Offenherbstlich

„Schade, dass wir uns nicht später kennengelernt haben!“ Das lag mir auf der Zunge, als kürzlich ein langjähriger Kollege in den Vorruhestand verabschiedet wurde. Er ist für seine 58 Jahre eine echt coole Socke. Hat schon viel mitgemacht, öfter mal die Firma im stillen Kämmerlein oder direkt beim Kunden gerettet und die Welt ein kleines Stückchen sicherer gemacht. Ich glaube aber kaum, dass es ihm daheim langweilig werden wird. Musikalisch ist er, und genug Kinder hat er, um deren Baustellen und Belange er sich jetzt voller Hingabe kümmern kann. Er will das Leben noch so richtig genießen mit seiner Liebsten, und ich finde, er hat das absolut Richtige vor.

Jetzt aber: wieso später kennengelernt? Wieso nicht früher? Hätte man doch noch länger zusammen arbeiten können, sich vielleicht noch etwas besser verstanden. Schauen wir mal zurück ins Jahr 2005, als ich, frisch von der Uni, zu meiner Kollegentruppe stieß. Der Kollege, mit dem ich ein Büro teilte, gestand mir nach einem halben Jahr, dass er mich zu Beginn für „extrem seriös“ hielt. Sein Euphemismus für überkorrekt, spießig und unentspannt. Zum Glück stellten wir ziemlich schnell fest, dass wir auf einer Wellenlänge waren, vor allem musikalisch (ja, auch Ingenieure haben Musikgeschmack). Beim Rest der Kollegen allerdings hielt sich mein korrekt-verkrampftes Image noch sehr lange. Dagegen unternommen habe ich nichts, wie auch, ich war ja so schrecklich verschreckt und zurückhaltend und so gar nicht unterhaltsam. Man schätzte mich im Wesentlichen für schnelle und gute Arbeit. So soll es doch sein. Oder? Oder nicht? Weihnachtsfeiern waren übrigens ein Graus für mich …

Erst in der letzten Zeit, sagen wir mal: seit einem Jahr ungefähr, habe ich den Eindruck, dass man mich mehr als Mensch wahrnimmt. Umgekehrt auch, die Kollegen erzählen mir öfter auch mal aus dem Privatleben, und das fühlt sich irgendwie sehr gut an, obwohl ich stets einen engeren Kontakt vermeiden wollte – aus Angst vor … Enttäuschung? Ablehnung? Meine Studentenjobs vorher lehrten mich Vorsicht. Und da komme ich wieder zu meinem Kollegen, der jetzt kein Kollege mehr ist. Wir haben uns generell gut verstanden, er hatte auch immer ein offenes Ohr für meine Probleme und hat mir auch einiges ermöglicht. Da merkte ich zum ersten Mal, dass es tatsächlich etwas positives bewirkt, sich zu öffnen und was von sich zu erzählen. Offenheit wird mit Offenheit belohnt. Heute bin ich immer noch sehr dankbar, traurig, dass er jetzt geht und traurig, dass ich nicht zugelassen habe, dass wir uns zu früh kennengelernt haben. Er ist wirklich ne coole Socke.

Und wo wir bei Dankbarkeit sind: Auch wenn meine Waschfrau mich zuletzt so geärgert hat, dass ich sie in den Urlaub geschickt und ihre Tür zugeschlagen habe, bin ich doch dankbar, dass sie mich bei meiner schmutzigen Wäsche so sehr unterstützt hat und mir gezeigt hat, dass es durchaus total in Ordnung ist, sich einfach großartig zu fühlen und großartig zu sein. Großartig, das alles. Und so geh ich jetzt raus, bin ich und bin großartig und habe Spaß.

Life is beautiful. Und als ich da so rausgehe, ganz in ich gehüllt, und ein bisschen schaue und staune, da spüre ich die Brisen, frischen Wind, und auch die Kühle. Es wird – es ist Herbst. Mein Kleiderschrank ist zur Hälfte leer. Sommerkleider trage ich nicht mehr. Ich bin zufrieden. Es ist nämlich so weit: Ich bin in der Lage mich aus mir selbst heraus zu wärmen. Trotzdem – gerade deshalb vielleicht? – fühlt er sich gut an, der Pulli. Kuschlig. Flauschig. Ich vermute einen Großteil Cashmere, der Blick aufs Wäscheetikett bestätigt mir das. Ich weiß nicht … steht mir das? Der Blick in den Spiegel zeigt mir zumindest, dass seine Farbe meine Augen endlich wieder zum Leuchten bringt. Es ist Herbst. Es ist wunderschön da draußen.

Was aus früher Jugend, und gleichzeitig die Warnung: Don’t keep it all inside

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