Mit dir ist die Vergangenheit erloschen.

Du bist mir ein Licht gewesen, hast mein Herz erfreut. Ich bin oft so froh gewesen, dass es dich gab. Ein Stückchen Geborgenheit, ein Stückchen dessen, was mir bereits verloren war. Nur geborgt. Dazugeschlichen habe ich mich, unter deine Flügel und in dein großes Herz, in dem schon so viele Platz fanden, und doch gab es ungefüllten, unerfüllten Raum. Die Türen hast du aber immer gut verschlossen gehalten. Auch dein Schmerz war hinter großen dunklen Toren verborgen, und nur selten schauten seine Ausläufer durch den winzigen Spalt darunter hervor. Denn was bringt es, wenn man sich zeitlebens aufopfert und liebt und tröstet und zuhört und pflegt, wenn keiner sonst mit der gleichen Intensität zurückliebt und tröstet und zuhört. Mich schmerzte das, ich hätte dich gern ein wenig mehr auf Händen getragen, hin und wieder, aber das stand mir nicht zu, weil ich allzu angepasst gewesen war. Und meine eigene Sorge, die habe ich ebenso gut verborgen wie du die deine. Ich glaubte dich zu verstehen. Mit dir zu fühlen. Vielleicht habe ich deshalb so lange gezögert. Um ehrlich zu sein, als ich das Donnergrollen von weitem nahen hörte und wusste, das Unwetter kommt unweigerlich auf mich zu, da dachte ich zuerst an dich. Ich dachte, alle anderen werden damit zurecht kommen, aber dich, ausgerechnet dich, wollte ich nicht verletzen. Doch du verstandest. Liebtest weiter, auch wenn gerade Liebe hier endete und das Ende dieser Liebe der Donnerschlag und seine Folgen waren. Ich bin so froh, dass wir uns im Frühjahr noch sahen, so als wäre nichts, als hätte sich zwischen uns nichts geändert. Hat es auch nicht. Wir trugen uns immer noch gegenseitig im Herzen. Du schlichst dich in meine Gedanken, kurz bevor es zu Ende ging. Ich wollte noch nach dir fragen, da erreichte mich die Nachricht, dass du nach schwerem Kampf von uns gegangen bist. Ich war da, dich zu verabschieden, und es tat weh. Tut immer noch weh. Wie schmerzhaft muss dein Tod erst für diejenigen sein, die dich noch viel länger und zeit ihres Lebens kannten? Ich klammere mich an den Gedanken, dass der Tod auch einen Sinn erfüllen muss: an jenem Tag waren wir alle gleich, all jene, die zu deiner Verabschiedung kamen. Wir waren alle eins, so entzweit wir doch schienen. Keine Schmerzverursacherin, keine Zurückgelassenen. Schmerz bekommt in Zeiten der Trauer eine neue Dimension. Und ich fand Trost in der Berührung, in der Umarmung und selbst im stummen Kopfnicken und hoffte, dass auch ich Trost geben konnte. Du mochtest Rosarot. Ich hatte keine Blumen mit, aber in Gedanken schickte ich dir einen rosaroten lieben Gruß hinterher, hinab, da wo die Sehnsucht deiner letzten Jahre bereits begraben lag. Dich einmal noch in den Arm nehmen. Vielleicht besuchst du mich ja bald im Traum, dann sagen wir uns noch einmal Tschüss. Und ich werde dir Danke sagen. Für alles, was du für mich warst. Und dafür, was du selbst im Tod für mich getan hast: Mit dir ist die Vergangenheit erloschen. Nun sind wir alle bloß noch Mensch.

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6 Gedanken zu “Mit dir ist die Vergangenheit erloschen.

  1. Ich mußte erst meine alberne Stimmung ablegen, um hier in diesem Meer der Dankbarkeit behutsam meine heißen Wangen kühlen zu können. Und kann doch eines nur schreiben: So einen Abschiedsliebesbrief wünscht man jedem geliebten Menschen schreiben zu können. Vor allem in einer so schwierigen Konstallation. Weil darin die Vergebung und der Frieden ruht. Sie haben tröstliche Worte gefunden, die gehört werden, da bin ich mir sicher. Herznahe Grüße, immer die Ihre.

    • Liebe Käthe, ich wünschte, ich fände öfter solche Worte für die Menschen, die ich liebe. Manches macht mich absolut stumm. Manches wünschte ich in Worte fassen zu können, noch ehe es zu spät ist. Manches müsste gesagt und gehört werden, bevor man für immer getrennt wird. Letztendlich tröste ich mich selbst mit diesen Worten und finde endlich Frieden. Ebenso herznahe wie silbrigfädenspinnende Grüße zurück!

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