Wortstrom: Kopfgeburt

Worte sind nicht einfach da. Oft genug wünscht man sich das, oft genug braucht man sie gerade jetzt – und niemand da weit und breit, der sie uns geordnet in einem gut verschnürten Bündel bis vor die Haustür liefert. Worte wachsen im Kopf. Auge, Ohr und Herz nehmen wahr, schöpfen aus der Realität. Zersplittern und fragmentieren sie, modifizierte, infizierende Wirklichkeitspartikel schießen explosionsartig ein: Inspirationsfunkeninsemination. Worte müssen erst geboren werden.

Meine Wortfruchtbarkeit ist mir zuweilen unheimlich. Aggressive Wortlust, der libidinöse Wunsch nach Gedankenreproduktion. Es gibt kein geeignetes Wortkontrazeptivum. Vielleicht zeitweise zu laute Musik, die meine Gedanken übertönt und alle Sinne betäubt. Und Zeitmangel. Abortinduzierender Zeitmangel, der unterbindet, dass der Wortstrom reift, aus dem Kopf in die Finger über die Tastatur aufs Papier fließt. Wortwehenhemmer. Embryotoxischer Textfötenvernichter, zerfetzender, austrocknender, vergessenmachender Zeitmangel: eine Texttotgeburt. Es war nicht an der Zeit, mag man nachher sagen. Und auch das: Du kannst noch so vielen weiteren Texten Leben geben, trauere dem verlorenen nicht nach. Der Gegenschrei verhallt lautlos im leeren, ausgehöhlten Raum. Es gibt kein geeignetes Wortkontrazeptivum, ich müsste blind und taub durch die Gegend laufen, und gefühllos. Partielle Lobotomie, zur Gedankensterilisation.

Ich lasse zu, dass sich im inspirationsinseminierten Kopfraum ein Wortgefüge ballt, sich teilend vereint, anwächst und nach draußen drängt. Worte müssen geboren werden, manchmal unter Schmerzen. Manches muss schmerzen, manches muss zerreißen, manches tatsächlich unter Tränen zur Welt gebracht werden, damit es ist, was es sein soll. Damit es wirkt. Schmerzhaft-sinnige, sinnschwindende Kopfgeburt. Nicht selten nie enden wollendes Wortweh – ungehemmte Wortwehen -, wachkomatöses Ausstoßen sinnentleerter Laute. Es gibt keinen Kopfkaiserschnitt, keine Chirurgenhand, die in meine geöffnete Hirnschale greift, mein hochwortschwangeres Hirn herausholt und ihm wort- und bild- und emotionsinfiziert die Flausen aus den Windungen schüttelt, damit sie textwert auf papiernem Grund landen. Ausgeschüttelt, ausgeklopft, vom Schleim zäher Gedankenfetzen befreit. Desinfiziert mit Alkohollösung. Zurück bleibt ein sauberer Denkapparat ohne Fetzen jedweder Art, ohne Dreck, ohne Schmutz. Entflaust, allerdings. Weder Rotz noch Wortströme, die mein cleanes Inneres auf Papier gebiert. Kein Fluss, nur mehr der Geschmack von trockenem, staubigem Zellstoff. Ein bedauerlicher Wunsch nach Vereinfachung und Entschmerzung einer Kopfgeburt.

Das Aus- und Aufschrei¦b¦en, so unverzichtbar und dazugehörig, wehschmerzige naturstaunende Gewalt, durch nichts zu lindern. In schweißnasser Umarmung finden sich Wellen vergessenmachender Wohligkeit, sobald ich das lichterblickende Wortgebilde in meinen Armen halte. Herzgold, aufwallende, sanft fließende Zuneigung zwischen mir und – ihm.  Stille, stumme Liebe stömt aus meinen Augen: Mein Kind.

Zusatz:
Das war in der Tat eine schwere Geburt. Als ich gestern so im Stau stand und die Diktiergerätefunktion auf meinem Schlaufon entdeckte, startete das Experiment: Wortfetzen zu Sätzen zusammenfügen und im stetigen Stop-and-go auf Band sprechen. Zu Hause abhören, sich über die eigene Stimme wundern, abtippen und letzendlich in Form bringen. Ich zweifle, ob es mir gelungen ist, es hat jedenfalls schrecklich lange gedauert und schmeckt noch viel zu kantig. Zeitraubende Teufelsbrut.

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22 Gedanken zu “Wortstrom: Kopfgeburt

  1. Madame, ich ziehe meinen Hut. Sensationell. Ich kann Ihnen nur zu einem Zweitblog raten. Selbst Ihre vermeintlichen Totgeburten haben jedes Recht gelesen zu werden. Es wäre sehr schade, wenn man ihnen nicht die letzte Ehre erweist.

    • Ich danke fürs Hutziehen. Tot jedoch ist tot, aus- und weggelöscht. Ein Zweitblog wäre recht leblos …. Daher das Experiment, vielleicht probiere ich das noch ein weiteres Mal. Stau gibt’s ja genug auf unseren Autobahnen … Danke fürs Lesen!

      • Wenn Du sowieso im Stau stehst, dann denke über ein 2. Blog nach. So wie viele Modemarken ihre Haupt- und (billigere) Untermarken haben. Ich bin mir sicher, dass Deine Ansprüche zu hoch sind. Die kannst Du ja weiter an MME Contraire stellen, aber den „Rest“ stellst Du einfach auf dem (geheimen) Zweitblog. Ich denke, Du wirst überrascht sein.

  2. Auch ich ziehe meine Baseballkappe, Madame. Wie eigentlich immer.
    Manche Worte wiegen wirklich schwer. Die liegen mir dann schwer im Magen. Sozusagen. Da bläht es hier und zwickt noch dort. Radikal redigiere ich, frontal konfrontiere ich. Und manchmal versenke ich sie dann einfach wieder. Im See des Schweigens. Dort ruhen sie weitere tausend Jahre.

      • Wunderbare Wortmadame, ich bin nie auf Sinnsuche. Entweder ergibt sich mir der Sinn von selbst oder eben nicht. Dann schweigfeine ich still. Doch hier muß ich doch meine Stimme erheben, oder besser: die Finger Tastaturtango tanzen lassen. Ihre athenaischen Kopfwortkinder sind vieltausendmal inniger und weiser und sososo sanftschmiegsam streitbarer, als manch‘ hochprämierter Worterguss. Und mag Ihnen Ihre Teufelsbrut auch manchmal gehörig an die banalwortgestressten Nerven gehen, hier findet sie dankbare Zofen und Butler, die sie gern für Sie hegen, Ihre bonfortionöse Teufelsbrut! Chapeau!

  3. Es gefällt. Es kantelt auf meiner Zunge, in meinem Ohr; hat damit eine beinahe exotische Gewürztheit, eine scharfe Milde zeigt sich mit dem Wortstrom.

    (Ich würd es gern in meiner Radiosendung vortragen.)

  4. ach, da müht man sich ab und versucht dieser inneren ahnung ein worthaus zu geben und dann entdeckt man ihre, diese geschichte und ist völlig von den socken,liest,liest nochmals und freut sich und wird ganz betreten. toll toll.und wie poetisch.

    • Oh,hab vielen Dank für deine lieben Worte! Ich hab so gezweifelt, ob ich diesen Gedanken überhaupt verspinnen sollte. Was beweist (und dem werten Sir recht gibt): lichterblickende Worte gehören raus in die Welt und nicht ins stille Kämmerlein, sonst weiß man ja gar nicht, ob sie schon reif sind … Nochmals danke, fürs Lesen.

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