Brennweitenregulierung

Mein Leben also, mein neues Leben, wäre nicht mein (momentanes) Leben, wenn es nicht wieder einen ganzen Strauß neuer Erfahrungen und Erkenntnisse gäbe. Was mir so zwischen Schlaf und Wach in den Sinn kommt, sollte hier wie üblich Erwähnung finden. Vor nicht allzu langem geisterte einmal wieder die Begriffe Selbstwert, Selbstachtung durch meinen Kopf. In letzter Zeit fragte ich mich wieder vermehrt, ob das alles wirklich in Ordnung ist, was ich so tue. Und mir blitzte folgender Gedanke, ich war gerade dabei, meine Küche zu schrubben, vor dem geistigen Auge auf:

Selbstachtung kann doch nun nicht deshalb verloren gehen, weil man Ablehnung erfährt. Erstere verliert man, wenn man sein eigenes Tun und Handeln nicht gutheißen kann – das meist einem bestimmten Bedürfnis oder einer Absicht entspringt. Letztere ist eine Reaktion von anderen, die man seltenst beeinflussen kann. Genau so wenig, wie man Gefühle machen kann. Gefühle sind einfach da. Oder eben nicht. Die lassen sich nämlich so wenig erklären wie machen wie beeinflussen wie verändern. Der Gefühl-Habende oder -Nichthabende ist der einzige, dem man zugestehen mag, sie zu empfinden. Oder nicht zu empfinden.

So. Während ich noch damit hadere, dass ich – nach Schrankausmisten und Entsorgen und Großreinemachen – in den hintersten Ecken eine kleine Schachtel entdeckt habe mit der Aufschrift „Meine Bedürfnisse“ in verschnörkelter Kinderschrift, und nun nicht weiß, ob ich einen Blick hinein riskieren soll, hämmert die Waschfrau schon wieder an meine Tür und ruft: „Tun Sie’s!“ Ich habe den Blick riskiert. Es wuselt lebhaft in der Schachtel. Es wuselt wunderbar und wild und weich und wahnsinnig.

Die Schachtel hat, außer einem leicht gelupften Deckel, ein Guckloch an der Seite. Das erinnert mich an diese Guckkästen, die man in der Schule immer mal wieder bastelt. Man schneidet vorne und hinten ein Loch in eine Schuhschachtel, hinten klebt man bunte Transparentfolie drauf, und darin, in dieser kleinen Kammer lässt man seine eigene Fantasiewelt erstehen. Ein Dschungel. Ein Theater. Wellen und Meer. Eine Wüste. Ein fremder Planet. Und obwohl man lange an dieser kleinen Spielzeugwelt gebastelt hat, ist der Moment, wenn man zum ersten Mal bei geschlossenem Deckel durch das Guckloch schaut, ein ganz besonderer. Meine kleine Welt, in ganz anderem Licht. Fremd und wunderlich, und trotzdem von mir ganz allein erschaffen. So geht’s mir gerade, als ich nicht mehr oben in die Schachtel schaue, sondern – Perspektivenwechsel – durch das winzige Guckloch. Ich erahne mehr, als dass ich sehe. Und da kommt die Erkenntnis, auf leisen Sohlen wie in buntes Transparentpapier gehüllt: Ich darf schauen. Ich darf auch verändern. Ich darf wiederherstellen und ich darf mich vor allem an meinem kleinen Werk erfreuen.

Und genau da packe ich an. Ich fokussiere meine Bedürfnisse, ja, das ist es! Darauf, was ich wirklich will. Nicht, was mir geboten wird. Und dabei nutze und genieße ich jeden Moment – das nenne ich Selbst¦achtung.

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Ein Gedanke zu “Brennweitenregulierung

  1. Ich gratuliere Dir von Herzen! Ich bewundere Deinen Mut und Deine Sicht der Dinge! Hört sich vielleicht etwas profan an……!
    Aber ich sitze in Deiner kleinen Schachtel und verneige mich und mache einen Knicks dazu! Herzlichst C.

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