Absprung

Dies wird das Ende sein. Dies endgültig das Ende einer lebens¦wichtigen Endphase, die ihren Anfang bereits nahm, wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, als das zu beendende Begonnene gerade noch im Beginn begriffen war.  Dieser ganze Prozess, dieses Beginnen eines zum Enden verurteilten Lebens über das Amlebenerhalten eines trügerischen Lebenstraums bis hin zum Beenden einer Beziehung und dem Beginn einer ganz neuen Zeit wird von Moment zu Moment wertvoller und sinniger für mich. Mir kommt es geradezu so vor, als sei dieser von mir gewählte Weg, über den ich in der Vergangenheit haderte, auf dem ich stolperte und fiel und mir die Knie blutig stürzte – als sei dieser Weg der einzig richtige gewesen, der mich jetzt, da er endet, in eine völlig neue Welt entlässt.

Ich glaubte den Ausgang schon gefunden zu haben, aber ich hatte mich geirrt. Noch brauchte es Zeit, bis wichtige Dinge so weit gereift waren, dass ich deren Früchte erkennen und kosten durfte. Hätte ich geduldiger sein müssen? Den Weg zum Ende hin bewusster gehen und nicht so voranpreschen sollen? Erspart hätte es mir neuerliche Kniewunden, doch ist Schmerz nicht umso süßer, je näher das Ziel rückt? Dafür ließ ich die Erkenntnis reifen, brach mein Herz herunter bis auf den kleinsten Bestandteil und analysierte, ließ es in neuer Form wiedererstehen – intuitiv, mag man das wohlwollend nennen, denn geplant war keine dieser Aktionen. Naiv, chaotisch, mit saumäßigem Glück, mögen weniger wohlwollende Zungen sprechen.

Nun, am Ende des Weges, blicke ich ein letztes Mal zurück. Nein, ich habe oft genug zurück geblickt, jetzt schaue ich nach vorn: Eine Blumenwiese voll rotem Herzblumenklatschmohn tut sich vor mir auf. Soll ich hineintauchen in dieses neue Leben? Was genau ist es, das mich so sicher macht, dass es die absolut richtige Entscheidung ist, da doch mein bisheriger Weg von Zweifeln und Fehlurteilen geprägt war? Ich weiß es nicht, absolut nicht. Ich weiß nur, dass die Intuition zum allerersten Mal beide Daumen reckt und mir auffordernd zuzwinkert. Ich befrage die Vernunft, aber die steht schon in Siegerpose da und wartet nur noch auf den Absprung. Die Moral lehnt sich mit zufriedenem Lächeln zurück und nimmt die Contenance ein wenig an die Leine. Aus dem Augenwinkel sehe ich die Fantasie Anlauf nehmen, sie schwingt einen großen Sack voller Traumbilder, die ich doch eingemottet und entsorgt glaubte, aber nein, sie lässt sie wiedererstehen, schöner, strahlender als je zuvor. Gleich hat sie mich erreicht, gleich wird sie mich mit meinen unverwirklichten und verloren geglaubten Träumen und Sehnsüchten pudern und mich hinab-, hinausstoßen auf die zukunftsversprechende Herzblumenwiese.

Letzte Worte, bevor Altes endet und Neues beginnt? Danke für alles bisher Erlebte. Für alle Tränen, Wunden, Narben und verlorene Nerven. Was hab ich nur für ein unverschämtes Glück.

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6 Gedanken zu “Absprung

  1. Somewhere over the rainbow, way up high
    There’s a land that I heard of once in a lullaby
    Somewhere over the rainbow, Skies are blue,
    And the dreams that you dare to dream, really do come true.

    Viel Glück!

    • Danke, lieber Freund!
      Ich neige normalerweise nicht zu herzchenbuntem Regenbogengekotze. Aber das hier zieht mir geradezu den Boden der Realität unter den Füßen weg und schubst mich in rosarote Wolkenkissen. Man möge mir verzeihen.

      • Überhaupt kein Grund etwas zu verzeihen. Ich hoffe Du hast den Kommentar nicht ironisch aufgefasst. Ich hatte nur beim Lesen Deines Textes das Lied sofort im Ohr.

        Es gibt die Tage, da ist alles grau und schwarz und man kann nur mit viel Disziplin hoffen, dass von irgendwo ein Licht kommt. Und es gibt Tage, die sind so hell und strahlend, dass es unnatürlich ist. Aber diese Tage werden auch vorbei gehen. Von daher solltest Du sie genießen. Du hast genügend grau-schwarze Tage hinter Dir.

  2. Ich mußte das erst setzen lassen und meinerseits mein inneres Vergnüglichkeitsbeenebaumelgör‘ an die Leine nehmen. Das hatte schon Anlauf genommen, um sie umhalsend niederzuknutschen. Aber es hat ja bei diesem Sprung nix zu suchen, der gehört Ihnen ganz alleine und Ihren inneren Gören. Jetzt traue ich mich zu fragen: Sind Sie gut gelandet auf der Herzblumenwiese, liebe MmeMme? Ich wünsche es Ihnen so sehr. Fernnahe Grüße, Ihre Frau Knobloch.

    • Vielen Dank, liebe Käthe, für Ihre große Anteilnahme. Wie soll ich sagen? Meine inneren Gören tanzen schon im Klatschmohnblütenregen, die äußerliche Contenance mahnt noch ein wenig zur Vorsicht und taucht zunächst einmal den großen Zeh ins Blütenmeer. Vorsicht ist natürlich nie schlecht, hält sie mein kleines bebendes Herzelein noch in sanften Händen, auf dass es nicht wieder zu schnell entwische und tief falle. Aber im Grunde sieht die Contenance auch keinerlei Störfaktoren, erfreut sich lediglich noch am Zurückhalten allzu großer und weitgearteter Emotion – das Warten, liebe Freundin, da erzähle ich Ihnen sicher nichts Neues, das Warten ist fast das Schönste, die Vorfreude auf etwas ganz Besonderes, von dem ich nicht zu träumen gewagt habe. Naja, genug gesülzt und klatschmohnblütengetanzt, warten wir, was die Zukunft bringt. Das Gefühl ist schon mal gut, bald ist die Realität am Zug.
      Herzblumenaufgeblüht, Ihre MmeMme

      • Hurraend stürmt das Vergnüglichkeitsbeenebaumelgör‘ auf die Madame zu, reißt sie wild knutschend nieder auf die Blumenmeerwiese und kugelt mit ihr den Hang hinab, wild kichernd, als wäre sie gerade erst sechzehn geworden. Pardon, liebe MmeMme, das Gör‘ hat wohl heimlich mit der Nagelfeile des nächtens am Halteseile gefeilt.

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