Wortstrom: Anfangs¦ende

Jedes Mal ein letztes Mal. Ein Anfang ohne Ende.

„Wie geht’s? Wollen wir reden?“ – „Na gut“
Und alles, was ich höre, ist: „Ich“. Ich, ich ich.

Du fragst nicht. Du redest. Schaffst absurde Welten mit deinen Worten. Und willst die Wirklichkeit mit deinem Schweigen töten.

„Warum bist du so angepisst?“ – „Na hör mal…“
Und alles, was du sagst, ist: „Weil.“ Weil, weil, weil.

Du hörst nicht zu. Du rechtfertigst dich. In Dauerschleife. Und du erkennst es nicht. Dass die Dämonen, die mich quälen, nur ein einziger sind.

„Mir fällt das hier nicht leicht.“ – „Dito.“
Und alles, was du denkst, ist: „Hätte“. Hätte, hätte, hätte.

Hättest du mal gefragt. Mal zugehört. Nicht totgeschwiegen. Nicht „hätte ich“ oder „hätten wir“. Du.

„Was ist damit?“ – „Nein.“
Und alles, was ich je sagen wollen sollte, ist: „Nein.“ Nein, nein, nein.

Es reicht. Hier endet es. Nicht „ich“, nicht „weil“, nicht „hätte“ und schon gar nicht wir. Sondern „nein“. Zum Ersten und zum Letzten.

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Kaffeepäuschen

So vergehen die Tage, der Frühling, heißt es, soll Einzug erhalten. Diesen Winter hätten wir uns gespart. Aber ich bleibe achtsam, er mag noch irgendwo lauern und auf ein Comeback warten. In meiner Abwesenheit kümmerte sich die werte Frau Knobloch um mein Gärtchen, und damit spiegelt sich eine reale Begebenheit vortrefflich wieder, wie die Wolken in einer Wasserpfütze: Denn soeben erwischte ich noch eine andere Dame mit festem Platz in meinem Herzen, meine liebe Frau Mama, wie sie versuchte, klammheimlich durch den töchterlichen Garten zu huschen und nach den nach Wasser dürstenden Pflanzen zu sehen. Ha, erwischt! Beide! Ihr müsst jetzt einen Kaffee mit mir trinken, das ist MmeMmes Gesetz. Kopfkino, ich liebe es.

Und während wir in unserer Dreierrunde am kleinen Kaffeetischchen sitzen, aus den ebenso imaginären wie herzrührend-hübschen Sammeltässchen schlürfen und stumm das Sahnekännchen und die dazu passende Zuckerdose mit Rosendekor bewundern, reflektiere ich die letzte Zeit, in der ich dieser imaginären Welt ferngeblieben bin und mich der realen verstärkt gewidmet habe. Ja, doch, es hat schon was für sich, dieses echte Leben, da draußen, mit echten Menschen, vor denen ich nun sehr viel weniger Angst habe, als zu Beginn meiner neuen Daseinsform.

Je weniger ich mich ausschließlich nur mit mir beschäftige, desto mehr fallen mir Menschen ins Auge, Typen, Charaktere. Von Austernmenschen halte ich mich fern, bisher erfolgreich. Ich bin es leid, an ihrer harten Schale zu scheitern. Ich lasse sie in Ruhe. Sollen sie sich öffnen, wenn sie wollen und wemauchimmer gegenüber – ich öffne meine Hände wie zum Beweis: Da, kein Brecheisen, keine Öffnungsabsichten, kein Interesse. Keine Panik. Manchmal muss man etwas aufgeben, um es zu erreichen. Nein, ich habe mich nicht aufgegeben, auch nicht gehen lassen. Allerdings, losgelassen habe ich mich. Losgelassen, um zu sehen, wie weit es mich trägt, das Leben, wie weit ich schweben kann, den Boden unter den Füßen im Blick, das Herz zielgerichtet auf die Zukunft.

Der Nebel lichtet sich. Auf meinem Weg begegne ich ihnen; Menschen, die mich bisher begleitet haben, Menschen, die mich begleiten wollen. Und Menschen, die einfach mal kurz Hallo sagen und dann wieder verschwinden. Konstanten und Variablen. So langsam wächst mein Verständnis für diese Dinge. Und zwar insofern, als dass ich erkenne, dass ich nicht verstehen muss. Dass ich nichts kontrollieren muss, dass ich geschehen lassen darf, was geschieht, und dass ich nicht Schuld daran bin, wenn der Weg sich gabelt; wenn der Weg für andere zu Ende ist oder in eine andere Richtung führt. Warum denn immer dieser Rechtfertigungsdrang? Abschalten. Wege winden sich, Wege kreuzen sich, manche wieder und wieder, manche nie. Wie und wann, das wird man nicht herausfinden, wenn man sie nicht beschreitet.

In meinem Herzkörbchen habe ich sie alle gesammelt. Alle, die mit mir gingen, lange Strecken, kurze Stücke. Und ich sammle weiter und verspüre Freude. So mancher entschlüpfte schon durch die großzügigen Herzkörbchenmaschen, freiwillig und unfreiwillig. Das tut mir leid. Dass ich manchmal unachtsam war. Dass ich auch manches Mal Ballast abwerfen musste, um weiterzukommen. Doch die Zukunft erwartet mich. Die Zukunft. Konstant variabel.

„Vorzüglicher Kaffee“, bemerkt Frau Mama dazwischen, sie rührt mit einem winzigen Silberlöffelchen drei Körnchen Rohrzucker in ihr goldberandetes scheußlich-schönes Sammeltässchen. Die Herzdame Käthe – ja, so vertraut sind wir bereits – nickt und liebäugelt mit ein paar weiteren Tröpfchen Sahne aus dem rosendekorierten Sahnekännchen auf dem Puppenstubenkaffeetischchen. Bestimmt formuliert sie gerade einen passenden Kommentar zu meinen gerade gehörten Ausführungen. Dabei weiß ich nicht mal, ob sie wirklich Kaffee mag.

Einfach mal nicht mögen

Was ist nur los? Alles so träge, so lustlos. Am liebsten würde ich den lieben langen Tag nur rumsitzen und lesen. Oder schlafen. Das Wochenende war voll mit (großteils angenehmen) Terminen, allerdings auch mit totaler Reizüberflutung in vielerlei Hinsicht. Es gibt ein paar Dinge, die mich im Moment nicht so glücklich stimmen. Zwischenmenschliches, ums beim Namen zu nennen. Kann es denn sein, dass mir jedes Mal ein kleiner Schock durch und durch geht, wenn ich eine Gruppennachricht erhalte? Eigentlich ist doch alles in Ordnung, und trotzdem rechne ich jedes Mal mit einem kleinen oder mittelgroßen Weltuntergang, wenn der eine oder andere mal wieder seinen Moralischen bekommt und den Sinn seines Daseins anzweifelt. Ich verstehe das einfach nicht. Ich verstehe nicht, warum es so undurchsichtig bleibt, ob betreffender Mensch nun Konsolation sucht (gäbe ich gern), die Konfrontation (hab ich keine Lust drauf), klärende Kommunikation (immer wieder angekündigt und dann doch nicht den Mund aufgemacht) oder die Kapitulation („Es hat alles keinen Sinn mehr mit uns! Buäh!“). Es ist, wie es immer war: Menschen werden mir stets ein Rätsel bleiben.

Lustlos also. Aber ich versuche nicht damit zu hadern. Ich habe ein bisschen was hinter mir und bin so frei, mir diese Phase vorbehaltlos und ohne Druck zu gönnen. Nixtun, soweit das mit dem Rest meines Lebens vereinbar ist, ein wenig im Selbstmitleid schwimmen und Dinge tun, die ich schon immer mal tun wollte und immer darauf wartete, dass sie jemand mit mir teilt. Danke, brauch ich nicht mehr, ich machs allein. Ich habe ein Navi, und ich werde es benutzen, wenn ich irgendwo hin will. Ich bin mein eigener Herr, und meine Katzen können außer vorwurfsvollen Blicken nicht weiter kritisierend intervenieren. Oh, welch Erkenntnis, wie schön, dass sie endlich angekommen ist.

Ach, ich mach es heute kurz, nichts Hochtrabendes – das fällt unter „Ich gönne mir meine Lustlosigkeit auch hier“, und auch ein bisschen unter „Selbstmitleid 3.0 – hast du überhaupt was Geistreiches zu sagen?“ – sondern teile die folgende nette Empfehlung, die mich die Tage erreicht hat (und das wiederum fällt unter „Ich mach das jetzt einfach“). Ich fands gut. Zwischenmenschlich.

Wortstrom: Sinkende Steine

Hochwasserzeit

Mein Tränensee ist angefüllt

Schwarz

Die sonst so glatte, schimmernde Fläche kräuselt sich.

Steinernes Halbrund spannt still sich über den Erdsee

Von rauher Höhlendecke

Hängen bündelweise schwere Steine

Geschnürt in faserige Seile, aus Emotion und Vergangenheit.

Es ist an der Zeit.

Seil um Seil trug Last genug

Zerzeitet, bricht und reißt nun endlich.

Die Last fällt tief, taucht ein in schwarze Tränenflut

Kreise durchziehen nun die schimmernde Fläche.

Stein um Stein sinkt auf den Grund

Läßt den Tränenseespiegel stetig steigen

Unaufhaltsam, bis heiß es aus den Augen rinnt.

Bald ist es gut. Bald fortgespült und ausgeschwemmt.

Die Last ruht.

Steine

Auf dem Herzensgrund, wo auf ewig sie verharren.

Glasmosaik

Ein Leben zusammenflicken, ein Herz wieder kitten. Nicht leicht. Mit der Angst, die selben Fehler dabei zu wiederholen.

Ein Rückblick: Da habe ich an meinem Lebensmosaik herumgebastelt, Glasstein für Glasstein gesammelt, angelegt und, wenn für gut befunden, angeklebt. Gesammelt, geklebt, gesammelt. Irgendwann muss ich den Überblick verloren haben. Irgendwann bemerkte ich Risse in der Struktur. Haben das andere auch bemerkt? Vor mir vielleicht sogar? Sicher, hin und wieder gab es Hinweise, ich solle mir das große Ganze doch mal aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Von oben, von der Seite, vielleicht. Ich tat das ab, sammelte weiter, klebte fleißig und wartete. Worauf wartete ich? Ich glaube, ich wartete auf dieses Gefühl des Erfülltseins, des Zufriedenseins mit dem, was ich geschaffen hatte. Nicht, dass ich dauerhaft unzufrieden gewesen wäre. Ich habe Stück für Stück erarbeitet, manchmal größere Stücke auf einmal, manchmal schillernde, neue Flächen hinzugefügt. Ich habe Gestaltungsvorschläge bereitwillig angenommen und kaum mehr realisiert, wie wenig ich selbst noch bestimmte, welche Steine, Fragmente ich anklebte und wie. Selten, nie eigentlich, habe ich ein Stück wieder weggenommen, weil es nicht passte. Irgendwie passte immer alles, mir passte alles, ich passte mich an.

Eines Tages passierte etwas Unerwartetes. Etwas ließ mich zusammenzucken. Ein Donnerschlag? Ein Erdbeben? Ich weiß es nicht mehr, und niemand sonst bemerkte etwas. Ich zuckte also zusammen, mein Glasmosaik entglitt meinen Händen und – fiel. Unendlich langsam. Die Zeit schien stillzustehen, während alles andere um mich herum in gewohnter Geschwindigkeit weiterlebte. An mir vorbei, die ich meinem Glasmosaik beim Fallen zusah und damit in der Zeitlosigkeit gefangen war. Bald stürzte ich ich hinterher, fiel parallel dazu, schob mich darunter, um den Fall zu stoppen, aber nichts schien den Lauf der Dinge aufhalten zu können. Da war sie. Die Möglichkeit. Eine Chance, mir mein Werk aus einem anderen Blickwinkel anzuschauen. Von oben. Von der Seite. Sogar von unten, so unendlich langsam glitt mir das Glasmosaik aus den Händen. Ich wusste, es würde irgendwann aufprallen, und ich wusste auch, dass ich allein den Zeitpunkt bestimmen musste, wann es so weit war. Vor mir lagen Jahre des freien Falls.

Ich erinnere mich gut an den Tag, als das Glasmosaik auf dem harten Boden der Realität auftraf. Krachend, ein lautes Splittern von Glas und das Aufbrechen von verhärtetem Kleber, die Glassplitter kratzten schreiend über den Asphalt. Ich lauschte ohne mir die Ohren zu bedecken. Und ich sah. Chaos um mich herum. Schock. Starre. Und gleichzeitig ein Gefühl von Freiheit. Der Fall war abgeschlossen, endlich, und früher als erhofft – ich hätte kein weiteres Jahr im freien Fall ertragen. Ich gab mir keine Zeit zu verharren, schob die Glassplitter zusammen und wieder auseinander. Wühlte, sortierte aus, legte weg, legte die verbliebenen Strukturen frei. Ein gesplittertes, verbogenes Stück Leben. Wie nun weiter? Sollte ich wieder anfangen zu basteln und zu kleben, was noch klebbar war? Unbrauchbares wegwerfen, neue Fragmente zusammensammeln? Ich wartete. Still. Zweifelte. Doch niemals an der Richtigkeit des Aufpralls.

Heute schaue ich auf mein gefallenes und in den wenigen vergangenen Monaten schon wieder recht ansehnlich hergerichtetes Mosaik. Es fehlt. An allen Ecken und Enden. Aber es ist in Ordnung, es wird sich wieder füllen. Ich habe brauchbare Teile umsortiert, an andere Stellen angeklebt. Ich habe Teile, die mir nicht mehr gefielen, weggelassen. Die zersplitterten Steine habe ich zur Seite geräumt. Schneide mich manchmal noch daran, wenn ich unachtsam bin, und schiebe sie doch immer wieder mit der bloßen Hand von mir weg. Mache ich das richtig? Ich nehme mir ab und zu die Zeit und sehe mir mein fragmentiertes Glasmosaik aus einem anderen Blickwinkel an. Von oben. Von der Seite. Und ich suche Rat und frage nach Meinungen. In solchen Momenten fühle ich mich stark und schwach zugleich. Ich spüre, dass ich noch Zeit brauche. Ich spüre, dass ich hin und wieder die alte Contenance vermisse und versuche mich zu erinnern an ihre guten Seiten. Die Zeit dafür ist gekommen. Morgen ist es so weit. Morgen nehme ich den Handbesen, fege die letzten Glassplitter zusammen und entsorge sie. Für immer.

Zeit, sich Zeit zu nehmen. Ein Leben zusammenflicken, ein Herz wieder kitten. Und hoffen, die selben Fehler dabei nicht zu wiederholen.