Lichtbrücken und Dunkelab¦gründe

Und als ich so wanderte, frisch losgelöst von Jahre währendem Ballast, sah ich ein Licht in der Ferne. Ich hob meine Laterne, um zu sehen, wer da ebenfalls wanderte, und du sandtest Lichtsignale zurück. Ich verstand sie, eine ähnliche Frequenz. Wir kommunizierten, meist in der Nacht, denn am Tag überschien die Sonne unser Leuchten. Nicht lange darauf trafen wir uns, am Rande einer kleinen Klippe, nachdem die Lichtkommunikation den Wunsch nach einer Begegnung von Angesicht zu Angesicht stark werden ließ. Zwischen uns, so stellen wir fest, lag eine Kluft, angefüllt mit unerfüllten Sehnsüchten und Träumen. Wir reichten uns die Hände darüber. Dieses Meer wallte auf, als wir unsere Verletzungen und Enttäuschung dazuwarfen; waberte zwischen uns wie eine Gischtwolke, und wir tauchten ein, nicht wissend, ob wir uns darin verlieren und jemals wieder auftauchen würden. Das war uns erst einmal egal.

Was haben wir geredet. Licht- und luftgetragen, alle denkbaren Dinge in unseren Köpfen zusammengeworfen, immer mehr Licht erzeugt. Der Dunst schien sich zu lichten. Und wir begannen eine Brücke über den Abgrund zu flechten aus Worten, Taten, Lachen und Licht. Unsere Basen nun verbunden, rannten wir ein ums andere Mal ausgelassen über die Klippen, zueinander, und wieder zurück. Wie sie schaukelte, die Hängebrücke. Alles war gut, solange wir nicht hinunter schauten. Fuchs sein fetzte wie noch nie. Dein Blick wanderte, suchte Schwachstellen, fand – suchte weder Lösung noch Konsens, sondern verband die Stellen mit mehrlagiger unangezweifelter Akzeptanz. Ich ging souverän und mit geschlossenen Augen über die Brücke, fühlte mich oft stark, oft schwach, doch dein Arm war immer da, an dem ich mich festhalten konnte. Darin fühlte ich mich geborgen, akzeptiert und unterstützt. Das gleiche hoffte ich zu geben.

Einmal ging ich über die Brücke, und sie schwankte und erzitterte. Ich öffnete die Augen und wusste plötzlich nicht mehr, wo ich war. Mir wurde schwindelig. Hoch oben, über dem Abgrund, über dem Meer, auf schwankendem Boden, betrachtete ich meine Basis. Eine Basis, die ich mir geschaffen und erkämpft hatte, teuer, schmerzhaft. Da lag sie, in der Ferne, da stand ich, im Freien, freier Fall. Und meine Höhenangst kehrte auf einen Schlag zurück. Zurück zur Basis! schrie meine Panik. Doch zu welcher? Das Hin- und Hergeschaue trug nicht gerade zur Verbesserung bei, also schloss ich irgendwann die Augen und – rannte los. Als ich erwachte, lag ich am Abgrund. Ich war mit ausgebreiteten Pelikanflügeln gegen die Pfeiler meiner Basis geflogen, abgeprallt, gestürzt. Die Brücke hinter mir zerbarst, mit einem einzigen lauten Seufzer. Der Winter kam plötzlich. Viel zu schnell. Aber rate man mal jemandem mit Höhenangst, nicht panisch zu werden, langsam zu machen und die Herzfrequenz niedrig zu halten, wenn man ihm vorher erlaubt hat, überall hinzurennen und den Puls zu pushen, wann immer sich die Möglichkeit dazu ergibt.

Im Wachtraum dringen Worte zu mir. Worte aus meinem Mund, die ich hinüber rufe, und die sich derart grenzdebil anhören, dass ich sie mir am liebsten verbieten möchte. So sinnlos, das alles. Mein Nacken schmerzt. Die Augen brennen. Mein Herz – wo ist das überhaupt? Hatte ich denn eins? Das fragst du dich zurecht. Und das tut weh. Dass es weh tut, lässt mich wissen, dass ich eines habe. Aber vielleicht behalte ich das lieber für mich. Es ist wahrscheinlich einfacher, loszulassen, wenn man sich verraten fühlt. Ob das nun so ist oder nicht. Lieber einen guten Schuss Wut auf die blöde Bitch, die Brücken flicht aus Worten, Licht und Sehnsucht, und sie vorwarnungslos wieder kappt mit ihrer offensichtlich destruktiven Selbstverwirklichungsrumspinnerei, als die Aussage verstehen zu müssen: „Ich habe Höhenangst“.

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41 Gedanken zu “Lichtbrücken und Dunkelab¦gründe

  1. Auch ich reibe mir verwundert die Augen und lobpreise meine Lieblinksliste, auf der ich dann abundzu die Herzensblogs direkt aufrufe. Der hier ward mir unterschlagen. Wenn Sie das Datum auf den Achtundzwanzigsten setzen, erschiene die richte Reihenfolge, liebe MmeMme…

    Ja, die Höhenangst. Könnte Seiten vollschreiben. Mache ich vielleicht noch. Ich spüre, wir haben ähnliches erlebt. Auch der jetzige Lieblieblingsmensch und ich flochten erst eine haderschludrige Brücke, gehalten von Lichtsilbenperlen, Notennotaten und Haltetrautauen. Als meine Basis begann unter mir zu bröckeln (das ist der Unterschied, Sie standen ja auf der Wackelbrücke), bin ich einfach gesprungen. Oh, was rauschten die Zweifel mit mir über den unbekannten Schlund und dann war da jemand, der einfach mit ausgebreiteten Armen dastand und sagte, er brauche mich. Ihre Worte führen mir wieder vor Augen, wie glücklich ich mich schätzen darf und es auch tue. Danke, meine Liebe. Ein, wenn auch besser nie empfundener, aber trotzdem schlimmschöner Text. Ändern Sie das Datum unbedingt auf später, der muß im Lesebefehlsknecht Ihrer Fährtenaufgenommenen erscheinen, es wäre schade, wen nur wir ihn lesen. Ich drohe zartsanft mit Rebloggen, wenn nicht. Mit Herzgruß, Ihre Frau Knobloch.

  2. Pingback: Drei Texte | bittemito

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