Abtau’n, Girl!

„On nein!“ Prinzessin Contenance traute ihren Augen kaum.  Gerade als sie sich daran machen wollte, ihr Mittagessen einzunehmen, fiel ihr Blick auf die leicht geöffnete Tür des Gefrierschranks. Böses ahnend öffnete sie die Tür, und was ihr dahinter gewahr wurde, übertraf die schlimmsten Befürchtungen: Die Kühltruhe hatte sich über Nacht in ein Winterwonderland verwandelt. Dicke Eisklumpen hingen von den einzelnen Fächern, eine Schicht weißen Schnees überzog die Schubladen. Die Tiefkühlshrimps hatten sich bereits ein paar Fischstäbchen geschnappt und rodelten auf ihnen die verschneiten Eiswölbungen hinab. „Oh nein.“ Die Prinzessin ging in sich. Sie musste am Tag zuvor die Tür nicht richtig geschlossen haben, als sie den Tiefkühlspinat aus seinem Winterschlaf holte (und ihn mit Hingabe erwärmte, das sollte Erwähnung finden. Er war auch fast gar nicht angebrannt.). Und nun ließ sich die Tür nicht mehr schließen. Der Grund hierfür war schnell ausgemacht: Hinter den Schubfächern hatte sich eine fiese Eisschicht gebildet, und die nicht ganz eingeschobenen Fächer blockierten nun die Tür.

„Und gerade war Frau Mutter noch hier!“ jammerte Prinzessin Contenance, „die hätte mir sagen können, wie man die Kühltruhe richtig abtaut!“ Schon viel zu lange schob sie diese unliebsame Aufgabe vor sich her, bald würde es keinen Aufschub mehr geben dürfen. Sollte sie die Königin nicht noch einmal anrufen und um Hilfe bitten? Nein, das würde sie selbst schaffen. Irgendwie. Sie bewaffnete sich mit einer Käsereibe, die sich gerade in Reichweite befand, und traktierte die dicke Eisschicht mit ein paar kräftigen Stößen. Schon nach kurzer Zeit fiel ihr auf, dass die Wahl des Werkzeugs nicht optimal gewesen war und legte die verbogene Käsereibe zur Seite. Ein Pfannenwender leistete ihr weitaus besseren Dienst, als sie die Rückwand der Kühltruhe mit weiteren Schlägen und vollem Körpereinsatz bearbeitete, dass ihr die Eisbrocken nur so um die Ohren flogen. Die beiden verstörten Mademoiselles ergriffen vorsichtshalber die Flucht.

Und – so – schlug – und – schlug – sie- weiter – auf – das – Eis – ein, bis sie alle Hindernisse restlos beseitigt glaubte. Ihr Mittagessen war mittlerweile kalt, ihr selbst auch, übersät mit Eissplittern, genau so wie der Küchenboden. Wie groß war die Enttäuschung, als sich die Tür immer noch nicht schließen ließ! So viel Arbeit, so viel Mühe (und eine verbogene Käsereibe) – alles umsonst! Prinzessin Contenance schickte sich an, über all dies Unglück ein paar Tränen zu vergießen, als die Küchentür mit lautem Krachen aufflog und … Madame Contraire festen Schrittes hindurchmarschierte, zielstrebig auf den weit offenstehenden Gefrierschrank zusteuerte und mit einem beherzten Roundhouse kick die obere Schublade in die ihr ursprünglich zugedachte Position beförderte. Der Prinzessin entfuhr ein spitzer Schrei ob des verwegenen Handelns. Ungläubig verfolgte sie die Bewegung der Gefrierschranktür und gewahrte, dass sie sich tatsächlich schließen ließ. Sie öffnete die Tür erneut, wackelte an der eingetretenen Schublade und stellte fest, dass alles so war, wie es sich gehörte. Die Shrimps lagen wieder friedlich und brav in ihrer Packung neben den Fischstäbchen, als wäre nie etwas vorgefallen.

„Habt Dank!“ wollte sie ihrer Retterin hinterher rufen, doch Madame Contraire hatte sich schon den Weg zurück durch die Eissplitter gebahnt, ihren Mantel um die Schultern geworfen und ein Tiefkühlhuhn gesattelt. Sie stob hinaus ins Freie, ein kleines Lied auf den Lippen: „Abtau’n, Girl, du musst die Kühltruhe mal abtau’n, Girl …“ Die Prinzessin blieb konsterniert zurück und biss sich auf die Unterlippe.

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4 Gedanken zu “Abtau’n, Girl!

  1. Abtau`n, Girl? Ich werde es den Rest des Tages zu jeder unpassenden Gelegenheit im Kopf haben. Dort wird es voraussichtlich nicht bleiben, sondern auch noch über meine Lippen geträllert werden. Dafür ein ganz herzliches Dankeschön.
    Denn dazu kommt ein Lächeln im Gesicht.

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