Valentinsmiez

Monsieur Erdbeernase und ich hatten Gelegenheit unsere Beziehung in den letzten Wochen zu intensivieren. Mittlerweile schaut der junge Herr zu regelmäßigen Zeiten vorbei (pünktlich zum Mittag) und liegt meist schon auf der Lauer, sobald meine Haustür sich öffnet. Nachdem ich die alten Vorhänge im Wohnzimmer gegen neue, schicke und vor allem noch durchsichtigere Rollos ausgetauscht habe, bevorzugt er es zudem, das Fenster als Ein- und Ausgang zu benutzen. Da verstehen wir uns ohne Worte.

Der Charmeur mit dem Schokopunkt auf der Nase – er ist mittlerweile im Besitz einer eigenen Kuscheldecke, die seiner Fellfarbe schmeichelt und meine Couch vor versehentlichen Kratzern und langen weißen Katzenhaaren schützt – ist wieder zu Besuch. Heute ist er besonders anhänglich. Wir kuscheln und kuscheln, er gibt wohlige Laute von sich und ich bin ganz fasziniert: mit Vorliebe rollt er sich von einer Seite auf die andere, bleibt auf dem Rücken liegen und streckt seine Gummipfötchen von sich, immer abwechselnd. Zum Knutschen, wirklich. Mein Herz läuft über vor Zuneigung zu diesem Fellknäuel. Ich nehme sein Köpfchen in meine Hände, schaue ihm in die grünen Augen. Ich möchte sein rosa Erdbeernäschen küssen – nein, ganz so weit geht die Tierliebe bei mir nicht. Oder doch?

Gut, ich sehe ihm also in die Augen und da strömt es plötzlich aus mir heraus: „Ich hab dich sooo lieb, du Kleiner. Weißt du eigentlich, wie glücklich du mich machst?“ Boaaah nein! Wie in einem dieser wirklich schlechten Filme! Zwar hat das niemand gehört, aber irgendwie ist es mir jetzt doch peinlich. Liegt das am valentinskommerziellen-süßklebrigen Gesülze aus dem Radio? Monsieur hat anscheinend auch die Nase voll, rollt von der Decke und möchte nach draußen gelassen werden. Na prima.

Ich sinniere noch ein Weilchen über die Tatsache, dass ich gerade einer Katze – die nicht mal mir gehört – meine Zuneigung gestanden habe. Gibt es da etwas aufzuarbeiten? Beziehungsmuster zu überdenken? Mir Gedanken über gewisse tickende biologische Uhren zu machen, die den Wunsch in mir wecken, irgendwas Kleines, Niedliches im Arm zu halten, mit Fell oder ohne? Ist Monsieur wirklich das, was ich immer wollte? Ein kleiner, dicker, über und über behaarter Kindskopf, der mir überall hin nachläuft, offensichtlich klammert, bei mir pennt und kuschelt und anschließend gruß- und danklos wieder durchs Fenster verschwindet? Was kann ich von so einem schon erwarten ….

Tumult entsteht vor meinem Fenster. Erdbeernäschen tigert sehr nervös auf und ab, späht durch Rollo und Scheibe, seine Augen suchen mich. Den Grund für seine Aufregung habe ich schnell ausgemacht: er trägt eine dicke Maus zwischen seinen Fängen. Und die will er mir stolz überreichen. Hilfe. Das geht nun aber schnell. Ich muss mich erst sammeln, was  mache ich denn jetzt? Offensichtlich dauert es Monsieur zu lange, bis endlich das Fenster aufgeht, er verzieht sich in eine Ecke des verschneiten Gartens und verspeist seine Beute, ohne sie wie geplant mit mir zu teilen. Dem Himmel sei Dank. Dennoch weiß ich dieses Zeichen zu deuten und nehme mir vor, meinen Herzenskater nachher gebührend zu loben und mit einem Leckerli zu belohnen. Er hat es nämlich gewagt, es mir gleichzutun und die nächste Ebene unserer Beziehung zu beschreiten, indem er mir seine Zuneigung mittels einer gefrorenen Maus mit tiefen Bissspuren und bemerkenswert langem Schwanz offenbart. Und ich, die Leihkatzenmama, ich bin wahnsinnig stolz auf meinen kleinen verwegenen Jäger.

Ein denkwürdiger Valentinstag, möchte ich meinen.

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