Lebensrucksack

Sieh sie dir an, wie sie auf dem Schulhof rumstehen. Die Kids mit ihren Schultaschen, die Älteren, die aufgesetzt lässig ihren Rucksack von einer Schulter baumeln lassen. Mein inneres Auge betrachtet sich heute die Menschheit und die Behältnisse, in denen sie ihre jeweiligen Sorgen mit sich trägt. Jeder hat sie, jeder trägt an ihnen, und das auf so vielfältige Weise.

Last und Überlast

Da ist zum Beispiel der ganz Korrekte, der Streber. Er trägt seinen kompakt gepackten eckigen Sorgenbehälter auf dem Rücken, ein Vorbild an Ergonomie. Breite Riemen auf beiden Schultern, damit das Gewicht gleichmäßig verteilt ist und nicht einschneidet. Ja, derart gut ausgerüstet und vorbereitet kann man bequem durchs Leben wandern. Andere tun sich da schwerer. Da läuft gerade einer durchs Bild, mit einem riesigen, aufgetürmten Rucksack, an dem er sich fast kaputt schleppt. So viele Sorgen hat er eingepackt für seine Reise, er scheint sich nicht entscheiden zu können, was davon mitzunehmen wichtig ist. Oder hat er für andere mit eingepackt? Ich würde ihm wohl raten wollen, den ganzen Sack auf den Teppich zu leeren und nur das Wesentliche mitzunehmen, das Unvermeidbare. Aber er würde mich nur müde anlächeln. Wir sprechen nicht die gleiche Sprache.

Ein junger Mensch geht vorbei, er trägt sein halbgefülltes Rucksäckchen lässig an nur einem Riemen an der rechten Schulter. Er stört sich gar nicht daran, dass sein Sorgenbehälter hinter ihm her schlackert, man könnte meinen, er trägt sehr leicht daran. Er verharrt kurz an der Haltestelle, den Rucksack locker zwischen die Füße gestellt. Im nächsten Augenblick müsste der Bus kommen, und mir scheint fast, der junge Mensch möchte seinen Rucksack versehentlich vergessen, wenn er in den Bus steigt, so vernachlässigt kommt mir das Behältnis vor.  Aber nein. Er schultert den Rucksack wieder, denn trotz aller Lässigkeit erkenne ich, dass er Verantwortung trägt. Und weiter geht seine Reise.

Von Päckchen und Tüten

Manche sehe ich, die tragen ihre Taschen auf den Armen. Eine Frau umklammert ihr Bündel, sieht gehetzt von links nach rechts, am liebsten würde sie es unter ihren weiten Klamotten verstecken. Hoffentlich sieht ihr niemand hinein. Eine andere geht gemessenen Schrittes, wiegt ihr Päckchen auf den Armen und lächelt es an. Wie glücklich sie aussieht. Sie und ihr Päckchen, eine verschmolzene Einheit, untrennbar akzeptiert, gehegt, gepflegt. Da stellt sich ihr eine andere Person in den Weg, hält ihren Korb mit weit ausgestreckten Armen von sich. Sieh hinein! ruft sie der Frau mit dem Herzenspäckchen entgegen. Sieh hinein und nimm den Korb! Nimm ihn von mir weg! Doch niemand erbarmt sich, jeder trägt seinen eigenen Rucksack, wohin denn noch mit einem fremden Korb? Der mit dem riesengroßen Reisesack schaut neugierig dem Korb hinterher, er würde ja mal reinschauen und vielleicht das eine oder andere herausnehmen, um es in seinen übervollen Sorgensack zu stopfen. Ein bisschen Platz ist immer.

Was kommt denn da? Eine Louis-Vuitton-Tasche schiebt sich vor mein geistiges Auge. Die war bestimmt teuer. Wer sich die für seine Sorgen leisten kann, hat teuer bezahlt, scheint mir. Beneidenswerte Luxusprobleme? Sie geht ganz nah an mir vorbei und ich erspähe darin eine mitgenommene schmutzige Plastiktüte vom Discounter. Ein sanfter Hauch von Trauer und Leid entströmt. Nein, tauschen möchte ich nicht. Um die Ecke biegen zwei, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Einer mit einem unglaublichen Leibesumfang, daneben geht sein fast magersüchtig anmutender Begleiter. Beide tragen Tüten im Arm, greifen ständig hinein und futtern und kauen und schlucken, ohne Unterlass. Der eine kippt etwas Flüssigkeit aus einer braunen Flasche hinterher. Und ihre Tüten werden niemals leer, so sehr sie sich bemühen, ihren Inhalt in sich hineinzufressen, ihn auf diese Weise eliminieren zu wollen. Bei dem einen schlägt es sich direkt nieder, der andere scheint ein Magengeschwür zu haben, oder eine Art Unverträglichkeit, so dass ihn das, was er in sich hineinstopft, seinerseits von innen her aufzehrt.

Meine Tasche

Ich verlasse meinen Platz in dem kleinen Café vor der Schule und nehme meine Umhängetasche. Ich trage sie an meiner rechten Seite, die Hand immer wie zum Schutz darauf gelegt. Manchmal, wenn sie mir zu schwer erscheint, wechsle ich die Schulter, das geht auch, aber es fühlt sich eigenartig fremd an. Meine Schulter weiß sie schon zu tragen. Manchmal spüre ich sie gar nicht, dann sehe ich hinunter, sie ist da, unter meiner Hand, und es ist alles gut. Wie ich wohl auf andere wirke? Ob sie mich auch mit einem riesigen Lebensrucksack laufen sehen? Oder mit einem Päckchen auf dem Arm, versteckt oder offen getragen? Es ist mir gleich; ich trage meine Umhängetasche an meiner rechten Seite, meine vergewissernde Hand ruht auf ihr, und es ist gut so.

Credits
Das Thema Lebensrucksack wurde mir als inspirierender Funke in mein Hirn gestreut von einer lieben Freundin, der ich hiermit danken möchte, dass sie meine Umhängetasche öfter mal sichtet und ich dafür ihre babysitten darf. Grand merci, ma chère!

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10 Gedanken zu “Lebensrucksack

  1. Ein Text zum nachdenken. Ich mag die Bilder, die er (bei mir) erzeugt. Ich habe mich gesehen. Locker, flockig mit Rucksack. Aber er ist keine Last. Da passen noch viele Dinge hinein. Nur die Last Anderer tragen, das kann ich nicht.

  2. Interessanter Gedanke auf die Taschen zu schauen. Ich bin gerade bei Frauentaschen immer wieder erstaunt wie schwer diese Taschen sein können.

    Bzgl. der LV-Tasche kann man auch nie ausschließen, dass sie ein billiges Plagiat ist. Darüber könnte man einen eigenen Eintrag schreiben, was das für ein Mensch ist, der eine gefälschte Tasche, Uhr, etc. trägt.

    • So denke ich mir das auch. In Frauentaschen ist oft viel Ballast, der da nicht unbedingt drin sein müsste.

      Okay, dann bin ich schon sehr gespannt auf das, was wir möglicherweise bald bei dir lesen dürfen, lieber guinness44!

      • Werde mir ein Cafe suchen und dann erst einmal beobachten. Hier gibt es sehr viel BlingBling, so dass ich wahrscheinlich schnell Material beisammen habe

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