*laub*

Heute ist wieder ein Tag, an dem alles möglich ist. Ich bin müde und wach zugleich, bei der Sache und eigentlich doch ganz woanders, habe viel geschafft und auch wieder nicht alles, was ich wollte. Meine Gedanken kreisen – once again – um das Thema „Was darf ich und was nicht“. Als ob ich mich das nicht schon zig Mal gefragt hätte. Und jedes Mal lautet die innere Antwort: „All das, was du willst und was dich glücklich macht“. Der Zusatz “ – und niemanden verletzt“ schwingt immer noch lautlos mit, viel zu lange war er fester Bestandteil dieses Satzes, dessen erster, weitaus wichtigerer Teil dagegen leise, fast stumm nur mitschwang.

Wenn ich mir die Herbstbäume so ansehe, wie sie da stehen, nach den Stürmen weitenteils kahl, entlaubt. Und dennoch nicht vorwurfsvoll, dem nahenden Winter gegenüber, der sie zwingt, Jahr um Jahr das Laubkleid abzuwerfen. Oder gegenüber dem Sturm, der sie vielleicht verfrüht und brutal ihrer Blätter beraubt hat, die sie noch hätten ein paar Tage länger wärmen können. Was sollen sie auch tun, es ist der Lauf der Zeit, und das Hadern mit dem Schicksal hat in den seltensten Fällen was gebracht. In einem halben Jahr beginnt das Belauben erneut, wer weiß, ob es nicht doch eine schmerzhafte Angelegenheit für die Zweige ist, die jungen Blattknospen hervorzubringen, jedes Blatt, jeder neue Zweig eine Geburt. Da wird nicht gefragt, da wird auch nicht gejammert. Im Gegensatz dazu wird auch nicht gejubelt – wer kann es sich sonst leisten, im Jahresverlauf seinen Stil, seine Kollektion mehrfach auszutauschen, von frischem jungem Grün zu sattem Smaragdblattwerk über ein Meer an feuerfarbener Pracht hin zur bescheidenen Nudité, die ist ja so en vogue, gekrönt von sanftem Reif oder überbordendem schneeweißen Pelz …  Und hat man schon mal einen Baum erlebt, der sich für den Blattfall im Herbst schämt, weil jemand auf dem zerlaubten, regentaumatschigen Haufen ausrutschen und sich ernstlich verletzen könnte?

Vom Entlauben zum Erlauben also. Weshalb sich nicht erlauben, sich Gutes zu tun ohne mal daran zu denken, ob es jemandem schaden könnte? Ich bin wirklich froh, dass sich die allzu strenge Contenance letztendlich gnädig gezeigt und damit aufgehört hat, vor der Höhle der kleinen Contraire zu patroullieren und sich stattdessen als ihr Reittier anbietet, und lieber mit ihr und den ihr eigenen Widersprüchen und liebenswerten Gegensätzlichkeiten huckepack durch den Garten meines Lebens tollt. Ich liebe ihr gemeinsames ungezwungenes Lachen, der kleine Wildfang immer mindestens eine Terz über meiner Selbstbeherrschung. Sie nehmen sich heute ein Beispiel an den Bäumen, die meinen Lebensgarten umsäumen, und – sind einfach. Ohne Rechtfertigung, warum, wieso.

Ein Baum wird ja auch nicht gefragt. Das Leben macht zwar Laub, aber sicher keinen Urlaub.

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6 Gedanken zu “*laub*

  1. Meine tiefste Hochachtung für diesen Beitrag, Mme! Deine Worte blühen, erschaffen ein Meer voller Farben und lassen die Funken meiner Gedanken wild erglühen.

    Reiten Sie Mme! Lachen Sie. Einfach so. Es schadet (dir) nicht. Und wem es zu laut ist, der kann sich die Ohren zuhalten.

    • *verbeug*
      Ein Herzliches Dankeschön für deine Worte! Und für Motivation und (gegenseitige) Inspiration, die ich ja doch bei unserer ersten Begegnung schon erspüren wollte.
      Haltet euch die Ohren zu – Herzlachen!

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