Zwischenwelten

Ich schwebe. Nein, nicht vor Glück, Trunkenheit und so weiter. Ich befinde mich gerade irgendwo auf einer Zwischenebene, zwischen altem und neuem Leben. Von den Fußfesseln berfreit, hänge ich jetzt quasi an der Decke. Ich finde den Ausgang, den Aufstieg gerade nicht, weil noch so viele Dinge um mich herum schwirren und ich mich da erst mal durchkämpfen muss. Ein bisschen wie in einem Raumschiff mitten in der Schwerelosigkeit, jemand hat versehentlich (absichtlich?) die Kruschkiste ausgeleert, und jetzt schweben diverse Gegenstände um mich herum. Ich sammel sie ein, so gut es geht, tacker sie am Boden und an den Wänden fest. Manches wäre ich gerne los, Fenster öffnen und entsorgen ist aber momentan nicht.

Die Dinge nehmen ihren Lauf, klar, ich tu auch was dafür, dass sie geregelt werden und warte nicht ab, bis sie sich von selbst erledigen. Das hat mir immer schon missfallen, deshalb habe ich mich auch von solchen derart hemmenden Faktoren getrennt. Dann gibt es aber Dinge, die laufen so vor sich hin und wissen nicht so recht wohin eigentlich. Und sie laufen so, wie ich sie laufen lasse. Steuererklärung – kein Thema mehr. Krankenkasse, Banksachen, Versicherungen – gebt mir ein Telefon, und ich regel das. Mittlerweile habe ich nämlich sprechen gelernt, lebt sich übrigens viel leichter damit. Womit ich aber irgendwie immer noch nicht zurecht komme, sind Emotionen. Interpretieren derselben, erforschen der eigenen, immer wieder lande ich in einer Sackgasse und stelle fest: ich habs schon wieder verbockt. Beziehungsweise: Verflixt, wie komme ich da wieder raus und wo geht’s eigentlich lang? Ein Emotions-Navi wär mal nett, damit ich mich nicht immer wieder verfahre.

Es gibt keine Navis für diese Wegstrecke, die ich beschreite. Es gibt keine Karte, die mir ein Ziel anzeigt. Es gibt nur diesen Weg da vor mir, und ich entscheide, wann und wo ich abbiege. Und der Weg ist in mir. Also wäre es erst mal sinnvoll, mein Inneres zu erforschen, bevor ich mich auf Wanderschaft begebe, damit ich genau den Weg beschreite, den ich will, und nicht den, von dem ich glaube, dass irgendwer den gern beschritten haben will. Das nämlich ohne weitere Anhaltspunkte und Aussagen interpretieren zu wollen muss ja wohl auf ganzer Linie fehlschlagen. Im Kopf ist das angekommen, auf der inneren Landkarte noch nicht so ganz.  Es dringt immer noch zu viel von außen ein, gut gemeinte Ratschläge, unbedachte Äußerungen, all das, was mich mein Leben lang schon verunsichert und damit gelähmt hat.

Und da haben wir sie, die Leiter aus der Zwischenwelt rauf ins neue Leben. Liegt noch in einiger Ferne, hinter einem Nebel aus Krusch und Krimskrams. Nennt sich Selbstbestimmung.

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„Geh doch mal shoppen“, haben sie gesagt …

Höhen und Tiefen, that’s life. Aber die Tiefen fühlen sich nach so langer Zeit „oben“ noch viel tiefer an, als sie’s eigentlich sind. Von oben betrachtet sieht sowieso alles ganz anders aus – hach, und schon klingt mir Bette Midler im Ohr … Von unten halt nicht. Aber gut, nachdem die Woche so ziemlich mies gestartet ist, hab ich mich langsam wieder hochgearbeitet und stehe jetzt quasi auf Augenhöhe mit meiner Situation. Was hat sich getan?

Der Stinkeberg hat an mir gezerrt, mich genervt, mir das Wochenende ruiniert. Aber das kann ich ab. Ich sah uns schon im Mistgabelduell bis ums letzte kämpfen, aber so ganz konnte und wollte ich es nicht glauben. Schließlich gab er sein erbärmliches Stinken auf und versprüht jetzt Maiglöckchenparfum, als Wiedergutmachung sozusagen, wenn ich ihm entgegenkomme und dafür sorge, dass er aus dem Müllcontainer ausziehen und sich einen neuen Schrank suchen kann. Einmal noch annähern, und dann ein für alle Mal getrennte Wege gehen, so passt mir das.

Als Mädchen weiß man: ein aussortiertes Kleidungsstück rechtfertigt den Neukauf eines anderen, beliebigen Kleidungsstückes – Schuhe gehen übrigens immer. Und zur Seelenpflege gehört nun mal Shopping, wie mir nahestehende Personen quasi mit dem Holzhammer einbläuten, also verbrachte ich die letzten Wochen weniger auf der Suche als einfach mit Bummeln und schauen, was es denn so gibt. Man muss ja up to date bleiben, will man den Anschluss nicht verpassen. Da sprang es mich direkt an, ein hübsches ärmelloses Sommerkleidchen, zwar Second hand und mit Fransen dran, aber ich mag Fransen, damit hab ich keine Probleme. Es gefiel mir, das Muster war echt ok, es fühlte sich gut an. Natürlich hab ich darüber nachgedacht, ob ein Sommerkleidchen wirklich das richtige ist – wir haben definitiv Sommer, das passt. Muss ich mir also schon Gedanken machen, was im Herbst, Winter damit passiert? Und die Fransen, echt, es hat mich begeistert. Aber was soll ich sagen, es hat sich zunächst einmal dreist in meinen Einkaufskorb gemogelt und sich an meinen Arm geschmeichelt, konnte es nicht erwarten, bis ichs auf der nackten Haus spüren konnte. Und ich war nicht mal auf dem Weg in die Umkleidekabine, da bekam’s wohl Panik und flüchtete sich hinter einen Wäscheständer. Die Fransen hatten sich wohl verfangen. Und ich steh da und denk nur: WTF? Das gute Zureden hätte ich mir sparen können, die Leute im Laden haben schon geschaut und ich hab mich auch noch lächerlich gemacht mit meinen Erklärungen, ich wolle den Fransen doch nichts böses und ich verstünde ja, dass ein Second-hand-Stück Bindungsängste mit sich herumträgt. Dabei schielte es schon nach der nächsten Kundin, für wie blöd hält es mich eigentlich… Naja, viel Glück mit der Taktik, mir reicht’s erst mal mit Shoppen. Ein Stück Selbstwert hat mich das mal wieder gekostet, ich könnt mich in den Allerwertesten beißen! Das krieg ich wohl wieder hin, irgendwie. Besser so, als emotionale Blockaden vorschieben und kalte Füße haben – und das mitten im Sommer …

Fuck it, du hättest Damien verdient, statt desssen gibt es Bette Midler, wie oben schon angedroht:

Be pineapple!

Es ist hart, so hart zu sein, wie es die momentane Situation erfordert. Eben noch verzweifelt vor einem Riesenberg Wäsche, dann plötzlich befreit und erleichtert, aber mit allen Konsequenzen.  Die aussortierten Teile haben zwar begriffen, warum sie aussortiert wurden und dass es kein Zurück mehr in meinen Kleiderschrank gibt (in dem davon abgesehen sowieso kein Platz ist, bevor ich nicht den nächstgrößeren Schrank bezogen habe). Aber sie quäken noch und stinken ganz fürchterlich. Je länger sie verharren, desto schlimmer wird es. Sie müssten mal raus an die frische Luft – ist ja nicht so, dass sie unbrauchbar wären, sie passen mir nur einfach nicht mehr. Ich mag sie nicht mehr haben.

Und jetzt stellen sie auch noch Ansprüche. Entschädigung ob des verlorenen Platzes im Kleiderschrank. Völlig überzogen, meint die Waschfrau. „Bleiben Sie hart! Sie haben so gut gearbeitet“, ermutigt sie mich. Die nächsten Schritte stehen schon fest, erst mal zurück und aufräumen, putzen, alles wieder herrichten, was in der letzten Zeit verfallen und vergammelt ist. Herzpflege betreiben, Zukunft erfühlen, Freiheit genießen. Und eben viel arbeiten. Gestern, als Worte nicht mehr halfen,  habe ich die letztens beschriebenen härteren Bandagen rausgekramt und den aussortierten Stinkeberg mal sanft angestupst, damit er sich mal bewegt. Am besten weit weg. Sollte das nicht helfen, müsste ich mal mit der Mistgabel ran, aber auch da hab ich einen erfahrenen Mistgabelfachmann an der Seite, der weiß, wie sie effektiv zu führen ist. Am Blutvergießen liegt mir nichts, das befleckt nur die eigene Seele. Aber ich lass mir auch nicht mehr das Herz aus dem Leib und die restlichen Klamotten, die mir geblieben sind, vollends runter reißen. Irgendwo gibt’s Grenzen der Gutmütigkeit. Peinlich vor allem, wenn man im Nachhinein hört, dass der Klamottengestank anderen schon unangenehm aufgefallen ist. Hat sich bloß keiner getraut mal was zu sagen.

Dazwischen immer wieder mal Lichtblicke. Heute Abend gilt’s, mal wieder Mädchen zu sein und vor allem kulinarisch die schönen Seiten des Lebens zu genießen. Es lebe die Ananas!

Was zu erwarten war

Gewusst hab ich das schon. War mir klar, wirklich. Aber die Erleichterung über meine Entscheidung hat zunächst mal ein bisschen Puderzucker über all das gestreut, was sich mir jetzt offenbart und womit ich fertig werden muss. Also da ist dieser entsorgte Wäschestapel. Dass er jetzt in der Mülltonne liegt und vor sich hinstinkt, ist klar. Dass mich sein Gestank belästigen würde, wo immer ich auch hingehe, ist nachvollziehbar. Aber dass er SO erbärmlich stinkt – daran muss ich mich noch gewöhnen.

Unfassbar zunächst, dass mein Umfeld den Gestank wohl schon viel früher wahrgenommen hat. War ich denn blind und taub? Oder wie nennt sich das olfaktorische Pendant – hab ich meiner Nase wirklich nur noch so wenig trauen können? Die Antwort muss unbedingt ja lauten. Hatte ich anfangs noch Mitleid mit dem Häufchen Elend, das da herzerweichende Signale aus der Mülltonne sandte, so nervt mich jetzt die Tatsache, dass ich das Bündel zwar niemals wieder hervorgeholt hätte, aber dennoch ständig am Müllcontainer vorbeigelatscht bin und mir meine tägliche Portion Schuldgefühle abgeholt habe – die unberechtigt sind, sagt die Waschfrau. Das ist meine Sollbruchstelle, die muss ich jetzt mehr als alles andere schützen.

Was mach ich also? Krame in meinem verbleibenden Kleiderschrank, seh mich um, was draußen so rumliegt und lege die härteren Bandagen an, damit ich nicht kaputt gehe und damit mich der Gestank nicht ohnmächtig werden lässt. Solange sich die Müllabfuhr nicht erbarmt, hab ich noch ein wenig länger dagegen anzukämpfen. Gelegentliches Versprühen von veilchenblauem Raumduft mit leichter Zitronennote helfen es auszuhalten. Oder die Flucht weit weg vom Müllcontainer, was auf die Dauer aber auch keine Lösung, sondern nur Vermeidung ist.

Was aber um so wichtiger ist: Meinem Herzen muss ich Gutes tun, damit es gesund bleibt, und ich bemühe mich wirklich, dass es ihm gut geht. Nicht nur ich. Denn ich brauche es noch, mein restliches Leben lang. Und vielleicht braucht es irgendwann jemand anders genau so sehr wie ich und hilft mir, darauf aufzupassen.