Stufe 3 auf der Fujita-Skala

Wie schön die Sonne heute scheint. Vogelgezwitscher. Eine leichte Brise. Ich hebe die blutigen Hände zum Himmel. Die noch warme Flüssigkeit rinnt zäh über die Innenseiten meiner Unterarme und sammelt sich in den Armbeugen. Um mich herum frühlingshafte heitere Stille. Totale Zerstörung. Ein laues Lüftchen, so angenehm, so warm und lieblich, ist zu einem ausgewachsenen Herztornado geworden. Ist hier durchgewirbelt und hat alles auf den Kopf gestellt. Dächer abgedeckt. Bäume entwurzelt. Eine Menge Material ist in den Herzsee geschleudert worden, alles wurde überschwemmt und durchnässt. Wassertropfen auf den Trümmern glitzern im warmen Sonnenlicht wie Diamanten. Ich strecke mich der Sonne entgegen, das Blut läuft weiter, an meinen Oberarmen entlang bis in die Achseln, seitlich tropft es herab. Klebrig. Die ersten Frühlingsblumen brechen durch die warme Erde, die zarte junge Wiese lockt mit säuselnder Stimme. Ich will mich hinlegen. Rolle mich zusammen, das blutige Herz noch in meinen Händen. Presse es an mich, fest an meine Brust. Es will nicht hinein, noch will es heraus. Wo gehört es hin? Ich wiege es in den Armen. Der Tränenfluss bahnt sich weiß durch das angetrocknete Rot. Wenn ich lange genug weine, vielleicht wäscht es sich ganz von mir ab.

Es ist Nacht. Sternenklar. Ein halber Mond gießt blasses Blau über die Wiese, auf der ich liege. Noch sind die Nächte kühl und die Wassertropfen gefrieren zu schimmernden Perlen auf meinen Wangen. Blau und Rot und Weiß und Grün, und doch alles Grau im blassen Mondenschein. Wachgeträumte Gedankenfetzen hängen von gezackten Trümmerteilen, lautlos in der windstillen Kälte. Herz, das ich dich in meinen nackten Armen halte, du bist auch gefroren und drohst zu zersplittern. So viel Hitze, und dann die Kälte, das macht kein Material auf Dauer mit. Sobald ich aufstehen kann, noch vor der Sonne, packe ich deine Trümmer in den Mörser und zerstoße dich zu feinem Pulver. Das säe ich dann auf der jungen Wiese aus und lasse die Sonne das ihre tun. Herzblumen, wie ein Meer aus rotem Mohn, sollen einmal daraus wachsen. Im Wind sich wiegen und Sonnenstrahlen speichern. Vom Lächeln der Betrachter leben.
Nun aber – ruhe unter Erde, Tränen, Blut und Mondlicht.

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19 Gedanken zu “Stufe 3 auf der Fujita-Skala

  1. Madame, nie wieder werde ich Mohnblüten nur mit einem Lächeln betrachten können. Ihre Worte sind mir unter die Haut gekrochen und haben sie kaltschaurig gemacht. Meine Mohnblumenblicke werden ab jetzt immer feuchtschimmerig sein. Ihren Text schön zu nennen vermag ich nicht und doch ist er bitterschön. Ach.

      • Ach, meine Liebe, ich hatte Ihnen so sehr Heilung gewünscht. Doch Mohnblumentherapie braucht kein Mensch. Herztornados der Stufe drei sind zerstörerisch. Die Narben behält man wohl ewiglich. Beim Lesen Ihrer Worte pulsierten die meinen. Ich denke dabei an Sie.

        • Ihr Wunsch ward Wirklichkeit. Dass ich mir die Bandagen in wilder Entschlossenheit herunterriss, dafür können Sie ja nichts. Lassen Sie mich noch ein wenig im Mohne liegen, ein wenig im Vergessen schwelgen. Meist sind es fremde Narben, die uns mehr schmerzen als die eigenen.

          • Ruhen Sie, heilen Sie. Dabei kann der Mohn wohl helfen. Es kommt der Tag, da feinweißzart die Narben so bittersüß pulsieren, daß der Schmerz ein jäh aufflackerndes Ziepen ist und nach kurzem Erschrecken das Entsetzen abebbt, weil man weiß, man hat es überlebt. Überliebt auch.

          • Ich vertraue Ihrer Prognose. Momentan zwingt’s mich in die Knie. Aber ich fühle nun mal, was ich fühle. Und das schreibe ich. Ich mag mit Worten spielen, nicht aber mit dem, was ist. Oder was war. Genug nun davon. Was macht eigentlich unsere, ich darf Sie aus dem Gefühl heraus zitieren, „Planerey“? Zwecks Phrasendreschgeldaufdenkopfgehaue?

          • Auch da hielten wir erstmal inne. Vielleicht in den Sommermonaten, allerdings weiß ich nicht, ob während der Ferien der liebe Herr Guinness verhindert ist. Alles weitere soll wieder in Emaille gepackt werden…

            Ihr Fühlen, Ihr Schreiben, das genau macht Ihre Echtheit so aus. Und deshalb fühlt man so mit. Wie schon bemerkt: Bitterschön ist dieser Text. Wie roter Vermouth wellt er die Haut und hinterläßt doch Gier nach einem erneuten Schluck davon. Ich leere den Kelch bis zur Neige.

  2. Liebe MmeMme, das Blut gefriert in meinen Adern, wenn ich Deinen Eintrag lese. Die liebe Frau Knobloch hat es bereits so treffend beschrieben. Man kann den Text aufgrund der zugrunde liegenden Erlebnisse (die ich nicht kenne und mir vielleicht viel zu schlimm oder viel zu harmlos vorstelle) nicht als schön bezeichnen und doch ist er bitterschön. Von der Fujita Skala hatte ich nie gehört und als ich auf Wikipedia sah, dass sie bis 12 reicht, dachte ich schon, dass es vielleicht gar nicht so schlimm war. Ein weiteres Lesen hat allerdings die Klarheit gebracht, dass Stufe 3 schon viele Opfer fordert. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als Dir weiterhin oder jetzt erst recht viel Kraft zu wünschen. Auf das die Wunden verheilen ohne zu vernarbene und das Du nach dem Aufräumen viel Platz für einen Neuanfang hast.

    • Lieber Sir Alec, so ist das mit den täglichen Empfindungen, man gibt dem Drang nach sie wortreich zu verarbeiten, und dabei unterübertreibt man seltenmeist ein wenigviel. Und du kennst meine Texte, hast sie alle gelesen: Klarheit gibt es nie, dafür jede Menge Mehrdeutigkeiten, Interpretationsspielräume – das bin ich. Der wandelnde Widerspruch, der Dinge schafft und Dinge verbockt, und das fast in einem Atemzug, hauchzart-hochfujitaskalig. Frag nicht nach Sonnenschein.

  3. Was für ein unglaublich, unglaublich, unglaublich guter Text. Der Vorteil von Blut, – daß es sich anders als Tinte, nicht auswäscht, sondern in die Seiten brennt. Hochbezahlt. Aber auch hochverdient gelobt. Möge der rote Mohn schnell wachsen. Herzlichst verbunden, Candy

  4. Gespiegelt gefühlt wünsche ich dem zermörtenden Seelensamen ein wenig Löwenzahn dazwischen..der breitet sich aus und verpuster sich anteilig in die Freiheit und das schon bei seichten Winden..

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