Landgang

Ich  bin, ich war ein wenig Fliegender Holländer, seegeschüttelt und nach Jahren des einsamen Umherirrens, nur das weite, weite Meer um mich herum und in mir drinnen, zusammen mit der treuen Crew, die sich nicht vermehrte, eher noch stetig reduzierte – denn nur bei einem Landgang ist es möglich, neue Matrosen anzuheuern -, dem sich endlich die lang ersehnte Chance bietet, an neuen Ufern anzulegen und sich umzuschauen, den Bannbrecher ausfindig zu machen. Ungewohnt war zunächst der feste Boden unter den Füßen, wo sich der Körper doch schon so lange an das Schwanken und Wanken auf glitschigen Planken gewöhnt hatte, ausgleichend sich stets verbog in jede Richtung, nur um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Da setze ich nun den Fuß auf feste Erde und merke, sie trägt, trägt sogar weit, so weit die Füße es wollen, immer der Nase nach, das Meer bleibt hinter mir, das Herz füllt sich mit fremden, wundersamen Eindrücken. Geradestehen muss ich, lerne ich gleich zu Anfang. Verbiegen ist hier nicht vonnöten. Die fremde neue Welt nimmt Notiz vom neuen Fremdling, das war es aber auch schon, und unbehelligt setze ich meinen Landgang fort.

Wie lange wird das anhalten, dieses Hochgefühl? Wann wird der Zeitpunkt kommen, da ich wagnerianisch – „Nie sollst du mich befragen“ – dem Zweifel begegnen muss und das Vertrauen verliere, das doch gerade so gefestigt erscheint? Wird das  gebrochene Wort und damit der ungebrochene Bann diese festigenden Vertrauenstaue kappen können und mich dann wieder hinaus aufs Meer schleudern? Ist das mein Schicksal? Oder löse ich mich jetzt davon, hole die Segel endlich ein und binde mich, anstatt wie sonst am Mast, um den Sirenenstimmen ja nicht zu erliegen, hier am nächstbesten Poller fest, um länger zu verweilen?
Es gibt sie, die Sinnsuchenden, diejenigen, die den ruhigen Hafen ebenso suchen wie ich, auch solche, die es hinaus drängt aufs wilde Meer. Es gibt sie alle. Vereint sind wir, für einen Moment, teilen die Lust am ungebrochenen, geschriebenen Worte, lauschen den erschaffenen Perlen, denen die Hand, aus der sie stammen, gütigerweise eine Stimme leiht. Stimme und Worte formen zusammen das Wahre, das Richtige, genau den Klang, den sie haben sollen, der so ureigens beabsichtig ist. Wahrer, schöner ist in diesem Augenblicke nichts. Das ist sie, die Gemeinsamkeit, das unsichtbare Band, das uns für eine kurze Zeit allesamt verbindet.

Ich nehme dies alles mit. All die Eindrücke, die Empfindungen eines Abends an Land. Erhebe mich schließlich wieder in die Lüfte, und als ich am Heimatflughafen ankomme, wartet Nick Cave am Gate auf mich. „Are you the one I’ve been waiting for?“ fragt er mich, Hoffnung und Verwunderung zugleich legt er in seine Stimme. Sirenenstimme. Ich sehe ihm in die Augen. Es ist The boatman’s call. Aber er ruft mich nicht zurück auf mein Schiff, um mich weitere Jahre auf See herumirren zu lassen. Ich weiß es, und mit dieser Erkenntnis verblasst Nick Caves Gestalt langsam, statt dessen blicke ich meinem eigenen Spiegelbild entgegen. „Ja“, antworte ich mir. Ich nehme mir die Tasche ab, schließe mich zur Begrüßung fest und gleichsam liebevoll in die Arme. Eine ganze Weile stehe ich so mit mir da. Dann endlich sehe ich mir wieder in die Augen.  „Ja. Ich bin diejenige, auf die ich so lange gewartet habe.“

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15 Gedanken zu “Landgang

  1. Ich glaube ja, Festbinden ist nie die ideale Lösung. Weder am Mast noch am Poller. Aber vielleicht lässt sich ein dauerhafter Landaufenthalt mit einer kleinen Seefahrt zwischendurch abwechslungsreicher gestalten, falls die Sehnsucht nach dem Gewohnten erstarkt. Muss ja nicht gleich der große Segler sein. Und auch nicht der Atlantik. Mit der Jolle auf dem Rhein ist es auch ganz nett. Und wenn man dann wieder am Hafen anlegt, kann man sich wieder richtig über die Ankunft von sich selbst freuen.

    • Da gebe ich dir recht, festbinden ist nicht ideal. Aber für den Anfang vielleicht, bevor einen das Segelschiff wieder mit aller Macht ins Meer zu ziehen versucht, bis man sich davon gelöst hat. Und eine kleine Seereise dann und wann ist natürlich nicht ausgeschlossen, das ist eine schöne Aussicht. Letztendlich sage ich mir: alles ist möglich, wenn das Meer in einem drin erst einmal bezwungen ist.
      Danke für deine Gedanken!

    • Guten Morgen Sir Alec, schön dich zu sehen! Ich hoffe es geht dir gut.
      Du hast ja recht, ich sollte mir nicht zu viele Gedanken um all das machen und einfach surfen. Möglicherweise mache ich das auch nicht in dem Ausmaß, es mag sein, dass das alles viel dramatischer klingt mit Wagner und Metaphernwerk, aber allein beim Zusammenfügen der Wörter und Bilder habe ich derzeit einen Riesenspaß.

  2. So, jetzt hammses geschafft, meine Liebe. Ich habe tunlichst alle Blogeinträge gemieden, um nicht überall herumzugreinen, wie sehr es mich grämt, bei diesem Piratenauftrieb der bonfortionösen Art nicht dabeigewesenzusein. Jetzt lese ich hier und… zack, ich war wohl doch dabei. In Ihnen, mit Ihnen, ich spüre das Silbenperlenband. Danke dafür und natürlich wünsche ich Ihnen weitere neugierige und heimatfühlende Landgänge. Immer die Ihre, Frau Knobloch.

    • Liebe Käthe, ich hätte eigens für Sie eine Spoilerwarnung oben am Mast anbringen sollen, tut mir leid, dass ich Sie so in die Falle gelockt habe. Aber ja, Sie waren natürlich mit dabei, in aller Munde sogar. Wir haben Sie gebührlich vermisst, wir haben Sie zitiert und wir haben uns gefragt, wie es wohl gewesen wäre, wären Sie leibhaftig in unserer Mitte gewesen. Das nächste Mal – ich sage es Ihnen und drohe mit dem Taue, das Sie mit ans Boot fesseln wird, sollten Sie den Termin nicht halten können.
      Ebenso die Ihre, silbersilbenfädig verbunden
      Mme C.

      • Ich gestehe ja inzwischen die Famosfalligkeit der Contraire’schen Schiffsplanken ein, meine Liebe. Und natürlich kringele ich mich über die Inallermundeseyerey! Das war also das Gekribbele Freitagabend, da wurden Fernwortküsschen versandt. Fetzt! Hachende Grüße, die Ihre, herzfein zugetan.

  3. Sehr gewaltige Metaphern, liebe Madame, sehr gewaltig. Mir scheint, je metaphorischer Ihr geschriebenes Wort, desto klarer erschließt sich mir der Inhalt…Meine Bewunderung für Ihre Fähigkeit steigt immer mehr, das wird womöglich erstmal so bleiben.

    Sie sprechen mir aus der Vergangenheit meiner Seele, und es gibt kaum etwas, dass ich hinzufügen könnte, das nicht schon in und zwischen Ihren Worten wahrzunehmen ist. Auch Sir Alec’s Worte würde ich nur nachäffen, selbst wenn sie noch nicht hier stehen würden.

    Erst wenn jedes Gegenteil gelebt wurde, findet man die Goldene Mitte, den eigenen Ankerplatz. Man erkennt in vielleicht nicht sofort. Vielleicht auch nicht hübsch, oder dauerhaft tragfähig. Für manche ein Hafen, für manche ein Schiff, doch es gibt vielmehr dazwischen, für jeden. Und erst, wenn man DIESEN einen Platz gefunden hat, ist man wirklich in der Lage, hinauszufahren. Und wiederzukommen, sich selbst in die Arme zu fallen. Zuhause zu sein. Manchmal vergisst man den Platz, sucht von Neuem, aber er blwibt. Und wenn man ihn wiederfindet, ist er vielleicht ein Stück gewachsen, aber man wundert sich, dass er immer noch der alte ist.

    Zu lang für einen Kommentar. Tut mir leid fürs Ausschweifen.

    • Nie kann so ein Kommentar zu lang sein, bitte kein Entschuldigen. Ich mag jeden Ihrer Gedanken zu meiner Seefahrt und dem Anlegen im Hafen. Es stimmt ja, manchmal glaubt man ihn gefunden zu haben, und dann ist er es doch nicht, oder man entfernt sich und erkennt erst von weitem, dass er’s ist. Jedenfalls war es ein sehr schöner Moment, als ich das Ziel da fand, wo ich eigentlich aufgebrochen war, nämlich in mir. Wie heißt es doch so wahr: Man muss sich manchmal erst entfernen, damit man sich wieder annähern kann?
      Naja, die Reise wird nie zu Ende sein, das wäre auch schade, da hätte ich bald nichts mehr zu erzählen von Planken und Meeren, Segeln und Piraten. Ich mag Piraten nämlich, ich bin selber so was wie einer. Ein Teilzeitpirat, ja, das trifft’s.

      Vor allem aber dies noch: Entschuldigen Sie sich nicht. Nie mehr. Nicht bei mir. Und der ist auch noch für Sie: :-)

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