Fallobst

Wenn ich jetzt bloß Worte fände, um zu beschreiben, wie es mir gerade geht … die letzten Tage und Wochen waren quietschbunt und glücklich. Was ich alles erlebt habe! Was so ein neues Leben und ein paar neue Klamotten bewirken können… Da gab es Begegnungen mit Menschen, die mich schon sehr lange begleiten, die ich aber ein wenig aus den Augen verloren hatte. Man kennts ja, es gibt Kleidungsstücke, die gammeln schon jahrelang im Schrank herum, weil man keine passende Gelegenheit hat, sie auszuführen. Man räumt sie von einem Eck ins andere, bringt es nicht übers Herz sie auszusortieren – sie waren mal teuer und sind doch eigentlich noch gut. Und plötzlich, wenn man mal komplett aufgeräumt hat, plötzlich passen sie so gut wie nie zuvor zu einem sich bietenden Anlass. Und man fragt sich: Haben die sich schon immer so wundervoll angefühlt? So prima gepasst? Mensch, warum hab ich das nicht früher mal ausgegraben! Alte Bekannte in neuem Licht, schöne Sache. Die Kombinationsmöglichkeiten sind überwältigend.

Klingt erst mal gut. Dinge mal mit anderen Augen sehen halte ich für sehr wertvoll. Im Zweifelsfall reifen daraus Erkenntnisse. Am Sonntag fiel mir eine solche Erkenntnis wie ein reifer Apfel in den Schoß, ganz unvermittelt, ich war mir nicht mal bewusst, dass ich unter einem Apfelbaum saß. „Huch, danke!“ rief ich aus. Was war das für ein Geschenk? Ich sah mich um: Da stehe ich, frei. Da ist meine Familie. Da sind auch fremde Menschen, die auf einmal so gar nicht mehr bedrohlich wirken. Die auf mich zugehen, und auf die ich zugehe. Freiwillig. Souverän. Und sonst ist da nichts. Nichts, was hinter mir steht. Nichts, was auf meinen Schultern lastet. Der Apfel, den ich in meinen Händen halte, kann nichts anderes sein als meine emotionale Unabhängigkeit. Und die Erkenntnis, dass ich genau das immer angestrebt habe. Genau da wollte ich hin. Ich bin am Ziel.

… Die Sache mit Fallobst ist leider auch die: Es hält sich nicht lange. Manchmal ist es schon ein bisschen angeditscht, und die Stelle beginnt dann schnell zu faulen. Es genügt also nicht, die Erkenntnis in Händen zu halten und sie in einer Obstschale abzulegen. Gestern nämlich hatte ich Besuch, der Wäscheberg lugte zum Fenster hinein und suchte das Gespräch. Es war okay, wirklich, aber hinterher fühlte ich mich … benutzt. Missbraucht. Manipuliert, wie sich etwas später herausstellte. Ich hab mich so über mich selbst geärgert! „Wieso denn jetzt das?“ frage ich mich, „ich hab doch hier meinen Apfel!“ – „Naja“, meint die Birne, die mir in diesem Moment auf selbige fällt: „Wie weit kommt man wohl mit fauligem Obst?“ Hm. Was mach ich jetzt mit dem runden Erkenntnisträger? Ich könnte ihn aufessen, seine Bedeutung verinnerlichen. Ich könnte Kompott draus machen, hält sich aber auch nicht ewig. Es muss noch einen anderen Weg geben, diese Erkenntnis haltbar zu machen, und Früchte tragend … Die Birne lächelt. Ich hole ein Schippchen und die Gartenhandschuhe.

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2 Gedanken zu “Fallobst

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