, die das Ganze löcherig macht? Diese ganzen chemischen Behandlungen, vielleicht sogar Bleichmitteleinsatz. Dann wiederum zuviel Weichspüler oder Enthärter. Und dieses harsche Ausbügeln von jedwedem Fältchen aus dem Beziehungstuche. Vielleicht hält es ohne dieses ganze Sauberhaltgetue besser, denn ein wenig Abgeratztheit hat noch nie jemandem geschadet. Sagt das Vergnülichkeitsbeenebaumelgör. Ich höre selbst zu selten auf es.

        • Da packt uns der Perfektionismus, nicht wahr? Ich versuche es, habe Weichspüler und solche Sachen ganz aus der Waschküche verbannt, und gebügelt wird auch nicht mehr bei jedem kleinen Knitterchen. Ist doch gut so, wie es ist! Aber ja, man hört dennoch viel zu oft auf das, was da draußen über Wäschepflege geflüstert wird. Man sollte versuchen, hinter die gebügelte und gestärktgebleichte Fassade der Beziehungsgewebepflegegeflüsterer schauen, und da gibt’s ebensolche Abgeratztheit, und man fühlt sich darin wohl. Ach, dieser Wald an Metaphern …

          • Werteste, mit Ihnen im Metaphernwald zu silbenpicknicken ist immer wieder ein Hochgenuß. Die Bilder purzeln wie von selbst aus den Fingerkuppen in die Tastatur. Das ist übrigends meine zwotliebste Art zu schreiben. Mit Ihnen immer!

            Ja, diese scheinheiligkeitsgestärkten Gardinen, man müßte sie nur mal lupfen, da wuchert oft eine Miefspießigkeit mit Kissenharschknick und nur im Keller, da bei den Heimlichschmuddelmagazinen, da hat sich die gesunde Abgeratzheit versteckt. Der weiße Riese hat sie dahin vertrieben.

          • Silbenpickend im Silbersilbenpicknickwald mit Frau Knobloch – aber bitte mit gestärkter und plattgebügelter Rotweißkarodecke! Was solls, lassen Sie denen ihre Gardinen, wir wollen das ja auch nicht, dass bei uns gelupft und gezupft wird, was wir lieber für uns behalten wollen. Was wären wir, was wär die Welt ohne unseren schönen Schein nach außen? Lassen Sie denen ihre Schmuddelwutzeheftchen im Keller und bedauern Sie mit mir die kellertiefe Weißerrieseverdrängung schmuddelwutzigwohltuender Abgeratztheit am heimischen Herd – oder Sofa oder woauchimmer, daheeme halt – also ich bügel heute nix und morgen auch nicht! Ich hab besseres vor, ich geh mit Ihnen zum Picknick im Silbersilbenwald auf einer abgeratzten Picknickdecke, und meine beiden Katzen nehm ich auch mit! Inbegriff der Schmuddelwutzigkeit. Also rein optisch.

          • Ich bin ja bekennende Schmuddelwutzwohlfühlabgeratztschmutzine. Ich mißtraue den Blitzblankblitzcleananbetern. Mit mir dürfense kichern, kleckern, krachend küssen, hach, alles was das Wohlfühlherz begehrt. Ich sehe schon, ich parplautze mich mal mit auf die Schmuddeldecke und schnurre mir den Miezen um die Wette. Mit allen dreien.
            Schalllachende Grüße, immer die Ihre.

  2. Sie haben Stoff ohne Ende, er ist unerschöpflich. Säume auftrennen, Fransen abschneiden…Das hängt davon ab, ob es praktisch oder schön oder warm oder funktional sein soll oder darf.
    Ich glaube, Sie zögern vielleicht, weil der Schneider möglicherweise den Schnitt des Gewandes vorgeben könnte?

    Es gibt kein universelles Schnittmuster.

    • Ich weiß, selbst wenn ich eine Bahn verschneide, wartet schon die nächste auf Bearbeitung. Trotzdem schmerzt jeder Verschnitt. Es gilt, behutsam vorzugehen. Was es sein soll? Am liebsten alles zugleich und nichts davon! antwortet Madame Contraire voll Überschwang.

      Nein, es gibt kein universelles Schnittmuster, und jedes Teil ist einzigartig und nicht nachschneiderbar. Aber passen sollte es. Der Schneider wirkt beratend, hat natürlich Mitspracherecht, doch vorgeben und vollends einkleiden in etwas, worauf ich keinen Einfluss habe, das lehne ich strikt ab. Vielmehr … es ist so, dass ich gerade nicht so klar sehe, wohin und was ich will, und welche Faktoren es sein werden, die mir bei dieser Entscheidung helfen könnten.

    • Liebe Sophia, hab vielen Dank für deine Gedanken! Das Zitat kannte ich noch nicht, aber es scheint hoch und laut, dass wir nicht die einzigen mit diesen Ansichten sind. Texten und Weben haben mit Sicherheit ihre Parallelen. Bei mir hier im Vorgärtchen ist die Textilienmetapher vor allem präsent, wenn es ums dichte Beziehungsgeflecht und dessen Entwirrung geht. Offensichtlich geht es damit nun weiter…

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