Glasmosaik

Ein Leben zusammenflicken, ein Herz wieder kitten. Nicht leicht. Mit der Angst, die selben Fehler dabei zu wiederholen.

Ein Rückblick: Da habe ich an meinem Lebensmosaik herumgebastelt, Glasstein für Glasstein gesammelt, angelegt und, wenn für gut befunden, angeklebt. Gesammelt, geklebt, gesammelt. Irgendwann muss ich den Überblick verloren haben. Irgendwann bemerkte ich Risse in der Struktur. Haben das andere auch bemerkt? Vor mir vielleicht sogar? Sicher, hin und wieder gab es Hinweise, ich solle mir das große Ganze doch mal aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Von oben, von der Seite, vielleicht. Ich tat das ab, sammelte weiter, klebte fleißig und wartete. Worauf wartete ich? Ich glaube, ich wartete auf dieses Gefühl des Erfülltseins, des Zufriedenseins mit dem, was ich geschaffen hatte. Nicht, dass ich dauerhaft unzufrieden gewesen wäre. Ich habe Stück für Stück erarbeitet, manchmal größere Stücke auf einmal, manchmal schillernde, neue Flächen hinzugefügt. Ich habe Gestaltungsvorschläge bereitwillig angenommen und kaum mehr realisiert, wie wenig ich selbst noch bestimmte, welche Steine, Fragmente ich anklebte und wie. Selten, nie eigentlich, habe ich ein Stück wieder weggenommen, weil es nicht passte. Irgendwie passte immer alles, mir passte alles, ich passte mich an.

Eines Tages passierte etwas Unerwartetes. Etwas ließ mich zusammenzucken. Ein Donnerschlag? Ein Erdbeben? Ich weiß es nicht mehr, und niemand sonst bemerkte etwas. Ich zuckte also zusammen, mein Glasmosaik entglitt meinen Händen und – fiel. Unendlich langsam. Die Zeit schien stillzustehen, während alles andere um mich herum in gewohnter Geschwindigkeit weiterlebte. An mir vorbei, die ich meinem Glasmosaik beim Fallen zusah und damit in der Zeitlosigkeit gefangen war. Bald stürzte ich ich hinterher, fiel parallel dazu, schob mich darunter, um den Fall zu stoppen, aber nichts schien den Lauf der Dinge aufhalten zu können. Da war sie. Die Möglichkeit. Eine Chance, mir mein Werk aus einem anderen Blickwinkel anzuschauen. Von oben. Von der Seite. Sogar von unten, so unendlich langsam glitt mir das Glasmosaik aus den Händen. Ich wusste, es würde irgendwann aufprallen, und ich wusste auch, dass ich allein den Zeitpunkt bestimmen musste, wann es so weit war. Vor mir lagen Jahre des freien Falls.

Ich erinnere mich gut an den Tag, als das Glasmosaik auf dem harten Boden der Realität auftraf. Krachend, ein lautes Splittern von Glas und das Aufbrechen von verhärtetem Kleber, die Glassplitter kratzten schreiend über den Asphalt. Ich lauschte ohne mir die Ohren zu bedecken. Und ich sah. Chaos um mich herum. Schock. Starre. Und gleichzeitig ein Gefühl von Freiheit. Der Fall war abgeschlossen, endlich, und früher als erhofft – ich hätte kein weiteres Jahr im freien Fall ertragen. Ich gab mir keine Zeit zu verharren, schob die Glassplitter zusammen und wieder auseinander. Wühlte, sortierte aus, legte weg, legte die verbliebenen Strukturen frei. Ein gesplittertes, verbogenes Stück Leben. Wie nun weiter? Sollte ich wieder anfangen zu basteln und zu kleben, was noch klebbar war? Unbrauchbares wegwerfen, neue Fragmente zusammensammeln? Ich wartete. Still. Zweifelte. Doch niemals an der Richtigkeit des Aufpralls.

Heute schaue ich auf mein gefallenes und in den wenigen vergangenen Monaten schon wieder recht ansehnlich hergerichtetes Mosaik. Es fehlt. An allen Ecken und Enden. Aber es ist in Ordnung, es wird sich wieder füllen. Ich habe brauchbare Teile umsortiert, an andere Stellen angeklebt. Ich habe Teile, die mir nicht mehr gefielen, weggelassen. Die zersplitterten Steine habe ich zur Seite geräumt. Schneide mich manchmal noch daran, wenn ich unachtsam bin, und schiebe sie doch immer wieder mit der bloßen Hand von mir weg. Mache ich das richtig? Ich nehme mir ab und zu die Zeit und sehe mir mein fragmentiertes Glasmosaik aus einem anderen Blickwinkel an. Von oben. Von der Seite. Und ich suche Rat und frage nach Meinungen. In solchen Momenten fühle ich mich stark und schwach zugleich. Ich spüre, dass ich noch Zeit brauche. Ich spüre, dass ich hin und wieder die alte Contenance vermisse und versuche mich zu erinnern an ihre guten Seiten. Die Zeit dafür ist gekommen. Morgen ist es so weit. Morgen nehme ich den Handbesen, fege die letzten Glassplitter zusammen und entsorge sie. Für immer.

Zeit, sich Zeit zu nehmen. Ein Leben zusammenflicken, ein Herz wieder kitten. Und hoffen, die selben Fehler dabei nicht zu wiederholen.

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22 Gedanken zu “Glasmosaik

  1. Ich beneide Dich nicht um die schmerzhafte Erfahrung, ich beneide Dich allerdings für Deine Fähigkeit es zu beschreiben und ich bewundere Dich für den Mut ein neues Mosaik zu beginnen. Es wird bestimmt sehr schön werden.

  2. Ist es ein Fehler zu lieben? Müssen wir immer auf Besserung hoffen? Wissen wir es nicht eigentlich besser und uneigentlich sowieso? Zweifel hat jeder Mensch. Selbst ich. Aber sie sollten uns niemals lange beherrschen, niemals unser Leben auf ewig bestimmen. Jeder Tag bringt uns neue Herausforderungen, neue Duelle. Und mit jedem Tag, mit jedem gewonnen Duell, werden wir stärker. Wichtig ist aber, die alten und zerbrochenen Steine, die Scherben nicht achtlos zur Seite zu fegen. Den Gespenstern der Vergangenheit müssen wir uns stellen. Ein kurzer Kampf und wir gehen weiter. Ohne Zweifel und richtig. Ein Zurück gibt es meistens nicht. Und warte nie bis morgen um zu fegen. Mach es immer heute, hier und jetzt! Du kannst das und ich auch. Wir alle können das. Glaub an dich!

    • Liebe Mayumi, danke für deine stärkenden Worte. Zweifel sind normal, ich habe das akzeptiert und versuche, mit ihnen zu leben, sie anzuhören und sie zu Rate zu ziehen. Es ist kein Fehler zu lieben. Nur, nach so langer Zeit in festen Strukturen und so viel Zweifel bin ich gerade nicht sicher, ob ich sie wiedererkenne, die Liebe, zwischen all den Scherben und täglichen Scharfkantigkeiten. Was kann ich ihr abverlangen? Was nicht? Hier, denke ich, hilft wieder die liebe gute Zeit. Die mich davon abgehalten hat, das Schlachtfeld direkt nach dem Aufprall leerzufegen – manche Vorhaben bekommen von Amts wegen schon Bedenkzeit aufgedrückt, was ja auch völlig gut und richtig ist. Und nun ist das Morgen schon das Heute, und heute wird gefegt, gleich … Den Gespenstern der Vergangenheit bin ich begegnet, nicht allen von ihnen, denn manche nehmen sich auch ihre Zeit, bis sie auftauchen. Aber die nächste Zeit, die nächsten paar Tage oder Wochen, bitte ich sie in ihrer Schublade zu bleiben und mich in Ruhe zu lassen. Klar schaff ich das. Wir alle. Ich danke dir, Mayumi, du bist meine Heldin.

  3. Der Kitt, Madame. Der Kitt, der die Teile zusammenhält. Innehält, verbindet. Sie können noch so schöne Steine sammeln und horten und zum Glänzen bringen, haben Sie einen schlechtqualitätigen Kitt, nutzt Ihnen der schönste Scherbenhaufen nichts. Der Kitt macht das Ganze erst zur Großfamosgesamtheit. Besehen Sie sich den bisher verwendeten Kitt und testen Sie ruhig mal den neuen mit ein paar ganz bunten, anderen Splittern. Wenn die sich bonfortionös einfügen lassen und der neue Kitt sich als festhaltend, sicher und sorgend erweist, dann können Sie sich an das Gesamtkunstwerk namens Leben erneut wagen. Ich grüße herzinnigst, Ihre Kittykittkäthe.

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