Forever young

Als ich in den Spiegel sehe, traue ich meinen Augen kaum. Ich hab einen Pickel mitten auf der Nase. Über Nacht! Schlagartig fühle ich mich um zwei Jahrzehnte in meine Teenagerzeit zurückversetzt. Eine üble Zeit, in der Pickel höchstwahrscheinlich noch zu den harmloseren, eventuell irgendwann noch lösbaren Problemen gehörten. Vor meinem geistigen Auge ziehen sackartige T-Shirts vorbei, hysterisches Mädchengelächter und stumme dumme Jungengesichter, Musikfetzen aus einer ganz anderen Welt. Nee, denke ich, schön ist anders. Und trotzdem. Noch mal eine Jugend haben. Noch mal von vorn beginnen und – nun, ich beginne gerade wieder von vorn, aber ich bin nicht mehr 13. Noch nicht mal mehr 18 oder 20. Ein bisschen darf man seiner Jugend nachtrauern, denke ich, ob sie nun schön war oder vermeintlich schrecklich, erfüllt oder verloren.

Ich muss an meine Oma denken. Eine Frau, die mit beiden Beinen im Leben stand, drei Töchter zu wunderbaren Menschen erzogen hat, sich mit ihrer Schwiegermutter herumstritt, das Regiment im Haushalt führte (Opa war derjenige, der spülen musste) und jeder ihrer zahllosen Erkrankungen und Operationen mit einer seltenen Gelassenheit entgegenblickte. Sie war liebevoll, und sie war rational – das war ihr Erfolgsrezept. Eine tolle Frau. Über Opas frühen Tod kam sie nie hinweg, nachdem sie schon ein Kind beerdigen musste. Der Krebs witterte seine Chance und schlug zu – wie üblich hatte meine Oma eine Sonderform, die so manchen Mediziner ratlos machte. Aber auch den hat sie besiegt, ihr Lebenswille war ungebrochen. Warum ich wegen eines Pickels an meine Oma denken muss? Nach der Chemo fingen ihre Haare wieder an zu wachsen, und sie wurden dunkler und dunkler. „Oma, bald siehst du viel jünger aus als vor dem Krebs!“ – „Ja“, sagte meine liebevolle, rationale Oma wehmütig. „Wenn erst mal die Haare wieder dunkel sind, dann kommt Opa bestimmt bald zurück und wir fangen noch mal von vorn an.“
Das war der Tag, an dem ihr Geist begann, die Gegenwart zunehmend zu meiden.

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2 Gedanken zu “Forever young

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