Scio nescio

Ich weiß, ich weiß nichts, kann nichts wissen – wer kann schon in die Zukunft schauen? – und doch weiß ich so viel, meine viel zu wissen, ohne zu wissen woher. Kann Zukunft sichtbar(er) werden? Zukunft kann vorstellbar(er) werden, bis hin zum trügerischen Empfinden, man wisse, obwohl man nichts weiß, nur empfindet. Überhaupt, Zukunft wird einem auch von so vielen Außenstehenden eingeredet. Was man muss. Was man unbedingt muss. Was man unbedingt niemals muss. Müssen sollte. Und die guten Ratschläge! Mein inneres Rebellenkind würde sich im Normalfall dagegen auflehnen, ob gerechtfertigt oder nicht, Hauptsache, das Contrairsche behält die Oberhand, viel zu lange war dies nämlich verschüttet. Aber muss man aus Prinzip immer verneinen und dagegen sein, wenn man eigenständige Entscheidungen treffen will? Ist es manchmal nicht auch ganz schön, wenn man ohnehin schon weiß, was man will, und sich über fremde Ansichten und Prognosen rückversichert, dass diese Ahnung ja nun gar nicht so falsch sein kann, die man mit sich rumträgt. Sie kultiviert, Tag für Tag, und so liebend gerne mit in die Zukunft nähme, eine Wahrheit daraus machte. Eine neue Art der Contenance; nicht mehr ein Aufbegehrenwollen-und-doch-nicht-Können, nicht mehr dieses Gefühl der Machtlosigkeit, verborgen hinter einem Vorhang aus Höflichkeit und Selbstbeherrschung. Eher ein Abwartendschauen, das Herz, nie zu kurz, aber dennoch sicher an der Leine halten, bis die Ahnung zur Gewissheit wird. Und die Zwischenzeit genießen, sogar die guten Ratschläge, fremden Ansichten und Prognosen – sie tun nicht mehr weh, noch reizen sie zum Widerwortegeben. Contraire nicht mehr als absoluter Gegenpart, sondern als emotionale Stütze bei der Willensfindung. Contenance nicht mehr als verhüllende Decke, sondern als doppelter Boden, sollte die kleine wilde Maid beim Saltoschlagen doch einmal von ihrem Hochseil abrutschen. Vielleicht haben die beiden schon immer zusammen gehört, nur jetzt kommen sie endlich auch mal gut miteinander aus.

Schienenersatzverkehr

Ich bin kein großer Freund von Bahnreisen. Nicht, dass sie nicht bequem wären. Denke ich mir. Aber was man so hört von Verspätungen und Preisaufschlägen schreckt mich ein wenig ab. Nichtsdestoweniger überfiel mich heute das Bild eines Bahnhofs, als ich einmal wieder darüber nachdachte, wie sich das in meinem beschaulichen Leben so mit Begegnungen und Chancennutzung verhält. (Ich entschuldige mich an dieser Stelle bereits für unvermeidlich schmalztriefendes Metaphernwerk.)

Schon früh wurde mir gesagt, man muss die Augen offenhalten, muss Chancen nutzen und aufspringen, wenn sich Gelegenheiten bieten. So verbrachte ich viel Zeit damit, am Bahnhof zu stehen und mir die ein- und ausfahrenden Züge zu betrachten. Zunächst beobachtete ich nur. Was machen die anderen Bahnreisenden? Wie kriegt man die Tür da überhaupt auf? Wer steigt ein, welches Gepäck nimmt man mit, wer pendelt regelmäßig zur Arbeit und wer ist nur selten mit der Bahn unterwegs? Vorallem: Kann man überhaupt sicher sein, dass man immer den richtigen Zug erwischt? Was passiert, wenn er sich verspätet? Oder gar nicht erst ankommt?

Ich lernte, mehr schlecht als recht, den Fahrplan zu lesen. Ich nahm den einen oder anderen Zug, sprang manchmal einfach Freunden und Bekannten hinterher, ohne genau zu wissen, wo mich die Reise denn hinbrächte. Meist zu der Erkenntnis: da gehöre ich nicht rein. Irgendwie hatte ich meine eigene Vorstellung von Reisezielen. Die standen aber (noch) nicht auf dem Fahrplan, und so wartete ich gefühlte Jahre am Gleis, sah andere an- und abreisen, aber für mich kam kein Zug vorbei. Es waren die unangekündigten Sonderzüge, die manchmal extra lange hielten, bis ich mich endlich entschied, einzusteigen. Insgesamt dachte ich, so ist es wohl, das Leben. Ein Zug rollt an, das Ziel vielleicht nicht perfekt, der Service einigermaßen okay, also warum nicht einsteigen. Bevor man für alle Zeit am Bahnhof steht, unabgeholt. Man muss ja stets voran kommen.

Manche Züge können sich aber auch verfahren. Blöd, wenn man das erst nach einiger Zeit bemerkt. Wenn das Ziel immer weiter davon abweicht, wo man eigentlich hin wollte. Aber es ist nun mal auch Routine, jeden Tag in diese ein und selbe Bahn zu steigen und die Stationen abzuklappern. Vielleicht ist es nur Gewohnheit, vielleicht ist Glück Gewohnheit. Vielleicht aber auch nicht. Andere Strecken auszuprobieren kam eigentlich nicht in Frage, ich hatte nun mal die BahnCard, warum denn wechseln. Eigentlich. Kurzfristige Zweigleisigkeiten im moralischen Sinne, langfristige Zweigleisigkeit im emotionalen – heute weiß ich, dass letzteres sehr viel verheerender und verwerflicher sein kann.  Schlussendlich habe ich sie dann doch gekündigt, die BahnCard. Keine Lust mehr, keinen Nerv, jeden Tag die selbe öde und noch nicht einmal zielführende Strecke zu befahren auf staubigem Geleis und über immer holpriger werdende Weichen. Zu einer Sanierung der Strecke war der Betreiber nicht bereit, also Tschüss – ums kurz zu fassen.

Trotzdem fehlte mir das Bahnfahren. So lange Jahre habe ich das doch praktiziert. Irgendwann hatte ich das ziellose Herumstehen am Bahnhof satt und stieg einfach in den nächstbesten Zug. Das Ziel stellte sich als wirklich dämlich heraus, ich musste die Beschreibung im Reiseführer falsch interpretiert haben, aber da ich nicht an die Rückfahrkarte gedacht hatte (was habe ich damals überhaupt gedacht?), musste ich zu Fuß zurück und hatte Blasen an den Füßen bei meiner Rückkehr. Schöner Mist. Züge warten nicht ewig, aber trotzdem muss man nicht auf sie aufspringen, wenn sie noch oder schon fahren. Am Ende hatte ich die Nase vom Bahnfahren dann dermaßen  voll, da es mich ohnehin nie dahin brachte, wo es mir gefallen hätte, sondern stets mit irgendwelchen Beschwernissen und Kompromissen verbunden war. Wenn ich Blasen an den Füßen und aufgeriebene Nervenenden haben wollte, konnte ich genau so gut ab jetzt immer zu Fuß gehen. Oder mich einfach dem Stillstand hingeben.

Und so verließ ich den Bahnhof und setzte mich in ein kleines Café und beobachtete den Menschenstrom von und zu den Gleisen mit gemäßigtem Interesse. Nein, das brauchte ich gerade nicht. Ich wollte meine Ruhe haben, nicht mehr reisen. Als ich mir gerade meinen zweiten Cappucchino bestellt hatte, hielt wieder ein Zug. Er stand. Lange. Und es tat sich nichts. Nichts passierte. Mich beschlich Unruhe. Wartet der wohl auf mich? Ich versuchte nicht mehr hinzuschauen und widmete mich dem Karamellkeks auf meiner Untertasse. Ich hörte, wie die Türen sich öffneten und sah langsam auf. Eine einzelne Person stieg aus. Handgepäck. Gut gekleidet. „Wieder so ein Pendler“, dachte ich bei mir, erlöste den Keks von seinem Bröselmartyrium und und rührte beruhigt im Milchschaum.

„Good afternoon.“ Als ich von meinem Cappucchino aufblickte, war ich zunächst verwirrt. Quatscht mich dieser Pendler denn tatsächlich auch noch an? Keine Uhr oder was? Den Fahrplan nicht lesen können? Fast sofort erkannte ich ihn aber: Ich war ihm schon einmal begegnet, in einem Zug, in einem anderen Leben. Was machte er jetzt und hier, in meiner neuen Wirklichkeit? „Was ist?“ fragte ich. „Ist das da etwa mein Zug?“ – „Es ist dein Zug, wenn du willst, dass es dein Zug ist.“, war die kryptische Antwort. Mit einem Mal wurde mir bewusst, dass ich Zugfahren schon immer gehasst hatte. An diesem Tag stieg ich in keinen Zug ein. Auch nicht an den folgenden. Ich ging lieber zu Fuß neben dem wiedergefundenen Pendler her. Wir sprachen viel, über Reiseziele, aber auch über verdreckte Gleise und abgebrannte Bahnhöfe. Wir folgten einander, taten immer nur winzige Schritte, doch ich wusste von Beginn an, ich würde auf keinen Zug mehr warten. Ich wollte, dass dieser Mensch in meinem Leben blieb. Er antwortete, diese Haltestelle sei die seine. Wenn ich erlaubte.

Und so gehen wir eben nebeneinander her. Verwundert, wie schnell es manchmal gehen kann, einen Reisegefährten zu finden, wenn man aufgehört hat zu suchen. Gerade lassen wir den Bahnhof hinter uns, und der Gedanke, nicht mehr Bahn zu fahren, ist überhaupt nicht schlimm oder verlustbehaftet. Ein Ziel gibt es derzeit noch nicht, aber ich spüre, es wird einmal eines sein, das uns beiden gut gefällt. Ich würde Berg und Tag zu Fuß beschreiten, wenn es sich weiterhin so gut anfühlt wie gerade jetzt. Im Vergleich zu den üblichen stressbehafteten Bahnfahrten ist das nicht weniger als eine gediegene Landpartie im Aston Martin. Das gewohnte Bahnrot getauscht gegen elegantes British Racing Green. Und es fühlt sich ganz genau so an, als hätte es immer schon so sein müssen.

Absprung

Dies wird das Ende sein. Dies endgültig das Ende einer lebens¦wichtigen Endphase, die ihren Anfang bereits nahm, wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, als das zu beendende Begonnene gerade noch im Beginn begriffen war.  Dieser ganze Prozess, dieses Beginnen eines zum Enden verurteilten Lebens über das Amlebenerhalten eines trügerischen Lebenstraums bis hin zum Beenden einer Beziehung und dem Beginn einer ganz neuen Zeit wird von Moment zu Moment wertvoller und sinniger für mich. Mir kommt es geradezu so vor, als sei dieser von mir gewählte Weg, über den ich in der Vergangenheit haderte, auf dem ich stolperte und fiel und mir die Knie blutig stürzte – als sei dieser Weg der einzig richtige gewesen, der mich jetzt, da er endet, in eine völlig neue Welt entlässt.

Ich glaubte den Ausgang schon gefunden zu haben, aber ich hatte mich geirrt. Noch brauchte es Zeit, bis wichtige Dinge so weit gereift waren, dass ich deren Früchte erkennen und kosten durfte. Hätte ich geduldiger sein müssen? Den Weg zum Ende hin bewusster gehen und nicht so voranpreschen sollen? Erspart hätte es mir neuerliche Kniewunden, doch ist Schmerz nicht umso süßer, je näher das Ziel rückt? Dafür ließ ich die Erkenntnis reifen, brach mein Herz herunter bis auf den kleinsten Bestandteil und analysierte, ließ es in neuer Form wiedererstehen – intuitiv, mag man das wohlwollend nennen, denn geplant war keine dieser Aktionen. Naiv, chaotisch, mit saumäßigem Glück, mögen weniger wohlwollende Zungen sprechen.

Nun, am Ende des Weges, blicke ich ein letztes Mal zurück. Nein, ich habe oft genug zurück geblickt, jetzt schaue ich nach vorn: Eine Blumenwiese voll rotem Herzblumenklatschmohn tut sich vor mir auf. Soll ich hineintauchen in dieses neue Leben? Was genau ist es, das mich so sicher macht, dass es die absolut richtige Entscheidung ist, da doch mein bisheriger Weg von Zweifeln und Fehlurteilen geprägt war? Ich weiß es nicht, absolut nicht. Ich weiß nur, dass die Intuition zum allerersten Mal beide Daumen reckt und mir auffordernd zuzwinkert. Ich befrage die Vernunft, aber die steht schon in Siegerpose da und wartet nur noch auf den Absprung. Die Moral lehnt sich mit zufriedenem Lächeln zurück und nimmt die Contenance ein wenig an die Leine. Aus dem Augenwinkel sehe ich die Fantasie Anlauf nehmen, sie schwingt einen großen Sack voller Traumbilder, die ich doch eingemottet und entsorgt glaubte, aber nein, sie lässt sie wiedererstehen, schöner, strahlender als je zuvor. Gleich hat sie mich erreicht, gleich wird sie mich mit meinen unverwirklichten und verloren geglaubten Träumen und Sehnsüchten pudern und mich hinab-, hinausstoßen auf die zukunftsversprechende Herzblumenwiese.

Letzte Worte, bevor Altes endet und Neues beginnt? Danke für alles bisher Erlebte. Für alle Tränen, Wunden, Narben und verlorene Nerven. Was hab ich nur für ein unverschämtes Glück.