Schmerzgeschenk

Was passiert eigentlich mit zugefügten Schmerzen? Die gehen weg, sagt man. Die heilen aus. Aber wo gehen die hin? Die verreisen doch nicht einfach. Sie verschwinden, manche schneller, manche unendlich langsam. Narben zeugen meist von ihrer verblassenden Existenz. Und irgendwo ist dieses Schmerzauffanglager, eine Unterabteilung der Seelenmüllhalde. Was geschieht dort mit dem Schmerz, dem vergangenen, vergessenen? Er wird sortiert, recycelt. Aus manchem werden Bausteine gepresst, mit der das Bauwerk namens Lebenserfahrung unterfüttert wird. Guter, stabiler Schmerz, der sich zwischen Erkenntnis und Erfahrung mauern lässt. Mancher wird plattgewalzt und auf die Krater gelegt, die er hinterlassen hat. Unnötiger Schmerz. Ein Abschluss meist selbstverschuldeter Dinge. Die Schmerzplatte ist so robust und fest, dass man bedenkenlos über das darüber gewachsene Gras laufen kann. Ob man Erkenntnisse darauf bauen sollte … ich weiß nicht, auf ein hohles Fundament? Es kann funktionieren. Aber auch einstürzen.

Schmerzreste gibt es auch, die beim Pressen und Walzen und Behauen entstehen. Die sind zu nichts mehr zu gebrauchen. Manche Querschläger schießen hin und wieder direkt ins Herz während des Umformens, auch wenn der Schmerz schon uralt und längst vergessen scheint. So mancher Partikel gelangt auf diese Weise in den Kopf und nistet sich dort ein. Man kann von Glück sprechen, wenn er sich nicht entzündet und schließlich wahnsinnig macht. Besser, wenn man nicht allzu eifrig ans Werk geht, ruhig und mit Bedacht arbeitet und am besten noch Schutzkleidung trägt bei der Schmerzverarbeitung.

Die unbrauchbaren Reste – was macht man damit? Manche lösen sich auf, in Whisky, in Ablenkung, manche lassen sich letztendlich weglachen, wegtrösten, sanft wegkuscheln. Manchmal, ganz selten, werden Schmerzreste in unauffällige kleine Kistchen verpackt – wohin auch damit? – und man neigt dazu, diese Kistchen irgendwo da draußen abzustellen. Mitzubringen, als Gastgeschenk sozusagen. Soll sich doch ein anderer drum kümmern. Soll sich doch jemand anders mal genau so verletzt fühlen. Die Kistchen explodieren, wenn man versucht sie zu öffnen, und so verteilen sich die Schmerzpartikel granatensplitterartig und ohne Rücksicht. Deckung, dieser Angriff bedeutet meist unerbittlichen Herzkrieg. Man kann nur hoffen, dass die auf Schmerz gebaute Erkenntnis rechtzeitig davon abhält, diese kleinen Schmerzbomben unter die Leute zu bringen.

Habe ich auch schon Schmerzkistchen verschenkt? Habe ich auf diese Weise versucht, diese pochenden Splitter loszuwerden, anstatt zu versuchen, sie wegzulachen, wegtrösten zu lassen? Schmerzgranaten, wo Herzgeschenke angebracht gewesen wären? Ich hoffe so sehr, dass ich trotz aller Auf- und Umarbeitung nie vergesse, wie sich so was anfühlt.

Advertisements

5 Gedanken zu “Schmerzgeschenk

    • Nein, das ist wahr. Der Schmerz ist weg irgendwann. Aber so manches Mal steigt er noch an die Oberfläche, auch wenn man glaubt, er sei längst weg. Oder vielleicht ist es nur ein fernes Echo davon. Da muss man sich zusammenreißen, sagte ich mir.

  1. Danke.
    VIelleicht muss man auch mal diese Erfahrung machen, wie es sich anfühlt, Schmerz zu verteilen. Ist mir sicher auch schon passiert. Absichtlich, nur um meinen eigenen zu betäuben, aber hoffentlich noch nicht.

  2. Eine völlig neue Perspektive. Ich will nicht behaupten, dass ich mich auf die nächsten Schmerzen freue, aber werde sie mit anderen Augen wahrnehmen

Kommentare? Stets willkommen!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s