Namenloses

November, du bist so freundlich gerade. Noch. Du hast tatsächlich Sonne, und meine Stimmung ist erstaunlich gut! Sehr wahrscheinlich ziehst du das jetzt deine vollen 30 Tage am Stück durch, gerade weil ich dir dieses Jahr ein Schnippchen schlagen wollte und ganze 13 Tage vor dir in den Süden flüchten werde. Aber es ist okay. Für alle anderen, die keinen Urlaub haben und oftmals ähnlich genervt von dir und deinem Grau, deiner Melancholie sind.

Was ist anders? Wie soll ich’s benennen? Diesen Goldpunkt da in mir drin. Das Mehrlächeln, die beachtlichen Prozentpunkte, um die das Stimmungsbarometer ganz novemberuntypisch gestiegen ist. Findet da gerade eine Kontinentalverschiebung auf meiner inneren Landkarte statt, mit einhergehendem Klimawandel? Ich verweigere mich ein wenig dem Gedanken, dass das ausschließlich mit einem anderen Menschen zu tun haben könnte, der mir sehr nahe gekommen ist in letzter Zeit, und den ich für mich selbst den fantanstischen Kerl mit Cashmereanteil getauft habe.

Eine Frage der Terminologie

Wie nennt man Menschen, die einem sehr nahe kommen, mit denen man am liebsten unbegrenzt Zeit verbringen möchte? Als ich noch klein war, war das der Nachbarsjunge. Wir bauten Sandburgen, immer größer, immer höher,  und gossen sie mit Wasser aus der Gießkanne wieder kaputt. Wir klauten Papas Nägel und den Hammer und bastelten ein Flugzeug aus Holzlatten und Seil, groß genug für uns beide, und flogen nach Amerika. Die beste Freundin und ihre Puppen waren toll, aber meine Sandkastenliebe war viel toller. Es brach mein kleines Kinderherz, als er zur Schule ging und ich nicht mehr seine Freundin war.

Das Namenlose kam und ging, bescherte mir Kumpels, gute Freunde, Herzschmerz, Träume, die im Nachhinein glücklicherweise unerfüllt blieben, den ersten Freund – fester Freund, wie man in der Familie sagt, und damit die unvermeidliche, dröhnend mitschwingende Konnotation, mein Gott, war mir das peinlich – den erste Liebeskummer, der eine gefühlte Ewigkeit anhielt. Mit steigendem Alter, und wenn die Beziehung schon ein gewisses Verfallsdatum überschritten hat, fühlt sich die Bezeichnung „der Freund von“ für Eltern anscheinend unpassend an, man wird also vorgestellt als Lebenspartner und später dann, wenn man wider besseres Wissen auf den Hafen der Ehe zugesteuert ist, endlich, endlich als Mann. Ehemann. Schwager. Schwiegersohn. Schwachmat.

Endlich begriffen

Und wenn man das alles hinter sich hat? Redet man am liebsten nicht mehr davon. Wünscht sich, nie einen Namen für das gefunden zu haben, was man sich jetzt wieder schmerzlich abgestreift hat, wie einen zu eng gewordenen Panzer. Und dann steht man eben wieder nackt und bloß vor dem Leben und fragt sich: Was kommt jetzt? Es kommt nämlich immer wieder was, was benannt werden muss. Und sei es die Erkenntnis, dass sich bloß keiner mehr wagen soll, sich Lebenspartner schimpfen zu lassen. Lebenspartner bin ich mir selbst, muss ja schließlich mit mir auskommen, ich lass mich nun mal nicht von mir abstreifen – weil ich eins bin. Weil ich ganz bin. Da braucht es keine bessere (oder schlechtere) Hälfte. Kein Deckelchen, kein fehlendes Puzzleteil.

Und trotzdem. Wenn man ganz ist, möchte man teilen. Die Ganzheit. Das wunderbare Gefühl, mit sich zufrieden und im Reinen zu sein. Mit jemandem, mit dem man gern zusammen ist – nicht, weil man sich braucht. Nicht, weil man sich ergänzen müsste. Einfach, weil man irre Spaß zusammen hat und alles, was doof ist, lauthals weglacht. Zwei ganze Menschen, alleine ganz, zusammen eben ganz-ganz. Und wie stellt man diesen Menschen vor? Ich denke, ich bevorzuge die Aussage „Das ist mein fantastischer Kerl. Mit Cashmereanteil.“

Credits
Ein grand merci heute an Candy Bukowski und ihren Beitrag, der mir ein willkommener Inspirationsfunke war.

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5 Gedanken zu “Namenloses

  1. Ich mag deine Gedanken. Diese so wunderbar gewobenen Worte. Emsig gesponnen im Rad der Zeit. Schön.

    Mir fallen die zum Teil düsteren Gesichter der Menschen in diesen Tagen auf. Auch die melancholisch wirkenden Blogbeiträge. Das ist schade. Graue Tage berühren mich nicht. Früher bin ich dann oft in mystisch-magische Welten abgetaucht. Bin allein oder zu Zweit durch Nebel und Felder gestreift. Heute streife ich graue Gedanken ganz anders ab. Mit dem Sonnenscheinchen neben mir. Dieser Elfe Yuki ;-)

    • Ich war nie gefeit vom Novemberblues. Das liest sich auch aus meinen Einträgen vom vergangenen Jahr recht gut heraus, denke ich. Und ich war zu dem Zeitpunkt nicht mal Single – und anscheinend trotzdem allein. Und jetzt? Bin ich mit mir zufrieden, kein Grund mehr für Melancholie. Und als Bonus obendrauf was Kuschliges, ein Sonnenscheinchen – Dir Deine Sonnenelfe Yuki. Insofern möchte ich Dir im Nachhinein auf einen Deiner ersten Kommentare hier beipflichten: Alles kann Liebe (nur nicht entsagen).

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