Abschiedsmond

„Aber … was habe ich denn falsch gemacht?“ Er schaute sie aus großen flehenden Augen an. Sie konnte seinen Blick nicht lange erwidern und senkte den Kopf. „Es liegt nicht an dir. Glaub mir. Ich … Es ist meine Schuld.“ Er vergub sein Gesicht an ihrem Hals, im Meer ihres langen weichen Haares und klammerte sich an sie wie ein Ertrinkender. Seine Schultern zuckten.

Sie hasste diese Momente. Viel zu oft hatte sie schon Abschied genommen, jedes Mal war es notwendig und nicht abzuwenden. Sie dachte über all die zurückliegenden Abschiede nach, und keiner unterschied sich groß von diesem hier. Manchmal weinten sie eben. Manchmal wurden sie zornig, und wieder andere saßen einfach nur stumm da und ließen es über sich ergehen. Sie schwieg und ertrug noch eine Weile den Druck auf ihrer Schulter, die verzweifelte Umarmung. Ihr Blick wanderte zum Fenster hinaus. Es war noch Zeit, aber nicht mehr viel.

„Und es gibt wirklich keine Chance, dass wir … ?“ – „Nein, und es tut mir unglaublich leid. Aber es muss sein.“ Wie oft hatte sie diesen Satz schon sagen müssen. Jedes Mal, so schien es, klang er ein wenig mehr nach Tonbandaufnahme, stetig, leiernd, abgedroschen. Aber was sonst sollte sie in einem Moment wie diesem sagen? Er tat ihr wirklich leid. Viele taten das nicht. Manche hatten es geradezu verdient, das spürte sie meist schon früh. Er hier aber hatte nichts von all dem verdient, wusste sie, und sie bedauerte jetzt, dass sie ihm begegnet war. Dass er ihr begegnet war. Falsche Zeit, falscher Ort. Aber nicht mehr zu ändern.

Sie versuche sich aus seiner Umklammerung zu lösen. „Hör mal, ich muss jetzt …“ Ihre Stimme versagte. Sie fühlte sich plötzlich unsagbar schwach. Ihr Blick glitt wieder nach draußen. Was, wenn sie dieses Mal anders handelte? Was würde geschehen? Er war so liebenswert und so verletzlich, jetzt gerade. Und war doch so stark gewesen, hatte sie auf Händen getragen. Wäre er auch stark genug, „es“ zu ertragen, sie zu ertragen? Musste das dieses Mal überhaupt so enden wie all die anderen Male? Sie spürte den Zweifel an ihr nagen. Konnte er es auch spüren?

Er löste sich schließlich von ihr, eine Träne fiel von seinen Wangen auf ihr schwarzes Haar, glitzerte noch kurz im fahlen Licht, bevor sie sich auflöste. Die letzten Schleierwolken verzogen sich und gaben zögerlich den Blick auf den vollen Mond am Himmel frei. Sein bläuliches Licht erfüllte mit einem Mal den Raum. Sie atmete tief ein. „Ich werde sanft sein“, versprach sie, und strich ein letztes Mal liebevoll mit spitzen Krallen über seine tränennasse Wange, als ihr Rücken aufbrach und schwarzes Fell zum Vorschein kam…

 

… Über und über mit seinem Blut verschmiert sprang sie in die dunkle Nacht hinaus. Sie hatte sich dieses Mal sehr beeilt. Ihm die Klauen ohne Zögern durch den Brustkorb geschlagen, das Herz gepackt und zerfetzt.  Sie hatte ihm für den Bruchteil eines Moments noch einmal in die schreckgeweiteten Augen gesehen, er hatte seinen Mund schmerzverzerrt zum stummen Schrei geöffnet, bevor sie ihm in die Kehle biss. Morgen würde man nur ein zur Unkenntlichkeit zerfetztes Bündel Mensch vorfinden, Wände, Teppich, Vorhänge blutgetränkt. Niemand würde etwas bemerkt haben. Keine Schreie, keine Einbruchspuren, nur ein geöffnetes Fenster. Bis dahin war sie längst über alle Berge, in einer anderen Stadt, in einer anderen Gestalt, bereits nach der nächsten Begegnung gierend. Aber nun würde sie erst einmal Unterschlupf suchen im Wald, oder zwischen den Betonbauten der nächtlichen Stadt, um ihre eigenen Wunden zu lecken. Die eine Wunde, die sie schwärend im Herzen trug, die ständig wuchs. Wie oft würde sich das noch wiederholen müssen? Vielleicht so lange, bis dieses Herzgeschwür alles Material aufgebraucht hatte und es nichts mehr gab, worin es brennen und wüten konnte.

 

Credits
Ein Dank an den Vollmond heute früh auf der Fahrt zur Arbeit, als er hinter Wolkenfetzen hervorlugte und mir einen Inspirationsfunken ins kranke Hirn streute.

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27 Gedanken zu “Abschiedsmond

  1. Nicht meins, gar nicht meins und doch dreimal gelesen. Mir fremde Bilder, bewußt fremd gehalten und doch faszinierend. Ich schalte mein Vorstellungsrädchen im Gedankengetriebe in den Ruhemodus. Wenn dies eine Schreibübung ist, meine Liebe, dann sind Sie bald Meisterin. Grüße vom Tagsüberheileweltgänschen, Ihrer Frau Knobloch.

    • Vielen Dank, werte Frau Knobloch. Dass Sie trotzdem gelesen haben und auch noch drei Mal. Wie immer liegt irgendwo irgendwas dazwischen. Mir liegen solche Schauermärchen auch nicht sonderlich, bin ich doch weit über das Stadium der Pubertät hinaus. Aber da ich derzeit anscheinend die Zeit und auch den Kopf dafür habe, jedwede Inspiration in Worte zu fassen, nahm ich eben die Herausforderung an, die mir der blasse Mond heute früh um 6 stellte.

        • Dankefeinst dafür, dass Sie sich trotz allem noch ein weiteres Mal hiermit befasst haben. Und es auch noch mit einem Fetzt verzieren. Selbst wenn Sie (oder andere) nun gesagt hätten, dass der Text absolut schrecklich und schlecht ist – ich hätte es gerne und bereitwillig angenommen. Sie erinnern sich, geben und geben lassen, nur so kommen wir voran. Herzlichst, die Immer-Ihre, Mme C.

  2. Also ich bin hellauf begeistert. Anfangs war ich noch ein wenig unschlüssig, warum das jetzt so lief und ein wenig will ich mich nicht dem beugen, dass die Kerle schon am ersten Abend nicht mehr loslassen wollen, aber womöglich sind es vampirische Anziehungskräfte, die da wirken. Mir gefiel es ausgesprochen gut und ich muss meinen Nacken- und Halsschutz mal wieder überprüfen. ;-)

  3. Hm. Feine Geschichte. Gefällt mir. Sie erinnert mich an etwas, ich komm im Moment aber nicht drauf. Kein Film oder Roman, Nee…ich denk noch drüber nach. Aber klasse find ich sie. Für eine Schreibübung auf dem Weg zur Arbeit gleich doppelt gut.

      • Das fand ich nun nicht, dass sie gefährlich nah an pubertierende Romanvorlagen liegt. Das Wesen, so wie ich es mir vorstelle, wäre für solche Romane nicht geeignet. Und mir ist eingefallen, woran mich die Geschichte erinnert: an eins meiner eigenen Bilder! Schauen Sie mal auf meinem Blog ins Portfolio nach „Kuss der Sphynx“…Mittlerweile wäre das Tier etwas brutaler in meiner Vorstellung, so wie meine Zeichnung mit dem Titel „Succubus“, finden Sie dort allerdings nicht. Sie merken, ich habe eine Schwäche für diese Wesen, auch im echten Leben, im übertragenen Sinne…Warum auch immer.

  4. Wow. Guter Text – hat mich echt überrascht, die Wendung. Ich dachte erst, es ist einfach „nur“ eine Liebesgeschichte. Aber dann, Bäm! :)
    Dann hat der Vollmond ja ganze Arbeit geleistet.
    Liebe Grüße!

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