Seitenfüllender Scheißherzchensuperlativ

Unbeschriebene Seiten sind dem Schreiberling ein Graus. Er findet daran keinerlei Eleganz oder vornehme Zurückhaltung. Seiten füllen, Dinge beschreiben, Geschichten erzählen, die Zeilen wieder und wieder lesen – es ist ihm Bedürfnis und Zwang zugleich. Es ist im Leben nicht anders.

„Wären wir unbeschriebene Blätter, ich glaube, das fände ich gar nicht so gut“, gestand mir JB gestern. Vorangegangen war ein Gespräch, wie wir es seit ein paar Monaten immer führen, abends, in der kurzen Zeit zwischen Tagesende und Nachtbeginn. Egal, ob die Tage bis obenhin mit Berichtenswertem angefüllt waren oder eher nichtssagend leer geblieben sind (was deutlich seltener vorkommt). Es gleicht einer Lesung, dem Nachschlagen des tagesaktuellen Kapitels. Wir lesen uns gegenseitig ausgewählte Passagen vor und erwarten Reaktion, Kritik, Zustimmung. Die Protagonisten darin haben sich mittlerweile vertraut gemacht.

Gestern wollte sich der Schlaf nicht zu uns gesellen, obwohl eine kurze Nacht bevorstand. Die beste Gelegenheit, sich ein Buch vorzunehmen, um auf seinen Seiten Ablenkung, Abenteuer und schließlich Müdigkeit zu finden. Wir blätterten also die dicht beschriebenen Seiten unserer jeweiligen Biografien durch und blieben, wie erwartet, am unübersehbar großen Lesezeichen im Kapitel „Liebesleben“ hängen. Daran schreiben wir zur Zeit gemeinsam. Es ist zwar nicht erforderlich, die bisherigen Entwürfe zu konsolidieren, aber das Darinblättern ist durchaus spannend. Unweigerlich suchen die Augen, sucht der Finger die Stelle, die eine der brennendsten Fragen beantworten soll: „Wie viele?“ Und dann beginnt der verbale Eiertanz um eine Sache, aus der manche ein wohlgehütetes Geheimnis, andere nicht den geringsten Hehl machen.Fingerspitzengefühl ist gefragt.

Langsames Vortasten: „Wie viele was?“
Die Suche nach der rechten Formulierung: „Partner.“
Zeitschinderei, der Situation angemessen: „Definiere ‚Partner'“.
Bereitwillige Aussage, geschickter Zug: „Ernsthafte. Ohne die Spielchen“
Kurze, wiederum angemessene Verzögerung, dann die ehrliche Zahl.
Ehrliche Verwunderung, durchaus als positive Reaktion einzuschätzen.

Die Gegenfrage blieb aus, die Antwort kannte ich bereits. Kein Schlaf in Sichtweite. Weiterblättern, durch die bunten Seiten der Kindheit, das ist immer unterhaltsam. Lesezeichen finden sich zuhauf, das ist gut, denn manche Kapitel mag man einfach überblättern. Zu düster manchmal für einen gewöhnlichen Abend, zu eng beschriebene Seiten in krakeliger Schrift, oder tränengeschuldet ausgeblichene, schwer lesbare Zeilen. Doch ich bin gedanklich noch beim vorherigen Kapitel. Ich will noch mehr lesen. Und lesen lassen: „Und so insgesamt? Interessiert dich das?“

Langsames Vortasten: „So insgesamt was?“
Die Suche nach der rechten Formulierung: „Insgesamt eben. Partner plus Spielchen.“
Zeitschinderei, der Situation angemessen: „Deine?“
Bereitwillige Aussage, dankbar für diesen Zug: „Ja.“
Verzögerung fraglicher Angemessenheit: „Du hast die Zahl parat?“
Dialog: „Na hör mal. Aber dir ist schon klar, dass ich dann die Gegenfrage stelle?“ – „Ja. Aber ich muss … ein bisschen blättern…“ – „Es sei dir gestattet.“

Blasse Zahlen. Seine übersteigt meine, natürlich, keine große Kunst. Blasse Gestalten dahinter. Die nüchterne Erkenntnis: Uninteressant. Unerheblich. Unwichtig. Und während wir weiter blättern, erinnern, schmunzeln, jeder für sich, denn es gibt Dinge, die behält man einfach besser für sich, füllen sich die Seiten des tagesaktuellen Kapitels. Am Ende wartet eine Auflösung. „Es war ein Test.“

„Ein Test? Wozu?“
Die Suche nach der rechten Formulierung: „Ein Test für beide Seiten.“
„??“
Dieses Mal ohne Umschweife: „Ich wollte wissen, wie es sich anfühlt. Welche Gefühle entstehen, wenn wir uns gegenseitig von unseren Verflossenen erzählen.“
Ein berechtigt-konsterniertes, aber in seinen Grundzügen verständniswilliges „Aha. Hm. Und?“
Seitenfüllendes Lächeln.
Dialog: „Es ist total ok.“ – „Ja, ist es, tatsächlich.“ – „Toll, oder?“ – „Total.“
Seitenfüllendes Lächeln auf der gegenüber liegenden Seite. „Nein, ich bin wirklich froh, dass wir keine unbeschriebenen Blätter sind“, beendet JB das Kapitel.

Denn in diesem Moment erschien Bruder Schlaf, der Ersehnte, nahm mir mein Buch sanft aus den Händen und legte es zur Seite, in dem ich gerade noch einmal das abgegriffene Kapitel meines Kleinmädchentraums las und mich wiederum wunderte, wie nah Fiktion und Realität beieinander liegen können, auch wenn sie Jahrzehnte trennt. Ein verdammtscheißherzchenguter Literaturabend.

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14 Gedanken zu “Seitenfüllender Scheißherzchensuperlativ

    • Ja, nicht wahr? Einmal so ganz untypisch unkryptisch. Ich möchte aber die Gelegenheit ergreifen und noch hinzufügen, dass die Erkenntnis „Uninteressant. Unerheblich. Unwichtig“ sich natürlich nicht so zu lesen hat, als bezöge sich das auf alle Begegnungen und gemachten Erfahrungen. Uninteressant, unerheblich und unwichtig ist, soll das nur im Auge des anderen sein. Unbelastend. Und, lieber Sir, das ist ein geradezu wundervolles, weil bisher unbekanntes Gefühl. Scheißherzchenschmeißend,
      MmeMme

        • Das ist die Angst, die stets dahinter steht. Natürlich kann man es sich vornehmen, das nie schleifen zu lassen. Wer kennt das nicht. Und ursprünglich aus eben diesem Grund kamen wir auf das Thema (un)beschriebene Blätter: Spüren, wann es wirklich etwas bedeutet. Genug Erfahrung zu haben, wann es Zeit ist, eine Beziehung zu beginnen oder zu beenden. Wissen, wie man sie am Leben erhält. Das kann man doch nur mit jeder Menge Papierverbrauch im Vorfeld. Im Superlativ der Überschrift steckt so viel mehr, als dass ich das hier je erklären können möchte. Oh Gott, dieser Scheißherzchenmodus …

    • Ich dachte beim Schreiben an dich, Mayumi, und dass ich nie müde werde, von dir und deiner Liebe zu Yuki zu lesen – es öffnet mir das Herz. Und da hab ich den Scheißherzchenanfall einfach geschehen lassen. Und freu mich jetzt über dieses neue Kapitel :)

  1. Gute Güte, wie soll man denn soviel Scheißherzchen ertragen können?! Ich wette, da hat ein Einhorn in die Sommernacht gepupst. Doch sey Ihnen jedwedes gegönnt und ich lege noch ein paar hinzu, weil wir im Grunde doch alle scheißherzchensüchtig sind, egal wie stark wir uns geben.
    Genießen Sie diese Sucht, weil es ja eigentlich eine Sehn-Sucht ist, herzlichst, Ihre Frau Knobloch.

    • Danke, meine liebe Käthe, für so viel Verständnis. Natürlich sehnen wir uns nach Scheißherzchen im Überfluss, nur gibt das niemand gerne zu. Wir rationalen, selbstbeherrschten Menschen. Und dabei blättert jeder, behaupte ich, im stillen Kämmerlein gern in seinem eigenen Abenteuerroman.
      Verbundene Grüße, Ihre Mme C.

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