Ein Jahr danach

Ein Jahr danach geht es mir gut. Nein, das ist falsch ausgedrückt. Ein Jahr danach geht es mir so gut, wie ich es nicht zu hoffen wagte. Ich wusste, es würde mir gut gehen – es begann schon unmittelbar, nachdem es passierte, als die vier magischen Worte aus mir herausbrachen, dich und mich zerbrachen, obwohl wir doch schon so lange Zeit zuvor aneinander zerbrochen waren. Ich wusste also, ich würde meine eigenen Ziele jetzt endlich verfolgen und sie sogar erreichen. Aber ich wusste nicht, dass es so schnell gehen kann, sich wieder aufzurichen, nachdem man aus großer Höhe in den Staub gefallen ist. Aber so hoch war die Höhe offensichtlich nicht.

Du fragst, wie es mir geht, nach einem Jahr, versuchst die Finger in eine Wunde zu legen, die es nicht mehr gibt. Du wünschst mir nur das Beste, sagst du, und trittst nach: Hoffentlich lernst du erst einmal ein paar Idioten kennen… Seltsam. Das habe ich dir nie gewünscht. Habe gehofft, du findest jemand, der dich vergessen macht, was du verloren hast. Ich würde dir gern weh tun, einfach deshalb, weil du nicht loslassen und mich in Ruhe lassen kannst. Weil du mich immer noch versuchst, runterzuziehen. Aber was würde das bringen? Deine Scheuklappen sind angewachsen, deine Ohrstöpsel, die ich nächtens so gehasst habe, weil du nicht gehört hast, wie ich im Schlaf geweint habe um uns, sind eins mit dir geworden: Nichts sehen, nichts hören, was man nicht wahrhaben will.

Aber ich habe auch keine Lust mehr, mich damit zu belasten, mit deinen Anbiederungsversuchen, deinen Fehlinterpretationen und deinen kleinen Gemeinheiten, die du  dazwischenstreust. „Ich wünsche dir nur das Beste“ – Ach, behalt‘ es doch und hör auf mich zu nerven. Ich steige nämlich aus diesem Irrenkarussell aus, das du mit jeder Nachricht immer noch eine Runde weiter drehst. Ich gehe lieber geradeaus. Die Erkenntnis, dass ich ohne dich so viel mehr bin, ist bitter, aber nicht zu leugnen. Auch wenn das nicht durch Scheuklappen und Watte hindurchdringt – mir reicht vollkommen, dass ich es weiß.

Wortstrom: aequinocticum

Der Tag verflogen, die Nacht verrauscht

In fernen Federflügelschlag gehüllt

Waagschalen, zu gleichen Teilen angefüllt

mit Flüssigsilbergold und Staunen.

Die Nornen raunen

Es werde Sonne, werde Mond

Es werden Sterne still geboren

In sich, im Himmelsstrom verloren.

 

Zu gleichen Teilen herrschen sie daroben

Licht und Schatten sind zu einem Netz verwoben

Aus Traum und Wirklichkeit entsteht ein Band

Festsanft geschlungen um beider Herrscher Hand

Aus ihnen rinnt Erinnerung

Schmerzlich, süß und stetig

Pfeilspitz, leicht und lau

Hinein ins intensive Blau.

Fear the Reaper

Sensefrau mit Elefantenfüßen sucht
Opfermann mit zerstörungsbereitem Herzen.

Vielleicht hätte ich mal so eine Kontaktanzeige schalten sollen, um klarzustellen, dass mit mir nicht ausschließlich gut Kirschen essen ist. Brav war offensichtlich gestern. Wenn ich auf die vergangenen zwölf Monate zurück blicke, sehe ich eine Spur der Verwüstung, eine breite Bresche, geschlagen mit mittelscharfer Sense, übersät mit zertrampelten Gefühlen. Zumindest vermitteln mir manche Menschen diesen Eindruck.

Ich habe gehofft, dass ich mein Erlebtes ohne große Auswirkungen auf meine Umwelt verarbeiten kann. Anscheinend funktioniert das aber so nicht. Auge um Auge, Schmerz um Schmerz? Oder man interpretiert mich ständig falsch, vielleicht weil ich leicht zu begeistern (und schwer zu beeindrucken) bin und meine Physiognomie kaum kontrollieren kann, sprich: ich lächle sehr viel und sehr breit und dennoch sphingenhaft. Was mir schon alles in mein Lächeln hineininterpretiert worden ist! „Aber bitte, fass mir ruhig an den Hintern, auch wenn wir uns eben erst kennengelernt haben! Ich steh total auf plumpe Anmache.“ – „Natürlich schlafe ich mit dir, denn eigentlich weiß ich gar nicht, warum ich mich von dir getrennt habe und wieso es mir damit jetzt um ein Vielfaches besser geht.“ – „Ach was, Kinder! So ein Kinderwunsch, der lässt sich ganz fix wegwünschen, keine Sorge.“

Bin ich wirklich selbst schuld? Setze ich die falschen Signale? Ist es verwerflich, einen Weg einzuschlagen und sich dann umzuentscheiden? Woher soll ich denn wissen, was ich will, wenn ich nicht weiß, was es gibt? Ich sehe die vergangenen zwölf Monate als eine notwendige Zeit der Selbstfindung und des Experimentierens an – die Zeit, die mir in der Jugend vollkommen abging. Das war eben so. Mit mir wurde schließlich auch experimentiert, mein Herz wurde ebenfalls in den Staub getreten, meine Seele verbogen, meine Persönlichkeit niedergesenst. Und das war tatsächlich zum großen Teil meine eigenen Schuld. Wir geben offensichtlich die Erfahrungen weiter, die wir selbst gemacht haben.

Und nun, was bleibt noch zu sagen? „Sorry, ne? Ich habe doch üben müssen. Fühlt euch frei mich dafür zu hassen. Aber kommt bitte klar mit euch selbst.“ Hart, irgendwie. Gar nicht meine Art. Oder vielleicht doch? Ich fühle mich mittlerweile angekommen, so ganz und gar, und das macht mich sehr glücklich. Ich habe wirklich nicht mehr daran geglaubt, dass mir dieses, genau dieses momentane Gefühlsglück einmal zuteil werden würde, dem ich jahrelang nachgelaufen bin. Man darf aufatmen; mein Weg ist bis auf weiteres fokussiert und kanalisiert, ich werde nicht mehr senseschwingend nach allen Seiten laufen und weitere Gefühle zertrampeln. Und wenn doch, dann habe ich zuvor die Sense geschärft, den Schwung geübt und leichte Schuhe angezogen – damit es nicht mehr ganz so weh tut, wenn ich mein Unwesen treibe – buhu! Drückt mir trotzdem lieber die Daumen, dass James mich nie wieder aus seinem Aston Martin aussteigen lässt. Sicher ist sicher.

Happiness, redefined.