Schienenersatzverkehr

Ich bin kein großer Freund von Bahnreisen. Nicht, dass sie nicht bequem wären. Denke ich mir. Aber was man so hört von Verspätungen und Preisaufschlägen schreckt mich ein wenig ab. Nichtsdestoweniger überfiel mich heute das Bild eines Bahnhofs, als ich einmal wieder darüber nachdachte, wie sich das in meinem beschaulichen Leben so mit Begegnungen und Chancennutzung verhält. (Ich entschuldige mich an dieser Stelle bereits für unvermeidlich schmalztriefendes Metaphernwerk.)

Schon früh wurde mir gesagt, man muss die Augen offenhalten, muss Chancen nutzen und aufspringen, wenn sich Gelegenheiten bieten. So verbrachte ich viel Zeit damit, am Bahnhof zu stehen und mir die ein- und ausfahrenden Züge zu betrachten. Zunächst beobachtete ich nur. Was machen die anderen Bahnreisenden? Wie kriegt man die Tür da überhaupt auf? Wer steigt ein, welches Gepäck nimmt man mit, wer pendelt regelmäßig zur Arbeit und wer ist nur selten mit der Bahn unterwegs? Vorallem: Kann man überhaupt sicher sein, dass man immer den richtigen Zug erwischt? Was passiert, wenn er sich verspätet? Oder gar nicht erst ankommt?

Ich lernte, mehr schlecht als recht, den Fahrplan zu lesen. Ich nahm den einen oder anderen Zug, sprang manchmal einfach Freunden und Bekannten hinterher, ohne genau zu wissen, wo mich die Reise denn hinbrächte. Meist zu der Erkenntnis: da gehöre ich nicht rein. Irgendwie hatte ich meine eigene Vorstellung von Reisezielen. Die standen aber (noch) nicht auf dem Fahrplan, und so wartete ich gefühlte Jahre am Gleis, sah andere an- und abreisen, aber für mich kam kein Zug vorbei. Es waren die unangekündigten Sonderzüge, die manchmal extra lange hielten, bis ich mich endlich entschied, einzusteigen. Insgesamt dachte ich, so ist es wohl, das Leben. Ein Zug rollt an, das Ziel vielleicht nicht perfekt, der Service einigermaßen okay, also warum nicht einsteigen. Bevor man für alle Zeit am Bahnhof steht, unabgeholt. Man muss ja stets voran kommen.

Manche Züge können sich aber auch verfahren. Blöd, wenn man das erst nach einiger Zeit bemerkt. Wenn das Ziel immer weiter davon abweicht, wo man eigentlich hin wollte. Aber es ist nun mal auch Routine, jeden Tag in diese ein und selbe Bahn zu steigen und die Stationen abzuklappern. Vielleicht ist es nur Gewohnheit, vielleicht ist Glück Gewohnheit. Vielleicht aber auch nicht. Andere Strecken auszuprobieren kam eigentlich nicht in Frage, ich hatte nun mal die BahnCard, warum denn wechseln. Eigentlich. Kurzfristige Zweigleisigkeiten im moralischen Sinne, langfristige Zweigleisigkeit im emotionalen – heute weiß ich, dass letzteres sehr viel verheerender und verwerflicher sein kann.  Schlussendlich habe ich sie dann doch gekündigt, die BahnCard. Keine Lust mehr, keinen Nerv, jeden Tag die selbe öde und noch nicht einmal zielführende Strecke zu befahren auf staubigem Geleis und über immer holpriger werdende Weichen. Zu einer Sanierung der Strecke war der Betreiber nicht bereit, also Tschüss – ums kurz zu fassen.

Trotzdem fehlte mir das Bahnfahren. So lange Jahre habe ich das doch praktiziert. Irgendwann hatte ich das ziellose Herumstehen am Bahnhof satt und stieg einfach in den nächstbesten Zug. Das Ziel stellte sich als wirklich dämlich heraus, ich musste die Beschreibung im Reiseführer falsch interpretiert haben, aber da ich nicht an die Rückfahrkarte gedacht hatte (was habe ich damals überhaupt gedacht?), musste ich zu Fuß zurück und hatte Blasen an den Füßen bei meiner Rückkehr. Schöner Mist. Züge warten nicht ewig, aber trotzdem muss man nicht auf sie aufspringen, wenn sie noch oder schon fahren. Am Ende hatte ich die Nase vom Bahnfahren dann dermaßen  voll, da es mich ohnehin nie dahin brachte, wo es mir gefallen hätte, sondern stets mit irgendwelchen Beschwernissen und Kompromissen verbunden war. Wenn ich Blasen an den Füßen und aufgeriebene Nervenenden haben wollte, konnte ich genau so gut ab jetzt immer zu Fuß gehen. Oder mich einfach dem Stillstand hingeben.

Und so verließ ich den Bahnhof und setzte mich in ein kleines Café und beobachtete den Menschenstrom von und zu den Gleisen mit gemäßigtem Interesse. Nein, das brauchte ich gerade nicht. Ich wollte meine Ruhe haben, nicht mehr reisen. Als ich mir gerade meinen zweiten Cappucchino bestellt hatte, hielt wieder ein Zug. Er stand. Lange. Und es tat sich nichts. Nichts passierte. Mich beschlich Unruhe. Wartet der wohl auf mich? Ich versuchte nicht mehr hinzuschauen und widmete mich dem Karamellkeks auf meiner Untertasse. Ich hörte, wie die Türen sich öffneten und sah langsam auf. Eine einzelne Person stieg aus. Handgepäck. Gut gekleidet. „Wieder so ein Pendler“, dachte ich bei mir, erlöste den Keks von seinem Bröselmartyrium und und rührte beruhigt im Milchschaum.

„Good afternoon.“ Als ich von meinem Cappucchino aufblickte, war ich zunächst verwirrt. Quatscht mich dieser Pendler denn tatsächlich auch noch an? Keine Uhr oder was? Den Fahrplan nicht lesen können? Fast sofort erkannte ich ihn aber: Ich war ihm schon einmal begegnet, in einem Zug, in einem anderen Leben. Was machte er jetzt und hier, in meiner neuen Wirklichkeit? „Was ist?“ fragte ich. „Ist das da etwa mein Zug?“ – „Es ist dein Zug, wenn du willst, dass es dein Zug ist.“, war die kryptische Antwort. Mit einem Mal wurde mir bewusst, dass ich Zugfahren schon immer gehasst hatte. An diesem Tag stieg ich in keinen Zug ein. Auch nicht an den folgenden. Ich ging lieber zu Fuß neben dem wiedergefundenen Pendler her. Wir sprachen viel, über Reiseziele, aber auch über verdreckte Gleise und abgebrannte Bahnhöfe. Wir folgten einander, taten immer nur winzige Schritte, doch ich wusste von Beginn an, ich würde auf keinen Zug mehr warten. Ich wollte, dass dieser Mensch in meinem Leben blieb. Er antwortete, diese Haltestelle sei die seine. Wenn ich erlaubte.

Und so gehen wir eben nebeneinander her. Verwundert, wie schnell es manchmal gehen kann, einen Reisegefährten zu finden, wenn man aufgehört hat zu suchen. Gerade lassen wir den Bahnhof hinter uns, und der Gedanke, nicht mehr Bahn zu fahren, ist überhaupt nicht schlimm oder verlustbehaftet. Ein Ziel gibt es derzeit noch nicht, aber ich spüre, es wird einmal eines sein, das uns beiden gut gefällt. Ich würde Berg und Tag zu Fuß beschreiten, wenn es sich weiterhin so gut anfühlt wie gerade jetzt. Im Vergleich zu den üblichen stressbehafteten Bahnfahrten ist das nicht weniger als eine gediegene Landpartie im Aston Martin. Das gewohnte Bahnrot getauscht gegen elegantes British Racing Green. Und es fühlt sich ganz genau so an, als hätte es immer schon so sein müssen.

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50 Gedanken zu “Schienenersatzverkehr

  1. Ich weiß gar nicht wie ich meiner Begeisterung Ausdruck verleihen soll. Nicht nur ist es wieder einmal sehr treffend geschrieben. Ich war geistig schon dabei zu Flügen zu raten, da man dort mit Namen aufgerufen wird und zack kommt der Berg zum Propheten. Dazu noch das schöne Bild in British Racing Green. Der SEV hätte einen viel besseren Ruf, wenn er immer im Aston Martin daher kommen würde. Liebe MmeMme, ich bin begeistert und wünsche weiterhin viel Spaß und Glück mit dem neuem Begleiter, ob zu Fuß oder dem Auto.

          • welcher Bond ist denn der Liebste?

            Ich muss allerdings darauf verweisen, dass Bond meist mit einem silbernen Aston Martin fährt und nicht mit einem BRG. Nicht, dass das dem Auto einen Abbruch tun würde.

          • Das unterscheidet diesenjenen also von allen anderen – ich mag die Hoffnung, die so BRG-elegant daher kommt, doch zu gerne. Was die Frage nach dem liebsten Bond wohl beantwortet. Der zweitliebste ist übrigens derjenige, der sich einen Dreck um geschüttelt oder gerührt schert.

          • Falsch, ganz falsch. Ich habs mehr mit der jüngeren Generation. Oder der ganz alten. Kryptisch, ich weiß – grüne? Machen Sie’s nicht an filmischen Beweisen fest, da kenne ich mich zu wenig aus. Ich seh nur das, was mir über die Herzkiste flimmert.

          • Der Alte wäre dann Connery und der Grüne wäre der Aktuelle. Der Name fällt mir gerade beim besten Willen nicht ein. Ich weiß, dass er mit Rachel Weisz zusammen ist, von daher nicht so der ideale Partner, wenn man nicht zweigleisig fahren will.

          • Jawoll! So ähnlich jedenfalls. Ich finde, Craig und Connery haben etwas gemeinsam. Aber Zweigleisigkeit, danach steht mir der Sinn natürlich nicht. Ich bevorzuge zudem Erreichbares – das ganze Bondgeschafel diente lediglich zur Untermalung momentaner, wie würde Fräulein Käthe sagen? – Bonfortionöszeitoptimalstnutzungsverpilcherungspotenzialbeschreibung. Uargs.

          • Nun ja, ich denke, jenerwelcher würde mir unter schallendem Gelächter den Vogel zeigen. Muss er aber auch nicht wissen, dass ich dieser Meinung bin. Zu viel Schmeichelei kann schaden.

          • Bisher ist der Status noch undefiniert, doch gern, zu gern vergäbe ich den noch in meinem Schrank behütet und gehorteten Famosgesellenpokal an diesenjenen Bondverschnitt.

  2. Pingback: HIMYM – 6 – You’ll never walk alone | Omnis amans amens

  3. Ich muss den Beitrag gestern übersehen haben. Schimpf und Schande über mich dafür! Dank Papa Alec ist er nun gefunden. Und verstanden habe ich ihn auch. 1. Klasse wieder. Ich fahre gern wieder mit.

  4. Auch mich ließ der Befehlsleseknecht mal wieder am ausgestreckten Mittelfinger verhungern. Aber ich komme auf eigenes Klickediklack vorbei und was ich lese, läßt mein Herz Mazurka tanzen. Sie fanden bondbonfortionöse Silbenfädeleyen für das Wunderbare, was uns passieren kann, wenn es einfach mal zuläßt. Suhlen Sie sich ruhig da auf Ihrer Scheißherzchenblümchenflatterdingerwohlfühlwiese und berichten Sie uns davon. Sie ahnen vielleicht, was dies hier alles tut? Genau!!!

  5. Ich liebe das Bahnfahren, wenn ich mich erst nicht um die Arbeit des Lokführers kümmern muss und ich dann zweitens mir keine Sorgen mehr um das Ziel mache. Wenn der Blick aus dem Fenster wichtiger wird als der Blick ins Buch und die Uhr stehen bleiben könnte, ohne dass ich es bemerkte. Und ich liebe das Bahnfahren, weil es auf Geleisen geschieht, die zumindest die Illusion erlauben, es wäre berechenbar, wohin die Reise geht. Und all dies kann mich nicht ängstigen, wenn ich es gut ertrage, jemand Bestimmten neben mir zu haben – oder auch zu wissen, dass ich ganz bestimmt wieder gern zu ihm zurück kehre, um ihm vom Blick aus dem Fenster zu erzählen.

    Ach… jetzt hat mich das mit den Metaphern so ganz au contraire bzw. prioritär auch erwischt. Ich wünsche frohes Wandern und manche Überraschung von der unspektakulären Sorte. Man begreift diese viel eher und viel leichter und jubelt darüber gar in Zeitlupe. Man nennt es, glaube ich, das glücklliche Staunen.

    • Lieber lebenseigener, vielen Dank für deine Worte. Es freut mich, wenn mein Text dich ebenfalls zur Metaphernfindung hinreißen konnte. Natürlich kann Bahnfahren auch eine schöne Erfahrung sein, so wie du es beschreibst. Im glücklichen Staunen verharre ich derzeit, ich mache Rast auf meinem Weg und erfreue mich genau an dem, was du beschriebst: das, was um mich herum geschieht, was immer schon geschah, was ich jetzt aber bewusster wahrnehme. Und ich staune, wie es manchmal so gehen kann, dass es möglich ist, gemeinsam zu schauen und in Zeitlupe langsam, langsam zu begreifen, dass das Leben immer dann die größten Überraschungen bereit hält, wenn man glaubt, alles schon gesehen zu haben. Ich wünsche uns, dir und mir, weiterhin gute Fahrt!

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