Wortstrom: Für Dich*

Da draußen öffnest du gern deine Austernschale und lässt deine innere Perle erstrahlen, oh, wie sie leuchtet, so schön, so sanft … Und doch verschließt du dich vor meinem Blick. Ich will dir deine Perle nicht rauben, nicht mal anfassen möchte ich sie, wenn du das nicht willst. Ich will sie nicht besitzen, nur, bitte! Lass sie mich sehen, ich sehne mich so sehr danach ihren warmen Glanz zu spüren. Bitte! Lass mich der Mensch sein, der sie schauen darf. Lass mich Anteil an dieser Wärme haben, die du so bereitwillig verteilst an all die anderen da draußen, und mir dabei sagst, so beiläufig und doch so ernstlich: du willst nur mich – und dich im selben Atemzug wieder vor mir verschließt, bis nur noch Dunkelheit von deinen Lippen rieselt. Ich tu ihr doch nichts, ich flehe dich an, strahle auch auf mich, lass es mich doch spüren, was deine Lippen mir sagen und deine Worte, die aber so hohl klingen, so hohl, weil du keinen Glanz hineinlegst.

Ich durfte kosten, nur ein winziges Stück, ein Zeigefingerspitzchen voll süßer Sahne hieltest du mir hin, von einem traumhaften Dessert. Vor mir, so wunderschön, perfekt nehme ich dich mit all meinen Sinnen wahr, aber du verschließt dich. Nicht einfach unter Zellophanpapier, nein! Unter einer festen Glaskuppel sitzt dein Herz und sperrt mich aus. Bewundern darf ich dich, nur niemals berühren. Wovor hast du Angst?

Siehst du nicht? Ich prostituiere mich vor dir! Ich rutsche auf Knien und lege dir mich, mein Herz, mein Leben gar zu Füßen! In Erniedrigung bettle ich doch nur um etwas Lohn, ein Stückchen Brot, das mich am Leben hält. Das Leben, das ich dir schenkte, das sich mit dir geformt, um dich herum gebogen hat. Du Auster, du glasverschlossene Köstlichkeit, erhöre mich! Ich präsentiere dir mein Herz auf einem Silbertablett, ich hab es mir selbst aus der Brust gerissen, für dich, es schlägt noch und blutet, und du siehst nicht einmal hin! Nicht einmal der blutigste Schrei entlockt dir die leiseste Reaktion.

Man sagt doch: Geben… geben und nehmen, aber mir scheint, ich gebe, gebe, gebe und du – nimmst nicht mal und gibst auch nichts. Ich bin so verzweifelt, ich bewerfe dich schon mit meiner Liebe und du weichst aus! Die Zielscheibe steht zu weit entfernt, als dass ich dich jemals treffen könnte. Du hingegen, du! Triffst mich, an jedem Tag, in jedem Augen¦blick. Du! Du könntest alles, alles von mir haben, ich biete mich dir mit Haut und Haaren, und du willst … nur … mein … Verständnis? Sag mir, was ist Liebe? Deiner Meinung nach? Kann ein Mensch hingebungsvoller sein? Ja, verdammt, das kann er!

Credits
*Für Dich – für jemanden, mit dem ich heute über Hingabe sprach. Auch wenn diesem Thema keine besonders erfreuliche Situation zugrunde liegt, gilt dieser Person ein Dankeschön für das Heraufbeschwören und, infolgedessen, dem Verworten eines lange austernperlenartig verschlossenen Gefühls. Herausgekommen ist dieser Wortstrom, den ich ebenso, wenn auch zu spät, an den Menschen richte, der nicht mehr Teil meines Lebens ist: für Dich.

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10 Gedanken zu “Wortstrom: Für Dich*

  1. Madame, es ist mir eine Schande, daß mir Ihre raren Wortsinnlichkeiten zeitnah entgehen. Zusehr verläßt man sich auf den Neuschreibanzeigenknecht! Ich gelobe, Sie eigenhändisch in Zukunft anzuklickediklacken…
    Diese Austernmenschen, sie kosten wahrlich Kraft. Je hingebungsvoller man versucht, ihre Harthülligkeit zu erweichen, umso verschlossener geben sie sich. Wenn aber von so einem verzweifelten Kampfe immerhin solch‘ ein Wortstrom übrig bleibt, der andere wiederum weich umhüllt, dann war die Hingabe letztendlich nicht vergebens.

    • Verehrteste, mir schwahnt schon lange, dass der Neuschreibanzeigenknecht nicht recht funktionieren mag … Derzeit profitiere ich von der schleichenden Versüchtelung täglichen WordPress-Konsums und klickediklacke mich so durch meine Favoriten, zu denen Sie zweifelsohne gehören, schleichen sich Ihre Wortschöpfungen zwar leissohlig, doch stetig mehr und mehr in den festen Sprachgebrauch ein.

      Ich bin froh, dass ich nicht allein mich mit Austernmenschen herumärgern musste — schön ist das zwar nicht, aber es verbindet, und man lernt, hoffe ich, man lernt … und gerne, gerne umhülle ich weiterhin mit Wortströmen, wenn mir Herz und Kopf einmal wieder überfließen.

    • Ich fand den Grund, weshalb Sie und Ihr Blog mir aus dem Leseknecht entschwanden: Warumauchimmer kam es zum Entfolgen, habe ich mich wohl verklickediklackt? Ein schlimmer Faux-pas, wird nicht wieder vorkommen.

      • Ach, werte MmeMme, das braucht Sie nicht bekümmern. Ihre Wohlfeinformuliertkommentare sind mir bekömmlicher als klickediklackende Folgsamkeit. Nichtsdestotrotz finde ich es natürlich superiös, daß der Leseknecht seine Arbeit wieder aufgenommen hat. So verpasse ich keinen Contraireschenlesehappen. Hurra!

  2. Liebe MmeMme, auch ich habe keinen Neuschreibanzeigenknechthinweis bekommen. Ein Jammer, wenn mir dieser Leckerbissen entgangen wäre. Hätte die verehrte Frau Knobloch nicht Werbung gemacht, so wäre es mir entgangen. A propos entgangen. Ist der Auster Ihr Werben überhaupt bewusst? Ein so hartnäckiges „Leugnen“ von Zuneigung lässt sich meist nur durch völlige Gefühlskälte oder völlige Wahrnehmungsschwäche erklären. Im ersteren Fall sollten Sie froh sein, denn ob die Auster sich jemals öffnen wird, sei dahin gestellt. Im letzteren Fall, sollten Sie vielleicht eine 3. Meinung einholen

    • VIelen Dank, lieber Sir, dass Sie die Werbemaßnahmen der verehrten Frau Knobloch wahrnahmen und sogleich zu mir eilten.
      Ich bin ja nun nicht mehr im Besitz eines Austernmenschen. Und ich habe nicht vor, mir zukünftig wieder einen zuzulegen. Ich weiß zwar nicht, wo die Liebe noch hinfällt, aber derzeit sind mir herzoffene Menschen um ein VIelfaches lieber. Derzeit habe ich auch gar keine Ambitionen, verschlossene Austernmenschen retten zu wollen oder vermeintlichen Perlenglanz in sie hinein zu interpretieren – so manche Auster entpuppt sich am Ende als leer und halb am Verwesen. Da spar ich mir meine Kraft doch lieber und liebe mich herzoffen durch das Licht.

      • Während dem Eintrag ein gewisser Schwermut darüber lag, so freue ich mich umso mehr über Ihren Kommentar. Besonders Ihr letzter Satz „Da spar ich mir meine Kraft doch lieber und liebe mich herzoffen durch das Licht.“ ist einen eigenen Eintrag wert. Ich sollte mir eine große Kiste nehmen, in die schöne Sätze wie der Ihrige verstaut werden. Und wenn ich irgendwann einmal Not nach einem schönen Satz habe, dann greife ich rein und erfreue mich an dem Glanz und der Schönheit.

        • Tatsächlich war es mir kurzweilig schwermütig ums Herz, da ich mich so sehr erinnert fühlte an all das Bemühen in vergangener Zeit. Ich musste es verarbeiten.
          Wie schön, dass meinem aus dem Herzen geborenen Sätzchen ein Platz in Ihrem Wortschatzkästchen zuteil wird! Perlensammler, Sie.

          • Das mit den Perlen ist ja so eine Sache. Es gibt einige Autoren, da gibt es in fast jedem Eintrag mindesten eine Sprachperle zu finden. Bei anderen findet man meistens eine Contentperle, manchmal aber auch eine Sprachperle. Contentperlen kann man nicht aufheben bzw. ohne die Autoren sind sie nur halb so viel wert. Sprachperlen sind hingegen zeitlos.

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