10 Wörter, Runde 10: Erinnerungen

Die liebe Frau Ahnungslos hat uns wieder 10 Wörter zur Verfügung gestellt, dieses Mal stammen sie von Monika-Maria, ein Dank an dieser Stelle für eine neue, kreative Aufgabe.

Sprache
Schönheit
Anerkennung
Frieden
Spätsommer
Tee
Kerzen
Häckeldecke
Wiedersehensfreude
Wollkiste

Es hatte ihr glatt die Sprache verschlagen, als sie ihn das erste Mal sah. Er war keine Schönheit im Sinne von großgewachsen oder besonders gut gekleidet. Aber seine Augen… Und die Nase, vor allem die. Eine Philosophennase, das mochte sie, und sie wusste, sie würde sich dagegen nicht wehren können. Philosophennasen verschlugen ihr stets beim ersten Anblick den Atem, und sie war ihr Herz los, bevor sie eine bewusste Entscheidung treffen konnte. Er war eines Tages plötzlich da, nahm wochentags die gleiche Bahn wie sie zur Arbeit. Sie warf ihm verstohlene Blicke zu, die er ebenso verstohlen zu erwidern begann.

Sie hatte ihren Frieden mit sich gemacht. Dieser Mann gab ihr die Anerkennung, die sie verdiente. Sie hatte endlich gelernt, sich und ihre Fähigkeiten zu schätzen und fasste Vertrauen in die Welt. Sie verbrachten einen traumhaften Spätsommer, redeten oft bis spät in die Nacht hinein. Und als es herbstlich wurde, saßen sie bei Tee und Keksen auf dem Balkon. Sie liebte Kerzen, ein sanftes Licht, das zwischen ihnen schien, wenn der Tag wieder viel zu schnell zur Neige ging und er ihr, aufmerksam wie er war, eine Häkeldecke über die fröstelnden Schultern legte. Er war einfach immer da.

An einem Sonntagnachmittag saßen sie wieder einmal auf ihrem Balkon und genossen die letzten warmen Sonnenstrahlen. Sie hatte die Häkelnadel und die fertiggehäkelten Quadrate in den Schoß gelegt, und ließ den Blick in die Ferne schweifen. Eine Decke sollte es werden, für die kühleren Tage, die sicher bald kommen würden. „Morgen“, sagte sie und legte Entschlossenheit in ihre Stimme. Sie warf Häkelnadel und Wolle zurück in die Wollkiste, nippte an ihrem bereits erkalteten Tee und sprach in Richtung des zweiten Sessels: „Morgen spreche ich dich endlich an.“ Ihre Wiedersehensfreude war riesengroß.

 

Anmerkung:
Dieses Mal drängte sich mir schon beim Überfliegen der Wörter ein Szenario auf, daher dauerte es nur etwa 15 Minuten, bis die kleine Geschichte entstanden war. Offensichtlich war ich ein wenig zu schnell, ich finde sie nämlich nicht besonders originell, sie klingt schrecklich nach „schon da gewesen“. Aber geschrieben ist geschrieben.

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9 Gedanken zu “10 Wörter, Runde 10: Erinnerungen

  1. Ich mag sie. Egal, wie oft derley Szenario schon beschrieben wurde, es gibt nicht genügend Geschichten für alle die einsamen Menschenkinder. Und das Kopfkino läuft sachte surrend an…
    Fetzt! Ihre Frau Knobloch.

  2. Madame Contraire, ich weiß nicht, was Sie an Ihrer Geschichte abwerten, aber ich finde sie schön. Weil sie Bilder in meinen Kopf projiziert. Wirklich schön.

    Aber wie sehen denn Philosophennasen aus, bitte? ;-)

    • Nun, eigentlich hat Frau Bukowski einst diesen Begriff geprägt, ich vermute, weil sie genau das darunter verstanden hat, was meine Protagonistin daran so fasziniert. Nehmen Sie sie einfach mal mit auf einen Spaziergang und beobachten Sie die Menschen. Sollte sich ihr Blick irgendwann verlieren, ihre Augen aufstrahlen und sollten Sie merken, wie sie ihr Herz ungefragt in Richtung eines besagten Nasenträgers wirft: voilà, Philosophennase, so sieht sie aus.

        • Also, das tut mir jetzt aber auch so gar nicht leid …. In meinem Kopf steckt auch noch eine Nasengeschichte, aber ich denke nicht, dass sie zum Abschluss kommt.

          Falls Ihre Zeit es erlaubt, schauen Sie doch bitte mal kurz zur Frau Knobloch herüber. Da ist Ihre werte Erlaubnis zur weiteren Verwendung und Anglikanisierung des kleinen Spanky gefragt.

          • Über Ihre Nasengeschichte würde ich mich freuen, wenn Ihnen danach ist und die Zeit reif ist, sie zu veröffentlichen. Danke für den Hinweis bei der Frau Knobloch, ich schau mal rüber bei Ihr. ;-)

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