Einst war Gestern Heute, das Wiederkehrende, das Nun von Morgen, Jetzt.

Das Heute

Ich sitze hier, vor einem weißen Blatt. Starre vor mich hin, still, unbewegt. In mir aber tobt und rauscht es. Wohin mit all diesen Emotionen, ein Meer, das hart gegen die Klippen der Realität geschleudert und durcheinander gewirbelt wird?

Das Gestern

Ich habe die Erlaubnis, das Schiff meines Herzenskapitäns allein zu entern, er ist noch nicht zurück – wieder eine dieser Besprechungen, in Hochzeiten seiner vielen Aktivitäten sind das bis zu fünf pro Woche. Aber es dauert nicht lange. Sagte er. Etwa bis neun, halb zehn. Ich lese in den Seekarten, fahre mit dem Finger die Längen- und Breitengrade nach, und erst als ich in den Himmel sehe, weiß ich, warum ich so müde bin: halb elf. Gut, dann beziehe ich schon mal die Koje, denn um 0430 beginnt der morgige Tag. Ein besonderer Abend, ein Experiment: Morgen schiffe ich mich direkt von seinem Ankerplatz aus zur Arbeit ein, lege nicht zu Hause an, sondern direkt im Büro. Ich schlafe ein.

Und werde wach. Halb zwölf. Ich vernehme ein Rauschen. Es schwillt an, stetig. Und da rollt sie heran, diese Welle. Eine Welle, die sich mir seit Jahren immer wieder in die Herzküste frisst, ihr die Substanz abträgt und sie offenwundig und bloß zurück lässt. Die Welle, die nichts bestehen lässt. Nichts außer dem Gefühl von Nichtwertsein. Was ist los? fragt die Küste, Angst in der Stimme, warum bin ich allein? Warum schützt mich niemand? – Alles in Ordnung, antwortet der Kopf. Wichtige Dinge. Oder einfach noch ein wenig gemütlicher Austausch, du weißt doch, wie Kapitänssitzungen sind. Doch die Welle rollt erneut heran, beißend, scharfkantig, der Zweifel reißt mit Macht das aufgebaute Vertrauen Stück für Stück nieder.

Das Wiederkehrende

Nein, nichts ist in Ordnung. Er ist wieder da. Dort, wo er nichts zu suchen hat. Aber ich bin stark jetzt. Denke ich. Verteidige meine Küste – mir reißt niemand mehr etwas aus und lässt mich allein und blutend zurück. Ich bin stark und ich bin bereit zu meutern, nicht genau wissend, gegen was eigentlich – gegen die Welle? Gegen den Kapitän, der mich gerade allein lässt? Gegen den alten Schmerz, den ich doch überwunden glaubte? Oder gegen meinen eigenen Verstand, der zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr durchdringt, zu viel Sand ist aufgewirbelt und versperrt mir die Sicht, blockiert mein Hörvermögen, begräbt mein Herz unter sich, mit jedem neuen Atemzug etwas mehr. Mit Mühe halte ich den Sextant, der über Bord zu gehen droht. Ich beschließe ein für alle Mal, nie wieder im Treibsand zu versinken und stehe auf. Ziehe mich an. Zücke das Funkgerät. Formuliere die Nachricht. Keine Sekunde zu früh, ich spüre die Erschütterung des Fallreeps, als ich den Funkspruch absetzen will, aber nicht kann. Zum Glück. Nicht havariert, dieses Mal.

Was los sei, verwundert, ohne jeden Vorwurf, besorgt das Gesicht des Kapitäns. Derweil zimmere ich meinen Verteidigungswall an der zerfressenen Küste zusammen aus dem Treibholz, das mir vom letzten Schiffbruch noch blieb, krumm und schief und alles andere als haltbar. Will ich das Rettungsboot, das auf mich zusteuert, wirklich abhalten? Wo unter all dem Sand ist das Vertrauen? Ich streite noch mit mir selbst, hämmere die rostigen Nägel ins faulige Holz, ziehe sie an anderer Stelle wieder raus, platziere salzverkrustete Kanonen, finde die Kanonenkugeln nicht – bis man mir sanft den Hammer aus der Hand nimmt und die Wahrheit das Holzkonstrukt still zu Staub zerfallen lässt.

Das Einst

Die Welle kam aus der Vergangenheit, als ich unzählige Nächte damit zubrachte, zweifelnd und allein in der Koje, ängstlich und verstört von den unsteten Bewegungen auf dem schwarzen Wasser, und mich fragte, warum ich so wenig wert sei. Was ich falsch machte, womit ich es verdiente, mein Leben lang darauf zu warten, endlich das Ufer zu erreichen. Und statt dessen nach halbdurchwachter Nacht Branntweinatem mir nur fremde Sorgen, Nöte und Hirngespinste in mein Ohr presste, in denen weder mein Name noch meine Person je eine Rolle spielte. Irgendwann gab es keine Küste mehr, kein Land zum Ankern, wellenzerfressen und aufgelöst, nur noch weites Meer. Ich drohte zu ertrinken. Entschied: Einer muss jetzt untergehen, aber ich will es nicht sein.

Das Nun

Ich werfe meine Geschichte wie Ankertaue blind in die Dunkelheit, und mein Kapitän fängt sie auf. Zum ersten Mal fängt jemand meinen Anker mit weit geöffneten Armen, mit festem Blick, mit offenem Herzen. Wie von tausend Händen gezogen erreicht meine Nussschale das Ufer, die neue Küste heißt Verständnis und kennt offensichtlich keine Grenzen. Die Uhr sagt mittlerweile halb zwei. Die Müdigkeit ist irgendwo da draußen im schwarzen Meer geblieben. Anstatt endlich einzuschlafen, werfen wir uns immer wieder Seile zu, immer dünner, immer feiner, wir fangen gegenseitig unsere Fäden auf, verketten sie und weben weiter an unserem Schirm, der ein Baldachin ist, der uns vor Regen schützt, und ein Leintuch, das uns auffangen soll, wenn wir zu fallen drohen. Die Wellen kräuseln sich sanft, bis sie endlich schweigen. Im Traum wandere ich an einer Küste entlang, Wrackteile und gerissene Taue auf dem nassen Sand. Ich weiß, dass es ein Traum ist, das ist die alte Küste, die nicht mehr existiert. Schmerz, der nicht mehr existieren dürfte.

Das Jetzt

Noch schweigen die ersten Sonnenstrahlen, als der neue Tag für mich beginnt. Wackelige Planken tragen mich ins Badezimmer, die heiße Dusche wäscht den letzten Sand aus den Haaren, spült die Algenschlingen fort. Das Salz auf den Wangen vermischt sich mit Geräuschen aus der Küche. Schiffsfrühstück. Morgens um 5. Nie hat jemand so etwas für mich getan. Meinen Meeressturm besänftigt, mir die Kanonenkugeln entrissen, meinen Anker vertäut und mein Herz in Verwahrung genommen. Und mir anschließend Frühstück gemacht. Morgens um 5.

Das Morgen

Ich sitze hier, vor einem gefüllten Blatt. Starre vor mich hin, still, unbewegt. In mir rauscht es immer noch. Wohin mit all diesen Emotionen, glitzernde Wogen, die sanft an eine intakte Küste gespült und von ihr geküsst werden?

Advertisements

19 Gedanken zu “Einst war Gestern Heute, das Wiederkehrende, das Nun von Morgen, Jetzt.

  1. Großartig geschrieben ! Das kenne ich auch ! Man wird die alten Verhaltensmuster nicht so schnell los, aber wenn das neue Gegenüber so völlig anders reagiert als das verflossene und so liebevoll, dann wird die Welle beim nächsten Mal etwas kleiner …..

    • Ich habe die Verwüstung zugelassen. Er war kein Pirat, Piraten sind verwegen, sympathisch, herzraubend, er war das System. Fuck the system, sagt der Pirat. Lösen ist leicht, leben damit nicht immer, siehe nächtliches Schwarzmeer und Sturmwellen. Aber das war einst. Selbst gestern ist nun Vergangenheit. Die leider hin und wieder noch ihre Tentakeln nach mir ausstreckt. Ich kappe sie mit JBs herzreinscharfem Verständnis, wie ich hoffe.

  2. Liebe, ich sitze ganz still, während feine Schauer über meine Haut jagen und das Augenwasser auf die Tastatur tropft. Ich habe jetzt dreimal gelesen und mein Körper hat immer intensiver reagiert. Halt ihn, halte ihn ganz fest, ohne ihm Fesseln anzulegen, Du hast ihn verdient. Und er Dich. Ausnahmsweise Du, weil anders gerade nicht geht. Ich weine leise. Was für Bilder malst Du mir da in meine Pupillen, ich muß es wieder und wieder lesen. Und werde immer leichter und frei. Ich kann das Meer riechen, ich spüre den Sand. Da, ein ein Stück modriges Treibholz, ein Nagel darin, so rostig und krumm. Ich drücke es an mein Herz und werfe es sodann mit aller Kraft, die in meinen zitternden Armen steckt, zurück in die glitzernde See, die es einfach so aufnimmt, als sei das das normalste der Welt.
    Gesunde, Liebe, gesunde, es ist an der Zeit, daß die Narben endlich weißfeinlinig werden. Von ganzem Herzen, Deine Käthe.

    • Liebe Käthe, deine Tränen, das sind die, die ich schon längst vergossen habe, ungehört. Heute lasse ich ausnahmsweise das Geben sein, heute nehme ich, weil ich mich nicht wehren kann und nicht wehren will. Weil er mehr gibt als ich nehmen kann. Verdient? Bleibt zu hoffen, dass ich auch geben und geben kann, wenn es an der Zeit ist – oder vielleicht tue ich das schon. Verzeih mir, Käthe, ich bin immer noch so sturmgeschüttelt, und mein Herz segelt auf den Wellen, oben auf den Schaumkronen dem Horizont entgegen. Tiefblaue Zufriedenheit erfasst mich. Von ganzem Herzen dank ich Dir.

      • Nimm, bitte nimm, mit offenen Armen, unbewehrt. Weil alles seine Zeit braucht. Unbewußt gibst Du ja trotzdem, sonst könntet ihr beide nicht diese Feingewebe zwischen euch spinnen. Und mir gegenüber ist keinerley Umverzeihungbitten geboten. Ich spinne aus der Ferne ein Fädchen und lasse es wie einen Spätsommersilberfaden ziehen, es findet ja seinen Platz im Gewebe.
        Ich grüße in die Tiefblauigkeit und umarme Dich stilllächelnd. Deine Käthe.

        • So wunderbar, so viele Arme, die mich halten. So viele Fädchen, die sich spannen und spinnen und stricken und erschaffen. Ich freue mich so sehr über Tiefblaues und über Tiefblauäugigkeit – anders ist das gar nicht anzunehmen, als dankbar und mit kindlicher Freude.
          Ich grüße und umarme zurück, liebe Käthe.
          Deine kleine Contraire.

  3. Das ist ein gewaltiger Text. Gewaltige Gefühle bringen gewaltige Texte hervor, aber das meine ich nicht. Ich habe Tränen in den Augen, ein nicht greifbares Gefühl tief irgendwo, kann es nicht einordnen. Tausend Gefühle eigentlich. Ich kann mich darin sehen, in allen Facetten, und doch ist es mir so fern.
    Halte ihn. Das kann ich sagen. Wie Käthe es schon schrieb, halte ihn. Wir begegnen diesen Menschen zu selten, als daß wir uns mit alten Mustern herumzuquälen erlauben könnten. Sie lassen uns das Gestern vergessen, und heilen mit ihrer Liebe, bis die Narben jucken. Bis wir selbst irgendwann jemand sind, der heilt. Das Schmerzvolle ist einfacher weitergegeben, als die Liebe, doch hier gewinnt sie.

Kommentare? Stets willkommen!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s