Sphinxgedanken

Tränen am Weihnachtstag. Willkommen zur ultimativen Tränendrüsenjahresüberproduktionsperiode. Rührung in der Stillen Nacht. Vermissen derer, die fehlen, ob tot oder lebendig. Vermissen des Gefühls, das doch immer da war, wenn die Kerzen brannten und die roten Kugeln am Plastikbaum selig den schönen Schein wiedergaben. War es immer da? War es nicht so, dass es Jahr um Jahr immer mehr verblasste? Dass das Weihnachtsherzweitgefühl immer mehr der Hektik und der Furcht gewichen ist? Furcht vor dem, was kommt: streiten wir uns wieder unterm überschmückten Christbaum, jede Kugel, jeder Anhänger ein Betäuben des Eindrucks von Weihnachtsheuchelei? Nervt Schwiegeroma, weil ich es nicht schaffe, den ganzen verdammten Abend zu lächeln, sondern mich hin und wieder, wenn ich mich unbeobachtet fühle, zurückziehe in mich selbst, meinen Körper in Gedanken verlasse und am Sandstrand Muscheln suche, allein in der Südseesonne? Werden Hund und Katz und Kind wieder den Baum zu Fall bringen und die üblichen zwei bis acht Glaskugeln zersplittern lassen? Tränen zwischen zerknülltem Geschenkpapier.

Herausgewachsen. Abgestreift. Des Gefühls der Weihnachtspanik entledigt, freiwillig und bei vollem Bewusstsein. Nix zu vermissen. Oder? Warum laufen die Tränen trotzdem und lassen sich nicht stillen? Das Emotionskonto ist voll, ich habe dieses Jahr gespart, gespart und nichts davon ausgegeben, alles zurückgehalten. Und nun läuft es über, pünktlich zu Weihnachten, wie passend. Wo das Fest der Liebe doch Emotionen ausdrücklich fordert und fördert.

Gutes Timing, Amtsgericht, den Scheidungstermin zum 24. Dezember zu verschicken. Ich meine, wessen Herzenswunsch ist das nicht? Tolle Aktion, sogenannter bester Freund, mich per Handynachricht zusammenzufalten und mir verbal in den Hintern zu treten, ich soll es künftig unterlassen, Weihnachtspäckchen zu verschicken. Einleuchtendes Argument, Freunde hätten sowas nicht nötig (und gefallen hat’s ihm darüber hinaus auch nicht). Aber ja, das muss Freundschaft sein, nur gute Freunde sind in der Lage, sich übers Jahr immer wieder so schwer zu verletzen, bis dass der Schwächere am Weihnachtstag von früh bis spät mit Tränen in den Augen und einem Messer im Herzen rumläuft. Ein großes Dankeschön, verdammt, wie hab ich das Gefühl vermisst! Gelockt werden bis auf Reichweite, um dann wieder weggestoßen zu werden, das macht dir Spaß, nicht wahr? Elender Emotionskrüppel, ich habe genug von euch Austernmenschen. Steck’s dir sonstwohin. Ach nein, da steckt ja schon der Stock, mit dem du geboren wurdest …

Gäbe es nicht auch Menschen, die mich tatsächlich schätzen, wie ich bin, ich hätte aufgeben wollen. Mich wieder zurückgezogen hinter den Vorhang. Mich als Sphinx überlebensgroß vor meinem Herztempel postiert und darüber gewacht, dass niemals wieder jemand Zutritt erhält, mit kalten Augen und steinernem Lächeln verteidigt, bis mich Sand, Wind und Zeit selbst zu einem Häuflein Sand korrodiert haben. Dabei habe ich noch Glück, kann meine überlaufenden Emotionen in Worte fassen und sie niederfließen lassen, bis sich der Herz- und Hirndruck soweit abgebaut hat, dass ein Lächeln wieder möglich ist. Ein schiefes, aber immerhin ein unversteinertes. Und so sitze ich am Küchentisch, wisch mir immer wieder die Tränen aus dem Gesicht und packe Päckchen. Für die Familie, für Freunde, und schreie den Gedanken, ob ich es nicht mal wieder übertreibe, mit einem lauten „Ich will es aber so!“ nieder.

Herzen heilen. Irgendwann. Narben sind eine Zier. Ich trage sie mit Stolz.

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9 Gedanken zu “Sphinxgedanken

    • Und wieder muss ich danken für diese freundlichen Worte aus Ihrem ebenso wildmildem wie silbenzaubervollem Herzen – tatsächlich errettet mich solch Gedankenwerk immer wieder vor dem Blick zurück auf den ausgetretenen und endlich verlassenen Pfad strenger, sich alles verbietender Contenance.

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