Kaffeepäuschen

So vergehen die Tage, der Frühling, heißt es, soll Einzug erhalten. Diesen Winter hätten wir uns gespart. Aber ich bleibe achtsam, er mag noch irgendwo lauern und auf ein Comeback warten. In meiner Abwesenheit kümmerte sich die werte Frau Knobloch um mein Gärtchen, und damit spiegelt sich eine reale Begebenheit vortrefflich wieder, wie die Wolken in einer Wasserpfütze: Denn soeben erwischte ich noch eine andere Dame mit festem Platz in meinem Herzen, meine liebe Frau Mama, wie sie versuchte, klammheimlich durch den töchterlichen Garten zu huschen und nach den nach Wasser dürstenden Pflanzen zu sehen. Ha, erwischt! Beide! Ihr müsst jetzt einen Kaffee mit mir trinken, das ist MmeMmes Gesetz. Kopfkino, ich liebe es.

Und während wir in unserer Dreierrunde am kleinen Kaffeetischchen sitzen, aus den ebenso imaginären wie herzrührend-hübschen Sammeltässchen schlürfen und stumm das Sahnekännchen und die dazu passende Zuckerdose mit Rosendekor bewundern, reflektiere ich die letzte Zeit, in der ich dieser imaginären Welt ferngeblieben bin und mich der realen verstärkt gewidmet habe. Ja, doch, es hat schon was für sich, dieses echte Leben, da draußen, mit echten Menschen, vor denen ich nun sehr viel weniger Angst habe, als zu Beginn meiner neuen Daseinsform.

Je weniger ich mich ausschließlich nur mit mir beschäftige, desto mehr fallen mir Menschen ins Auge, Typen, Charaktere. Von Austernmenschen halte ich mich fern, bisher erfolgreich. Ich bin es leid, an ihrer harten Schale zu scheitern. Ich lasse sie in Ruhe. Sollen sie sich öffnen, wenn sie wollen und wemauchimmer gegenüber – ich öffne meine Hände wie zum Beweis: Da, kein Brecheisen, keine Öffnungsabsichten, kein Interesse. Keine Panik. Manchmal muss man etwas aufgeben, um es zu erreichen. Nein, ich habe mich nicht aufgegeben, auch nicht gehen lassen. Allerdings, losgelassen habe ich mich. Losgelassen, um zu sehen, wie weit es mich trägt, das Leben, wie weit ich schweben kann, den Boden unter den Füßen im Blick, das Herz zielgerichtet auf die Zukunft.

Der Nebel lichtet sich. Auf meinem Weg begegne ich ihnen; Menschen, die mich bisher begleitet haben, Menschen, die mich begleiten wollen. Und Menschen, die einfach mal kurz Hallo sagen und dann wieder verschwinden. Konstanten und Variablen. So langsam wächst mein Verständnis für diese Dinge. Und zwar insofern, als dass ich erkenne, dass ich nicht verstehen muss. Dass ich nichts kontrollieren muss, dass ich geschehen lassen darf, was geschieht, und dass ich nicht Schuld daran bin, wenn der Weg sich gabelt; wenn der Weg für andere zu Ende ist oder in eine andere Richtung führt. Warum denn immer dieser Rechtfertigungsdrang? Abschalten. Wege winden sich, Wege kreuzen sich, manche wieder und wieder, manche nie. Wie und wann, das wird man nicht herausfinden, wenn man sie nicht beschreitet.

In meinem Herzkörbchen habe ich sie alle gesammelt. Alle, die mit mir gingen, lange Strecken, kurze Stücke. Und ich sammle weiter und verspüre Freude. So mancher entschlüpfte schon durch die großzügigen Herzkörbchenmaschen, freiwillig und unfreiwillig. Das tut mir leid. Dass ich manchmal unachtsam war. Dass ich auch manches Mal Ballast abwerfen musste, um weiterzukommen. Doch die Zukunft erwartet mich. Die Zukunft. Konstant variabel.

„Vorzüglicher Kaffee“, bemerkt Frau Mama dazwischen, sie rührt mit einem winzigen Silberlöffelchen drei Körnchen Rohrzucker in ihr goldberandetes scheußlich-schönes Sammeltässchen. Die Herzdame Käthe – ja, so vertraut sind wir bereits – nickt und liebäugelt mit ein paar weiteren Tröpfchen Sahne aus dem rosendekorierten Sahnekännchen auf dem Puppenstubenkaffeetischchen. Bestimmt formuliert sie gerade einen passenden Kommentar zu meinen gerade gehörten Ausführungen. Dabei weiß ich nicht mal, ob sie wirklich Kaffee mag.

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15 Gedanken zu “Kaffeepäuschen

  1. Während ich mit der Fingerspitze ein paar Brosämchen Rohrzucker vom Beistelltischchen tupfe und versonnen Süßgeschmack auf der Zunge zergehen lasse, nachgespült von einem Nippchen Schwarzsamtbohnenkaffee, schauen meine Augen, zartüberwässernd in die imaginäre Damenrunde und ich denke: Ein perfekter Moment. Danke, liebe MmeMme und Grüße an die famose Frau Mama. Sie gleicht wohl auch der meinen.

    Und Sie, liebe Gastgeberin, Sie leben Ihr neues Mantra: Geben und geben lassen. Sie wissen ja, was das tut, nuwoahr?!

    • Ich sehe, liebe Herzdame, Ihre Fantasie trägt Sie auf leichten Schwingen in mein Puppenstubensetting. Danke fürs Gießen, schon längst wollte ich mich wieder gemeldet haben. Doch ich ließ einfach geben. Und meine Anwesenheit, ganz unter uns, bescherte mir sogar einige Lächelmomente, obwohl ich ja gar nicht da war. In Gedanken aber schon. Noch ein Tässchen, meine Liebe?

      • Gernst. Und noch gernsterer lese ich, daß Sie lieber einfach geben ließen. Brillantösoberbonfortionös! Wir bleiben verbunden, sorgen Sie sich um sich und Ihre Herzensmenschen. Bin ja staunenderweise irgendwie eingewoben.

          • Weniger Verwunderung klingklangelt in mir, eher frohgemuthes Staunen. Dieser Gleichklang ist so harmonisch, innig, hach…Sie verwuscheln mir den Blick schier. Drittmorgenschwarzkaffeetrinkende Grüße und lassen Sie sich all‘ das geben, was Sie ohnehin schon längst verdient. Ich sende Fremdfreundingrüße, Ihre Herzenskäthe.

          • Herzensdank, fremdfreundlich Grüßende! Möglich, dass ich mich hier so wohl fühle, weil ich mich – fremdvertraut vertrautfremd – verstanden fühle, wenn das Gefühlschaos wieder über mich herein bricht, sich in Wortlawinen niederschlägt und mir den Blick versperrt. Sie haben es auf den Punkt gebracht, geben fängt damit an, sich selbst zu geben (Ambiguität beabsichtigt). Und ich gebe mir, mich, heute sorgenfrei, auch wenns dazu ein Lawinenräumfahrzeug bräuchte. Aber das wird schon. Wird bald. Wird.

          • „Geben fängt damit an, sich selbst zu geben.“ Meine Liebe, Sie schaffen Wahrheiten sogar in Mehrdeutigkeit zu verschönpacken. Heben Sie einfach den Blick über den Lawinengerölleberg, der scheinbar vor Ihnen liegt. Himmel spannt sich azul? Gut, dann mal los, die Wortspaten glänzen sorgenwegschaufelbegierig.

          • Vielleicht sollte ich meine von Ihnen gestützten kleinen Wahrheiten mal auf ein Schild schreiben und mit mir herumtragen. Oder als Lawinenschaufel benutzen. Oh ja! Sie bringen mich auf Ideen …

        • Danke für Ihre Fürsorglichkeit, lieber Freund. Ich verlasse mich da allerdings ganz auf das Gespür der werten Frau Knobloch, wann es eventuell Zeit würde, dass man wieder ein Lebenszeichen von mir erhält. Und dann dürfen Sie anfangen nach mir zu graben, Sie beide. Es gibt auch Kaffee.

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