Wortstrom: Silbeng¦l¦anz

Du flüsterst meinen Namen, und es klingt wie eine Offenbarung. Ich liebe es, und zwar sehr, wenn du meinen Namen flüsterst in samtenen Nächten, die Stimme voll Erregung. Es klingt nie beiläufig, wenn du meinen Namen sagst, nicht wie ein Ruf oder fragend. Keine Aufforderung. Es klingt eher wie ein fremdes Wort, das beschreiben mag, was du fühlst. Ein seltsames Gefühl wohl, kaum in Worte zu fassen. Mein Name strömt oft aus deinem Mund wie ungezählte Silberperlen. Silbenperlen. Du legst alles hinein in diese paar winzigen Silblein, so kommt es mir vor. Und nie kürzt du mich ab. Dafür dank‘ ich dir. Es ist so: Du sprichst mein Ich aus. Mein Ich schwebt im Raum und klingt ein wenig nach. Dich erfüllt mein Ich. Und eben damit füllst du mein Ich, mit meinem Namen. Wie wundersam, ich kehre mein Innerstes nach außen und gebe dir mich und du – gibst mir mich zurück. Du füllst mich mit mir. Doch wo bist du? Bist du denn schon so sehr ich? Von keinen Lippen klingt mein Name schöner. Seit mein Name von deinen Lippen fiel, fühle ich mich, als würde ich meine Flügel öffnen und davonschweben. Davonleben. Hörst du, wie es knistert, das Flügelausbreiten? Federrauschen. Rauschen im Kopf. Rauschzustand. In samtener Nacht kreist mein Name über uns beiden. Nie fühlte ich mich wärmer, seitdem du meinen Namen wie eine sanfte, sanfte Decke über uns breitest.

Früher, da habe ich meinen Namen abkürzen lassen. Gekappt, in der Mitte. Ich dachte, das bringt Nähe und damit Freundschaft. Aber es zerriss mich. Ich war damit nicht mehr glücklich, fühlte mich immer nur so halb und unvollständig. Du hingegen hast mich nie abgekürzt. Hast mich immer als Ganzes gesehen. Hast auch nie gemeint, da fehle was an mir, hast nie versucht, mich umzuformen, oder zu vervollständigen. Ich bin schon ganz, und mit dir bin ich es auch. Mögen mich alle anderen abkürzen; aber du sollst meinen Namen sagen, so wie er ist: identitäts- und intimitätsstiftend. Das ist das größte Geschenk, das du mir machen kannst. Wenn du meine Namen sagst, weiß ich, du meinst mich. „Schatz“, „Hase“, „geiles Stück“, alles schon gehört. Ich weiß, ich kann das alles sein, ein Teilchen Schatz, ein Teilchen Hase … Aber du sagst meinen Namen und ich weiß, du meinst mich. Ganz mich, Ganz-Ich. Schenk mir meinen Namen. Schenk ihn mir, jedes Mal, wenn du kommst. Oder gehst. Oder bleibst.

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Sphinxgedanken

Tränen am Weihnachtstag. Willkommen zur ultimativen Tränendrüsenjahresüberproduktionsperiode. Rührung in der Stillen Nacht. Vermissen derer, die fehlen, ob tot oder lebendig. Vermissen des Gefühls, das doch immer da war, wenn die Kerzen brannten und die roten Kugeln am Plastikbaum selig den schönen Schein wiedergaben. War es immer da? War es nicht so, dass es Jahr um Jahr immer mehr verblasste? Dass das Weihnachtsherzweitgefühl immer mehr der Hektik und der Furcht gewichen ist? Furcht vor dem, was kommt: streiten wir uns wieder unterm überschmückten Christbaum, jede Kugel, jeder Anhänger ein Betäuben des Eindrucks von Weihnachtsheuchelei? Nervt Schwiegeroma, weil ich es nicht schaffe, den ganzen verdammten Abend zu lächeln, sondern mich hin und wieder, wenn ich mich unbeobachtet fühle, zurückziehe in mich selbst, meinen Körper in Gedanken verlasse und am Sandstrand Muscheln suche, allein in der Südseesonne? Werden Hund und Katz und Kind wieder den Baum zu Fall bringen und die üblichen zwei bis acht Glaskugeln zersplittern lassen? Tränen zwischen zerknülltem Geschenkpapier.

Herausgewachsen. Abgestreift. Des Gefühls der Weihnachtspanik entledigt, freiwillig und bei vollem Bewusstsein. Nix zu vermissen. Oder? Warum laufen die Tränen trotzdem und lassen sich nicht stillen? Das Emotionskonto ist voll, ich habe dieses Jahr gespart, gespart und nichts davon ausgegeben, alles zurückgehalten. Und nun läuft es über, pünktlich zu Weihnachten, wie passend. Wo das Fest der Liebe doch Emotionen ausdrücklich fordert und fördert.

Gutes Timing, Amtsgericht, den Scheidungstermin zum 24. Dezember zu verschicken. Ich meine, wessen Herzenswunsch ist das nicht? Tolle Aktion, sogenannter bester Freund, mich per Handynachricht zusammenzufalten und mir verbal in den Hintern zu treten, ich soll es künftig unterlassen, Weihnachtspäckchen zu verschicken. Einleuchtendes Argument, Freunde hätten sowas nicht nötig (und gefallen hat’s ihm darüber hinaus auch nicht). Aber ja, das muss Freundschaft sein, nur gute Freunde sind in der Lage, sich übers Jahr immer wieder so schwer zu verletzen, bis dass der Schwächere am Weihnachtstag von früh bis spät mit Tränen in den Augen und einem Messer im Herzen rumläuft. Ein großes Dankeschön, verdammt, wie hab ich das Gefühl vermisst! Gelockt werden bis auf Reichweite, um dann wieder weggestoßen zu werden, das macht dir Spaß, nicht wahr? Elender Emotionskrüppel, ich habe genug von euch Austernmenschen. Steck’s dir sonstwohin. Ach nein, da steckt ja schon der Stock, mit dem du geboren wurdest …

Gäbe es nicht auch Menschen, die mich tatsächlich schätzen, wie ich bin, ich hätte aufgeben wollen. Mich wieder zurückgezogen hinter den Vorhang. Mich als Sphinx überlebensgroß vor meinem Herztempel postiert und darüber gewacht, dass niemals wieder jemand Zutritt erhält, mit kalten Augen und steinernem Lächeln verteidigt, bis mich Sand, Wind und Zeit selbst zu einem Häuflein Sand korrodiert haben. Dabei habe ich noch Glück, kann meine überlaufenden Emotionen in Worte fassen und sie niederfließen lassen, bis sich der Herz- und Hirndruck soweit abgebaut hat, dass ein Lächeln wieder möglich ist. Ein schiefes, aber immerhin ein unversteinertes. Und so sitze ich am Küchentisch, wisch mir immer wieder die Tränen aus dem Gesicht und packe Päckchen. Für die Familie, für Freunde, und schreie den Gedanken, ob ich es nicht mal wieder übertreibe, mit einem lauten „Ich will es aber so!“ nieder.

Herzen heilen. Irgendwann. Narben sind eine Zier. Ich trage sie mit Stolz.

Vorhang auf

Ich hab’s einfach mit Metaphern. Nicht nur hier. Gelegentlich brachte ich in der Vergangenheit, wenn ich beschreiben sollte, wie ich mich fühle und was mich hemmt, den Vergleich mit dem Blick durch einen Vorhang an. Ich fühlte mich lange Zeit, als stünde ich vor dem geöffneten Fenster, doch zwischen mir und dem Leben da draußen trennt mich ein Vorhang. Er ist quasi durchsichtig, also ich sehe, was das Leben da vor mir tut, aber irgendwie ist es mir nicht möglich, wirklich daran teilzuhaben. Meine Sicht ist eingeschränkt, vernebelt. Es gab Tage, da stand zwischen mir und dem offenen Fenster ein Vorhang aus schwerem, undurchdringlichem Leinenstoff. So sehr ich mich bemühte, ich fand die Technik nicht, ihn beiseite zu schieben und da rauszublicken, rauszugehen in das Leben, dessen wundersame Melodie durch den dicken Stoff an mein Ohr drang. Ich sah oft nur Schemen, Menschen kamen und gingen, mir war oft, als hätte ich einen Ballen Organzastoff in meinem Hirn, der meine Gedanken dämpft. Dumpf, dumpf klopfte das Leben an, aber ich habe es nicht einlassen können. War ja schon besetzt, das Hirn, mit dem Organzastoffballen in zartrosaweiß. Das Herz umso leerer, so ohne Leben. Und diese Leere drückte und biss mich fast täglich. Dass mir wirklich was fehlte, das hat das watteähnlich verpackte Gehirn dann doch begriffen. Dass es die Dinge sind, die ich da draußen, hinter dem Vorhang hervor, erspähte, und dass ich diese Dinge in mein Herz lassen musste, damit es aufhört zu lechzen und zu beißen wie ein halb verhungerter Straßenköter.

Schnitt.

Gestern auf dem Weihnachtsmarkt stand plötzlich eine kleine Frau mitten in unserer Runde, älter als ich, mit einer Ausstrahlung, die einen umhaut. Die blauen Augen blitzen und funkelten, als sie sprach, mit bewundernswerter Eloquenz, augenscheinlich gewohnt, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Es gibt Menschen, denen glaubt man schon einmal begegnet zu sein, auch wenn es absolut nicht sein kann. Die zarten behandschuhten Hände strichen hin und wieder die dunklen Locken aus der Stirn, und jede Bewegung strahlte etwas aus, das sie nahezu greifbar umgab: Ruhe. Zufriedenheit. Stärke. Sie war plötzlich da, und plötzlich hingen wir alle an ihren Lippen. Glücklicher Single sei sie, den bereits leicht angetrunkenen Avancen der männlichen Rundenteilnehmer mit schelmischem Lächeln entschlüpfend. Das waren geübte Zungenschläge, eine so präsente Persönlichkeit zieht Herzen an. Motten, Licht, all diese Metaphern passten hervorragend.

Kameraschwenk.

Beinah dankte ich der körpergroßen Frau hinter mir, die mich anranzte, sie stehe nicht auf Körperkontakt, ob’s mir wohl genehm wäre, einen Schritt nach vorn zu tun und ihr den nötigen Freiraum zu gewähren. Auf dem Weihnachtsmarkt. Nach Feierabend. In der Landeshauptstadt. Wo man mit Müh und Not durch die wogende Menge kommt, wenn man acht volle Glüchweintassen vor sich herträgt und lautstark „Achtung!“ brüllt. Aber bitte, gerne doch! Das Feuerwerk war entfacht. Die kleine Singledame erklärte mir, wieso es zielführender sei, dem schnaubenden Stier Platz zu machen, auf dass er sich austobe und schließlich gegen die nächste Wand prallen möge, sie sei sich zu schade, sich über den Haufen rennen zu lassen. Sie – wir, korrigierte sie sich, ihre Augen ruhten in meinen – wir, die wir Kleidergröße 36 tragen, könnten einem verhärmten Nilpferd problemlos den geforderten Raum geben.  Ich hingegen war nicht ganz einverstanden damit, dass sie sich trotz aller metaphorischer Auseinandersetzung mit diesem kleinen Zusammenstoß so echauffierte und ihre Worte absichtlich auch in die Richtung des verhärmten Nilpferds gleiten ließ. „Also mich erreichte die Unfreundlichkeit nur bis hieher“, und hielt mir die flache Hand im Abstand von etwa 15 Zentimetern auf Herzhöhe. „Und dann prallte sie einfach ab“, und dabei drehte ich die Handfläche nach außen, eine abwehrende Geste.

Schnitt.

Ich fand irgendwann heraus, wie sich dieser blindmachende Vorhang zur Seite schieben lässt. Der Vorhang ist nichts anderes als Angst. Angst vor Verletzung und Bloßstellung. Das innere Kind hat sich darin eingewickelt und den Schiebemechanismus verbogen. Nachdem ich das repariert hatte, war es nicht mehr schwer, den dünnen Stoff zur Seite gleiten zu lassen. Der Organzanebel in meinem Hirn entwirrte sich und glitt ebenfalls davon. Und jetzt sehe ich nach draußen, gehe sogar raus und fülle mein Herz mit all den schönen Lebensdingen, die da lauern. Noch immer blicke in hin und wieder durch Vorhänge, manchmal ziehe ich sie zu. Doch jetzt weiß ich, wie ich sie wieder aufbekomme, wenn die Phase, blind sein zu wollen, vorbei ist.

Schnitt.

„Starke Frauen sind oft einsam“, raunte mir ein männliches Glühweinrundenmitglied zu. „Frag sie. Sie ist einsam hinter dieser starken, eloquenten Fassade.“ – „Nein“, entgegnete ich bestimmt. „Sie hält sie so tapfer aufrecht. Außer dir hat das niemand bemerkt. Wieso sollte ich ihr das jetzt nehmen wollen?“ Wir scherzten also noch eine ganze Weile weiter und man sah förmlich die Funken aus ihren Augen fliegen, während unsere Herzen an ihren Lippen klebten. Langsam löste sich die illustre Runde auf, und wir verabschiedeten uns von der kleinen blitzfunkenäugigen Singledame. Sie ziehe jetzt noch ein wenig um die Häuser, Anschluss fände sie ja doch ziemlich schnell, was ihr wiederum unzählige Herzpunkte einbrachte. Wir umarmten uns, es war logisch. Da schob sie ihren Vorhang zur Seite, gerade so viel, dass ich sie flüstern hören konnte: „Ist doch besser, als daheim allein auf der Couch zu sitzen und sich eine Tüte Chips reinzustopfen.“ In ihren Worten lag Angst. Ebendiese Angst vor Verletzung und Entblößung, vor emotionaler Abhängigkeit und Verlust. Ich drückte sie noch mal an mich.

Abspann.

Wortstrom: Für Dich*

Da draußen öffnest du gern deine Austernschale und lässt deine innere Perle erstrahlen, oh, wie sie leuchtet, so schön, so sanft … Und doch verschließt du dich vor meinem Blick. Ich will dir deine Perle nicht rauben, nicht mal anfassen möchte ich sie, wenn du das nicht willst. Ich will sie nicht besitzen, nur, bitte! Lass sie mich sehen, ich sehne mich so sehr danach ihren warmen Glanz zu spüren. Bitte! Lass mich der Mensch sein, der sie schauen darf. Lass mich Anteil an dieser Wärme haben, die du so bereitwillig verteilst an all die anderen da draußen, und mir dabei sagst, so beiläufig und doch so ernstlich: du willst nur mich – und dich im selben Atemzug wieder vor mir verschließt, bis nur noch Dunkelheit von deinen Lippen rieselt. Ich tu ihr doch nichts, ich flehe dich an, strahle auch auf mich, lass es mich doch spüren, was deine Lippen mir sagen und deine Worte, die aber so hohl klingen, so hohl, weil du keinen Glanz hineinlegst.

Ich durfte kosten, nur ein winziges Stück, ein Zeigefingerspitzchen voll süßer Sahne hieltest du mir hin, von einem traumhaften Dessert. Vor mir, so wunderschön, perfekt nehme ich dich mit all meinen Sinnen wahr, aber du verschließt dich. Nicht einfach unter Zellophanpapier, nein! Unter einer festen Glaskuppel sitzt dein Herz und sperrt mich aus. Bewundern darf ich dich, nur niemals berühren. Wovor hast du Angst?

Siehst du nicht? Ich prostituiere mich vor dir! Ich rutsche auf Knien und lege dir mich, mein Herz, mein Leben gar zu Füßen! In Erniedrigung bettle ich doch nur um etwas Lohn, ein Stückchen Brot, das mich am Leben hält. Das Leben, das ich dir schenkte, das sich mit dir geformt, um dich herum gebogen hat. Du Auster, du glasverschlossene Köstlichkeit, erhöre mich! Ich präsentiere dir mein Herz auf einem Silbertablett, ich hab es mir selbst aus der Brust gerissen, für dich, es schlägt noch und blutet, und du siehst nicht einmal hin! Nicht einmal der blutigste Schrei entlockt dir die leiseste Reaktion.

Man sagt doch: Geben… geben und nehmen, aber mir scheint, ich gebe, gebe, gebe und du – nimmst nicht mal und gibst auch nichts. Ich bin so verzweifelt, ich bewerfe dich schon mit meiner Liebe und du weichst aus! Die Zielscheibe steht zu weit entfernt, als dass ich dich jemals treffen könnte. Du hingegen, du! Triffst mich, an jedem Tag, in jedem Augen¦blick. Du! Du könntest alles, alles von mir haben, ich biete mich dir mit Haut und Haaren, und du willst … nur … mein … Verständnis? Sag mir, was ist Liebe? Deiner Meinung nach? Kann ein Mensch hingebungsvoller sein? Ja, verdammt, das kann er!

Credits
*Für Dich – für jemanden, mit dem ich heute über Hingabe sprach. Auch wenn diesem Thema keine besonders erfreuliche Situation zugrunde liegt, gilt dieser Person ein Dankeschön für das Heraufbeschwören und, infolgedessen, dem Verworten eines lange austernperlenartig verschlossenen Gefühls. Herausgekommen ist dieser Wortstrom, den ich ebenso, wenn auch zu spät, an den Menschen richte, der nicht mehr Teil meines Lebens ist: für Dich.

Wortstrom: Kopfgeburt

Worte sind nicht einfach da. Oft genug wünscht man sich das, oft genug braucht man sie gerade jetzt – und niemand da weit und breit, der sie uns geordnet in einem gut verschnürten Bündel bis vor die Haustür liefert. Worte wachsen im Kopf. Auge, Ohr und Herz nehmen wahr, schöpfen aus der Realität. Zersplittern und fragmentieren sie, modifizierte, infizierende Wirklichkeitspartikel schießen explosionsartig ein: Inspirationsfunkeninsemination. Worte müssen erst geboren werden.

Meine Wortfruchtbarkeit ist mir zuweilen unheimlich. Aggressive Wortlust, der libidinöse Wunsch nach Gedankenreproduktion. Es gibt kein geeignetes Wortkontrazeptivum. Vielleicht zeitweise zu laute Musik, die meine Gedanken übertönt und alle Sinne betäubt. Und Zeitmangel. Abortinduzierender Zeitmangel, der unterbindet, dass der Wortstrom reift, aus dem Kopf in die Finger über die Tastatur aufs Papier fließt. Wortwehenhemmer. Embryotoxischer Textfötenvernichter, zerfetzender, austrocknender, vergessenmachender Zeitmangel: eine Texttotgeburt. Es war nicht an der Zeit, mag man nachher sagen. Und auch das: Du kannst noch so vielen weiteren Texten Leben geben, trauere dem verlorenen nicht nach. Der Gegenschrei verhallt lautlos im leeren, ausgehöhlten Raum. Es gibt kein geeignetes Wortkontrazeptivum, ich müsste blind und taub durch die Gegend laufen, und gefühllos. Partielle Lobotomie, zur Gedankensterilisation.

Ich lasse zu, dass sich im inspirationsinseminierten Kopfraum ein Wortgefüge ballt, sich teilend vereint, anwächst und nach draußen drängt. Worte müssen geboren werden, manchmal unter Schmerzen. Manches muss schmerzen, manches muss zerreißen, manches tatsächlich unter Tränen zur Welt gebracht werden, damit es ist, was es sein soll. Damit es wirkt. Schmerzhaft-sinnige, sinnschwindende Kopfgeburt. Nicht selten nie enden wollendes Wortweh – ungehemmte Wortwehen -, wachkomatöses Ausstoßen sinnentleerter Laute. Es gibt keinen Kopfkaiserschnitt, keine Chirurgenhand, die in meine geöffnete Hirnschale greift, mein hochwortschwangeres Hirn herausholt und ihm wort- und bild- und emotionsinfiziert die Flausen aus den Windungen schüttelt, damit sie textwert auf papiernem Grund landen. Ausgeschüttelt, ausgeklopft, vom Schleim zäher Gedankenfetzen befreit. Desinfiziert mit Alkohollösung. Zurück bleibt ein sauberer Denkapparat ohne Fetzen jedweder Art, ohne Dreck, ohne Schmutz. Entflaust, allerdings. Weder Rotz noch Wortströme, die mein cleanes Inneres auf Papier gebiert. Kein Fluss, nur mehr der Geschmack von trockenem, staubigem Zellstoff. Ein bedauerlicher Wunsch nach Vereinfachung und Entschmerzung einer Kopfgeburt.

Das Aus- und Aufschrei¦b¦en, so unverzichtbar und dazugehörig, wehschmerzige naturstaunende Gewalt, durch nichts zu lindern. In schweißnasser Umarmung finden sich Wellen vergessenmachender Wohligkeit, sobald ich das lichterblickende Wortgebilde in meinen Armen halte. Herzgold, aufwallende, sanft fließende Zuneigung zwischen mir und – ihm.  Stille, stumme Liebe stömt aus meinen Augen: Mein Kind.

Zusatz:
Das war in der Tat eine schwere Geburt. Als ich gestern so im Stau stand und die Diktiergerätefunktion auf meinem Schlaufon entdeckte, startete das Experiment: Wortfetzen zu Sätzen zusammenfügen und im stetigen Stop-and-go auf Band sprechen. Zu Hause abhören, sich über die eigene Stimme wundern, abtippen und letzendlich in Form bringen. Ich zweifle, ob es mir gelungen ist, es hat jedenfalls schrecklich lange gedauert und schmeckt noch viel zu kantig. Zeitraubende Teufelsbrut.

Wortstrom: Worte und ich

Im gewissen Sinne – Worte und ich – man könnte sagen, uns verbindet mehr, als uns lieb ist.

Ich lebe von Worten, im gewissen Sinne, von Worten, die nicht meine sind.
Die mich tagtäglich arg ärgern, die ich zerbröseln muss, um Sinnschwund darin zu finden.
Im gewissen Sinne bin ich Ab- und -satzaufdrösler, Wortewechsler, Synonymsucher, nur um diesen Worten, die nicht meine sind, einen Sinn zu verleihen, einen ganz gewissen, damit auch der dümmste anzunehmende User sie anwenden kann.
Ob meine Worte mit dem gewissen Sinn die besseren sind – ich weiß es nicht.
Weder meine Worte, noch meine Sprache, und ganz gewiss nicht mein Sinn, aber es hält mich am Leben, so ganz im Sinne von Nahrung, Kleidung, Finanzierung des stillen Kämmerleins, in dem die Wortschmiede steht, gemiedene Worte, die fremden, wie fremde Hemden über vertrauten, verbauten Satzgestellen, konstruiert, hingeschmiert ohne Punktkommastrich, Wortgemisch mit Informationsessenz, im gewissen Sinne anleitend, ab- und überleitend zu weiteren Konstrukten, gedruckten Wortballen am Ende, erst entwirrt, dann wieder verworren, die sowieso kein Schwanz liest, weil – man weiß es ja besser, intuitiv.

Tiefstapeln daher die Devise, fiese Kommentare, weil ich nun mal nicht reden kann, wo ich doch schreibe, mit entschuldigendem Lächeln beileibe nicht abzuschmettern.
Denn Worte, die nicht meine sind, kommen mir so schlecht über die Lippen, Klippen, an denen ich tagtäglich scheitere, mehr noch als an den fremden Hemden, von denen ich derweil schon weitere gebügelt und auf Bügelkonstrukten zu Hügeln drapiert habe, kapiert, nein, kapituliert vor gewaltigen Worten an Orten, wo Wortgewalt wehlich waltet – alliteriert sogar, weil sie’s können, die anderen, die besseren, selbst wenn sie Worte verwässern, solange sie flüssig aus deren Mundhöhle sprudeln, sich zu Rudeln formen, mich überfluten und mir jede Glut auslöschen an den Gedanken, ich sei gut in dem was ich tu …
– bereit für ein Stückchen mehr Unzufriedenheit?

Im gewissen Sinne aber lebe ich für Worte, sinnlich gewissenhaft, solange sie die meinen sind und ich sie leiten kann in solche Weiten, in die mein gesprochenes Wort nie dringen wird.
Oft unterbrochen, mittendrin, habe ich aufgegeben, sprechen können zu wollen,  klamm und wortleer mein Mund also, dafür um so wortvoller der Kopf, es tropft aus meinen Fingern, sobald ich die Tastatur berühre, selbstentführt in meine Wortwelt, in der Weltworte zu Toren werden.

Im gewissen Sinne l¦i¦ebe ich doch Worte, nur erwidern sie das manchmal nicht.

Mme Contraire „Adventswünsche“

Mesdames Candy, Bella und Anais, meine Verehrtesten –

heute war es so weit, meinem Gastbeitrag auf eurem genial-frivolen Blog wurde die Ehre zuteil, auf den Herrengedeck-Adventskalender einzustimmen. Ich danke euch von Herzen für die freundliche Einladung und damit die Chance, den einen oder anderen Leser auf meine Seite zu locken. Damit habt ihr mir meine persönlichen Adventswünsche bereits erfüllt. Ich bin schon sehr gespannt auf die folgenden Beiträge und freue mich auch von euch noch ganz viel zu lesen – ihr amüsiert und inspiriert mich gleichermaßen, davon bekomme ich nie genug.

Zimtsternige Grüße, Eure Mme Contraire