angeF(l)ixT

Manchmal kann ich mir selbst nicht mehr zuhören, wenn ich von meinem Leben erzähle. Man fragt mich halt, oder man fragt nicht, ich gebe auch ungefragt Antwort, erhalte Bestätigung, aber die meiste Zeit werde ich angeschaut, als käme ich aus dem Urlaub in einem weit entfernten Sonnensystem und hätte seltsame Bräuche und Sitten mitgebracht. Das liegt vielleicht auch daran, dass mein näheres Umfeld fast ausschließlich aus Pärchen besteht, die verständlicherweise lieber gar nienicht damit konfrontiert werden wollen, was da mit mir passiert ist.

Heldentage

Alles neu - So sieht es auch gerade in Mme Contraires Wohnzimmer aus

Alles neu – So schaut’s in Mme Contraires Wohnzimmer aus

Um so schöner, wenn man sich irgendwo aufhält, wo man sich auf seltsam-vertraute Weise verstanden fühlt. Seit wie vielen Jahren ich Flix nun lese, weiß ich gar nicht mehr. Es begann mit seinen Seitenwechsel-Comics bei SpOn (vom Studenten zum Zeichendozenten), bis ich seine Homepage entdeckte. Fast jeden Tag gab (und gibt es noch) einen neuen Comic, die Heldentage 2.13, in denen er über Erlebtes und Gemachtes reflektiert. Dabei gefällt mir sehr, wie viel Gedanke und Emotion in diesen Bildchen stecken. Manchmal muss man unheimlich grinsen, wenn man sich ertappt dabei fühlt, schrecklich Profanes und Albernes vollstens nachempfinden zu können, was man sich selber vielleicht gar nicht eingestehen mag. Oder man kriegt Gänsehaut, die einer (selbst hineininterpretierten?) Tiefgründigkeit geschuldet ist. Ich kam kürzlich mal wieder an die ersten Heldentage, in denen Flix seine Trennung verarbeitet, und dachte mir: Ja, genau so fühle ich mich gerade. Vielleicht bin ich doch kein Alien und es gibt noch mehr von meiner Sorte… Ich wünsche viel Spaß beim Durchklicken, um zwischen Lobgesängen auf Nutella und Kaffee dann und wann in den Spiegel zu schauen!

Schöne Töchter

Mitten ins Herz

Nicht nur seine Heldentage machen Flix lesenswert. Ich warte immer in regelrecht freudiger Erwartung darauf, dass es einen neuen „Schöne Töchter„-Comic gibt. Sie handeln durchweg von, tja, schönen Töchtern eben, Mädchen, Frauen und ihrer Gefühlswelt. Oder was sie in der Gefühlswelt anderer verursachen. Wtf?? Wie kann ein Kerl sich bitteschön in die weibliche Psyche hineinversetzen? Das kann ja nur lächerlich werden! Ganz falsch. Das Gefühl beim Lesen stimmt einfach, zusätzliches Highlight ist die oftmals geniale Anordnung, Ausrichtung – Komposition. Ich erkläre mir die vielen vor allem weiblichen Fans anhand eigener Erfahrungen: Ich muss jeden Tag stark sein und kämpfen. Das muss jeder. Meine Interessen vertreten und tough sein, mich nicht in die Schublade „blödes Weibchen“ stecken lassen, und vor allem will ich eines: ernst genommen werden. Wenn ich dann vor dem Bildschirm sitze und Flix‘ Hommage an die Weiblichkeit lese, die uns zu jeder Zeit in einem positiven Licht erscheinen lassen, erlaube ich mir, Stärke und Schutzpanzer an der Garderobe abzugeben und einfach Mädchen zu sein: *seufz*. Die Folge 19 ist mein persönlicher Favorit, er traf mich mitten ins Herz.

Don Quijote

DQ CoverUnd wenn man das noch toppen will: Flix hat sich nach seiner Adaption von Goethes Faust, in der er den Titelhelden seinem Gretchen mit Migrationshintergrund im heutigen Berlin begegnen lässt, Cervantes‘ Don Quijote vorgenommen und – meiner Meinung nach – meisterhaft verarbeitet. Dabei fiel selbst mir (normalerweise Nicht-Comicleser) eine veränderte Strichführung verglichen mit vorhergehenden Werken auf. Es fühlte sich insgesamt ernster an beim Lesen, das Gesamtbild ist in Teilen sicherlich noch komisch, aber auch düster, schwer – bedeutsam. Seine Interpretation des Ritters von der Traurigen Gestalt ging mir unheimlich nah, vor allem die letzten Seiten des Buches waren ein unglaublich intensives – ein durchaus bekanntes Erlebnis. Auf seiner Homepage kann man sich auch durch die einzelnen Folgen klicken, die er vor Erscheinen des Buches seinen Lesern vorab täglich zur Verfügung stellte. Schön übrigens die Aufmachung in Anlehnung an diese abgenutzten, zerlesenen Reclam-Heftchen, die so manchem aus der Schulzeit in Erinnerung geblieben sein dürften.

Flix himself

Ich hatte letztes Jahr im September das Glück, einer Comiclesungen beizuwohnen. Auch das: ein tolles Erlebnis, ich kanns echt nur empfehlen. Anschließend wurde signiert, und so durfte ich ein paar persönliche Worte mit Flix wechseln, was meinen positiven Eindruck, den ich aus seinen Werken meinte herauslesen zu können, zusätzlich verstärkte.  Ob ich viel Intelligentes von mir gegeben habe, bezweifle ich, mir ging immer nur im Kopf rum: „Das isser! Das is der Flix! Den du nahezu jeden Tag liest! Don Quijote … ! Das isser! …“ Und dann steht da ein ganz normaler, einfach sympathischer Mensch vor dir, unterhält sich locker und zeichnet dir was in dein Buch, das du die ganze Zeit über an dich geklammert hast … Es war ein echt schöner Abend.

Ich könnte noch ewig so weiter lobhudeln. Gerne hätte ich auch noch die Reihe „Da war mal was“ erwähnt, persönliche Geschichten und Erlebnisse unterschiedlichster Menschen zum Thema Mauer, die einem immer wieder Gänsehaut auflegen. Aber es soll nun wirklich genug sein. Ich wollte euch einfach teilhaben lassen an ein paar schönen Dingen, die mir Freude machen und mich zum lächeln bringen. Die Bücher eignen sich übrigens hervorragend als Geschenk – ich habe mittlerweile mehr davon weitergegeben als selbst im Schrank daheim stehen, einfach weil man damit immer noch ein extra Lächeln mitverschenkt. Dankesehr, Flix!

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Premieren, Pannen, Pustekuchen Vol. III – It’s not hard to grow …

Und wieder zogen sieben Wochen ins Land. Richtige Normalität ist bislang noch nicht eingekehrt, noch immer sieht’s bei mir zu Hause nach Baustelle und Halbfertig aus. Aber ich habe die anfangs ins Auge gefasste Zeitspanne, um alles fertig zu bekommen, einfach auf unbestimmte Zeit verlängert. Bringt ja nichts, mich unter Druck zu setzen, wenn es verzögernde Faktoren gibt, auf die ich keinen Einfluss habe.

Täglich gibt es Neuigkeiten vom Wäscheberg. Täglich schwanken die Tendenzen um 180°. Das geht mir ziemlich oft auf die Nerven und sitzt sie ganz platt, aber am Ende, das weiß ich, wird alles gut. Muss ja. Zumindest steht’s so im Vertrag, und da ich grundsätzlich optimistisch bin, glaube ich auch daran. Vielleicht stehe ich nächste Woche schon wieder im Wohnzimmer und reiße alte Tapeten von den Wänden. Mein Lieblingssport zur Zeit, Aggressionsabbau.

Zwischenmenschliches. Das Sommerkleidchen – ich hatte es bewusst verdrängt und es gelang mir tatsächlich, die Fransengeschichte zu vergessen – tauchte aus seiner Versenkung auf und fragte sporadisch nach meinem Befinden. Ich war maximalbelustigt. Beim letzten Mal konfrontierte ich es mit dem Wissen um die neue Kundin, die es zwischenzeitlich erstanden hatte, und bei der es sich offensichtlich nicht so blöd anstellte. Der Kassenzettel wurde mir immerhin halboffiziell präsentiert. Ich bekundete daher meine aufrichtige Freude. Seither herrscht verschreckte Funkstille. Mir grad recht. Das Emotionsnavi lernt langsam. Der Sommer ist vorbei, und mir ist es nach einem warmen, kuschligen Pulli. Und Herbst und Winter sind lang … genug Zeit für weitere Premieren, Pannen… passt.

Ich habe die Waschfrau mal gefragt, wie weit ich mit meiner neugewonnen Freiheit und meinem neuentfesselten Ich gehen darf. Ich habe nämlich irgendwann richtig Angst bekommen, vor mir selbst, vor meiner großen Klappe und dem Reiz des Neuen. Angst vor was eigentlich? Dass irgendwann der Dämpfer kommt? Mme Contraire im Wunderland, und gerade als es anfängt Spaß zu machen, kommt plötzlich jemand und weckt mich auf? Und dann wache ich auf und all die bunten Blumen sind verwelkt und verwandeln sich in Schlangen? Selbstwert zu Selbstzweifel, Lebenslust zu Lebensfrust? Aber das muss nicht die logische Abfolge sein. Genießen, schauen, staunen, freuen. Egal was kommt, die Zukunft ist immer besser als die Vergangenheit – und gestaltbar. Ich weiß jetzt auch, warum ich vor einiger Zeit Panik hatte, dass ich meine Zukunft nicht mehr vor mir sah, und jetzt so entspannt bin, dass ich sie immer noch nicht vor mir sehe. Weil ich sie in der Hand habe. Das war mir nicht bewusst damals. Der oppressive Fremdbestimmer ist weg, und ich lerne, eigene Entscheidungen zu treffen. Und davor habe ich jetzt fast gar keine Angst mehr.

Ein wenig zu melancholisch, aber mir ist gerade danach, weil es irgendwie nach Lächeln, angenehmem Whatever und Kuscheln klingt:

(… when you know that you just don’t know)

Der degenerative Einfluss exzessiv-kompensatorischer Pflege feliner Heimtiere auf die menschliche Artikulation

oder: Duuziduuu! – Warum Katzenhaltung die Sprache versaut

Der Ausgangspunkt: Ich bin Single, ich habe Muttergefühle, ich kompensiere sie mit der Haltung zweier liebreizender Katzen. Jeden Morgen, wenn ich aus der Schlafzimmertür trete, wickeln sich zwei Fellknäule um meine nackten Beine, begleitet von einem gurrend-fordernden Miauen, ich möge meinen verschlafenen Hintern sofortigst in die Küche bewegen und den über Nacht unerträglich gewordenen Hunger meiner felinen Hausgenossen – a.k.a. ärmste Katzen auf der ganzen Welt, der Lautstärke nach zu urteilen – mit jeweils einer Schüssel bestem Katzenfutter stillen. Die Begrüßung meinerseits fällt noch humanoid, wenn auch im Tonfall etwas übersteigert aus: „Guten Morgen, die Damen!“ Geht noch. Dann aber folgt meist: „Naaaiiin, naaaiin!“, dies zur Abwehr weiterer Schmuseattacken, denn ein anderes natürliches Bedürfnis meinerseits zwingt mich, die Speisung der hungernden Kreaturen zunächst ignorierend, ins Badezimmer. Sobald ich dann bereit bin, die Aufgaben meines Standes als Katzenversorger wahrzunehmen, degeneriert meine Ausdrucksweise zunehmend mit steigendem Niedlichkeitsfaktor von Mademoiselle 1, die sich auf den Treppenstufen auf den Rücken gelegt hat, mit den Vorderpfoten strampelt und somit ihrer Forderung nach Futter psychisch Nachdruck verleiht. „Ooooh, bist du ein süüßes Katzi!“ entfährt es mir, dem Reflex sich in die Knie zu begeben und den entgegengestreckten Katzenbauch zu streicheln nachgebend. Katzi. Ernsthaft.

Teilweise erkläre ich mir diese sprachliche Degeneration mit der vermehrten Forderung an mein Bewegungszentrum, mich geschickt auf den Treppenstufen und über spontan vor meinen Füßen auftauchende Katzenrücken nach unten zu bewegen, ohne zu stolpern und auf der Nase zu landen. Katzen laufen eine Treppe grundsätzlich quer von oben nach unten, grundsätzlich immer exakt vor den Füßen ihres Halters. Ich wundere mich jeden Morgen, dass ich noch lebe. Heil unten angekommen ergibt sich folgende Situation: Drei Mal muss am Treppenpfosten, i.e. Kratzbaum, gekratzt werden. Ebenfalls grundsätzlich. Als Bestätigung, dass Mademoiselle 2 sich genau die richtige Stelle zum rituellen Krallenwetzen ausgesucht hat, wo sie am wenigsten Schaden anrichtet, entfleucht mir ein „Ja feiiin gemacht! Das is sooo feiiin!“ Fein? Fein.

Die nächste Etappe: beide Mademoiselles sprinten den Flur entlang in die Küche, und da jede die erste am noch leeren Futternapf sein will, stolpern sie übereinander, was mein Katzenmutterauge als wild und gefährlich einstuft, sich gleichzeitig aber über so viel Elan und offensichtlicher Gesundheit freut. Die nächste Stufe sprachlicher Degeneration ist erreicht: „Ja Mausis! Seid ihr sooo hungrig? Laaangsam, Mausis! Jaa, die Mama kommt doch!“ Neben der inkorrekten Gattungsbezeichnung meiner beiden Hauskatzen als „Mausis“, was einer gewissen Ironie bezüglich des Beuterasters von Felis silvestris catus nicht entbehrt, kann man hier auch einen degenerativen Faktor bei der Artikulation dieser Sätze ausmachen: Eine deutliche Erhöhung der Stimmlage kann beobachtet werden, zugleich werden alle stimmhaften bilabialen Plosive spontan stimmlos gesprochen, Hintergaumenlaute, also stimmlose velare Frikative, verwandeln sich zu Vordergaumenlauten, stimmlosen palatalen Frikativen.  Ein Hörbeispiel einer berühmten Filmszene, die dieses sprachliche Phänomen thematisiert, soll der Verdeutlichung dieser Beschreibung dienen.

Vermehrte Konzentration ist nun gefordert, als ich die beiden glänzenden Katzenschüsseln vom Boden auf die Küchenarbeitsplatte befördere. Mein Schmerzzentrum meldet scharfe Krallen an meinem Bein, während mein Zeigefinger schon gewohnheitsmäßig in die Höhe schnellt, um Mademoiselle 2 warnend das Ansinnen zu unterbinden, den Schüsseln mit einem Sprung auf die Arbeitsplatte zu folgen. Begleitet werden diese Aktionen von einem „Ah, ah, ah!“, dem bereits bekannten „Naaaiiin“ sowie einem nicht der natürlichen Satzfolge entsprechenden „Bleibssu schön unten, ja?“ Mein Kopf ist derweil schon mit der Wahl des heutigen Katzenfrühstücks beschäftigt. Ich greife zwei Dosen aus dem Schrank über mir, halte sie vor die beiden riesig erscheinenden Katzenaugenpaare und frage: „Heute Fisch? Oder lieber Hühnchen?“ Dieses Mal ist nichts an der Artikulation, sehr wohl aber am Sinn dieses Fragesatzes auszusetzen. Denn es ist meinen Mademoiselles a) völlig egal, was sie gleich in sich hineinschlingen werden, Hauptsache es ist viel und vom Feinsten, und b) kann ich doch nicht ernsthaft eine entscheidungsfördernde Antwort erwarten. Das zweistimmig entgegnete „Maaauuuugrrrchchch“ klingt weder nach Fisch noch nach Hühnchen, sondern nach „Mach sofort die verdammte Dose auf!“ während sich im selben Moment der Druck spitzer Krallen in meiner Ferse verstärkt. Befehlsgewohnt reiße ich die Dose also auf, löffle gehetzt entsprechende Portionen in die beiden Schüsseln, tänzele dabei ballerinenhaft von einem Bein aufs andere, um weiteren Katzenkrallenschmarren auf meiner geschundenen Haut zu entgehen, während ich gleichzeitig mit der Gabel drohe, damit Mademoiselle nicht doch noch zum Sprung ansetzt.

Begleitet von Miauen und Gekecker stelle ich die beiden gut gefüllten Schüsseln auf den Essplatz meiner beiden verwöhnten Damen, mein Hirn hat erst einmal Pause, während sich Mademoiselles mit schlingendem und schmatzendem Geräusch über das Frühstück hermachen. Weitere Beispiele des degenerativen Einflusses auf mein Sprachzentrum lassen sich beim nach der Nahrungsaufnahme eingeforderten Kuschelbedürfnisses und dessen Erfüllung meinerseits beobachten. Völlig sinnfreie Reimpaare wie „Tatzi-Katzi“, „Katzi-Schatzi“ bis hin zu „Katzi-Watzi-Schmatzi“ untermalen sowohl die Peinlichkeit als auch die emotionale Komponente dieser Situation, wenn ich auf dem Boden sitzend abwechselnd Mademoiselle 1 und 2 durchknuddeln muss und zum Dank dafür weiter mit Krallenbewegungen traktiert werde, die laut Ratgeber absolutes Wohlbefinden meiner Pfleglinge ausdrückt. Na dann.  Ich versuche diese Momente trotz latentem Schmerz und vielen, vielen Katzenhaaren auf mir so lange zu genießen wie irgend möglich. Denn im Anschluss folgt eine weitere, dem Katzenbesitzer im allgemeinen nicht sehr liebsamen Aufgabe.

Die regelmäßige Instandhaltung des Katzenklos ist essentiell wichtig. Wichtig vor allem deshalb, will man nicht im ganzen Haus auf Katzenexkrement stoßen, das die an sich sehr reinliche Hauskatze als eindeutiges Indiz hinterlässt, dass ihr angestammter Platz zur Blasen- und Darmentleerung nicht der ihr eigenen Ästhetik entspricht. Im Klartext und als goldene Regel: Wenns im Sandkästchen stinkt, kackt die Katz‘ woanders hin. Deshalb empfiehlt es sich, das Sandkästchen zwei Mal täglich von Exkrementen und verklumptem Streu zu befreien. Die sprachliche Degeneration erfolgt dieses Mal auf Ausdrucksebene in Form einer Verschiebung hin zur Fäkalsprache, der Situation durchaus angepasst: „Oh lieber Gott, überall Scheiße! Ihr verkackten Drecks … Mausiis!“ Handschuhe, Nasenklammer und Raumspray helfen dabei im Übrigen, die nötige Contenance zu wahren, will man solche Äußerungen vermeiden.

Zum Abschluss meiner Ausführungen möchte ich noch eine letzte Degenerationsform der menschlichen Sprache beschreiben, den Rückfall in prähistorisch anmutende Artikulation. Bevorzugt erfolgt diese Art der sprachlichen Äußerung infolge stressinduzierender Reize. Meist bewegt sich die Katze dabei auf verbotenem Terrain, also auf der Tischplatte, im Bücherregal oder kratzend auf dem Perserteppich, wahlweise auch am Stoffbezug des teuren Lesesessels. Mehrere Faktoren führen hierbei zum Ausbruch urzeitlich inspirierter Laute. Zunächst das Entsetzen über eine mögliche Beschädigung teurer Möbelstücke, dann das Entsetzen über offensichtlich nicht greifenden Erziehungsmaßnahmen und letztlich das Entsetzen über sich selbst, dass einen sowas immer noch derart auf die Palme bringt. Vorzugsweise ereignen sich solche Situationen bei geöffneten Fenstern, sodass auch die Nachbarschaft in den Genuss barbarischer Lautäußerungen kommt, die nicht nur fremde Ohren, sondern auch den eigenen Hals reizen, weil mit einer solchen Heftigkeit artikuliert wird, dass alle beteiligten Komponenten des Sprachapparats über Gebühr beansprucht werden. Die Katze erschrickt meist aufgrund der Lautstärke und lässt von ihrem verbotenen Tun ab, verkriecht sich, und ihr Mensch bleibt verstört im nachhallenden Raum zurück. Verstört aufgrund des fremden Klangs der eigenen Stimme und ob der Heftigkeit der Reaktion. Manchmal klopft zu diesem Zeitpunkt auch schon ein besorgter Nachbar an Tür oder Fenster. Alles, was einem jetzt noch bleibt, ist, über sich selbst zu lachen und die Katze aus ihrem Versteck hinter dem Sofa zu locken, versöhnlich, mit einem Leckerli. Duuziduuu? Allesch guut, Schatzi-Katzi?

Ent¦scheidung¦s¦frei

Den Koffer nehm‘ ich mit. – Deine Entscheidung.
Ich lass‘ sonst alles hier. – Deine Entscheidung.
Eigentlich will ich dich nicht mehr sehen.– Deine Entscheidung.
Den Fernseher überlass‘ ich dir. – Deine Entscheidung.

Das da, das reparier‘ ich dir wieder. – Deine Entscheidung.
Das Geld, das geb‘ ich dir dann doch zurück. – Deine Entscheidung.
Die Steuer mach‘ ich lieber selbst. – Deine Entscheidung.
Kann ich das …? Ich häng‘ so an dem Stück. – Deine Entscheidung.

Ich brauch‘ unbedingt ein neues Auto! – Deine Entscheidung.
Ich bring‘ die Katze um! Dann hat sie’s gut! – Deine Entscheidung.
Ich werd‘ eine Weltreise machen mit deinem Geld. – Deine Entscheidung.
Ich … – nein, dazu fehlt mir eh der Mut. – Deine Entscheidung.

Dir Entscheidungsfreiheit zu gewähren – meine Entscheidung.
Früher immer, und auch jetzt.
Was ist? Bist du nun unzufrieden
Mit deiner Freiheit, die du so schätzt?

Meine Entscheidung. Meine.

Rückfall

„Thihihiii!“ Die Waschfrau sitzt vor mir auf dem Waschtischchen, lässt die Beine baumeln und amüsiert sich königlich. Ich habe keinen blassen Schimmer, was hier gerade vor sich geht. Ich hatte ihr vom Wäschebergbesuch erzählt, und dass ich mich manipuliert gefühlt habe danach. „Manipuliert!!“ prustet sie. Meine Hand krallt sich an meiner Tasche fest, ich fühle mich gerade leicht unentspannt. Jedenfalls berichte ich weiter, dass ich nicht weiß, wie ich mit dieser Sache umgehen soll, und dass es mich eben beschäftigt, inwieweit ich dem Wäscheberg jetzt emotional entgegen kommen soll.

„Sie haben Schuldgefühle“, flötet sie mir entgegen und hält sich den dicken Bauch. „Hab ich nicht. Woher denn?“ – „Doooch, Sie haben Schuldgefühle! Schuldgefühle! Nänänää!“ Wut steigt in mir auf, ich packe die Armlehnen des Sessels, in dem ich sitze, und halte mich mit Mühe auf der Sitzfläche. Ich könnte der grad so eine scheuern, wie sie da sitzt, mit baumelnden Beinen, Tränen lachend, und mir die Zunge rausstreckt! „Es gibt aber keinen Grund für Schuldgefühle!“ Ich werde lauter, zum ersten Mal, und leider muss ich lachen – ich kann einfach kein ernstes Gesicht machen. Und das ärgert mich um so mehr. Ich ärgere mich über mich selbst, dass ich überhaupt mit dem Thema angefangen habe. Mein inneres Kind stampft mit dem Fuß auf und verschränkt trotzig die Arme. „Warum sind Sie denn heute so eklig zu mir? Brauchen Sie Urlaub?“ Was ich denn überhaupt erwarte, lautet die Gegenfrage. „Was soll ich denn raten, wenn Sie in alte Verhaltensmuster zurückfallen und den entsorgten Wäscheberg wieder aus dem Container fischen? Den wollen Sie nicht mehr tragen! Und trotzdem bieten Sie ihm ’ne Wäsche an? Das ist inkonsequent!“

Da hat sie nun mal recht. Ich weiß das auch. Momentan fällt es mir nicht schwer, Grenzen zu setzen, auch mir selbst. Aber gerade bei dem Thema … ja, wahrscheinlich habe ich Schuldgefühle. Unbegründete, doofe, irrationale Schuldgefühle. Aber muss man das auf diese Art rüberbringen? Ich komm mir grad so verarscht vor! „Sie sollten meine Probleme ernst nehmen!“ schimpflache ich zurück. Heute spüre ich extrem, wie mir Argumente ausgehen und ich mich auf dünnem Eis bewege. Hier ist es nicht angebracht, Vorwände und Ausreden zu gebrauchen. Nirgends ist es so unangebracht wie hier. Obwohl ich das Auslachen und Triezen gerade auch für sehr unangebracht halte…

„Also was jetzt? Klare Grenzen setzen. Konsequenz zeigen. Durchhalten und nicht mehr zurückfallen. Keine Schuldgefühle zulassen. Sonst noch was?“ Ich muss unheimlich genervt klingen. Die Waschfrau hat sich endlich beruhigt und ist in der Lage, ohne dieses furchtbare Glucksen in der Stimme zu sprechen. Na endlich. „Nehmen Sie sich selbst nicht so ernst“, meint sie trocken.  „Verzeihen Sie sich den Rückfall und machen Sie weiter.“ Na danke. Zum ersten Mal bin ich froh, dass das Seminar bald ein Ende hat. Heute reichts mir, aber sowas von! Zum Schluss legt mir die Waschfrau noch mal die Hand auf den Arm und sieht mich treuherzig an: „Danke, dass Sie mich heute so herzlich zum Lachen gebracht haben.“ Mir platzt gleich der Kragen. Ich ringe um Contenance und presse hervor: „Gern .. geschehen …“ – „DAS glaube ich Ihnen jetzt nicht!“ kontert sie fröhlich. „War auch total gelogen“, keife ich zurück. „Situationen, mit denen ich nicht umgehen kann, begegne ich mit Sarkasmus. Müssten Sie doch mittlerweile wissen. Schönen Urlaub!“

Die Tür fliegt krachend ins Schloss. Zielstrebig und mit klackernden Absätzen steigt Madame C. die Treppenstufen hinab, immer noch echauffiert. Einfach weg von hier … Doch unten kommt ein kleines, stilles Mädchen an, in einem weißen Hemdchen und auf nackten Füßen. Tränen kullern.

Abtau’n, Girl!

„On nein!“ Prinzessin Contenance traute ihren Augen kaum.  Gerade als sie sich daran machen wollte, ihr Mittagessen einzunehmen, fiel ihr Blick auf die leicht geöffnete Tür des Gefrierschranks. Böses ahnend öffnete sie die Tür, und was ihr dahinter gewahr wurde, übertraf die schlimmsten Befürchtungen: Die Kühltruhe hatte sich über Nacht in ein Winterwonderland verwandelt. Dicke Eisklumpen hingen von den einzelnen Fächern, eine Schicht weißen Schnees überzog die Schubladen. Die Tiefkühlshrimps hatten sich bereits ein paar Fischstäbchen geschnappt und rodelten auf ihnen die verschneiten Eiswölbungen hinab. „Oh nein.“ Die Prinzessin ging in sich. Sie musste am Tag zuvor die Tür nicht richtig geschlossen haben, als sie den Tiefkühlspinat aus seinem Winterschlaf holte (und ihn mit Hingabe erwärmte, das sollte Erwähnung finden. Er war auch fast gar nicht angebrannt.). Und nun ließ sich die Tür nicht mehr schließen. Der Grund hierfür war schnell ausgemacht: Hinter den Schubfächern hatte sich eine fiese Eisschicht gebildet, und die nicht ganz eingeschobenen Fächer blockierten nun die Tür.

„Und gerade war Frau Mutter noch hier!“ jammerte Prinzessin Contenance, „die hätte mir sagen können, wie man die Kühltruhe richtig abtaut!“ Schon viel zu lange schob sie diese unliebsame Aufgabe vor sich her, bald würde es keinen Aufschub mehr geben dürfen. Sollte sie die Königin nicht noch einmal anrufen und um Hilfe bitten? Nein, das würde sie selbst schaffen. Irgendwie. Sie bewaffnete sich mit einer Käsereibe, die sich gerade in Reichweite befand, und traktierte die dicke Eisschicht mit ein paar kräftigen Stößen. Schon nach kurzer Zeit fiel ihr auf, dass die Wahl des Werkzeugs nicht optimal gewesen war und legte die verbogene Käsereibe zur Seite. Ein Pfannenwender leistete ihr weitaus besseren Dienst, als sie die Rückwand der Kühltruhe mit weiteren Schlägen und vollem Körpereinsatz bearbeitete, dass ihr die Eisbrocken nur so um die Ohren flogen. Die beiden verstörten Mademoiselles ergriffen vorsichtshalber die Flucht.

Und – so – schlug – und – schlug – sie- weiter – auf – das – Eis – ein, bis sie alle Hindernisse restlos beseitigt glaubte. Ihr Mittagessen war mittlerweile kalt, ihr selbst auch, übersät mit Eissplittern, genau so wie der Küchenboden. Wie groß war die Enttäuschung, als sich die Tür immer noch nicht schließen ließ! So viel Arbeit, so viel Mühe (und eine verbogene Käsereibe) – alles umsonst! Prinzessin Contenance schickte sich an, über all dies Unglück ein paar Tränen zu vergießen, als die Küchentür mit lautem Krachen aufflog und … Madame Contraire festen Schrittes hindurchmarschierte, zielstrebig auf den weit offenstehenden Gefrierschrank zusteuerte und mit einem beherzten Roundhouse kick die obere Schublade in die ihr ursprünglich zugedachte Position beförderte. Der Prinzessin entfuhr ein spitzer Schrei ob des verwegenen Handelns. Ungläubig verfolgte sie die Bewegung der Gefrierschranktür und gewahrte, dass sie sich tatsächlich schließen ließ. Sie öffnete die Tür erneut, wackelte an der eingetretenen Schublade und stellte fest, dass alles so war, wie es sich gehörte. Die Shrimps lagen wieder friedlich und brav in ihrer Packung neben den Fischstäbchen, als wäre nie etwas vorgefallen.

„Habt Dank!“ wollte sie ihrer Retterin hinterher rufen, doch Madame Contraire hatte sich schon den Weg zurück durch die Eissplitter gebahnt, ihren Mantel um die Schultern geworfen und ein Tiefkühlhuhn gesattelt. Sie stob hinaus ins Freie, ein kleines Lied auf den Lippen: „Abtau’n, Girl, du musst die Kühltruhe mal abtau’n, Girl …“ Die Prinzessin blieb konsterniert zurück und biss sich auf die Unterlippe.

Fallobst

Wenn ich jetzt bloß Worte fände, um zu beschreiben, wie es mir gerade geht … die letzten Tage und Wochen waren quietschbunt und glücklich. Was ich alles erlebt habe! Was so ein neues Leben und ein paar neue Klamotten bewirken können… Da gab es Begegnungen mit Menschen, die mich schon sehr lange begleiten, die ich aber ein wenig aus den Augen verloren hatte. Man kennts ja, es gibt Kleidungsstücke, die gammeln schon jahrelang im Schrank herum, weil man keine passende Gelegenheit hat, sie auszuführen. Man räumt sie von einem Eck ins andere, bringt es nicht übers Herz sie auszusortieren – sie waren mal teuer und sind doch eigentlich noch gut. Und plötzlich, wenn man mal komplett aufgeräumt hat, plötzlich passen sie so gut wie nie zuvor zu einem sich bietenden Anlass. Und man fragt sich: Haben die sich schon immer so wundervoll angefühlt? So prima gepasst? Mensch, warum hab ich das nicht früher mal ausgegraben! Alte Bekannte in neuem Licht, schöne Sache. Die Kombinationsmöglichkeiten sind überwältigend.

Klingt erst mal gut. Dinge mal mit anderen Augen sehen halte ich für sehr wertvoll. Im Zweifelsfall reifen daraus Erkenntnisse. Am Sonntag fiel mir eine solche Erkenntnis wie ein reifer Apfel in den Schoß, ganz unvermittelt, ich war mir nicht mal bewusst, dass ich unter einem Apfelbaum saß. „Huch, danke!“ rief ich aus. Was war das für ein Geschenk? Ich sah mich um: Da stehe ich, frei. Da ist meine Familie. Da sind auch fremde Menschen, die auf einmal so gar nicht mehr bedrohlich wirken. Die auf mich zugehen, und auf die ich zugehe. Freiwillig. Souverän. Und sonst ist da nichts. Nichts, was hinter mir steht. Nichts, was auf meinen Schultern lastet. Der Apfel, den ich in meinen Händen halte, kann nichts anderes sein als meine emotionale Unabhängigkeit. Und die Erkenntnis, dass ich genau das immer angestrebt habe. Genau da wollte ich hin. Ich bin am Ziel.

… Die Sache mit Fallobst ist leider auch die: Es hält sich nicht lange. Manchmal ist es schon ein bisschen angeditscht, und die Stelle beginnt dann schnell zu faulen. Es genügt also nicht, die Erkenntnis in Händen zu halten und sie in einer Obstschale abzulegen. Gestern nämlich hatte ich Besuch, der Wäscheberg lugte zum Fenster hinein und suchte das Gespräch. Es war okay, wirklich, aber hinterher fühlte ich mich … benutzt. Missbraucht. Manipuliert, wie sich etwas später herausstellte. Ich hab mich so über mich selbst geärgert! „Wieso denn jetzt das?“ frage ich mich, „ich hab doch hier meinen Apfel!“ – „Naja“, meint die Birne, die mir in diesem Moment auf selbige fällt: „Wie weit kommt man wohl mit fauligem Obst?“ Hm. Was mach ich jetzt mit dem runden Erkenntnisträger? Ich könnte ihn aufessen, seine Bedeutung verinnerlichen. Ich könnte Kompott draus machen, hält sich aber auch nicht ewig. Es muss noch einen anderen Weg geben, diese Erkenntnis haltbar zu machen, und Früchte tragend … Die Birne lächelt. Ich hole ein Schippchen und die Gartenhandschuhe.