Rückfall

„Thihihiii!“ Die Waschfrau sitzt vor mir auf dem Waschtischchen, lässt die Beine baumeln und amüsiert sich königlich. Ich habe keinen blassen Schimmer, was hier gerade vor sich geht. Ich hatte ihr vom Wäschebergbesuch erzählt, und dass ich mich manipuliert gefühlt habe danach. „Manipuliert!!“ prustet sie. Meine Hand krallt sich an meiner Tasche fest, ich fühle mich gerade leicht unentspannt. Jedenfalls berichte ich weiter, dass ich nicht weiß, wie ich mit dieser Sache umgehen soll, und dass es mich eben beschäftigt, inwieweit ich dem Wäscheberg jetzt emotional entgegen kommen soll.

„Sie haben Schuldgefühle“, flötet sie mir entgegen und hält sich den dicken Bauch. „Hab ich nicht. Woher denn?“ – „Doooch, Sie haben Schuldgefühle! Schuldgefühle! Nänänää!“ Wut steigt in mir auf, ich packe die Armlehnen des Sessels, in dem ich sitze, und halte mich mit Mühe auf der Sitzfläche. Ich könnte der grad so eine scheuern, wie sie da sitzt, mit baumelnden Beinen, Tränen lachend, und mir die Zunge rausstreckt! „Es gibt aber keinen Grund für Schuldgefühle!“ Ich werde lauter, zum ersten Mal, und leider muss ich lachen – ich kann einfach kein ernstes Gesicht machen. Und das ärgert mich um so mehr. Ich ärgere mich über mich selbst, dass ich überhaupt mit dem Thema angefangen habe. Mein inneres Kind stampft mit dem Fuß auf und verschränkt trotzig die Arme. „Warum sind Sie denn heute so eklig zu mir? Brauchen Sie Urlaub?“ Was ich denn überhaupt erwarte, lautet die Gegenfrage. „Was soll ich denn raten, wenn Sie in alte Verhaltensmuster zurückfallen und den entsorgten Wäscheberg wieder aus dem Container fischen? Den wollen Sie nicht mehr tragen! Und trotzdem bieten Sie ihm ’ne Wäsche an? Das ist inkonsequent!“

Da hat sie nun mal recht. Ich weiß das auch. Momentan fällt es mir nicht schwer, Grenzen zu setzen, auch mir selbst. Aber gerade bei dem Thema … ja, wahrscheinlich habe ich Schuldgefühle. Unbegründete, doofe, irrationale Schuldgefühle. Aber muss man das auf diese Art rüberbringen? Ich komm mir grad so verarscht vor! „Sie sollten meine Probleme ernst nehmen!“ schimpflache ich zurück. Heute spüre ich extrem, wie mir Argumente ausgehen und ich mich auf dünnem Eis bewege. Hier ist es nicht angebracht, Vorwände und Ausreden zu gebrauchen. Nirgends ist es so unangebracht wie hier. Obwohl ich das Auslachen und Triezen gerade auch für sehr unangebracht halte…

„Also was jetzt? Klare Grenzen setzen. Konsequenz zeigen. Durchhalten und nicht mehr zurückfallen. Keine Schuldgefühle zulassen. Sonst noch was?“ Ich muss unheimlich genervt klingen. Die Waschfrau hat sich endlich beruhigt und ist in der Lage, ohne dieses furchtbare Glucksen in der Stimme zu sprechen. Na endlich. „Nehmen Sie sich selbst nicht so ernst“, meint sie trocken.  „Verzeihen Sie sich den Rückfall und machen Sie weiter.“ Na danke. Zum ersten Mal bin ich froh, dass das Seminar bald ein Ende hat. Heute reichts mir, aber sowas von! Zum Schluss legt mir die Waschfrau noch mal die Hand auf den Arm und sieht mich treuherzig an: „Danke, dass Sie mich heute so herzlich zum Lachen gebracht haben.“ Mir platzt gleich der Kragen. Ich ringe um Contenance und presse hervor: „Gern .. geschehen …“ – „DAS glaube ich Ihnen jetzt nicht!“ kontert sie fröhlich. „War auch total gelogen“, keife ich zurück. „Situationen, mit denen ich nicht umgehen kann, begegne ich mit Sarkasmus. Müssten Sie doch mittlerweile wissen. Schönen Urlaub!“

Die Tür fliegt krachend ins Schloss. Zielstrebig und mit klackernden Absätzen steigt Madame C. die Treppenstufen hinab, immer noch echauffiert. Einfach weg von hier … Doch unten kommt ein kleines, stilles Mädchen an, in einem weißen Hemdchen und auf nackten Füßen. Tränen kullern.

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Ein Gedanke zu “Rückfall

  1. Als ich auf Dein Blog gestoßen bin wollte ich einmal ausprobieren wie es ist, wenn ich nur die Tags lese. Habe mich dann für „WTF“. Ich liebe diesen Ausdruck und als Abkürzung sieht er so harmlos aus. Ich musste allerdings feststellen, dass dies zu keinem brauchbaren Ergebnis führte. Insbesondere dieser Eintrag ließ mich zweifeln, ob Deine Phantasie nicht doch etwas überbordend ist und ob ich nicht lieber einen anderen Blog lesen sollte. Na ja, Du weißt wie die Geschichte weiter ging und nach einem chronologischen Lesen macht der Eintrag auch eine Menge Sinn und ich bin froh, dass ich weiter gelesen habe.

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