10-Wörter-Versuch: Feierabendgedanken

Mein erster Versuch, westendstories Einladung zu folgen und die vorgegebenen 10 Wörter zu einem Text zu verarbeiten. Der erste Versuch schlug fehl, der zweite brauchte tatsächlich ca. 15 Minuten für seine Entstehung. Es hat auf jeden Fall Spaß gemacht, obwohl ich zunächst nicht dachte, dass ich mit den Vorgaben arbeiten kann. Eine schöne Schreibübung. Jetzt aber: Hier ist mein Text:

 

Montagnachmittag, an der roten Ampel, verselbständigte sich einmal wieder ihre Fantasie. Was wäre, schwänge sie sich zu Hause angekommen noch einmal auf ihr Fahrrad und radelte, bei dem momentanen Sauwetter und  von Wahn getrieben, in den Tiermarkt, um noch Katzenfutter zu kaufen? Katzenfutter und Streu, so ein 20-Kilo-Sack, hinten auf dem Gepäckträger. Wo Futter, da auch Stoffwechselendprodukte, ein nicht zu durchbrechender Kreislauf. Deswegen. Streu war auch fällig. Und dann würde sie so die Straße entlang radeln und hätte nicht bemerkt, dass der Katzenstreusack ein Loch hatte, und das Streu würde sich hinter ihr auf den Asphalt ergießen, und der nächste Krankenwagen, der vielleicht Blutkonserven geladen hat, würde ins Schleudern geraten – Werden Blutkonserven von Krankenwagen transportiert?  – und all das Spenderblut würde sich – platsch! – auf der Straße verteilen. Mann, was für ein Massaker. Gut, dass dann schon das Katzenstreu da läge, das gäbe Megablutklumpen, die man super wegschaufeln könnte. Würde man das jetzt Glück im Unglück nennen? Katastrophal, ihre Feierabendgedanken. Bei der Männerquote in ihrer Firma konnte man sich als eine der wenigen Frauen auch nur katastrophal fühlen. Sie hatte dieses Erhardt-Zitat über ihrem Schreibtisch kleben, „Frauen sind die Juwelen der Schöpfung. Man muss sie mit Fassung tragen.“ Ein Kollege hatte ihr das mal ausgedruckt, sie hatte sich darüber gefreut, aber irgendwie blieb ein schaler Nachgeschmack, bis heute. Sie hatte abgelehnt, mit ihm was trinken zu gehen, das war schon Jahre her. Warum fiel ihr das gerade jetzt wieder ein? Es nahm sie jedenfalls kaum Wunder, dass sie nach Feierabend abstruse Katzenstreublutklumpengedanken überfielen. Vielleicht sollte sie sich wirklich mehr Gesellschaft suchen. Menschliche Gesellschaft. Ihre Katzen gaben ja zumeist keine qualifizierten Antworten, und sie konnte sich auch nicht immer nur damit beschäftigt halten, das Unkraut in ihrem kleinen Gärtchen hinter dem Haus zu jäten. Das Gemüse war noch schweigsamer als ihre Katzen. Eingekocht ruhte es still und stumm in ihrer Tiefkühltruhe, und nach sechs oder zwölf Monaten warf sie es dann meist weg, weil sie so viel allein nicht essen konnte. Katzenfutter. Würden ihre Stubentiger mal Wirsinggemüse oder grüne Bohnen fressen, dann müsste sie jetzt bei dem Sauwetter nicht noch mal raus und Futter und Streu kaufen, und der Krankenwagen käme nicht ins Schleudern und die Blutklumpen müssten nicht weggeschaufelt werden. Katastrophal. Die Ampel sprang auf Grün, endlich. Morgen würde sie das Erhardt-Zitat über ihrem Schreibtisch entfernen. „Unkraut“, dachte sie noch, „vergeht nicht, aber man kann sich trotzdem dranwagen.“

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16 Gedanken zu “10-Wörter-Versuch: Feierabendgedanken

  1. Schön, dass Sie diesmal dabei sind. Die Geschichte gefällt mir und lässt mich Schmunzeln, nein, Lachen. Spätestens bei dem Bild, riesige Blutklumpen von der Straße zu schaufeln. Super gemacht!

    • Huch und Hach, ein schmunzelndes Lachen und noch dazu ein „Super gemacht“ – das lässt mich glatt erröten, da sende ich Ihnen ebenso glatt ein leuchtend-blinkerndes Augenzwinkern zurück.

          • Schade, dass ich mein schallendes Lachen bei dem Bild in meinem Kopf hier nicht anhängen kann…Madame, Ihr Humor ist grandios. Jetzt färben sich sogar die Lachfalten dunkelrot.

          • Dem Lachen nach zu urteilen sehen Sie vor Ihrem geistigen Auge gerade die kleine Contraire, wie sie mittlerweile von einem burgunderroten Farbverlauf überzogen und mit zusamnengekniffenen Lippen auf ihre Fußspitzen starrt, innerlich mit den Armen rudernd und auf der Suche nach dem nächsten aufnahmebereiten Erdboden. Geben Sie’s ruhig zu.

          • Nein, ich hatte das Bild abstrakter vor Augen: ein geflügeltes Hochrot – gesendet von aber ohne Besitzer, das den Flugverkehr lahmlegt. Jetzt wäre das Bild perfekt, wenn sie sich einen mit gleichem Farbverlauf ausgestatteten Mo vorstellen, der mit zusammengekniffen Augen in die Luft starrend sämtliche vermeindlichen Hindernisse aus dem Weg rempelt…“Tschuldigung, Sorry…Ou, Verzeihung…ich muss hier…Nee, da…da kommt gleich…können Sie das mal kurz halten?…Tschuldigung…HIER! HIIEER!“ ich versuche mal im Takt zu erröten, vielleicht macht das die Landung einfacher.

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