The Post-London Diaries of Little Miss Contrary III

Der Vollständigkeit halber

In Gedanken sitze ich in einem kleinen Café am Rhein, die Sonne scheint schüchtern durch eine diesige Schicht Wolken. Vor mir ein großer Milchkaffee, wunderschön und lecker, und ein Karamellkeks. Da sitze ich, zusammen  mit meinem Lächeln, und klopfe mir, ebenfalls in Gedanken, auf die Schulter. Gemacht. Geschafft. Innerhalb weniger Minuten war die Vorsorgeuntersuchung vorbei, das Ergebnis lautet: alles in Ordnung. „Wie im Lehrbuch“, schwärmt Frau Doktor. Gut, ein bisschen Wartezeit hatte ich, wurde aber dafür mit folgender Szene entschädigt:

Ein Mann, geschätzt Mitte 30, sitzt im Wartezimmer, unter 8 Frauen. Er blättert in einem Heft, in der Praxis gibt es tatsächlich auch Sportzeitschriften und Automagazine, aber so recht bei der Sache ist er doch nicht? Blickt ständig hoch und in den Flur. Eine junge Frau kommt schließlich ins Wartezimmer, sie strahlt, und selbst wenn ich ihr leises Flüstern und den lauten Schmatz auf seine Lippen vollkommen überhört hätte, würde ich trotzdem den Grund dafür kennen. „Sechste Woche.“ Das Wartezimmer wird Zeuge, wie hier und jetzt ein neues Abenteuer beginnt. Mit einem strahlenden Lächeln, roten Ohren und ichfassesnicht-feuchten Augen. Ich bin seltsam berührt und lächle den beiden zu, während sich die übrigen Wartenden wieder hinter ihren Zeitschriften verschanzen.

Daran denke ich, als ich am Rhein sitze, den letzten Tag eines märchenhaften Oktobers und meinen Milchkaffee genieße. In Gedanken. Denn eigentlich sitze ich schon wieder am Schreibtisch und versuche die zwei Stunden, die ich weg war, wieder aufzuholen. Verloren sind sie nicht, im Gegenteil. Gewissheit ist das,was ich gewonnen habe. In mehrfacher Hinsicht.

 

Danke, Manny!

 

 

Nachtdialog III – Nichts überstürzen

– Nein, völlig richtig, ich finde es jetzt auch noch viel zu früh, sich übers Zusammenziehen Gedanken zu machen.

– Vollkommen. Sieh mal, das ist doch gerade totaler Luxus, den wir haben. Jeder hat seine Wohnung, wir können uns jederzeit sehen – oder eben nicht.

– Ja, finde ich auch voll super.

– M-hm. … Sag mal … welche Kindernamen gefallen dir eigentlich, so?

Wirkl¦ich¦welten – Stufe I

Mir scheint, als sei ich mir immer mehr als einzig gewesen. Im Zwischenraum, zwischen Fassade und innerstem Inneren, wende ich mich von einer Seite zur anderen, mal mehr, mal weniger, situations- und menschabhängig. Das kennt jeder, behaupte ich. Wie viel Ich lege ich hinein in Begegnungen, Begebenheiten, wie viel von mir lasse ich be¦greifen? Ist dieses Ich denn einzig? Oder ist Ich auch wieder Viele, mehrere Wirklichkeiten, geschichtet und gestapelt, ein Regal voller Settings, aus denen ich wähle, welches mir/uns heute am besten passt? Kennt das wirklich jeder, frage ich mich. (Und das andere Mich. Das antwortet spontan mit „Ja!“, das nächste weiß es nicht und ein drittes hat nicht zugehört, weil es gerade damit beschäftigt ist, in seine heutige Wirklichkeit zu schlüpfen. Die anderen spielen irgendwo im Zwischenraum.)

Für viele mag es die eine Wirklichkeit geben. So wie es für viele das eine Leben, die oder den Eine/n gibt. Gibt es das alles? Wie viele Leben gibt es? Und gibt es mehrere, dann eines nach dem anderen oder parallel? Doppel-, Zweit-, gar Unleben? Wie viel Welt lässt man in sein Ich, wie viel Ich lässt man in diese Welt¦en? Wie viele davon baut man sich auf? Zwischen-, Traum- und Parallel-: Welten Zwischen Traum und Parallelität?

Und wenn wir sprechen von der Realität, der Realität, ist dann meine die gleiche wie deine? Oder ist meine ganz anders? Und gleicht deine bloß in Grundzügen der meinen? Und haben wir parallele Realitäten, wie viele Teile weisen Kongruenz auf, wie viele Abschnitte sind inkongruent bis divergent? Es scheint nicht so, dass Ich mit Dir lebe – mein Wir lebt mit deinem Euch, Ihr lebt mit Uns, jedes Ich sucht sich ein Du, das ihm passt, mit dem es auskommt. Die Ichs und Dus, die sich nicht entsprechen,  das sind Enden, die lose im Raum hängen, veröden oder ihre Dus in wieder anderen Settings anderer Welt- und Wirklichkeitsschaffender suchen.

Wir – du, ich und die anderen – werden nie in der einen Wirklichkeit miteinander leben, nie einzig sein, immer im Zwischenraum zwischen Fassade und innerstem Inneren, immer abwägend, wie viel Ich wir in die Welt senden und wie viel Welt wir in uns zulassen…

Die Fortsetzung: Wirkl¦ich¦welten – Stufe II 

 

Wirkl¦ich¦welten – Stufe II

dachte ich. Das ist das Kreuz mit liegengelassenen Gedanken, wenn einem andere Dinge erst einmal wichtiger erscheinen. Was ist wohl besser? Hinterher, nach einiger Zeit, wiederlesen und denken „Hach ja, so habe ich mir das mal gedacht, wie süß?“ Diesen Zeitpunkt habe ich offensichtlich verpasst. Oder ruhen lassen, nachdenken, abändern, anpassen und am Ende nicht veröffentlichen, weil danach einfach gar nichts mehr passt? Oder alles so lassen und einen Nachtrag verfassen? Scheint mir jetzt gerade alles irgendwie blöd. Trotzdem entscheide ich mich für den Nachtrag. Gedanken vollends zu Grabe tragen liegt mir nicht.

Was, wenn diese gefühlten vielen Ichs und Michs nichts anderes sind, als die ausgefransten Enden eines Ganzen? Wie Leinenstoff, wenn man ihn nicht umsäumt und gleichzeitg strapaziert, keinen Abschluss anbringt. Ende, fertig, Schluss mit Fransen! Ausläufer eines nicht gesäumten Ganzen sind diese Ich-bin-Viele-Gedanken, der alles beendenden Nähmaschine entwischt. Fantasie, Vorstellungskraft lässt sich nicht begrenzen, das ist gut so, aber eine klare Trennung zwischen ihr und der Realität ist womöglich nicht das Schlechteste. Noch wehrt sich etwas in mir, das letzte Stück meines Linnen-Ichs unter der Maschine zu platzieren. Sie steht bevor, notgestoppt. Denn es fehlt an Sicherheit, das Fußpedal zu betätigen und den Saum anzubringen. Kein Weltuntergang. Und umgekehrt: Kein Saum ist für immer, ich habe schon mal einen wieder aufgetrennt, weil es am Ende nicht mehr passte. Nun habe ich gerade die letzten Fadenfetzen abgepflückt, die Stiche begutachtet und die Naht sauber wieder abgesteckt. Auf Probe, reversibel, es sind nur Stecknadeln, die ein Etwas zusammenhalten.

Ist es letztlich wirklich meine alleinige Entscheidung, wann die Nähmaschine erneut losfährt und einen Abschluss setzt? Neunähte sind haltbarer, habe ich gehört, spüre es auch. Man nimmt automatisch einen stärkeren Faden; Erfahrung macht klug. Ich versuche mich gerade selbst zu verstehen, was soll das nun alles mit Fransen und Nähmaschinen und Kettfäden und Stecknadeln? Begrenze ich mich gerade selbst? Oder ist es der Wunsch nach einem Ende aller Ausläufer und Franseleien, die bisher immer im Nirvana verschwanden? Dabei ist mir klar, dass eines endlich ein Ende haben soll: Der Blick zurück und der Versuch, brüchige Nähte wieder gerade zu rücken und neu zu versäumen. Unsinn. Einmal versäumt ist versäumt. Selbst wenn die Vergangenheit sich unregelmäßig anfühlt, die Ereignisse sich verknotet haben. Ein Abschluss begrenzt doch all ihre Ausläufer. Und vor mir liegt noch genug Stoff, der in Bahnen geschnitten werden will und mit Nadel und Faden eine Form erhalten soll. Wieder meldet sich die Erfahrung, die Arbeitsteilung mit der Waschfrau hat so gut geklappt, dass ich mich dazu entscheide, das Neunähprojekt mit ein wenig Hilfe anzugehen. Ein tapferes Schneiderlein – es ist wirklich sehr tapfer, denn es hält mich und meine holprige Vergangenheit aus, trägt und erträgt mich – bietet mir schon einen neuen Reihfaden an, stark und rot wie die Liebe. Bevor ich die Maschine anwerfe, hefte ich mit Stecknadeln unser beider Stoffbahn aneinander, zur Ansicht. In zwei Tagen weiß ich mehr, in welche Richtung die Maschine laufen wird.

Manny: Kämpfer, Krafttier, Schleifenträger

Pünktlich zum Wochenende wurde mir, wurde uns die Ehre zuteil, der Leserschaft ein neues Krafttier vorzustellen: Manny, benamt von Frau Knobloch, entworfen von Mo Beumers, erbeten von Madame. Ein kleiner Waschbär mit einer großen Aufgabe, nämlich für den Kampf gegen Brustkrebs einzustehen und das Bewusstsein hierfür zu fördern – und zu fordern.

Waschbärstarkes Bewusstsein

 

Verschiedene Fragen mögen sich ergeben, was Madame sich nun genau vorstellt. Ich versuche es mal:

Wie soll Manny eingesetzt werden?
Mir persönlich gefiele es, wenn jeder, der sich mit Manny identifizieren kann, ihn auf seiner Seite verlinkt und gerne ein oder zwei Worte zum Thema Brustkrebs verliert. Wenn gewünscht. Sich wortlos solidarisch zeigen ist in meinen Augen aber genau so wertvoll und wünschenswert.

Warum?
Siehe Mannys Aufgabe. Mir, uns liegt daran, das Bewusstsein für diese Erkrankung zu fördern und zu fordern. Solidarität für Betroffene, Angehörige, Freunde zu bekunden. Das Bewusstsein dafür zu wecken, dass wir eine Verantwortung haben. Für uns selbst und für andere.

Und sonst?
Wenn ich schon am Fordern bin – und das habe ich in den letzten Tagen oft getan – dann möchte ich gerne noch dieses loswerden: Greift zum Telefon, macht einen Vorsorgetermin aus, besser heute noch als morgen – auch Ihr, liebe Jungs! Die Untersuchung dauert nicht lange, und durch eine Früherkennung stehen die Chancen einer vollständigen Heilung gut. Gerade bei einer familiären Vorbelastung ist es wichtig, regelmäßige Untersuchungen durchführen zu lassen, auch schon vor 30. Die Ärzte haben dafür im allgemeinen großes Verständnis. Mein Termin ist am 31.10. um 10:30 Uhr.

The Post-London Diaries of Little Miss Contrary II

Where is the Power Animal when you need it?

Angefixt, voller Begeisterung und, wie immer, mit einer viel zu großen Klappe verbrachte ich den Abend vor meinem Abflug mit dem Ausdrucken und Ausschneiden meines, unseres Spanky, der sich selbst bewarb mit dem Slogan Spank Against The Fake! German Waschbärpower. Überall, wo mir spankenswerte Unzulänglichkeiten auf der Insel begegneten, gelobte ich, wolle ich eine Spankykarte anheften und fotodokumentieren. Mein Hasenherz hatte sich bis dato noch nicht zu Wort gemeldet, wahrscheinlich schlief es noch unter den begeisterungsaufgeheizten contrairschen Schwingen meiner Reiselust.

Ich könnte nun argumentieren, dass mich all die Sinneseindrücke dieser wahrlich bemerkenswerten Stadt so sehr in ihren Bann gezogen hatten, dass ich nicht in der Lage war, auch nur einen Moment an Spanky zu denken – ja nicht mal zum Fotografieren sei ich gekommen! So eine Speicherkarte ist schneller vernichtet, als man glauben mag.

Im Flugzeug bekam Spanky zum Aufwärmen einen Platz neben den verteilten englischen Keksen und am hochgeklappten Tischchen, in London selbst wagte ich nur mehr, ihn auf den Toiletten des Landes zu verteilen – wahrscheinlich motiviert von den Gesprächen junger Frauen über die „Sinnlosigkeit des Studienfachs BWL“ und der Notwendigkeit, sich hochzuarbeiten, um eines Tages in der Lage zu sein, First Class fliegen zu dürfen – oder mindestens Business Class, denn in der Holzklasse bei all den gewöhnlichen Economy-Touristen, also bitte, dafür habe man ja nun nicht studiert und ein Praktikum nach dem anderen absolviert! Letztendlich fand Spanky noch einmal Anwendung, als ich in einer Kaffeehauskette einen Milchkaffee orderte und mich die sofortige Erkenntnis mit unumstößlicher Gewissheit nach dem ersten Schluck ereilte: Sonnenklar, weshalb dies ein Volk von Teetrinkern ist. Alles in allem eine sehr unbefriedigend verlaufene Kampagne.

Der letzte Abend gestaltete sich unterhaltsam, ein Musicalbesuch stand natürlich auch auf dem Programm. Das Geburtstagsgeschenk für meine werte Mitreisende, der ich die Bedeutung von Spanky nicht hatte erläutern können, ohne dass meine Tarnung, sprich: die Tatsache, dass ich hier als Madame Contraire bloggend mein Unwesen treibe, aufgeflogen wäre. Wer mich in Hamburg kennengelernt hat, weiß, dass ich das meinem Umfeld momentan lieber vorenthalte, sonst wäre ich nicht mehr in der Lage, so frei zu schreiben, wie ich es tue. Jedenfalls endete die Darbietung damit, dass die Zuschauer begeistert von ihren Sitzen sprangen, lauthals mitsangen und anschließend einer Ansprache lauschen durften, in der auf den Breast Cancer Awareness Month – Oktober – eingegangen wurde. Um Unterstützung für den Kampf gegen diese schreckliche Krankheit wurde gebeten, für 20 Pfund könne man ein T-Shirt erwerben, dessen Erlös zur Gänze die Forschung unterstütze. Oder an den Ausgängen das eine oder andere Pfund in ein Eimerchen rollen lassen. Money bucket challenge. Und was ging nun Madame im Kopf herum, als sie sich am Ausgang herumdrückte, die Abendbegleitung schon an ihrer Hand zerrte, ob man nun nicht endlich nach Hause wolle?

Excuse me, Miss … May I introduce this little fellow to you? His name is Spanky, he is a German … was heißt jetzt Waschbär auf Englisch, verflixt … a German power animal. I found your speech so very moving, and the first thought I had when you reported on male and female breast cancer was that people suffering from this terrible disease would need a power animal just like Spanky to … recover their strength and move on and fight …

Aber mein persönliches Krafttier war nicht da an diesem Abend. Hätte man mich belächelt? Hätte man sich statt meines Gestammels lieber ein paar zusätzliche Pfund  im Eimer gewünscht? Was sind Worte, wenn Geld eine viel mächtigere Sprache spricht. Ich war trotzdem sehr enttäuscht von mir, dass ich es nicht gewagt hatte, wenn ich schon nur ein paar wenige Münzen gespendet hatte, wenigstens Solidarität zu beweisen. Das wäre Spankys großer Auftritt gewesen, und ich habe ihn vermasselt. Schlafen konnte ich jetzt noch nicht, und daher beschloss ich, meine Gedanken abzuladen und etwas gegen mein mieses Gewissen zu tun: ich bat Mo Beumers, aus dessen Feder Spanky stammt, ein Krafttier zu entwerfen, das sich mit einer rosafarbenen Schleife solidarisch im Kampf gegen den Brustkrebs präsentiert. An dieser Stelle hat er die Idee bereits vorgetragen. Manny, so der Name des kleinen Kerlchens mit der großen Mission (bei der Namensfindung stand wiederum die hochgeschätzte Frau Knobloch Patin), möchte ich einen eigenen Eintrag widmen, sobald er mir zur Verfügung steht. Und dann darf Manny mit geballter Waschbärpower überall dort spielen gehen, wo er gewollt und gebraucht wird. Was das bringen soll? Ich weiß es nicht. Die eigene Beruhigung? Halbherziges Ich-tu-halt-mal-was? Vielleicht aber auch eine weitere Möglichkeit, ein größeres Bewusstsein zu schaffen für all das Schreckliche, das uns in unserem westlichen komfortablen weichgespülten Leben begegnet, und dagegen anzukämpfen. Noch ist Oktober, Breast Cancer Awareness Month. Oder machen wir ein Jahr draus. Unerheblich. Cancer never sleeps.

Schlafen konnte ich nach dieser Nachricht allerdings auch nicht. All die Worte, die ich nicht ausgesprochen hatte, rauschten noch lange in meinem Kopf.


Yes, I might have an idea what it means to …
My aunt died years ago of breast cancer, she left two young kids. Her parents never recovered.
My best friend’s sister died in 2011, it was horrible.
She left her twin babies behind.
My friend has kids on her own now and every single day she fears she might suffer the same.
She needs to grow confident again, as she was before all that happened.That nearly broke her. Not to mention her parents.
I know how it feels to lose someone dear to this illness.
My grandmother fell ill after losing her husband.
She was always a proud woman, headstrong and bold and loving.
When she died, she was a small and broken one, no more a lady as she used to be, the obvious signs of her womanhood removed, an empty shell, suffering pain until she took her last breath.
Just to ment
ion a few.
Yes, this is sounds dramatic. Excuse me for bothering you. Here, your 20 pounds. Keep the shirt, it won’t fit anyway.

The Post-London Diaries of Little Miss Contrary I

Depend on yourself!

The f-word. One of the least distinguished expressions but seemingly fitting in this context: Women, depend the f* on yourselves. Aber der Reihe nach:

Du kommst nach Hause, hast es dir schön warm gemacht. Endlich rechtfertigen die Temperaturen das flackernde Feuer im Ofen, und deine Katzen liegen schon, alle viere von sich gestreckt, davor und warten nur noch auf ihre Streicheleinheiten. Du lächelst. Die letzte Zeit hat Wundersames hervorgebacht. Endlich spürst du das, wonach du ein gefühltes Leben lang gesucht hast: Zufriedenheit. Du siehst dich um in deinen vier Wänden, lächelst noch immer, und da fällt ganz spontan der Entschluss: Heute.

Die Außentreppe ist bereits freigeräumt, alle Türen stehen sperrangelweit offen, und der Möbelroller ist platziert. Du schiebst die schwere Ledercouch quer durchs Wohnzimmer, am Arbeitszimmer vorbei durch die Küche und in den Flur. Bleibst an diesem vom ständigen Hin- und Herrücken ramponierten Schuhschrank hängen. Schiebst ihn in das angrenzende Zimmer und die Couch vorbei bis zur Haustür. Sie geht nicht um die Ecke. Einen kurzen Moment überlegst du, deinen Vater anzurufen, auch wenn die halbe Nachbarschaft schon neugierig in deine offene Haustür blickt und mit Sicherheit ein netter, starker Mensch bereit wäre, dir aus deiner misslichen Lage zu helfen. Auch Papa würde alles für seine Prinzessin tun, aber gerade das willst du nicht, nicht heute. Du stellst also die Dreisitzercouch aufrecht auf die schmale Seite. Sie dürfte gerade so durch die Tür passen – wenn der eine Fuß nicht an der Wand hängenbleibt. Nicht schlimm. Nur ein kleiner Kratzer. Du hast noch Farbe im Keller. Und es ist deine Wand. Mit der Farbe, die du ausgesucht hast. Die Couch lässt sich drehen, sie passt exakt durch die Türöffnung, und du lässt sie wieder ab. Schief hängt sie auf der marmornen Treppe. Mittlerweile blicken die Nachbarn unverwandt und ganz ohne Vorhang auf das, was sich da in deiner Haustür abspielt. Der Bus kommt gleich, die Bushaltestelle gegenüber steht voll mit starrenden Menschen. Strange little lady…

Aber das spornt dich noch mehr an. Du ziehst die schwere Couch Zentimeter für Zentimeter die Stufen herab, vergewisserst dich, dass sie nirgends hängenbleibt, kippst die Couch etwas auf die Seite, damit der hintere Fuß über die Türschwelle gleitet, ohne Spuren zu hinterlassen. Und selbst wenn, es ist deine Türschwelle. Teuer bezahlt, vom Schreiner gefertigt und eingebaut, weil’s dem feinen Herrn nicht gut genug sein konnte – aber du hattest ja Geld, also beauftragt man den Fachbetrieb. Der Urlaub in diesem Jahr fiel aus, ihn störte das weniger. Aber nun steht die Couch auf den letzten Stufen, einmal, zwei Mal noch ziehen, und sie steht im Hof. Es nieselt. Du platzierst den Möbelroller, den du griffbereit auf die Treppe gestellt hast, wieder unter der Couch und schiebst sie in die Garage. Die mittlerweile leer ist. Du hast in den letzten Monaten die Hinterlassenschaften deines Ex-Messies zum Müll und auf die Deponie gebracht, so viel, dass die Leute im Dorf schon Gerüchte in die Welt setzten, dein Haus sei – endlich! – wieder frei und zu verkaufen. Wie soll eine kleine Frau auch in der Lage sein, ein Haus alleine zu halten, ich bitte Sie!

Als du den Schuhschrank wieder in Position bringen willst, verzieht sich der Rahmen noch ein bisschen mehr, die Schubladen hängen noch weiter durch und lassen sich nicht mehr schließen. Er hatte ihn damals gekauft, „weil DEINE VERDAMMTEN SCHUHE hier überall rumstehen!“ Du hast nichts gesagt, fandest das Design einigermaßen schrecklich, aber zweckmäßig. Kurzerhand holst du den Kreuzschlitzschraubendreher aus deinem Werkzeugkoffer – ja, du hast so etwas, und den besten Daddy der Welt – und schraubst die Schubladen heraus. Wenig später liegen deine Schuhe auf dem Boden, so viele sind es gar nicht, und die Motorradstiefel kannst du eigentlich getrost in der Garage aufbewahren – die Saison ist vorbei und du brauchst sie ohnehin nur alle Schaltjahre einmal. Und diese Pumps, die er dir mal gekauft hatte – „Irgendwie ziemlich nuttig, aber geil“ – die brauchst du jetzt auch nicht mehr. Die verbleibenden Paare finden ihren Platz im anderen, noch intakten Schuhschrank, dort, wo seine früher standen.

Dein Wohnzimmer sieht jetzt viel größer aus. Du brauchst eigentlich auch nur eine Zweisitzercouch. Und den Lesesessel natürlich. Du blickst an dir herab. Deine schwarze Hose ist staubig. Dein Nagellack zerkratzt. Dein Herz hämmert in deiner Brust, aber weniger vor Anstrengung, als vor Freude. Proud as f*. Independent, finally. Und ein klein wenig ärgerst du dich über dich selbst, jetzt, als du mit schmutzigen Fingern auf der Tastatur herum hämmerst, auf der Suche nach einer hübschen kleinen Kommode, dass der Gedanke an ihn dich immer noch zu schlechten Erinnerungen hinreißt. Das wird das nächste sein, was bei dir rausfliegt. Diese Erinnerungen. Fabelhafte Unterstützung für dieses Unterfangen kommt in Form einer Textnachricht.

„Business parters‘ cancelled dinner tonight. Would you like me to come over?“ Einmal noch, bitte! Dann sage ich es nicht wieder: „F* yes!“

 

P.S.: Der SpankyinLondonverteilbericht folgt auch noch. Die Zeitverflugsgeschwindigkeit läuft wieder auf höchster Stufe.

P.P.S.: Happy Blogiläum! Ich habe es auch dieses Jahr wieder verpasst, pünktlich zum Blog-Geburtstag einen Eintrag zu schreiben, in dem ich mich bei euch allen für’s Lesen, Liken und Kommentieren bedanken wollte.

Abschiedsmond

„Aber … was habe ich denn falsch gemacht?“ Er schaute sie aus großen flehenden Augen an. Sie konnte seinen Blick nicht lange erwidern und senkte den Kopf. „Es liegt nicht an dir. Glaub mir. Ich … Es ist meine Schuld.“ Er vergub sein Gesicht an ihrem Hals, im Meer ihres langen weichen Haares und klammerte sich an sie wie ein Ertrinkender. Seine Schultern zuckten.

Sie hasste diese Momente. Viel zu oft hatte sie schon Abschied genommen, jedes Mal war es notwendig und nicht abzuwenden. Sie dachte über all die zurückliegenden Abschiede nach, und keiner unterschied sich groß von diesem hier. Manchmal weinten sie eben. Manchmal wurden sie zornig, und wieder andere saßen einfach nur stumm da und ließen es über sich ergehen. Sie schwieg und ertrug noch eine Weile den Druck auf ihrer Schulter, die verzweifelte Umarmung. Ihr Blick wanderte zum Fenster hinaus. Es war noch Zeit, aber nicht mehr viel.

„Und es gibt wirklich keine Chance, dass wir … ?“ – „Nein, und es tut mir unglaublich leid. Aber es muss sein.“ Wie oft hatte sie diesen Satz schon sagen müssen. Jedes Mal, so schien es, klang er ein wenig mehr nach Tonbandaufnahme, stetig, leiernd, abgedroschen. Aber was sonst sollte sie in einem Moment wie diesem sagen? Er tat ihr wirklich leid. Viele taten das nicht. Manche hatten es geradezu verdient, das spürte sie meist schon früh. Er hier aber hatte nichts von all dem verdient, wusste sie, und sie bedauerte jetzt, dass sie ihm begegnet war. Dass er ihr begegnet war. Falsche Zeit, falscher Ort. Aber nicht mehr zu ändern.

Sie versuche sich aus seiner Umklammerung zu lösen. „Hör mal, ich muss jetzt …“ Ihre Stimme versagte. Sie fühlte sich plötzlich unsagbar schwach. Ihr Blick glitt wieder nach draußen. Was, wenn sie dieses Mal anders handelte? Was würde geschehen? Er war so liebenswert und so verletzlich, jetzt gerade. Und war doch so stark gewesen, hatte sie auf Händen getragen. Wäre er auch stark genug, „es“ zu ertragen, sie zu ertragen? Musste das dieses Mal überhaupt so enden wie all die anderen Male? Sie spürte den Zweifel an ihr nagen. Konnte er es auch spüren?

Er löste sich schließlich von ihr, eine Träne fiel von seinen Wangen auf ihr schwarzes Haar, glitzerte noch kurz im fahlen Licht, bevor sie sich auflöste. Die letzten Schleierwolken verzogen sich und gaben zögerlich den Blick auf den vollen Mond am Himmel frei. Sein bläuliches Licht erfüllte mit einem Mal den Raum. Sie atmete tief ein. „Ich werde sanft sein“, versprach sie, und strich ein letztes Mal liebevoll mit spitzen Krallen über seine tränennasse Wange, als ihr Rücken aufbrach und schwarzes Fell zum Vorschein kam…

 

… Über und über mit seinem Blut verschmiert sprang sie in die dunkle Nacht hinaus. Sie hatte sich dieses Mal sehr beeilt. Ihm die Klauen ohne Zögern durch den Brustkorb geschlagen, das Herz gepackt und zerfetzt.  Sie hatte ihm für den Bruchteil eines Moments noch einmal in die schreckgeweiteten Augen gesehen, er hatte seinen Mund schmerzverzerrt zum stummen Schrei geöffnet, bevor sie ihm in die Kehle biss. Morgen würde man nur ein zur Unkenntlichkeit zerfetztes Bündel Mensch vorfinden, Wände, Teppich, Vorhänge blutgetränkt. Niemand würde etwas bemerkt haben. Keine Schreie, keine Einbruchspuren, nur ein geöffnetes Fenster. Bis dahin war sie längst über alle Berge, in einer anderen Stadt, in einer anderen Gestalt, bereits nach der nächsten Begegnung gierend. Aber nun würde sie erst einmal Unterschlupf suchen im Wald, oder zwischen den Betonbauten der nächtlichen Stadt, um ihre eigenen Wunden zu lecken. Die eine Wunde, die sie schwärend im Herzen trug, die ständig wuchs. Wie oft würde sich das noch wiederholen müssen? Vielleicht so lange, bis dieses Herzgeschwür alles Material aufgebraucht hatte und es nichts mehr gab, worin es brennen und wüten konnte.

 

Credits
Ein Dank an den Vollmond heute früh auf der Fahrt zur Arbeit, als er hinter Wolkenfetzen hervorlugte und mir einen Inspirationsfunken ins kranke Hirn streute.

10 Wörter, Runde 10: Erinnerungen

Die liebe Frau Ahnungslos hat uns wieder 10 Wörter zur Verfügung gestellt, dieses Mal stammen sie von Monika-Maria, ein Dank an dieser Stelle für eine neue, kreative Aufgabe.

Sprache
Schönheit
Anerkennung
Frieden
Spätsommer
Tee
Kerzen
Häckeldecke
Wiedersehensfreude
Wollkiste

Es hatte ihr glatt die Sprache verschlagen, als sie ihn das erste Mal sah. Er war keine Schönheit im Sinne von großgewachsen oder besonders gut gekleidet. Aber seine Augen… Und die Nase, vor allem die. Eine Philosophennase, das mochte sie, und sie wusste, sie würde sich dagegen nicht wehren können. Philosophennasen verschlugen ihr stets beim ersten Anblick den Atem, und sie war ihr Herz los, bevor sie eine bewusste Entscheidung treffen konnte. Er war eines Tages plötzlich da, nahm wochentags die gleiche Bahn wie sie zur Arbeit. Sie warf ihm verstohlene Blicke zu, die er ebenso verstohlen zu erwidern begann.

Sie hatte ihren Frieden mit sich gemacht. Dieser Mann gab ihr die Anerkennung, die sie verdiente. Sie hatte endlich gelernt, sich und ihre Fähigkeiten zu schätzen und fasste Vertrauen in die Welt. Sie verbrachten einen traumhaften Spätsommer, redeten oft bis spät in die Nacht hinein. Und als es herbstlich wurde, saßen sie bei Tee und Keksen auf dem Balkon. Sie liebte Kerzen, ein sanftes Licht, das zwischen ihnen schien, wenn der Tag wieder viel zu schnell zur Neige ging und er ihr, aufmerksam wie er war, eine Häkeldecke über die fröstelnden Schultern legte. Er war einfach immer da.

An einem Sonntagnachmittag saßen sie wieder einmal auf ihrem Balkon und genossen die letzten warmen Sonnenstrahlen. Sie hatte die Häkelnadel und die fertiggehäkelten Quadrate in den Schoß gelegt, und ließ den Blick in die Ferne schweifen. Eine Decke sollte es werden, für die kühleren Tage, die sicher bald kommen würden. „Morgen“, sagte sie und legte Entschlossenheit in ihre Stimme. Sie warf Häkelnadel und Wolle zurück in die Wollkiste, nippte an ihrem bereits erkalteten Tee und sprach in Richtung des zweiten Sessels: „Morgen spreche ich dich endlich an.“ Ihre Wiedersehensfreude war riesengroß.

 

Anmerkung:
Dieses Mal drängte sich mir schon beim Überfliegen der Wörter ein Szenario auf, daher dauerte es nur etwa 15 Minuten, bis die kleine Geschichte entstanden war. Offensichtlich war ich ein wenig zu schnell, ich finde sie nämlich nicht besonders originell, sie klingt schrecklich nach „schon da gewesen“. Aber geschrieben ist geschrieben.

Landgang

Ich  bin, ich war ein wenig Fliegender Holländer, seegeschüttelt und nach Jahren des einsamen Umherirrens, nur das weite, weite Meer um mich herum und in mir drinnen, zusammen mit der treuen Crew, die sich nicht vermehrte, eher noch stetig reduzierte – denn nur bei einem Landgang ist es möglich, neue Matrosen anzuheuern -, dem sich endlich die lang ersehnte Chance bietet, an neuen Ufern anzulegen und sich umzuschauen, den Bannbrecher ausfindig zu machen. Ungewohnt war zunächst der feste Boden unter den Füßen, wo sich der Körper doch schon so lange an das Schwanken und Wanken auf glitschigen Planken gewöhnt hatte, ausgleichend sich stets verbog in jede Richtung, nur um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Da setze ich nun den Fuß auf feste Erde und merke, sie trägt, trägt sogar weit, so weit die Füße es wollen, immer der Nase nach, das Meer bleibt hinter mir, das Herz füllt sich mit fremden, wundersamen Eindrücken. Geradestehen muss ich, lerne ich gleich zu Anfang. Verbiegen ist hier nicht vonnöten. Die fremde neue Welt nimmt Notiz vom neuen Fremdling, das war es aber auch schon, und unbehelligt setze ich meinen Landgang fort.

Wie lange wird das anhalten, dieses Hochgefühl? Wann wird der Zeitpunkt kommen, da ich wagnerianisch – „Nie sollst du mich befragen“ – dem Zweifel begegnen muss und das Vertrauen verliere, das doch gerade so gefestigt erscheint? Wird das  gebrochene Wort und damit der ungebrochene Bann diese festigenden Vertrauenstaue kappen können und mich dann wieder hinaus aufs Meer schleudern? Ist das mein Schicksal? Oder löse ich mich jetzt davon, hole die Segel endlich ein und binde mich, anstatt wie sonst am Mast, um den Sirenenstimmen ja nicht zu erliegen, hier am nächstbesten Poller fest, um länger zu verweilen?
Es gibt sie, die Sinnsuchenden, diejenigen, die den ruhigen Hafen ebenso suchen wie ich, auch solche, die es hinaus drängt aufs wilde Meer. Es gibt sie alle. Vereint sind wir, für einen Moment, teilen die Lust am ungebrochenen, geschriebenen Worte, lauschen den erschaffenen Perlen, denen die Hand, aus der sie stammen, gütigerweise eine Stimme leiht. Stimme und Worte formen zusammen das Wahre, das Richtige, genau den Klang, den sie haben sollen, der so ureigens beabsichtig ist. Wahrer, schöner ist in diesem Augenblicke nichts. Das ist sie, die Gemeinsamkeit, das unsichtbare Band, das uns für eine kurze Zeit allesamt verbindet.

Ich nehme dies alles mit. All die Eindrücke, die Empfindungen eines Abends an Land. Erhebe mich schließlich wieder in die Lüfte, und als ich am Heimatflughafen ankomme, wartet Nick Cave am Gate auf mich. „Are you the one I’ve been waiting for?“ fragt er mich, Hoffnung und Verwunderung zugleich legt er in seine Stimme. Sirenenstimme. Ich sehe ihm in die Augen. Es ist The boatman’s call. Aber er ruft mich nicht zurück auf mein Schiff, um mich weitere Jahre auf See herumirren zu lassen. Ich weiß es, und mit dieser Erkenntnis verblasst Nick Caves Gestalt langsam, statt dessen blicke ich meinem eigenen Spiegelbild entgegen. „Ja“, antworte ich mir. Ich nehme mir die Tasche ab, schließe mich zur Begrüßung fest und gleichsam liebevoll in die Arme. Eine ganze Weile stehe ich so mit mir da. Dann endlich sehe ich mir wieder in die Augen.  „Ja. Ich bin diejenige, auf die ich so lange gewartet habe.“