Vorhang auf

Ich hab’s einfach mit Metaphern. Nicht nur hier. Gelegentlich brachte ich in der Vergangenheit, wenn ich beschreiben sollte, wie ich mich fühle und was mich hemmt, den Vergleich mit dem Blick durch einen Vorhang an. Ich fühlte mich lange Zeit, als stünde ich vor dem geöffneten Fenster, doch zwischen mir und dem Leben da draußen trennt mich ein Vorhang. Er ist quasi durchsichtig, also ich sehe, was das Leben da vor mir tut, aber irgendwie ist es mir nicht möglich, wirklich daran teilzuhaben. Meine Sicht ist eingeschränkt, vernebelt. Es gab Tage, da stand zwischen mir und dem offenen Fenster ein Vorhang aus schwerem, undurchdringlichem Leinenstoff. So sehr ich mich bemühte, ich fand die Technik nicht, ihn beiseite zu schieben und da rauszublicken, rauszugehen in das Leben, dessen wundersame Melodie durch den dicken Stoff an mein Ohr drang. Ich sah oft nur Schemen, Menschen kamen und gingen, mir war oft, als hätte ich einen Ballen Organzastoff in meinem Hirn, der meine Gedanken dämpft. Dumpf, dumpf klopfte das Leben an, aber ich habe es nicht einlassen können. War ja schon besetzt, das Hirn, mit dem Organzastoffballen in zartrosaweiß. Das Herz umso leerer, so ohne Leben. Und diese Leere drückte und biss mich fast täglich. Dass mir wirklich was fehlte, das hat das watteähnlich verpackte Gehirn dann doch begriffen. Dass es die Dinge sind, die ich da draußen, hinter dem Vorhang hervor, erspähte, und dass ich diese Dinge in mein Herz lassen musste, damit es aufhört zu lechzen und zu beißen wie ein halb verhungerter Straßenköter.

Schnitt.

Gestern auf dem Weihnachtsmarkt stand plötzlich eine kleine Frau mitten in unserer Runde, älter als ich, mit einer Ausstrahlung, die einen umhaut. Die blauen Augen blitzen und funkelten, als sie sprach, mit bewundernswerter Eloquenz, augenscheinlich gewohnt, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Es gibt Menschen, denen glaubt man schon einmal begegnet zu sein, auch wenn es absolut nicht sein kann. Die zarten behandschuhten Hände strichen hin und wieder die dunklen Locken aus der Stirn, und jede Bewegung strahlte etwas aus, das sie nahezu greifbar umgab: Ruhe. Zufriedenheit. Stärke. Sie war plötzlich da, und plötzlich hingen wir alle an ihren Lippen. Glücklicher Single sei sie, den bereits leicht angetrunkenen Avancen der männlichen Rundenteilnehmer mit schelmischem Lächeln entschlüpfend. Das waren geübte Zungenschläge, eine so präsente Persönlichkeit zieht Herzen an. Motten, Licht, all diese Metaphern passten hervorragend.

Kameraschwenk.

Beinah dankte ich der körpergroßen Frau hinter mir, die mich anranzte, sie stehe nicht auf Körperkontakt, ob’s mir wohl genehm wäre, einen Schritt nach vorn zu tun und ihr den nötigen Freiraum zu gewähren. Auf dem Weihnachtsmarkt. Nach Feierabend. In der Landeshauptstadt. Wo man mit Müh und Not durch die wogende Menge kommt, wenn man acht volle Glüchweintassen vor sich herträgt und lautstark „Achtung!“ brüllt. Aber bitte, gerne doch! Das Feuerwerk war entfacht. Die kleine Singledame erklärte mir, wieso es zielführender sei, dem schnaubenden Stier Platz zu machen, auf dass er sich austobe und schließlich gegen die nächste Wand prallen möge, sie sei sich zu schade, sich über den Haufen rennen zu lassen. Sie – wir, korrigierte sie sich, ihre Augen ruhten in meinen – wir, die wir Kleidergröße 36 tragen, könnten einem verhärmten Nilpferd problemlos den geforderten Raum geben.  Ich hingegen war nicht ganz einverstanden damit, dass sie sich trotz aller metaphorischer Auseinandersetzung mit diesem kleinen Zusammenstoß so echauffierte und ihre Worte absichtlich auch in die Richtung des verhärmten Nilpferds gleiten ließ. „Also mich erreichte die Unfreundlichkeit nur bis hieher“, und hielt mir die flache Hand im Abstand von etwa 15 Zentimetern auf Herzhöhe. „Und dann prallte sie einfach ab“, und dabei drehte ich die Handfläche nach außen, eine abwehrende Geste.

Schnitt.

Ich fand irgendwann heraus, wie sich dieser blindmachende Vorhang zur Seite schieben lässt. Der Vorhang ist nichts anderes als Angst. Angst vor Verletzung und Bloßstellung. Das innere Kind hat sich darin eingewickelt und den Schiebemechanismus verbogen. Nachdem ich das repariert hatte, war es nicht mehr schwer, den dünnen Stoff zur Seite gleiten zu lassen. Der Organzanebel in meinem Hirn entwirrte sich und glitt ebenfalls davon. Und jetzt sehe ich nach draußen, gehe sogar raus und fülle mein Herz mit all den schönen Lebensdingen, die da lauern. Noch immer blicke in hin und wieder durch Vorhänge, manchmal ziehe ich sie zu. Doch jetzt weiß ich, wie ich sie wieder aufbekomme, wenn die Phase, blind sein zu wollen, vorbei ist.

Schnitt.

„Starke Frauen sind oft einsam“, raunte mir ein männliches Glühweinrundenmitglied zu. „Frag sie. Sie ist einsam hinter dieser starken, eloquenten Fassade.“ – „Nein“, entgegnete ich bestimmt. „Sie hält sie so tapfer aufrecht. Außer dir hat das niemand bemerkt. Wieso sollte ich ihr das jetzt nehmen wollen?“ Wir scherzten also noch eine ganze Weile weiter und man sah förmlich die Funken aus ihren Augen fliegen, während unsere Herzen an ihren Lippen klebten. Langsam löste sich die illustre Runde auf, und wir verabschiedeten uns von der kleinen blitzfunkenäugigen Singledame. Sie ziehe jetzt noch ein wenig um die Häuser, Anschluss fände sie ja doch ziemlich schnell, was ihr wiederum unzählige Herzpunkte einbrachte. Wir umarmten uns, es war logisch. Da schob sie ihren Vorhang zur Seite, gerade so viel, dass ich sie flüstern hören konnte: „Ist doch besser, als daheim allein auf der Couch zu sitzen und sich eine Tüte Chips reinzustopfen.“ In ihren Worten lag Angst. Ebendiese Angst vor Verletzung und Entblößung, vor emotionaler Abhängigkeit und Verlust. Ich drückte sie noch mal an mich.

Abspann.

Advertisements

15 Gedanken zu “Vorhang auf

    • Ja, Maske passt besser zur nach außen getragenen Fassade. Ich wollte aber so gern den Vorhangvergleich haben. Weil mich gestern beide Themen beschäftigt haben. Er hinkt mt Sicherheit, aber so ein Vorhang schottet ja nicht nur von der Außenwelt ab, sondern hindert auch den Blick hinein ins Seelenhaus.

  1. Wenn man den Vorhang lupft und sich herzklopfend wagt auf diese Lärmlautewarmtrauteweltenbühne, erlebt man Unglaubliches. Aber im Publikum sitzen nicht nur die Gönner. Da sind auch Stinkeierwerfer und Hahaschreier. ich greife mal Ihr Beispiel auf, wenn’s genehm ist: Diese Zauberfeendame hatte Angst und ist trotzdem hinausgegangen. Und allein die Begegnung mit Ihnen wird Ihre Angst ein klein wenig bepuschelt haben. Zweimal in den Arm genommen von einer Fremden. Das sind die Tage, die ich mir dickfettrotstiftig in meinem Furchtsamkalender anstreiche und für den Folgetag mir selbst Fremdumarmung verordne.
    (Hurra, der Neuleseknecht tat es kund!)

  2. Die Zauberfeendame. Wie schön. Man(n) fragt sich unweigerlich warum diese Frau alleine ist. Vielleicht will sie es einfach so. Vielleicht geht den Menschen nach einiger Zeit die Eloquenz auf die Nerven, vielleicht ist kein Mann/Frau gut genug für sie. Mich faszinieren solche Personen und dann wünsche ich mir einen allwissenden Erzähler, der mir den Hintergrund zu einer Person sagen kann. Denn wenn man den Hintergrund (den vollen und nicht nur den politisch korrekten veröffentlichten Teil) hat, dann machen viele Handlungen auf einmal eine Menge Sinn.

    Mangels allwissenden Erzähler kann ich nur ermutigen mit der Zauberfeendame weiter um die Häuser zu ziehen und die Menschen zu beobachten, mit ihnen zu reden und einfach nur leben.

  3. Verehrteste, mir ging meine gestrige Begegnung nicht aus dem Kopfe und jetzt sehen Sie mal, was mein heutiger Nachtmahr im Gepäcke hatte: Den famosen Herrn Vogel als jüngeren Bruder meines Ausderzeitgefallenen zu der Musike der bonfortionösen Beatsteaks! Ich bin angetan und verblüfft. Das kannte ich noch nicht, obwohl ich die Beatsteaks sehr mag. Also das Video, das Lied kenne ich wohl.

Kommentare? Stets willkommen!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s