Betrachtung der Differenz zwischen Präparations- und Verzehrtemperatur im kausalen Zusammenhang mit strapazierten Nervenenden

denn: Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird.

Das sollte man sich eigentlich immer vor Augen halten, wenn es zu vermeintlich überhitzten, zwischenmenschlichen Situationen kommt. Auch sollte man dabei ins Auge fassen, sich nicht nur auf eine kritikformulierende (Hitze-)Quelle zu verlassen, wenn schon mehrere Personen zitiert und damit involviert werden, sondern sich die Mühe machen, betreffenden Beiköchen seine Aufmerksamkeit zu schenken.

Letztendlich, man kann es sich denken, wurde im Fall Mme C., ihr Egoismus und dessen negativer Effekt auf ihr gesamtes Sozialleben einmal wieder viel zu heiß gekocht, und am Ende wartete ein nur mehr lauwarmes und obendrein fades Gericht auf mich. Eine Arbeitswoche voller Grübelei und Selbstzweifel, und das auf beiden Seiten – wenigstens widerfuhr mir hier ein wenig gefühlte Gerechtigkeit – quasi für die Katz‘.

Was also tun bei bis fast an den Verbrennungspunkt erhitzten Themen, bevor sie auf dem Teller vor einem landen und man sich die Gosch’n vor lauter Hast dran verbrennt? Mme Contraires Konterrezept:

1. Stehen lassen. Ein wenig ignorieren, was gesagt wurde, ein wenig so tun, als hätte man verstanden und die Sache wäre längst gegessen. Dabei steht der dampfende Teller noch am Fenster, die Umgebungstemperatur tut ihr Übriges, und in der Zwischenzeit kann man sich mit harmloserem Geplänkel und neuen Plänen beschäftigen. Und seinen Selbstwert wieder ein wenig wachsen lassen. Ablenkung ist manchmal eine hervorragende Zutat.

2. Pusten. Also den Mund gebrauchen und reden. Nicht gerade mit dem Koch oder der Köchin, der/die ist zu beschäftigt mit Anheizen und verfrühtem Anrichten. Ich wählte drei nahestehende Menschen, die nicht auf der Gästeliste des Festmahls standen. Zwar wurde mit (tatsächlich gutem) Rat aufgewartet, den aber benötigte ich nicht, denn allein der beim Reden erzeugte Luftstrom machte mir a) natürlich Luft und trug b) dazu bei, dem erhitzten Gericht noch ein wenig mehr an Temperatur zu nehmen.

3. Umrühren. Wenn alle Gäste schon am Tisch versammelt sind, beherzt zum Besteck greifen. Die Bereitschaft, die Brocken zu schlucken, kann man nicht deutlicher demonstrieren. In meinem Fall legte die Köchin noch einen kleinen überhitzten Gruß aus der Küchen obenauf, der sich aber schnell der nun verzehrfertigen Speise durch ostentativ entspanntes Umrühren derselben auf dem Teller anpasste und damit sang- und klanglos in der Masse verschwand.

4. Zuprosten. Ein wenig Friede, Freude, Eierkuchen und ein wohlgenutzter Moment, die Lage – auch wenn die Teller bereits abgeräumt sind – noch einmal aus anderer Perspektive subtil thematisieren zu lassen und das Ganze schließlich in einem geselligen Glas Whisky-Cola vollends zu ertränken.

Besser konnte meines Erachtens der Abend gar nicht laufen. Der abschließende Dessertwein in Form von extrem gut kaschierten Lob für die Sache, die zunächst so negativ hochkochte, ging mir runter wie kaltgepresstes olio d’oliva extra vergine. Ganz am Ende, vielleicht war es tatsächlich ein Bedürfnis, mir das mitzuteilen, stand die abschließende Aussage, der Herd habe derzeit halt hin und wieder ein paar technische Probleme aufgrund von Stromschwankungen. (Was mich nicht wunder nimmt; so ein kleiner Braten im Rohr verursacht wohl tatsächlich, dass die Herdplatten weiter oben hin und wieder durchbrennen.) Seither schwelgen wieder alle in Harmonie. Und ich habe beschlossen, dass ich weder daran noch an mir etwas ändern werde.

Wohl bekomm’s!

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11 Gedanken zu “Betrachtung der Differenz zwischen Präparations- und Verzehrtemperatur im kausalen Zusammenhang mit strapazierten Nervenenden

  1. Allein für die Überschrift könnte ich mich kringeln, meine Liebe. Und dann der Text, ich habe tatsächlich beim Pusten lesen die Backen aufgeblasen und mitgepuht. Ihre Sichtweise bei zu Heißschnellhochgekochtem kuschelt jetzt mit meiner Einernachtdrüberschlaferey. Mal sehen, was aus der Affäre wird, vielleicht ein Diwanwärtszuverzehrendesfamosgericht…
    Liebe Grüße, Ihre Frau Knobloch, zugetan wie eh und je.

    • Mit dem Zweiten sieht man besser. Erst beim 2. Lesen entfaltet der Text sein ganzes Aroma. Es ist immer wieder das Gleiche. Die gute MmeMme macht sich rar und haut dann wieder ein derart dickes Brett raus, dass die ganze Wartezeit wie weggeblasen ist.

      • Dickes Brett, nun ja, ein Schneidebrett zum Sezieren von Gedanken und Empfindungen vielleicht. Das Tranchiermesser ist geschärft, jetzt muss nur noch Gelegenheit her, um nicht allzu rar zu werden und einmal wieder etwas gar zu kochen auf meinem kleinen Herd mit meiner bescheidenen Kochkunst. In jedem Fall sind Sie aufs Herzlichste eingeladen davon zu kosten.

    • Liebe Käthe,
      vielmals danke ich Ihnen fürs Immerwiederlesen und Kommentieren! Ich wünschte so sehr, mehr Zeit und Kopf zu haben, um es Ihnen gleichzutun. Aber es wird! Ich komme wieder. Und nun mache ich mich auf den Weg zu einem geradezu wohltemperierten Abendessen.
      Bis bald!
      Ihre ebenso zugetane
      MmeMme

  2. Ein Text so voller Metaphern, dass mir vor lauter Nachdenken das Abendessen unter der Nase wegkalten könnte. Allein, es besteht aus einem leckeren Aprikosenkuchen, der von aller Hitze genau richtig viel abbekommen hat.
    Was mich noch dies laut nachschicken lässt: Zusammen essen können hilft ja manchmal, zumindest zu einem guten Ende hin zu kommen. Zusammen kochen ist da noch mal eine Schippe segensreicher. Denn wenn Beide die Schöpfer sind, wird das zu heiss Garen endgültig absurd, kocht man ja auch für sich selbst. – und ist sich das auch bewusst.

    • Lieber lebenseigener,
      danke für dein Kommentar und die weitere Betrachtung des Themas. Du hast recht, das gemeinsame Essen ist mehr als nur Nahrungsaufnahme, gemeinsames Kochen mehr als Mahlzeitenzubereitung. Grundbedürfnisse, stets angereichert mit der Symbolik des Zwischenmenschlichen. Danke für’s Lesen!

  3. Nach vier Wochen ohne Deutsch musste ich den Artikel glatt öfter lesen :D Da hüpft mein Schreibliesenherz und meine Lippen schmunzeln. Und nur so nebenbei: das Biest ist wieder da und wird Nervenenden strapazieren. Köstlich dein Text, er hat mir wohl gemundet.

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