Ihr Könnt Es Ahnen …

… denn es ist wie es ist: Ich liebe schwedische Möbelhäuser. Gerade jetzt im Herbst, wenn sie mit ihren niedlich eingerichteten Kuschelwohnlandschaften und Knuddeleckchen auch für die kleinste Wohnung locken. Heute gehe ich nach Feierabend hin (bad idea, ich weiß), weil ich für Muttern zwei weitere Vorhänge kaufen soll, die sie beim letzten Besuch vergessen hatte. Mach ich doch glatt. Nach Feierabend in den Herbstferien (superbad idea). Vielleicht kann ich mir ein wenig Inspiration für die heimische Baustelle suchen. Denke ich und beginne entspannt bei der Polstermöbelabteilung. Echt, schöne Kuschelsitzgelegenheiten. An mir strömen Menschen mit kleinen blonden quengelnden Kindern durch die Gänge. Echt süß, diese Zusammenstellungen hübscher und unpraktischer Möbel in Kombination mit unnützer Deko und hässlichen Stilelementen. Ich Kann Es Ab. Und da steht es, das Objekt meiner Träume. Ein Lesesessel. Ein nostalgisch anmutender Ohrensessel mit passendem Fußhöckerchen. Ich … muss … mich einfach reinsetzen, mein Gott ist der toll. Und bequem. Und bezahlbar … Ich lasse die gewonnenen Eindrücke seit Betreten des Möbelhauses revu passieren:

Viele Pärchen fallen mir auf. In allen Altersklassen, doch immer haben sie dies gemeinsam: Sie schaut sich um, lächelt, schaut sich wieder um, strahlt vor Glück, ihre Gedanken sind so greifbar wie diese … was ist das eigentlich auf dem Glastisch vor mir? Eine Vase? Ein Serviettenhalter? Ihr Kopf richtet gerade die erste kleine gemeinsame Wohnung ein mit Ektorp und Billie, sie füllt das zukünftige Kinderzimmer mit großen Federkissen bis zur Decke, sie verlegt kuscheligen petrolfarbenen Teppichboden im gesamten Großfamilienhaus … aber am meisten bringt sie zum Strahlen, dass ER mitgegangen ist. Und er schaut nicht herum. Er schaut geradeaus und schaut sie immer wieder an. Er lächelt auch. Weil sie lächelt. Und vergisst, dass er einkaufen eigentlich total öde findet. Alles, was sie will, und sei’s der bonbonrosa Bettvorleger. Manche bleiben unvermittelt stehen, mitten im Gang, sehen sich in die Augen, sagen sich wortlos, was sie gerade dachten, völlig unerheblich, ob der andere es versteht. Ein Küsschen. Weiterstrahlen. Ich freu mich mit, und nur ein ganz winzig kleines Bisschen Wehmut kommt dabei auf.

Ich stehe aus dem Sessel auf. Nicht heute, aber bald, sage ich ihm. Jetzt aber schnell zu den Vorhängen, eine Etage tiefer. Dazu muss ich mich durch das gesamte Wohnprogramm schlängeln, immer wieder halten mich Kinderwägen auf und Kinder, die plötzlich vor meinen Füßen auftauchen. Ich muss mir den Weg bahnen, Abkürzungen zwischen Couchtischen und Umwege in Kauf nehmen. Die Massen schieben sich vor mir her, wo hatten die sich die ganze Zeit versteckt? Gerade war es noch gemütlich … Es stresst mich, merke ich, meine Schritte werden schneller, ich erlaube mir nicht mehr stehen zu bleiben – ich brauche schließlich nichts. Nur diese Vorhänge. An der Kinderrutsche, runter ins Warenlager, stauen sich die Eltern, wie komme ich da jetzt durch, durch diesen Wust aus Kinderwagenhalter und Windeltaschenträgerinnen, gepaart mit dem nicht wirklich anregenden Küchenduft aus der angrenzenden Kantine? Unten wird der Weg zum Ziel noch anspruchsvoller, denn hier gibt es Einkaufswägen zu leihen. Und schon habe ich einen in den Hacken, ein weiterer versperrt mir den Weg und ich muss ausweichen. So geht das eine Weile, bis ich die besagten Wunschartikel gefunden habe. Ruckzuck auf den Arm gestapelt und ab zur Kasse. Nein, keine Kerzen. Keine Dekoblumen. Und erst recht keine Servietten! Ich – schaffe – das! Obacht, Kind von rechts, Einkaufswagen von schräg links hinten, und eine große Handtasche in meiner Nierengegend. Und immer wieder Pärchen. Auch hier ist die entspannte Wohnfreude einem etwas angestrengten Ringen um Contenance gewichen, wenn er sich mal wieder überhaupt nicht für die essentielle Frage – taupe oder sandfarben? – begeistern kann, ihr wiederum vorwirft, man hätte doch bereits genug Platzsets und vor allem einen Jahresvorrat an Tindra-Vanilleduftkerzen.

Endlich an der Kasse. Der junge Mann vor mir sieht so aus, wie ich mich fühle: angekämpft, mit roten Augen. Seine Freundin hat ihn ganz schön gescheucht für … zwei Teppiche, eine Kugellampe und zwei Päckchen Teelichter. Der Kassierer will nett sein. Als ich ihm zwei Zwanziger hinhalte, meint er: „Jepp. Fast.“ Und als ich mühevoll und ohne Blickkontakt einen Zehner aus dem Portemonnaie krame, sagt er: „Jaa, das hätten wir geschafft!“ Depp. Und nun steh ich da, die Vorhänge und Zubehör auf den Armen, müde, hungrig, wohntraumatisiert, an mir vorbei strömen Einkaufswägen mit blonden Tagesdecken drin, sie schieben Pfannenwender vor sich her und fahren Slalom um Billie und Ektorp, die sich zärtlich versöhnend auf die Schwimmkerzen küssen … Es ist wie es ist: Ich hasse schwedische Möbelhäuser.

Coda
Ich habe doch noch was für mich gekauft. Ein Päckchen Haferkekse. Es geht einfach nicht ohne ein Stück aus dem kuscheligen, schönen, oh so heimeligen die-Welt-ist-schön-Wohnparadies mit nach Hause zu nehmen. Hoffentlich isst die wer, sonst muss ich sie allein vernichten. In Gedanken tue ich das in meinem neuen, dem weltgemütlichsten Lesesessel, die Füße auf einem passenden Höckerchen, mit einer wärmenden Tasse Tee. Im Ofen flackert ein Feuer. Endlich zu Hause.

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7 Gedanken zu “Ihr Könnt Es Ahnen …

  1. Ich hasse IKEA bzw. deren Möbelhäuser. Wenn meine Frau sich mal scheiden lassen will, dann muss sie mich nur mit zu IKEA nehmen. Nach 3 Besuchen gebe ich freiwillig auf.

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