Der degenerative Einfluss exzessiv-kompensatorischer Pflege feliner Heimtiere auf die menschliche Artikulation

oder: Duuziduuu! – Warum Katzenhaltung die Sprache versaut

Der Ausgangspunkt: Ich bin Single, ich habe Muttergefühle, ich kompensiere sie mit der Haltung zweier liebreizender Katzen. Jeden Morgen, wenn ich aus der Schlafzimmertür trete, wickeln sich zwei Fellknäule um meine nackten Beine, begleitet von einem gurrend-fordernden Miauen, ich möge meinen verschlafenen Hintern sofortigst in die Küche bewegen und den über Nacht unerträglich gewordenen Hunger meiner felinen Hausgenossen – a.k.a. ärmste Katzen auf der ganzen Welt, der Lautstärke nach zu urteilen – mit jeweils einer Schüssel bestem Katzenfutter stillen. Die Begrüßung meinerseits fällt noch humanoid, wenn auch im Tonfall etwas übersteigert aus: „Guten Morgen, die Damen!“ Geht noch. Dann aber folgt meist: „Naaaiiin, naaaiin!“, dies zur Abwehr weiterer Schmuseattacken, denn ein anderes natürliches Bedürfnis meinerseits zwingt mich, die Speisung der hungernden Kreaturen zunächst ignorierend, ins Badezimmer. Sobald ich dann bereit bin, die Aufgaben meines Standes als Katzenversorger wahrzunehmen, degeneriert meine Ausdrucksweise zunehmend mit steigendem Niedlichkeitsfaktor von Mademoiselle 1, die sich auf den Treppenstufen auf den Rücken gelegt hat, mit den Vorderpfoten strampelt und somit ihrer Forderung nach Futter psychisch Nachdruck verleiht. „Ooooh, bist du ein süüßes Katzi!“ entfährt es mir, dem Reflex sich in die Knie zu begeben und den entgegengestreckten Katzenbauch zu streicheln nachgebend. Katzi. Ernsthaft.

Teilweise erkläre ich mir diese sprachliche Degeneration mit der vermehrten Forderung an mein Bewegungszentrum, mich geschickt auf den Treppenstufen und über spontan vor meinen Füßen auftauchende Katzenrücken nach unten zu bewegen, ohne zu stolpern und auf der Nase zu landen. Katzen laufen eine Treppe grundsätzlich quer von oben nach unten, grundsätzlich immer exakt vor den Füßen ihres Halters. Ich wundere mich jeden Morgen, dass ich noch lebe. Heil unten angekommen ergibt sich folgende Situation: Drei Mal muss am Treppenpfosten, i.e. Kratzbaum, gekratzt werden. Ebenfalls grundsätzlich. Als Bestätigung, dass Mademoiselle 2 sich genau die richtige Stelle zum rituellen Krallenwetzen ausgesucht hat, wo sie am wenigsten Schaden anrichtet, entfleucht mir ein „Ja feiiin gemacht! Das is sooo feiiin!“ Fein? Fein.

Die nächste Etappe: beide Mademoiselles sprinten den Flur entlang in die Küche, und da jede die erste am noch leeren Futternapf sein will, stolpern sie übereinander, was mein Katzenmutterauge als wild und gefährlich einstuft, sich gleichzeitig aber über so viel Elan und offensichtlicher Gesundheit freut. Die nächste Stufe sprachlicher Degeneration ist erreicht: „Ja Mausis! Seid ihr sooo hungrig? Laaangsam, Mausis! Jaa, die Mama kommt doch!“ Neben der inkorrekten Gattungsbezeichnung meiner beiden Hauskatzen als „Mausis“, was einer gewissen Ironie bezüglich des Beuterasters von Felis silvestris catus nicht entbehrt, kann man hier auch einen degenerativen Faktor bei der Artikulation dieser Sätze ausmachen: Eine deutliche Erhöhung der Stimmlage kann beobachtet werden, zugleich werden alle stimmhaften bilabialen Plosive spontan stimmlos gesprochen, Hintergaumenlaute, also stimmlose velare Frikative, verwandeln sich zu Vordergaumenlauten, stimmlosen palatalen Frikativen.  Ein Hörbeispiel einer berühmten Filmszene, die dieses sprachliche Phänomen thematisiert, soll der Verdeutlichung dieser Beschreibung dienen.

Vermehrte Konzentration ist nun gefordert, als ich die beiden glänzenden Katzenschüsseln vom Boden auf die Küchenarbeitsplatte befördere. Mein Schmerzzentrum meldet scharfe Krallen an meinem Bein, während mein Zeigefinger schon gewohnheitsmäßig in die Höhe schnellt, um Mademoiselle 2 warnend das Ansinnen zu unterbinden, den Schüsseln mit einem Sprung auf die Arbeitsplatte zu folgen. Begleitet werden diese Aktionen von einem „Ah, ah, ah!“, dem bereits bekannten „Naaaiiin“ sowie einem nicht der natürlichen Satzfolge entsprechenden „Bleibssu schön unten, ja?“ Mein Kopf ist derweil schon mit der Wahl des heutigen Katzenfrühstücks beschäftigt. Ich greife zwei Dosen aus dem Schrank über mir, halte sie vor die beiden riesig erscheinenden Katzenaugenpaare und frage: „Heute Fisch? Oder lieber Hühnchen?“ Dieses Mal ist nichts an der Artikulation, sehr wohl aber am Sinn dieses Fragesatzes auszusetzen. Denn es ist meinen Mademoiselles a) völlig egal, was sie gleich in sich hineinschlingen werden, Hauptsache es ist viel und vom Feinsten, und b) kann ich doch nicht ernsthaft eine entscheidungsfördernde Antwort erwarten. Das zweistimmig entgegnete „Maaauuuugrrrchchch“ klingt weder nach Fisch noch nach Hühnchen, sondern nach „Mach sofort die verdammte Dose auf!“ während sich im selben Moment der Druck spitzer Krallen in meiner Ferse verstärkt. Befehlsgewohnt reiße ich die Dose also auf, löffle gehetzt entsprechende Portionen in die beiden Schüsseln, tänzele dabei ballerinenhaft von einem Bein aufs andere, um weiteren Katzenkrallenschmarren auf meiner geschundenen Haut zu entgehen, während ich gleichzeitig mit der Gabel drohe, damit Mademoiselle nicht doch noch zum Sprung ansetzt.

Begleitet von Miauen und Gekecker stelle ich die beiden gut gefüllten Schüsseln auf den Essplatz meiner beiden verwöhnten Damen, mein Hirn hat erst einmal Pause, während sich Mademoiselles mit schlingendem und schmatzendem Geräusch über das Frühstück hermachen. Weitere Beispiele des degenerativen Einflusses auf mein Sprachzentrum lassen sich beim nach der Nahrungsaufnahme eingeforderten Kuschelbedürfnisses und dessen Erfüllung meinerseits beobachten. Völlig sinnfreie Reimpaare wie „Tatzi-Katzi“, „Katzi-Schatzi“ bis hin zu „Katzi-Watzi-Schmatzi“ untermalen sowohl die Peinlichkeit als auch die emotionale Komponente dieser Situation, wenn ich auf dem Boden sitzend abwechselnd Mademoiselle 1 und 2 durchknuddeln muss und zum Dank dafür weiter mit Krallenbewegungen traktiert werde, die laut Ratgeber absolutes Wohlbefinden meiner Pfleglinge ausdrückt. Na dann.  Ich versuche diese Momente trotz latentem Schmerz und vielen, vielen Katzenhaaren auf mir so lange zu genießen wie irgend möglich. Denn im Anschluss folgt eine weitere, dem Katzenbesitzer im allgemeinen nicht sehr liebsamen Aufgabe.

Die regelmäßige Instandhaltung des Katzenklos ist essentiell wichtig. Wichtig vor allem deshalb, will man nicht im ganzen Haus auf Katzenexkrement stoßen, das die an sich sehr reinliche Hauskatze als eindeutiges Indiz hinterlässt, dass ihr angestammter Platz zur Blasen- und Darmentleerung nicht der ihr eigenen Ästhetik entspricht. Im Klartext und als goldene Regel: Wenns im Sandkästchen stinkt, kackt die Katz‘ woanders hin. Deshalb empfiehlt es sich, das Sandkästchen zwei Mal täglich von Exkrementen und verklumptem Streu zu befreien. Die sprachliche Degeneration erfolgt dieses Mal auf Ausdrucksebene in Form einer Verschiebung hin zur Fäkalsprache, der Situation durchaus angepasst: „Oh lieber Gott, überall Scheiße! Ihr verkackten Drecks … Mausiis!“ Handschuhe, Nasenklammer und Raumspray helfen dabei im Übrigen, die nötige Contenance zu wahren, will man solche Äußerungen vermeiden.

Zum Abschluss meiner Ausführungen möchte ich noch eine letzte Degenerationsform der menschlichen Sprache beschreiben, den Rückfall in prähistorisch anmutende Artikulation. Bevorzugt erfolgt diese Art der sprachlichen Äußerung infolge stressinduzierender Reize. Meist bewegt sich die Katze dabei auf verbotenem Terrain, also auf der Tischplatte, im Bücherregal oder kratzend auf dem Perserteppich, wahlweise auch am Stoffbezug des teuren Lesesessels. Mehrere Faktoren führen hierbei zum Ausbruch urzeitlich inspirierter Laute. Zunächst das Entsetzen über eine mögliche Beschädigung teurer Möbelstücke, dann das Entsetzen über offensichtlich nicht greifenden Erziehungsmaßnahmen und letztlich das Entsetzen über sich selbst, dass einen sowas immer noch derart auf die Palme bringt. Vorzugsweise ereignen sich solche Situationen bei geöffneten Fenstern, sodass auch die Nachbarschaft in den Genuss barbarischer Lautäußerungen kommt, die nicht nur fremde Ohren, sondern auch den eigenen Hals reizen, weil mit einer solchen Heftigkeit artikuliert wird, dass alle beteiligten Komponenten des Sprachapparats über Gebühr beansprucht werden. Die Katze erschrickt meist aufgrund der Lautstärke und lässt von ihrem verbotenen Tun ab, verkriecht sich, und ihr Mensch bleibt verstört im nachhallenden Raum zurück. Verstört aufgrund des fremden Klangs der eigenen Stimme und ob der Heftigkeit der Reaktion. Manchmal klopft zu diesem Zeitpunkt auch schon ein besorgter Nachbar an Tür oder Fenster. Alles, was einem jetzt noch bleibt, ist, über sich selbst zu lachen und die Katze aus ihrem Versteck hinter dem Sofa zu locken, versöhnlich, mit einem Leckerli. Duuziduuu? Allesch guut, Schatzi-Katzi?

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