Begegnung

Hallo. Wie geht es dir? Ich weiß, es ist noch nicht so lange her, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Trotzdem. Wir haben früher so viel Zeit miteinander verbracht. Vielleicht, das gebe ich zu, war meine Frage mehr Reflex als wirkliches Interesse, entschuldige bitte. Die Zeiten ändern sich, das weiß ich, und du weißt es auch. Es hat sich für uns beide einiges verändert. Nein, es ist okay für mich. Mir geht es gut damit, dir offensichtlich auch. Ja, natürlich sehen wir uns weiterhin, uns verbindet einfach zu viel, wir gehören doch zusammen. Aber du weißt auch, ich brauche meinen Freiraum, ich kann mich nicht 24 Stunden am Tag nur mit dir beschäftigen.

Du gehörst zu mir. Ganz ohne dich sein, das wollte ich nicht. Es mag seine Vorteile haben, das sehe ich ein. Mir wäre es halt lieb, wenn wir uns ein wenig besser absprechen könnten. Ich will damit nicht sagen, dass du mir unwillkommen bist, aber es ist nun mal so: Ich habe ein neues Leben begonnen, ich habe vieles hinter mir gelassen. Du bist, außer ein paar anderen Kleinigkeiten, das Einzige, was ich mitgenommen habe. Ich habe dich geschultert, als ich auszog, um das Leben zu lernen, und du warst mir stets der treuste Begleiter. Jetzt aber gibt es noch andere Dinge, die mir wichtig sind. Ich musste mir leider eingestehen, dass manches davon mit dir einfach nicht vereinbar ist.

Jeder sollte doch frei bestimmen können, was er gerade tun möchte, nicht wahr? Ich weiß, du bist immer auf Abruf bereit. Aber versuch doch mal, dich nicht immer so zu konzentrieren, dich in Momenten zu ballen, gerade dann, wenn es mir besonders ungelegen kommt. Wäre es nicht schön, wenn du auch etwas freier wärst? Können wir möglicherweise ein paar Situationen absprechen, in denen du mich einfach in Ruhe lässt und dir einen schönen Tag machst, damit ich auch einen schönen Tag haben kann? Versteh mich richtig, natürlich schätze ich dich, du hast mich mit Sicherheit schon vor so einigem bewahrt und veranlasst, dass ich nachdenke, gründlich abwäge und am Ende bestimmt die richtige Entscheidung treffe. Aber manchmal sind auch Bauchentscheidungen nicht verkehrt.

Eine Sache liegt mir besonders am Herzen: Können wir vereinbaren, dass du dich raushältst, wenn mich JB im Aston Martin abholt? Ich möchte ihm so gern mein Vertrauen schenken, ich möchte ich sein dürfen und entspannt erwarten, was noch so alles passiert. Aber das kann ich schlecht, wenn du immer dazwischen quasselst.  Ich bitte dich, bleib fort, wenn er da ist, es tut nicht gut. Bleib einfach fort, wenn du mich mit jemandem glücklich siehst. Es ist alles gut dann. So hart es für dich klingt, du würdest es mit deiner Anwesenheit nur kaputt machen. Wir wissen beide, wovon ich spreche. Du willst nur mein bestes. Das ist das beste. Bleib einfach fort.

Wir zwei, ja, wir waren immer unzertrennlich. Und wenn ich demnächst ganz allein verreise, da nehme ich dich mit, ich verspreche es dir. Ich gehe mit dir Hand in Hand – gleichberechtigt nebeneinander her, ich mag dich nicht mehr auf den Schultern und im Nacken tragen, dazu bist du, bin ich nun wirklich zu alt –  und ich vertraue deinen Einwänden, weil ich weiß, dass das mich wieder gut und sicher nach Hause bringen wird. Da vertraue ich auf dich. Aber du darfst nicht wieder übermächtig werden und mir die Beine lähmen. Du musst mir die Luft zum Atmen lassen, musst mich leben und laufen lassen. Auch mal einfach so drauflos. Du wirst sehen, das wird uns gut tun. Wir sind aneinander geschweißt, dazu bestimmt, vom Anfang bis zum Ende miteinander zu leben. Das Stichwort aber ist: Leben. Nicht kriechen. Nicht zittern. Nicht vegetieren.

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17 Gedanken zu “Begegnung

  1. Das tat Not, meine Liebe. Ein klares Stopzeichen. Kein Halteverbotsschild, nein, und auch kein Einbahnstraßenzeichen. Ein Stop und doch kein endgültiger Verweis. Weil wir ja alle mehrere sind und uns mit uns einigen müssen. Ich habe eine ganze Zeitlang auf ein stammelndes, zerrupftes und wehleidiges Bündel von mir zu meinen Füßen starren müssen. Bis ich mich selbst in den Arsch treten konnte. Und dieser Harscharschtritt katapultierte mich in eine neue Welt. Das Bündel trage ich noch bei mir, manchmal will es den Weg in eine Sackgasse nehmen. Doch das lasse ich nicht zu. Da ist auch ein Stopzeichen in meiner Hand. Und die andere reiche ich jetzt Ihnen, meine liebe MmeMme. Ich freue mich für Sie mit. Sie schaffen das! Herzgrüße, Ihre Frau Knobloch.

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