*laub*

Heute ist wieder ein Tag, an dem alles möglich ist. Ich bin müde und wach zugleich, bei der Sache und eigentlich doch ganz woanders, habe viel geschafft und auch wieder nicht alles, was ich wollte. Meine Gedanken kreisen – once again – um das Thema „Was darf ich und was nicht“. Als ob ich mich das nicht schon zig Mal gefragt hätte. Und jedes Mal lautet die innere Antwort: „All das, was du willst und was dich glücklich macht“. Der Zusatz “ – und niemanden verletzt“ schwingt immer noch lautlos mit, viel zu lange war er fester Bestandteil dieses Satzes, dessen erster, weitaus wichtigerer Teil dagegen leise, fast stumm nur mitschwang.

Wenn ich mir die Herbstbäume so ansehe, wie sie da stehen, nach den Stürmen weitenteils kahl, entlaubt. Und dennoch nicht vorwurfsvoll, dem nahenden Winter gegenüber, der sie zwingt, Jahr um Jahr das Laubkleid abzuwerfen. Oder gegenüber dem Sturm, der sie vielleicht verfrüht und brutal ihrer Blätter beraubt hat, die sie noch hätten ein paar Tage länger wärmen können. Was sollen sie auch tun, es ist der Lauf der Zeit, und das Hadern mit dem Schicksal hat in den seltensten Fällen was gebracht. In einem halben Jahr beginnt das Belauben erneut, wer weiß, ob es nicht doch eine schmerzhafte Angelegenheit für die Zweige ist, die jungen Blattknospen hervorzubringen, jedes Blatt, jeder neue Zweig eine Geburt. Da wird nicht gefragt, da wird auch nicht gejammert. Im Gegensatz dazu wird auch nicht gejubelt – wer kann es sich sonst leisten, im Jahresverlauf seinen Stil, seine Kollektion mehrfach auszutauschen, von frischem jungem Grün zu sattem Smaragdblattwerk über ein Meer an feuerfarbener Pracht hin zur bescheidenen Nudité, die ist ja so en vogue, gekrönt von sanftem Reif oder überbordendem schneeweißen Pelz …  Und hat man schon mal einen Baum erlebt, der sich für den Blattfall im Herbst schämt, weil jemand auf dem zerlaubten, regentaumatschigen Haufen ausrutschen und sich ernstlich verletzen könnte?

Vom Entlauben zum Erlauben also. Weshalb sich nicht erlauben, sich Gutes zu tun ohne mal daran zu denken, ob es jemandem schaden könnte? Ich bin wirklich froh, dass sich die allzu strenge Contenance letztendlich gnädig gezeigt und damit aufgehört hat, vor der Höhle der kleinen Contraire zu patroullieren und sich stattdessen als ihr Reittier anbietet, und lieber mit ihr und den ihr eigenen Widersprüchen und liebenswerten Gegensätzlichkeiten huckepack durch den Garten meines Lebens tollt. Ich liebe ihr gemeinsames ungezwungenes Lachen, der kleine Wildfang immer mindestens eine Terz über meiner Selbstbeherrschung. Sie nehmen sich heute ein Beispiel an den Bäumen, die meinen Lebensgarten umsäumen, und – sind einfach. Ohne Rechtfertigung, warum, wieso.

Ein Baum wird ja auch nicht gefragt. Das Leben macht zwar Laub, aber sicher keinen Urlaub.

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Und ich so …

… zum Tag, als wir uns beim Frühstück begegneten:
– „Hey, Montag. Und?“
Und der Tag so:
– „Hey.  Erst mal’n Kaffee.“

Nach dem Frühstück, Rechner hochfahren, anstehende Arbeiten erledigen – soweit der Plan. Nach fünf Minuten ich dann so:
– „Hey Montag, sag mal … kann das sein, dass du heute scheiße drauf bist?“
Und der Tag so:
– „Hä, wie jetz‘?“
Und ich so:
– „Hier. Kann mich nicht einloggen. Hab alles richtig gemacht. Hotline angerufen. Die wissens auch nicht. Dann  die Sache mit der Bank. Nur Idioten, wie’s scheint. Und emotional – ey, frag nicht! Zum Ausrasten heute!“
Kurze Pause.
Der Tag dann so:
– „Hm.“
– „Hm, was hm?“
– „Ei ja … „

Scheißtag! Und es ist nicht mal 11 durch! Wenn er das jetzt wieder gut machen will, damit ich am Ende dieses Montags sage, dass es ein immerhin okayer Tag war, dann müsste er …

– dafür sorgen, dass mein Rechner jetzt stante pede funktioniert, aber hallo!
– die Bank mich anruft, mir die Füße küsst und mich fortan als Lieblingskundin behandelt
– gewisse Personen sich im Laufe des Tages bei mir für ihre ungerechte Haltung und emotionales Unterdrucksetzen entschuldigen

Mindestens mal! Und den Rest erledige ich lieber selbst – da weiß man, dass es auch erledigt wird. Ich freu mich trotzdem auf morgen, denn der Tag wird mit Sicherheit besser. Aber hallo. Einen Sündenbock für eigene Unzulänglichkeiten finden ist ja so toll und zielführend …

Update, 13:00 Uhr:
– „Ey! Montag! Jetzt reiß dich aber mal zusammen!“ schreie ich über den Flur. Hat mir der Depp nicht gerade den Wäscheberg noch vorbeigeschickt, der sich wieder in Selbstmitleid erging? Und ich muss mich jetzt fragen: Ist es wirklich ok, da hart zu bleiben und das Spiel einfach mitzuspielen, bis er wieder geht und anschließend denken, jup, war die beste Entscheidung meines Lebens? Ist das nicht herzlos? Ist es. Er ist mein Herz los, und nichts kann das ändern. Hab ich ihm auch gesagt.

Dienstag, Dienstag … dein Vorgänger hinterlässt dir ne Menge Arbeit, um Mme Contraire wieder in Stimmung zu bringen …

Update, 16:00 Uhr:
– „Montag? Hallo?“ Ich laufe den Gang auf und ab und suche ihn, den Montag, der mich heute so fertig macht. Ich muss jetzt doch mal nach ihm schauen, er hat sich vorhin in die hinterste Ecke verdrückt, weil ich ihn angebrüllt habe. Nicht gerade freundlich, aber mit Recht. Denke ich. Zwischenzeitlich gab’s da eine freundliche kleine Nachricht, die mich zum Lächeln gebracht hat; Ein Anruf von der anderenBank (die, zu der ich hin will, nicht die oben erwähnten Idioten) – Frau Contraire hier und Frau Contraire da, und eine Einladung zum Weltspartag hab ich auch bekommen; und eine Absage von einem dieser Emotionsdruckverursacher, den ich heute Abend zum Tachelesreden herbeordert hatte. Mir recht, nach dem ersten Aufregen. Klingt für mich nämlich nach Schwanzeinziehen und das Feld räumen. Warten wir’s ab. Bevor ich voreilige Schlüsse über die Gesamtqualität dieses Tages ziehe. Ich melde mich garantiert später noch mal.

Momo

Quid sit futurum cras fuge quaerere – schon im Lateinunterricht versuchte ich mir das zu Herzen zu nehmen. Selten schien das geklappt zu haben. Nun hat thesmellofgreen ein wunderbares Zitat gepostet, das mich sofort daran erinnerte, und das mir heute nur zu gut in den Kopf passt: ein Schritt nach dem anderen, und nicht zu viel zerdenken. Danke dafür.

Herzgold

Ein goldener Punkt in meinem Bauch. Einfach so da. Er glänzt. Du strahlst ihn an. Er strahlt zurück. Sein Licht wächst. Kleine Wurzeln und Ästchen bilden sich aus. Er wächst so schnell, man kann ihm zusehen dabei. Die Wurzeln, immer tiefer gehen sie, und die Ästchen, Äste nun, greifen nach meinem Herzen. Mit jedem Herzschlag breitet es sich weiter aus, bis ich ganz erfüllt bin von golden-verzweigten, fließenden Linien und selber strahle, aus den Augen, aus jeder Pore. Meine Füße werden von winzigen Wurzeln auf dem Boden gehalten und mein Kopf ruht, sicher und geborgen, in einem Nest ganz oben in der Baumkrone meines leuchtenden inneren Lebensbaumes.

Komm, lass uns die Hände ineinander verschlingen und unser Licht ineinanderfließen, sich vermischen lassen, und es hinausstrahlen.  Ich wusste gar nicht, wie gut das Gold von deinen Lippen schmeckt.

Schmerzgeschenk

Was passiert eigentlich mit zugefügten Schmerzen? Die gehen weg, sagt man. Die heilen aus. Aber wo gehen die hin? Die verreisen doch nicht einfach. Sie verschwinden, manche schneller, manche unendlich langsam. Narben zeugen meist von ihrer verblassenden Existenz. Und irgendwo ist dieses Schmerzauffanglager, eine Unterabteilung der Seelenmüllhalde. Was geschieht dort mit dem Schmerz, dem vergangenen, vergessenen? Er wird sortiert, recycelt. Aus manchem werden Bausteine gepresst, mit der das Bauwerk namens Lebenserfahrung unterfüttert wird. Guter, stabiler Schmerz, der sich zwischen Erkenntnis und Erfahrung mauern lässt. Mancher wird plattgewalzt und auf die Krater gelegt, die er hinterlassen hat. Unnötiger Schmerz. Ein Abschluss meist selbstverschuldeter Dinge. Die Schmerzplatte ist so robust und fest, dass man bedenkenlos über das darüber gewachsene Gras laufen kann. Ob man Erkenntnisse darauf bauen sollte … ich weiß nicht, auf ein hohles Fundament? Es kann funktionieren. Aber auch einstürzen.

Schmerzreste gibt es auch, die beim Pressen und Walzen und Behauen entstehen. Die sind zu nichts mehr zu gebrauchen. Manche Querschläger schießen hin und wieder direkt ins Herz während des Umformens, auch wenn der Schmerz schon uralt und längst vergessen scheint. So mancher Partikel gelangt auf diese Weise in den Kopf und nistet sich dort ein. Man kann von Glück sprechen, wenn er sich nicht entzündet und schließlich wahnsinnig macht. Besser, wenn man nicht allzu eifrig ans Werk geht, ruhig und mit Bedacht arbeitet und am besten noch Schutzkleidung trägt bei der Schmerzverarbeitung.

Die unbrauchbaren Reste – was macht man damit? Manche lösen sich auf, in Whisky, in Ablenkung, manche lassen sich letztendlich weglachen, wegtrösten, sanft wegkuscheln. Manchmal, ganz selten, werden Schmerzreste in unauffällige kleine Kistchen verpackt – wohin auch damit? – und man neigt dazu, diese Kistchen irgendwo da draußen abzustellen. Mitzubringen, als Gastgeschenk sozusagen. Soll sich doch ein anderer drum kümmern. Soll sich doch jemand anders mal genau so verletzt fühlen. Die Kistchen explodieren, wenn man versucht sie zu öffnen, und so verteilen sich die Schmerzpartikel granatensplitterartig und ohne Rücksicht. Deckung, dieser Angriff bedeutet meist unerbittlichen Herzkrieg. Man kann nur hoffen, dass die auf Schmerz gebaute Erkenntnis rechtzeitig davon abhält, diese kleinen Schmerzbomben unter die Leute zu bringen.

Habe ich auch schon Schmerzkistchen verschenkt? Habe ich auf diese Weise versucht, diese pochenden Splitter loszuwerden, anstatt zu versuchen, sie wegzulachen, wegtrösten zu lassen? Schmerzgranaten, wo Herzgeschenke angebracht gewesen wären? Ich hoffe so sehr, dass ich trotz aller Auf- und Umarbeitung nie vergesse, wie sich so was anfühlt.

Wort¦los

Zieh ein Los, zieh an der Schnur. Und dann schau, was du hervorgezogen hast. Ein großes Wort, ein kleines? Ist es verpackt oder ist es ganz bloß? Hier im Lostopf warten einige Gewinne auf deine glückliche Hand, aber Nieten gibt es allemal. Du musst dich schon ein wenig konzentrieren, erfühlen, welches Papierchen dich zu den Worten führt, die du begehrst. Sammelst du, Los für Los und Wort für Wort, oder hoffst du auf den Hauptgewinn? Ein bisschen Glück braucht’s, da gebe ich dir recht. Großteils aber musst du investieren, Herz reinstecken in die Losmaschine, und Geduld.

Das Eckige, was du da fühlst, das sind kleine Schachteln. Da ist mein Lachen drin, und die bekommst du gratis. Komm, zieh eine aus dem Topf, die kostet dich nichts, und ziehst du zufällig noch ein Wort dazu, dann klingt das einfach schön zusammen. Worte und Lachen, also ich finde, damit hat man schon gewonnen.

Lebensrucksack

Sieh sie dir an, wie sie auf dem Schulhof rumstehen. Die Kids mit ihren Schultaschen, die Älteren, die aufgesetzt lässig ihren Rucksack von einer Schulter baumeln lassen. Mein inneres Auge betrachtet sich heute die Menschheit und die Behältnisse, in denen sie ihre jeweiligen Sorgen mit sich trägt. Jeder hat sie, jeder trägt an ihnen, und das auf so vielfältige Weise.

Last und Überlast

Da ist zum Beispiel der ganz Korrekte, der Streber. Er trägt seinen kompakt gepackten eckigen Sorgenbehälter auf dem Rücken, ein Vorbild an Ergonomie. Breite Riemen auf beiden Schultern, damit das Gewicht gleichmäßig verteilt ist und nicht einschneidet. Ja, derart gut ausgerüstet und vorbereitet kann man bequem durchs Leben wandern. Andere tun sich da schwerer. Da läuft gerade einer durchs Bild, mit einem riesigen, aufgetürmten Rucksack, an dem er sich fast kaputt schleppt. So viele Sorgen hat er eingepackt für seine Reise, er scheint sich nicht entscheiden zu können, was davon mitzunehmen wichtig ist. Oder hat er für andere mit eingepackt? Ich würde ihm wohl raten wollen, den ganzen Sack auf den Teppich zu leeren und nur das Wesentliche mitzunehmen, das Unvermeidbare. Aber er würde mich nur müde anlächeln. Wir sprechen nicht die gleiche Sprache.

Ein junger Mensch geht vorbei, er trägt sein halbgefülltes Rucksäckchen lässig an nur einem Riemen an der rechten Schulter. Er stört sich gar nicht daran, dass sein Sorgenbehälter hinter ihm her schlackert, man könnte meinen, er trägt sehr leicht daran. Er verharrt kurz an der Haltestelle, den Rucksack locker zwischen die Füße gestellt. Im nächsten Augenblick müsste der Bus kommen, und mir scheint fast, der junge Mensch möchte seinen Rucksack versehentlich vergessen, wenn er in den Bus steigt, so vernachlässigt kommt mir das Behältnis vor.  Aber nein. Er schultert den Rucksack wieder, denn trotz aller Lässigkeit erkenne ich, dass er Verantwortung trägt. Und weiter geht seine Reise.

Von Päckchen und Tüten

Manche sehe ich, die tragen ihre Taschen auf den Armen. Eine Frau umklammert ihr Bündel, sieht gehetzt von links nach rechts, am liebsten würde sie es unter ihren weiten Klamotten verstecken. Hoffentlich sieht ihr niemand hinein. Eine andere geht gemessenen Schrittes, wiegt ihr Päckchen auf den Armen und lächelt es an. Wie glücklich sie aussieht. Sie und ihr Päckchen, eine verschmolzene Einheit, untrennbar akzeptiert, gehegt, gepflegt. Da stellt sich ihr eine andere Person in den Weg, hält ihren Korb mit weit ausgestreckten Armen von sich. Sieh hinein! ruft sie der Frau mit dem Herzenspäckchen entgegen. Sieh hinein und nimm den Korb! Nimm ihn von mir weg! Doch niemand erbarmt sich, jeder trägt seinen eigenen Rucksack, wohin denn noch mit einem fremden Korb? Der mit dem riesengroßen Reisesack schaut neugierig dem Korb hinterher, er würde ja mal reinschauen und vielleicht das eine oder andere herausnehmen, um es in seinen übervollen Sorgensack zu stopfen. Ein bisschen Platz ist immer.

Was kommt denn da? Eine Louis-Vuitton-Tasche schiebt sich vor mein geistiges Auge. Die war bestimmt teuer. Wer sich die für seine Sorgen leisten kann, hat teuer bezahlt, scheint mir. Beneidenswerte Luxusprobleme? Sie geht ganz nah an mir vorbei und ich erspähe darin eine mitgenommene schmutzige Plastiktüte vom Discounter. Ein sanfter Hauch von Trauer und Leid entströmt. Nein, tauschen möchte ich nicht. Um die Ecke biegen zwei, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Einer mit einem unglaublichen Leibesumfang, daneben geht sein fast magersüchtig anmutender Begleiter. Beide tragen Tüten im Arm, greifen ständig hinein und futtern und kauen und schlucken, ohne Unterlass. Der eine kippt etwas Flüssigkeit aus einer braunen Flasche hinterher. Und ihre Tüten werden niemals leer, so sehr sie sich bemühen, ihren Inhalt in sich hineinzufressen, ihn auf diese Weise eliminieren zu wollen. Bei dem einen schlägt es sich direkt nieder, der andere scheint ein Magengeschwür zu haben, oder eine Art Unverträglichkeit, so dass ihn das, was er in sich hineinstopft, seinerseits von innen her aufzehrt.

Meine Tasche

Ich verlasse meinen Platz in dem kleinen Café vor der Schule und nehme meine Umhängetasche. Ich trage sie an meiner rechten Seite, die Hand immer wie zum Schutz darauf gelegt. Manchmal, wenn sie mir zu schwer erscheint, wechsle ich die Schulter, das geht auch, aber es fühlt sich eigenartig fremd an. Meine Schulter weiß sie schon zu tragen. Manchmal spüre ich sie gar nicht, dann sehe ich hinunter, sie ist da, unter meiner Hand, und es ist alles gut. Wie ich wohl auf andere wirke? Ob sie mich auch mit einem riesigen Lebensrucksack laufen sehen? Oder mit einem Päckchen auf dem Arm, versteckt oder offen getragen? Es ist mir gleich; ich trage meine Umhängetasche an meiner rechten Seite, meine vergewissernde Hand ruht auf ihr, und es ist gut so.

Credits
Das Thema Lebensrucksack wurde mir als inspirierender Funke in mein Hirn gestreut von einer lieben Freundin, der ich hiermit danken möchte, dass sie meine Umhängetasche öfter mal sichtet und ich dafür ihre babysitten darf. Grand merci, ma chère!

Koronarkorrosive Kranialkonstipation

– Konkret konzipierte Kronenzackenkrise

(Inspiriert von, aber nicht basierend auf Erlebtem)

Tut mir leid, ich hab‘ dich angezickt.
Keine Absicht war das, nur …
Ja, ich weiß. So bin ich nicht.
Bin wohl ein wenig von der Spur.

Klar, natürlich freu‘ ich mich.
Kann wohl auch am Wetter liegen.
Stimmt, die Tage sind grad wunderlich
Ich werd‘ sie sicher selbst bald kriegen.

Was red‘ ich da, warum nicht ehrlich?
Also. Ich sag‘ es mal konkret:
Ein bisschen fällt’s mir schwer, ich –
habe Angst. Das Konzept steht.

Das Konzept Angst steht innerlich,
Sobald mein Herz an einem hängt,
dass mir’s den Kopf dreht, fürchterlich,
und mehr und mehr nach mehr noch drängt.

Deshalb wollt‘ ich das so nicht haben.
Deshalb bin ich so un¦ab¦sicht¦lich.
Deshalb vertiefe ich den Graben
Zwischen dir, dein, mein, mir, mich.

Oh Schreck. Ich glaub‘, ich     ¦ … ¦     dich.

Ihr Könnt Es Ahnen …

… denn es ist wie es ist: Ich liebe schwedische Möbelhäuser. Gerade jetzt im Herbst, wenn sie mit ihren niedlich eingerichteten Kuschelwohnlandschaften und Knuddeleckchen auch für die kleinste Wohnung locken. Heute gehe ich nach Feierabend hin (bad idea, ich weiß), weil ich für Muttern zwei weitere Vorhänge kaufen soll, die sie beim letzten Besuch vergessen hatte. Mach ich doch glatt. Nach Feierabend in den Herbstferien (superbad idea). Vielleicht kann ich mir ein wenig Inspiration für die heimische Baustelle suchen. Denke ich und beginne entspannt bei der Polstermöbelabteilung. Echt, schöne Kuschelsitzgelegenheiten. An mir strömen Menschen mit kleinen blonden quengelnden Kindern durch die Gänge. Echt süß, diese Zusammenstellungen hübscher und unpraktischer Möbel in Kombination mit unnützer Deko und hässlichen Stilelementen. Ich Kann Es Ab. Und da steht es, das Objekt meiner Träume. Ein Lesesessel. Ein nostalgisch anmutender Ohrensessel mit passendem Fußhöckerchen. Ich … muss … mich einfach reinsetzen, mein Gott ist der toll. Und bequem. Und bezahlbar … Ich lasse die gewonnenen Eindrücke seit Betreten des Möbelhauses revu passieren:

Viele Pärchen fallen mir auf. In allen Altersklassen, doch immer haben sie dies gemeinsam: Sie schaut sich um, lächelt, schaut sich wieder um, strahlt vor Glück, ihre Gedanken sind so greifbar wie diese … was ist das eigentlich auf dem Glastisch vor mir? Eine Vase? Ein Serviettenhalter? Ihr Kopf richtet gerade die erste kleine gemeinsame Wohnung ein mit Ektorp und Billie, sie füllt das zukünftige Kinderzimmer mit großen Federkissen bis zur Decke, sie verlegt kuscheligen petrolfarbenen Teppichboden im gesamten Großfamilienhaus … aber am meisten bringt sie zum Strahlen, dass ER mitgegangen ist. Und er schaut nicht herum. Er schaut geradeaus und schaut sie immer wieder an. Er lächelt auch. Weil sie lächelt. Und vergisst, dass er einkaufen eigentlich total öde findet. Alles, was sie will, und sei’s der bonbonrosa Bettvorleger. Manche bleiben unvermittelt stehen, mitten im Gang, sehen sich in die Augen, sagen sich wortlos, was sie gerade dachten, völlig unerheblich, ob der andere es versteht. Ein Küsschen. Weiterstrahlen. Ich freu mich mit, und nur ein ganz winzig kleines Bisschen Wehmut kommt dabei auf.

Ich stehe aus dem Sessel auf. Nicht heute, aber bald, sage ich ihm. Jetzt aber schnell zu den Vorhängen, eine Etage tiefer. Dazu muss ich mich durch das gesamte Wohnprogramm schlängeln, immer wieder halten mich Kinderwägen auf und Kinder, die plötzlich vor meinen Füßen auftauchen. Ich muss mir den Weg bahnen, Abkürzungen zwischen Couchtischen und Umwege in Kauf nehmen. Die Massen schieben sich vor mir her, wo hatten die sich die ganze Zeit versteckt? Gerade war es noch gemütlich … Es stresst mich, merke ich, meine Schritte werden schneller, ich erlaube mir nicht mehr stehen zu bleiben – ich brauche schließlich nichts. Nur diese Vorhänge. An der Kinderrutsche, runter ins Warenlager, stauen sich die Eltern, wie komme ich da jetzt durch, durch diesen Wust aus Kinderwagenhalter und Windeltaschenträgerinnen, gepaart mit dem nicht wirklich anregenden Küchenduft aus der angrenzenden Kantine? Unten wird der Weg zum Ziel noch anspruchsvoller, denn hier gibt es Einkaufswägen zu leihen. Und schon habe ich einen in den Hacken, ein weiterer versperrt mir den Weg und ich muss ausweichen. So geht das eine Weile, bis ich die besagten Wunschartikel gefunden habe. Ruckzuck auf den Arm gestapelt und ab zur Kasse. Nein, keine Kerzen. Keine Dekoblumen. Und erst recht keine Servietten! Ich – schaffe – das! Obacht, Kind von rechts, Einkaufswagen von schräg links hinten, und eine große Handtasche in meiner Nierengegend. Und immer wieder Pärchen. Auch hier ist die entspannte Wohnfreude einem etwas angestrengten Ringen um Contenance gewichen, wenn er sich mal wieder überhaupt nicht für die essentielle Frage – taupe oder sandfarben? – begeistern kann, ihr wiederum vorwirft, man hätte doch bereits genug Platzsets und vor allem einen Jahresvorrat an Tindra-Vanilleduftkerzen.

Endlich an der Kasse. Der junge Mann vor mir sieht so aus, wie ich mich fühle: angekämpft, mit roten Augen. Seine Freundin hat ihn ganz schön gescheucht für … zwei Teppiche, eine Kugellampe und zwei Päckchen Teelichter. Der Kassierer will nett sein. Als ich ihm zwei Zwanziger hinhalte, meint er: „Jepp. Fast.“ Und als ich mühevoll und ohne Blickkontakt einen Zehner aus dem Portemonnaie krame, sagt er: „Jaa, das hätten wir geschafft!“ Depp. Und nun steh ich da, die Vorhänge und Zubehör auf den Armen, müde, hungrig, wohntraumatisiert, an mir vorbei strömen Einkaufswägen mit blonden Tagesdecken drin, sie schieben Pfannenwender vor sich her und fahren Slalom um Billie und Ektorp, die sich zärtlich versöhnend auf die Schwimmkerzen küssen … Es ist wie es ist: Ich hasse schwedische Möbelhäuser.

Coda
Ich habe doch noch was für mich gekauft. Ein Päckchen Haferkekse. Es geht einfach nicht ohne ein Stück aus dem kuscheligen, schönen, oh so heimeligen die-Welt-ist-schön-Wohnparadies mit nach Hause zu nehmen. Hoffentlich isst die wer, sonst muss ich sie allein vernichten. In Gedanken tue ich das in meinem neuen, dem weltgemütlichsten Lesesessel, die Füße auf einem passenden Höckerchen, mit einer wärmenden Tasse Tee. Im Ofen flackert ein Feuer. Endlich zu Hause.